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JV 164
Freitag, den 21. Juli 1893.
20. Jahrgang
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Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(69. Fortsetzung.)
Mißmuthig warf Paul Harmant den Brief seines angeblichm Vetters in's Feuer und fuhr dann mit seiner Arbeit fort, aber er konnte sich der düstersten Gedanken und Befürchtungen nicht erwehren und tiefe Runzeln durchfurchten seine Stirn.
Mary war heute nicht weniger früh auf gewesen al- ihr Vater.
Rasch hatte sie ihre Toilette beendet, verließ ihr Zimmer, klingelte dem Kammerdiener und sagte zu ihm:
„Sie erinnern sich des Herrn, welcher gestern mit einem Empfehlungsschreiben des Herrn Darier hier war ?“
„Ja, Fräulein."
„Ec wird heute gegen neun Uhr wiederkommen, um meinen Vater zu besuchen. Sie werden ihn zu mir führen in den kleinen Salon, dort werde ich ihn erwarten."
„Gut, Fräulein."
„Theilen Sie dies dem Portier mit."
„Sogleich, Fräulein."
Neun Uhr schlug er.
Mary begab sich in den Salon.
Noch eine halbe Stunde war es bis zum Eintreffen ihres Schützlings.
Das junge Mädchen schien sehr ungeduldig zu sein.
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Zwei Minuten verflossen mtb die Thür der Salons öffnete sich: Lucian trat ein und Theodor schloß die Thür hinter ihm.
Mary machte eine große Anstrengung, um Athem zu schöpfen, sowie um ihre Verwirrung zu verbergen und sagte dann mit unsicherer Stimme:
„Mein Vater ist zurückgekehrt, Herr Lucian, ich werde Sie ihm sogleich vorstellen."
„Sie haben bereits mit ihm über mich gesprochen, Fraulein?" frag Labrone.
„Nein) ich habe ihm noch nichts gesagt, aber ich habe mich vergewissert, ob die von Ihnen gewünschte Stelle noch nicht besetzt ist. Ich wollte nur in Ihrer Gegenwart weiter versuchen — jetzt ist der Augenblick gekommen, wo wir die Festung im Sturm nehmen müssen.
„Sie glauben nicht, Fräulein, wie sehr ich bewegt bin."
„Hegen Sie denn Furcht?
„Allerdings, ein wenig."
Weshalb?"
"Daß die Sache schief gehen möchte - bedenken Sie," Fräulein, daß er sich um meine Zukunft handelt."
Beruhigen Sie sich," antwortete Mary, „ich bin ein treuer Bundesgenosse, der für Alles einsteht."
Lucian verneigte sich.
„Kommen Sie!" sagte alsdann Fräulein Harmant, „kommen Sie und vertrauen Sie auf mich."
Damit reichte sie zu gleicher Zeit dem jungen Manne
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Juli.
• Der Reichstag soll, wie gewöhnlich, Mitte November wieder zusammen berufen werden.
* Die nächste Session des preußische« Landtages ist die erste der achtzehnten Legislaturperiode. Die Neuwahlen finden zum ersten Male nach fünfjährigem Zeitraum statt. Die ,Berl. Pol. Nachrck, die sich schon jetzt mit der neuen Session des Landtages beschäftigen, kommen zu dem Schluß: Es liegt in der Absicht, den Landtag nicht vor dem Januar einzuberufen, und ihm außer dem Etat nur dasjenige an gesetzgeberischen Vorlagen zu unterbreite», was in dieser ersten Session unbedingt erledigt werden muß. Die Neuwahlen dürften voraussichtlich im Monat November stattfinden. Die nähere Bestimmung der Termine für die Urwahlen und die Abgeordnetenwahlen selbst bleibt Vorbehalten, bis einerseits der Zeitpunkt der Berufung des Reichstages, andererseits der im Herbste bevorstehenden Synoden feststeht, weil es thunlich zu vermeiden sein wird, die Wahlen mit der Tagung dieser Körperschaften und wegen der dadurch bedingten Inanspruchnahme zahlreicher besonders einflußreicher Wähler zusammenfallen zu lassen. Daß die Neuwahlen zum ersten Male nach dem neuen Wahlgesetz statt- finden, darf als bekannt vorausgesetzt werden.
* In Berlin ist heute Vormittag der erste Choleraverdächtige auf Veranlassung der Polizei nach dem Moabiter Barackenlazareth überführt worden.
* Die für den 6. August in Frankfurt a. M. an- Öe Konferenz der Fiuauzurinister der deutschen esstaaten erfolgt auf Einladung des Reichskanzlers. SS sollen dabei verschiedene Fragen der Reichsfinanzpolitik erörtert werden, vor Allem die der Deckung der durch die HeereSreform erwachsenden Mehrausgaben.
* Der Kronprinz und die übrigen Kinder des Kaiserpaares find heute Vormittag mittels SonderzugS von Potsdam nach Wilhelmshöhe bei Kassel abgereist.
