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Beilage zu Nr. 160 der „Fuldaer Zeitung".

Sonntag, den 16. Juli 1893.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(65. Fortsetzung.)

65.

Wahrend Johanna auf die Bäckerei in der rue Dauphinee zuschritt, dachte sie fortwährend bei fich:

„Luc e — so heißt sie, genau wie meine kleine Tochter! Ihr Name hat grausame Erinnerungen in meiner Seele wachgerufen, und ihr Blick hat in der That einen ganz sonderbaren Eindruck auf mich gemacht. Der Ton ihrer Stimme und ihr Auge haben mein Blut in Wallung gebracht- Meine Tochter muß eben so alt sein wie sie, wofern sie noch lebt, und eben so groß, eben so schön — und ich werde sie vielleicht nie Wiedersehen!"

„War mag aus ihr geworden sein, aus meiner Lucie?" dachte sie dann weiter. „Weiß ich überhaupt, ob sie noch am Leben ist? Welch' eine Marter! Und dann darf ich mich nicht einmal, ohne mich in Gefahr zu bringen, an diejenigen wenden, welche mir Auskunft geben könnten. Man würde fragen, wer sich erkundigt und in welchem Interesse eS geschieht. Man würde jedenfalls Verdacht gegen mich schöpfen und bald würde ich wieder hinter Schloß und Riegel sitzen, dann aber auf immer! Nein, ich darf mich nur auf mich selbst verlassen und muß Alles einem glücklichen Zufall über­lasten. Aber dieses junge Mädchen will ich besuchen, und ihm j den Tag sein Brod bringen. Dies wird mich dann wenigstens an mein Kind erinnern."

Unter diesem Selbstgespräche war Johanna bei ihrer Meisterin wieder angekommen, welche sie wegen ihrer Schnelligkeit höchlichst belobte und ihr sagte, daß sie, sofern sie in ihrem Eifer nicht nachlast en werde, sehr gern mit ihr einen längeren Vertrag schließen würde.

Am nächsten und an den folgenden Tagen stieg jedes Mal Johanna, anstatt ihr Brod bei der Portiers­frau am Quai Bourbon zu lassen, langsam die fünf Stockwerke hinauf, um Lucie selbst ihren Borrath zu bringen.

3mm »r mehr fühlte sich das junge Mädchen zu der schlichten, braven Frau hingezogen, welche mit so großem Muthe und so großen Ausdauer chrer beschwer­lichen Beschäftigung oblag.

Johanna beschloß täglich ihren Rundgang mit diesem Hause am Qrai de Bourbon, wie wir wissm, und sie fertigt die vorhergehenden Kunden stet« etwas schneller ab, um desto länger in der Nansarde verweilen zu können.

Sie besah Lacie bei der Arbeit, verschlang sie fast

mit den Augen und war so zufrieden und vergnügt, wenn sie mit ihr sprach.

Die arme Frau begnügte sich stets mit dieser stummen Betrachtung.

Sie wagte es nicht, Lucie bezüglich ihrer Vergangen­heit zu befragen.

UebrigenS sagte sie sich selbst, daß dies ihrerseits um so unbescheidener sein würde, als für sie dazu nicht die mindeste Veranlassung vorlag.

Freilich hieß das Mädchen Lucie, wie auch ibr eigenes Kind; aber eS gab der Ki der jedenfalls sehr viele, welche diesen Namen trugen.

Wie hätte sie auch nur ahnen können, daß dieses Mädchen in der That ihr eigener Kind sei?

Von Zeit zu Zeit sah Johanna Lucian bei seiner Braut — die Flüchtige von Clermout ahnte natürlich nicht im Entferntesten, daß der schöne junge Mann, dessen Name sie nicht kannte, der Sohn jenes Labrone sei, den sie ermordet haben sollte!

* * *

Der Zeitpunkt, wo der angebliche Paul Harmant nach Paris zurückkehren sollte, rückte näher.

Lucian harrte mit leicht begreiflicher Ungeduld des Augenblicks, wo er bei dem reichen Industriellen vor­sprechen sollte, von welchem vielleicht seine Zukunft ab­hängen sollte.

