V 163
Donnerstag, den 20. Juli 1893.
20. Jahrgang
illdaerWZeitiiiig
6. August in
auf diejenigen sich nur die gestatten bür» solchen Steuer
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(68. Fortsetzung.)
Mary begab sich zu ihrem Platze am Ofen und versank in eige tiefe Träumerei.
Paul Harmant traf in der That, so wie er durch dar Telegramm mitgetheilt hatte, am Abende wieder ein.
Ma,y hatte sich zu Wagen nach dem Nordbahnhofe begeben, um ihn abzuholen.
„Aber wie geht er Dir denn, mein lieber Kind?" sagte dann Harmant, Ma y in seine Arme schließend. „ES däucht mir, als ob Dein Aussehen leidender sei, als im Augenblicke meiner Abreise."
„Du irrst, lieber Papa," antworte Ma,y in fröhlichem Tone. „Die Zeit Deiner Abwesenheit ist mir allerdings lang geworden, aber die Langeweile hat auf meinen Gesundheitszustand nicht nachtheilig eingewirkt. Ich fühle mich nicht leidend, im Gegentheile bt finde ich mich sehr wohl und aufgelegt."
Ein trockener Husten strafte freilich fast im nämlichen Augenblicke ihre Worte Lügen und vermehrte nur noch die Bcsorgniß de- Vaters um sein unglücklicher leidendes Kind.
Tiefer Schmerz erfaßte den Industriellen, als er l die traurige Veränderung sah, welche während seiner \ Abwesenheit mit seiner Tochter vorgegangen war. -
find überzeugt, die „Autoritäten" haben dies auch schon längst gethan. DaS „Ziel" ist ja noch nicht erreicht; die Durchführung der allgemeinen Dienstpflicht ist nur um eine starke Stufe weiter gerückt. Zunächst „muß" man nachfordern, was man Wohl oder Übel von der früheren Vorlage preisgegeben hat. Da man nun inzwischen entdeckte, daß noch immer 90 bis 100,000 „brauchbare" junge Leute die Kasernen nur von außen kennen lernen werden, so wird man fich bei der nächsten Vorlage nicht damit begnügen, die paar Tausend Mann nachzuforderu, die man sich hat abhandeln lassen, sondern man wird auch von den 90—100,000 einen starken Theil in Anspruch nehmen. Platz hat man für sie in den 173 Halbbataillonrn, die förmlich nach ihrer anderen Hälfte schreien, nöthigenfallS errichtet man weitere neue Bataillone. So um 1898 herum wird die neue Vorlage ans Licht treten. Es ist bk merkens werth, daß j tzt Niemand von der Regierung die Erklärung gefordert hat. diese Vorlage solle nun endlich die letzte sein. Früher that man das doch. Man wollte sich diesmal
Wir erinnern unS, daß der Elende, trotz seiner im Uebrigen schurkischen Gtsinnung ein wahres Baterherz besaß und seine Tochter abgöttisch liebte.
Zum ersten Male sah er jetzt, waS er sich bis dahin noch nicht hatte eingestehen wollen, daß nämlich die Krankheit seiner Tochter doch nicht so unbedenklich sei.
Eine unbeschreibliche Angst bemächtigte sich seiner.
Nach den ersten Begrüßungen fragte er dann Mai y, ob sich feit dem litzten Briefe, welchen er von ihr erhalten habe, etwas Besonderes zugetragen habe.
Maty gab ihm die gewünschte Auskunft, ohne ihm indeß von Lucian etwas zu sagen.
Dieses Stillschweigen beobachtete Maiy auS einem besonderen Grunde, den wir später kennen lernen werden. 67.
Nachdem Paul Harmant mit seiner Tochter in seinem Hotel angekommen war — eS war wenige Minuten vor dem Nachtmahl, begab er sich zunächst auf sein Zimmer, wo er sich umkleidete und ging dann in den Salon hinab, wo daS Mahl bereit stand.