* Der elsässische Abgeordnete Gerber kritisirte im Reichstage die groben Auslassungen deS Polizeipräsidenten Feichter in Straßburg und die übrigen oft besprochenen Vorgänge daselbst sehr scharf, wie folgt:
Er bestreitet, daß in den Versammlungen der elsässischen Protestler die Regierung geschmäht worden sei. Er habe den Versammlungen oft selbst beigewohnt und auch Polizeibeamte seien zur Ueberwachung dagewesen und hätten doch nichts Bedenkliches darüber berichtet. In der Hitze des Wahlkampfes mag ja Manches passiren, aber nach dem Wahlkampf sollte doch ordentlichen ehrenwerthen Männern nicht in solcher Weise entgegengetreten werden. So etwas kommt ja höchste ns in Rußland vor. Die vier ehrenwerthen Männer treten vor die Oeffentlichkeit und denken, man wird doch auf ihre Mittheilungen Werth legen. Da wird der Spieß umgedreht und die Leute werden unter Anklage gestellt; sie werden dadurch mundtodt gemacht und als Schufte hingeftellt. (Sehr richtigI links.) Dazu kommt nun di« Unterdrückung des Vereins Fedelta und die Androhung, alle anderen ähnlichen Vereine ebenfalls zu unterdrücken. Das Letztere ist also das Wichtigste. Die Elsässer haben einen schönen Borrath von Schimpf-
Schiffe sollen bezüglich solcher Krankheiten überwacht werden. In Epidemiezeiten können alle Fahrzeuge vom Hafenarzt täglich revidirt werden. Bisher sind keinerlei verdächtige Erkrankungen gemeldet.
Ausland.
* Wie«, 19. Juli. Das Futter - Ausfuhrverbot erscheint morgen; es bezieht sich auf Heu, Stroh, Häcksel und Futterkräuter; ausgenommen sind bis zum 20. Juli aufgegebene Sendungen.
* Wien, 17. Juli. Der liberale Bezirksschulrath von Wien bewegt sich fortgesetzt in merkwürdigen Widersprüchen. Kaum ist jetzt die Frage deS stumme« Kreuzzeichens abgethan, und der Bezirksschulrath hat auf höhere Weisung hin selb?, verkündet, daß vor und nach dem Unterrichte in allen Schulen das Vaterunser und Ave Maria mit den Worten des Kreuzzeichens gebetet werden, so kommt der Bezirksschulrath schon wieder mit einer kuriosen Einschränkung; er verlangt nämlich, daß die Ueberwachung deS Schulgebetes von den Klassenlehrern, gleichviel welcher Konfession derselbe angehört, geschehen solle. @8 kann also, wenn ein Jude zufällig Klassenlehrer ist, was an Wiener Schulen leider sehr häufig ist, diesen christlichen Kindern die Gebete vorsagen und daS Kreuzzeichen vormachen! Ob sich eine Judenschule wohl umgekehrt von einem christlichen Lehrer die jüdischen Gebete vorsprechen ließe! ? Der liberale Bezirksschulrath würde auch in diesem Falle keinen Erlaß wagen. Aber gegenüber Christen ist eS anders; da hält der Bezirksschulrath alles für gestattet und können die Judenlehrer selbst in die religiösen Anliegen hineinsprechen. Nachdem der Beschluß deS Bezirksschulrathes übrigens im Widerspruch mit den bestehenden Gesetzes steht, so erwartet man baldige Remedur durch den Landesschulrath. Es bleibt aber, selbst wenn diese erfolgt, traurig, daß in Oesterreich solche Beschlüsse überhaupt gefaßt werden können und der Wiener Bezirksschulrath fortgesetzt die christlichen Gefühle verletzt.
* Der Konflikt zwischen Frankreich und Siam ist zunächst auf Grenzstreitigkeiten, in letzter Linie aber darauf zurückzuführen, daß die Republik schon lange ihr Ange auf den 7 Millionen Einwohner zählenden Despoten-Staat geworfen hat, dessen Besitz ihr hinterindisches Kolonialreich schön abrunden würde. Der Streit ist jetzt brennend geworden, da zwei Kanonenboote am 13. Juli die Einfahrt in dm Menarn erzwungen haben, an dessen Mündung die siamesische Hauptstadt Bangkok liegt. In Siam hat auch England bedeutende Handelsinteressen. Die Nachricht von dem plötzlichen Austauchen der Franzosen vor Bangkot hat daher in London wie eine Bombe eingeschlagen. Die Regierung ist in dieser Angelegenheit sofort im Unterhause interprllirt worden. Dieselbe erklärte jedoch erst nähere Mittheilungen französischerseits abwarten zu müssen. Eine den Pariser Blättern zugegangene offiziöse Note besagt nun, in Folge der Erklärung des Parlamentssekretärs Grey im englischen
Wörtern, aber so moderne Worte wie Schweineband e kennen wir nicht. So weit sind wir in der Germ an isirun g nicht vorgedrungen. (Große Heiterkeit.) Die Schmähungen gegen die Reichstagskandidaten haben uns nicht getroffen; wir fürchten aber, daß die Würde der Re gierung durch solche Beamte schlecht gewahrt wird. (Sehr richtig I links.) Dem aufgelösten Vereine ist gar kein Borwurf zu machen, denn ein Polizeibeamter hatte ausdrückich erklärt, daß der Verein sich mit den Wahlen beschäftigen könne, und nachher wird er wegen dieser Behandlung der Wahlen aufgelöst. (Präsident v. Levetzow bittet de« Redner nicht weiter auf die Vereinsangelegenheit einzugehen, sondern bei den Aeußerungen des Polizeipräsidenten zu bleiben.) Solche Vorkommnisse sind nur möglich, weil Elsaß- Lothringen immer noch unter Diktatur steht. Es wäre reichlich an der Zeit, diese Ausnahmegesetzgebung zu beseitigen; solche Auftritte würden sich dann nicht mehr ereignen.