Man erwartete Harmant zum 8 weiten zurück.

Mary hatte zu Georg Darier gesagt:

„Veranlassen Sie Ihren Schützling, daß er am Dritten erscheint."

Am Ersten des Monats empfiig Lucian einen Brief von seinem Freunde, in welchem der Advokat ihn auf den folgenden Tag zum Mahl einlud.

Zu der angegebenen Stande fand Lucian fich ein. Sein erstes Wort, welches er sprach, war:

„Gibt's etwas Neues?"

„Ja, ich habe gestern wieder mit Fräulein Har­mant gesprochen."

„Entzieht Sie mir Ihren Schutz?"

„JmGegentheil, erscheint, daß zahlreiche und stark gestützte Bewerbungen um die Stelle, welche Du eben­falls gern haben möchtest, von allen Seiten eingelaufen sind. Aber Frl Mary hat mir abermals versprochen, sich Deiner Bitte anzunehmen und mein Empfehlungs­schreiben wird dar Weitere erwirken. Tu wirst also Dich gegen 10 Uhr Morgens im Hause in der Rue Murillo eiofi nden; dort bittest Du auf meine Empfeh­lung hin Fräul. Mary zu sprechen. Sie wird jeden­falls Weisung gegeben haben, Dich vorzulassen und wird Dich ihrem Vater vorstellen."

„Ich danke Dir herzlichst, mein lieber Georg. Du bist mein guter Genius!"

„Ich denke und hoffe, daß uns die Sache gelingen wird. Ich habe heute Morgen einen für Herrn Har­mant bestimmten Brief zurecht gemacht. Hier ist er."

„Ec ist ja offen."

„Ich habe dies mit Absicht gethan. Ich wünsche, daß Du ihn lesest, damit Du stehst, ob ich auch Alles geschrieben habe, was ich schreiben muß."

„Ich bin dessen ohnehin gewiß."

„Mag sein; Du magst ihn ja immerhin einmal lesen!"

Luc a r nahm also den Brief und laS ihn mit lauter Stimme vor:

„Mein lieber Herr Harmant!

Sie haben mir gegenüber zu wiederholten Malen geäußert, daß es Ihnen angenehm sein würde, eine Gelegenheit zu finden, sich mir gefällig zu erweisen.

„Diese Gelegenheit bietet sich jetzt dar und ich wende mich deshalb mit einer B tte an Sie!

„Dieser Brief wird Ihnen überreicht werden von einem meiner Schulfreunde, einem ehemaligen Schüler der Gewerbeschule, einem Mechaniker und tüchtigen Zeichner. Da indeß die Tüchtigkeit heutzutage sehr häufig nicht von dem materiellen Erfolg begleitet ist, so befindet sich mein Freund in Folge größerer Un­glücksfälle in der Familie zwar nicht gerade außer Brod, indeß in einer seiner Begabung und seiner Fähigkeit wenig würdigen Lage.

„Ich erbitte also von Ihnen für meinen Freund Lucian Labrone die Stelle als Direktor Ihrer Fabrik. Sre werden ihn in seiner Stellung schätzen lernen und Sie werden mir, deß bin ich sicher, Dank wissen, daß ich Sie auf ihn aufmerksam gemocht habe.

„Einstweilen empfangen Sie, lieber Herr Harmant, im Voraus den Ausdruck meiner größten Dankbarkeit und die Versicherung meiner größten Hochachtung.

Georg Darier."

Luc'an drückte, nachdem er den Brief gelesen, seinem Freunde herzlichst die Hand.

„Meinen bestmDank!" sagte er mit bewegter Stimme.

„Später magst Du mir Deinen Dank abstatten. Stecke den Brief in den Umschlag und begib Dich mit demselben morgen um 10 Uhr in die Rn; Murillo."

„Selbstverständlich werde ich pünktlich znrStelle sein." Damit verabschiedeten sich die beiden Freunde von einander.

* *

*

(Forts, felgt.)

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