Mary war sehr fröhlicher Laune.
Ihre munteren Scherze und ihre Fröhlichkeit stimmten auch bald Harmant wieder etwas fröhlicher.
„Hast Du mit Georg Darier gesprochen?" sing er.
Ja."
"WaS wollte er?"
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht eine kaiserliche KabinetSordre, worin der Kaiser dem Reicht kanzlet Graf v Caprivi seine Anerkennung und seinen Dank für den erfolgreichen Abschluß der Verhandlungen über die Armerreform cuSsprrcht. DaS fachmännische Bet« ständniß, der staatsmännische Blick und die hingedende Thätigkeit deS Reichskanzlers hätten die Reform ihrem befriedigenden Ende entgegengeführt.
* Mit einer Mehrheit von 16 Stimmen ist also die Militärvorlage endgiltig angenommen. Die Vergrößerung der Mehrheit um 6 Stimmen erklärt sich daher, daß die damals fehlenden Antisemiten Ahlwardt, Leuß und Liebermann von Sonnenberg anwesend waren und mit Ja stimmten, während vom Centrum noch die ; Abgg. CytronowSki, Frank-Ratibor und Wolr y fehlten, die bei der Abstimmung über den § 1 in der zweiten i Lesung mit Nein gestimmt hatten. Die Abgg. L-.tocho, s v. CzarlinSki und Hartmann-Württemberg (Bp ) hatten i schon Donnerstag ebenfalls gefehlt. Von den am Sonn- ? abend fehlenden 6 Abgeordneten waren also 4 schlesische Centrumsabgeorvnete. Ob Graf Caprivi mit dem - Ergebniß zufrieden war, darf man billig anzweifeln. = Es war doch mehr ein Glücksfall, als ein Sieg. Am Schluß der Sitzung sprach der Reichskanzler dem Reichstage den kaiserlichen Dank für seine patriotische Hingebung aus, was früher auch dann nicht geschehen ist, wenn der Reichstag mit viel größerer Mehrheit und viel geringerem Widerstreben eine Militärvorlage angenommen hatte. Die Kundgebung war erst während der Sitzung zwischen dem Kaiser und dem Reichskanzler beschlossen und festgestellt worden. Auch dar Erscheinen des Kaisers im Reichstagsgebäude während der Sitzung ist unseres Wissens ein Borkommniß, welches bisher nicht zu verzeichnen war. — Nachdem nun die Vorlage mit Ach und Krach in den Hafen bugsirt worden, ist es Zeit, an die nächste zu denken. Wir
wohl mit dem alten Scherz nicht lächerlich machen, denn man fühlte selbst, daß dies nicht daS Ende sei und eine beruhigende Erklärung auf Grund der bisherigen Erfahrungen keinen Glauben im Volke finden werde. Immerhin hoffen wir, daß die Geringfügigkeit der heutigen Mehrheit dem Eifer der „Autoritäten" Zügel anlegen werde. Die Knappheit und Noth, mit der man diesmal durchdrungen ist, mahnt doch zur Vorsicht, denn sie zeigt, daß die Kraft, Geduld und Gebelaune um deS Volkes erschöpft ist. War doch „voll und ganz" Niemand für die jetzige Vorlage. DaS nächste Mal mchteö auch eine ReichStagSarflösung nicht mehr helfen.
* Die seltsamsten Steuer - Projekte zur Deckung der durch die M litär - Vorlage verursachten Kosten tauchen auf und man darf sich in dieser Hinsicht für die Folge auf die unglaublichsten Entdeckungen gefaßt machen. So will ein Korrespondent der .Rheinisch- Westfälischen Zeitung' erfahren haben, daß an der für den neuen DeckungS-Plan voraussichtlich maßgebenden Stelle die Absicht bestehe, unter den neuen Luxus- Steuern auch eine ausgiebige Abgabe .....
Cigarren einzuführen, deren Genuß wohlhabenden und reichen Klassen fen. Wie viele Millionen man von einer
Deutsches Keich.