Bei der Interpellation über diese Beschimpfung der elsässische« Katholiken erklärte im Reichstag die Regierung, sie lasse der Justiz freien Lauf. Dem ist aber nicht so. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen die vier Ankläger deS Polizeipräsidenten. Daß die Staatsanwaltschaft zugleich die Beleidigungsklage des Herrn Dr. Müller und Genossen gegen Feichter ausgenommen habe, ist nicht berichtet worden. Die Prozeßprivilegien der Staatsanwaltschaft kommen also dem ausfälligen Beamten zu Gute. Das fällt hier umsomehr in's Gewicht, als nun die stimmt- lichen 4 Zuhörer, die einzigen Ohrenzeugen, auf die Anklagebank kommen, während Herr Feichter in der Zeugenrolle bleibt. Also Wind und Sonne sind bei diesem Prozeß ungleich vertheilt. Das ist so klar, daß ein etwaiges Urtheil zu Gunsten Feichter's aus die Bevölkerung nicht den Eindruck machen würde, den die Regierung wünschen muß. UebrigenS würde das Gerichtsverfahren auch damit nicht zu Ende sein, sondern das dicke Ende des Skandals nachkommen.
* Vom Hunsrück, 18. Juli. Die Erklärung des Vertreters des Kriegsministeriums General-Lieutenants v. Funk im Reichstage, daß mit Rücksicht auf ben Nothstanb bie Verlegung bes diesjährigen Manövers von der Eifel nach dem Hochwald und Hunsrück in Aussicht genommen fei, hat nach der Mofella' unter der Bevölkerung große Aufregung hervorgebracht. Ist doch bie Noth bei unserer Landbevölkerung hier weit größer als in der Eifel. Um die Eifel zu schonen, verlegt man in eine ebenso oder noch ärmere Gegend das bereits festgesetzte Manöver. Es sind sofort Eingaben an das Kriegsministerium und an den Kaiser abgegangen, um unsere Gegend in diesem Jahre mit Einquartirung zu verschonen.
* Das Ecgebniß der Nachwahl in Neustetti« ist die mit großer Mehrheit erfolgte Wahl des Antisemiten Dr. Paul Förster, wenn auch abschließende Ziffern noch nicht vorliegen.
* Hamburg, 18. Juli. Der Senat bevollmächtigte den neuernannten Hafenarzt die ankommenden Seeschiffe, behuss Verhütung der Einschleppung ansteckender Krankheiten zu revidiren, speziell die ans verdächtigen Gegenden kommenden eingehendft im Auge zu behalten; auch länger int Hasen verbleibende
Anstatt sich an's Feuer zu setzen, trat sie an ein Fenster, wo sie stehen blieb und von wo aus sie den Hof sammt dem Gitter und der kleinen Thür neben demselben überblicken konnte.
Es schien ihr eine kleine Ewigkeit zu dauern, diese kleine halbe Stunde, bis der junge Mann kommen sollte.
Ob Mary sich auch dessen bewußt war, war in ihrem Geiste vorging und ob sie sich über die Gefühle klar war, welche in ihrem Herzen erwachten?
Wir können es nicht gerade bejahen, aber die Sorgfalt, mit welcher sie heute ihre Toilette gemacht hatte, berechtigt uns ebenso wenig dazu, es zu verneinen.
68.
Er schlug neun und ein halb Uhr.
Fast im nämlichen Augenblicke ertönte draußen am Gitter die Klingel und Mary, verborgen hinter den Fenstervorhängen, sah, wie sich die kleine Thür öffnete und Lucian den Hos betrat.
Em weiteres Zeichen meldete den Besucher, welcher alsdann auf den Eingang des Hotels zuschritt.
Der Kammerdiener Theodor harrte seiner auf der obersten Stufe, um ihn einzuführen.
Unwillkürlich fuhr Mary mit der Hand an'S Herz, wo sich, wie sie zu fühlen glaubte, in diesem Augenblicke alles Blut zusammendrängte.
Ein heftiger Hustenanfall erschütterte ihre Brust und nöthigte sie, sich niederzusetzen, denn der Athem drohte ihr auszugehen.