Berlin, 18. Juli.
wohl erwarten mag?
* Dem Vernehmen nach findet am _____...
Frankfurt a. M. eine Konferenz der Finanzminister der deutschen Bundesstaaten mit Dr. Miquel statt.
* Als event. Nachfolger des Staatssekretärs des Reichsschatzamts Frhrn. v. Maltzchn - Gültz, dessen Rücktritt allgemein als bevorstehend gilt, wird ber reichs- ländische Unterstaatssekretär v. Schraut genannt.
* Anläßlich ber großen Berliner Kunstausstellung hat der Kaiser mittelst Erlasses vom 5. b. MtS. die
große goldene Medaille für Kunst den Malern Prof. Peter Jarffen in Düsseldorf und Prof. Heim. Prell in Dresden, sowie dem Bildhauer M. AntocolSky in Paris verliehen.
* Der Deutsche Pferdeschutzverein verar staltet vom 2. bis 5. September in Berlin eine allgemeine Pferde- und Thierschutz-Ausstelluug. Anmeldungen werden bis zum 5. August angenommen.
* DaS Elend in den schlefifcheu Ceutrumspartei, welches durch bas Huenr'sche Vorgehen bei ber Militärvorlage unb bie dasselbe begleitenden Einflüsse herbeigeführt worden ist, wird durch nichts besser beleuchtet, als durch den Brief, in welchem ber Abg. Letocha feine ManbatLnikderlegung dem Vorsitzenden des Wahl- ausfchuffeS feiner Wahlkreise-, Pfarrer Schmidt in Kattowitz, mit:heilt. Herr Letocha schreibt:
„Bisher war ich ehrlich bestrebt, das von meinen Wählern in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen und den Anforderungen meiner Wähler mögligst gerecht zu werden. Daß mir dies auch gelungen ist und daß meine Wähler mit mir zufrieden waren, — beweißt die stete Vereinigung fast sämmtlicher Wahlstimmen auf meine Person. Auch bei den jetzigen Wahlen sind von den 26077 abgegebenen gültigen Stimmen 24340 auf mich entfallen.
Nach Durchsicht der Wahllisten habe ich mich aber davon überzeugen müssen, daß Tausende meiner Wähler auf einem
I anderen politischen Standpunkte stehen und nur als Freunde der Militärvorlage für mich in der Voraussetzung gestimmt haben, daß ich in ihrem Sinne für die Mllitärvorlage stimme. Tausende meiner Wähler sind wiederum Gegner der Militär- Vorlage. Diese verlangten von mir Verwerfung der Vorlage.
Von den Freunden der Vorlage werde ich bereits für den Fall meiner „negativen" Abstimmung der „Täuschung" be- zichtigt. Ein gleicher Borwurf und gleichzeitig der Vorwurf j des Berrathes an dem Centrum wird schon jetzt aus meinem Wahlkreise und von politischen Freunden für den Fall gemacht, wenn ich mit „ja" stimme. Außer stände, den Konflikt zu löse«, bin ich — allerdings sehr schweren Herzens — zu dem Entschlüsse gelangt, das Mandat, welches ich übrigens nicht gesucht, sondern nur auf dringendS Ersuchen der Vertrauensmänner der Centrumswähler angenommen habe, in die Hand meiner Wähler zurückzulegen. Ich habe die Mandatsniederlegung heute (13.
| Juli) dem Präsidium des Reichtages angezeigt."
Sehnliche Erwägungen, welche ben Abg. Letocha zur Nieberlegnng beS ManbatS veranlaßt haben, mögen bie Ursache gewesen sein, baß bie brei ober- schlesischen Abgeorbneten CytronowSky, Franke unb W o l n y, welche gegen § 1 stimmten, ber Haupt- abftimmung fern blieben.
* Dr. Karl PeterS hat, wie bie .Post' berichtet, in einem Privatkreise geäußert, baß er an bie Stator» bung Emin Pascha's nicht glaube. Emin Pascha genieße überall ein so großes Ansehen, baß Niemand cs wagen würbe, ihn zu überfallen. Daß er bnrch Krankheit bahingerafft fein könne, sei natürlich möglich, aber auch bas jetzt unwahrscheinlich. Nach einer letzthin auS Bagamoyo eingetroffenen Nachricht sei Smin Pascha übrigens bereits wohlbehalten am Kongo angelangt.
* Abg. Rickert, ber zur Zeit in seinem 60. Lebens- jähre steht, wirb sich in Kurzem zum zweiten Male I verheiraihen, unb zwar mit ber früheren Gattin des Historienmalers Professor Werner Schuch, einer Tochter von Lewin Schücking.
* Die Militär-Brieftaubenstation in Spandau errichtet auf ber Insel Helgoland eine Zweigstation.
* Vom Rhein wirb dem .Nass. Boten' geschrieben: Wenn bie jährlichen MilitärauSgaben von 309 Millionen Mark im Jahre 1872 nach unb nach auf 545 Millionen Mark erhöht werben; wenn man bie einmaligen Ausgaben fürs Militär in ben 21 Jahren im Betrage von 2171 Millionen Mark auf bie Schultern beS Volkes legt; wenn bie einzelnen Gemeinden bebeutenbe Zuschüsse zu ben Kosten ber Rekrutirung unb zu ber EirquartirungSlast leisten müssen; wenn bie einzelnen Familien, bereu Mitglieder beim Heere stehen, Hunderte von Mark Blutsteuer entrichten, —- so findet man daS im Ministerium ganz vortrefflich, ja man scheint in ben höheren Regionen biese Summen als Bagatelle cmzuseheu unb fordert frisch drauf loS jährlich 55 Millionen Mark mehr, dazu einmalig 64 Millionen, nicht gerechnet die 100 Millionen, bie bie weiter nothwenbig werdenden Kasernen verschlingen unb bie Summen, welche bie vermehrten „Pensionäre" verursachen. Unb bamit bet deutsche Michel in ben sauren Apfel beißt, wirb ber gewaltige Beamtenapparat in Bewegung gesetzt, Reisen werben unternommen, um bie Lehrer für bie Militärvorlage zu gewinnen unb bie«
„Ich werbe schon mit Dir über bie Veranlassung zu seinem Besuche sprechen, aber erst morgen.“
„Weshalb nicht jetzt?"
„Weil ich jetzt überhaupt nicht mit Dir von geschäftlichen Angelegenheiten sprechen möchte. Wirst Du morgen früh ausgehen?“
„Gewiß, nach breiwöchentlicher Abwesenheit brüngt es mich natürlich, nach ben Arbeiten zu sehen. Mein Architekt hat mir »geschrieben, baß Alles flott vorwärts geht und daß er hofft, nach einem Monate fertig zu fein. Immerhin aber muß ich selbst nachsehen gehen."
„Um wie viel Uhr willst Du hingehen?"
„Aber weshalb fragst Du mich dies, meine Theure?" „Ich muß eS wissen," antwortete Mary lachend. „Ich habe den Architekten aus Mittag am Bauplatze bestellt."
„Daun brauchst Du also vor elf Uhr nicht von hier fortzugehen."
„Du inst, ich habe noch viele Geschäfte abzumacheu, ehe ich nach Courbevoie gehe."
„Um wie viel Uhr wirst Du also frühstücken?"
„Ich werde in ber Stabt frühstücken."
„Aber nein, nein!" sagte Maiy gebieterisch. „Du wirst mich boch nicht gleich, nachdem Du kaum von einer langen Reise zurückgekehrt bist, allein frühstücken lvffen? Du kannst Deine Geschäfte bis morgen Nachmittag verschieben. Wir begeben uns um zehn Uh
or"/ ®°""' utt?> 5««rta9e ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltig« Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprech«»« Rabatt.
läh ch onnementspreis ohne Brmgerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig,
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