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JV 159 Samstag, den 15. Juli 1893. 20. Jahrgang

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Deutsches Reich.

Berlin, 13. Juli.

* Der Reichstag hat heute nach einer mehr­tägigen Pause seine Plenarsitzungen wieder aufgenommen und zunächst über die beiden vorliegenden Interpella­tionen verhandelt. Die Interpellation Osann, welche an die Regierung die Anfrage stellt, ob nicht ange­sichts des bedauerlich« NothstandeS in Betreff von Futter- und Streumitteln in verschiedenen Gegenden Deutschlands von der geplanten Abhaltung von Manöver« in diesen Landestheilen für das gegenwärtige Jahr Abstand genommen werden könne, wurde von dem Interpellanten kurz damit begründet, daß eine Verschärfung des NothstandeS von der Ab­haltung der Manöver zu befürchten sei. Der Krieg-- Minister General von Kaltenborn-Stachau hob in Beantwortung der Interpellation zunächst hervor, daß es in erster Linie verfassungsmäßiges Recht deS Kaisers sei, über die Abhaltung von Manöver» zu be­finden, aber von dem Augenblick an, wo der Futter- und Streumangel hervorgetreten sei, sei die Heeres­verwaltung der Frage näher getreten, welche Maß­regeln es gäbe, um dem Uebelstande zu steuern. Der Kriegsminister führte dann die einzelnen Maßregeln auf, welche inzwischen Seitens der Militärverwaltung Angesichts der Futter- und Streunolh ergriffen worden find. Die Generalkommissionen seien zum Bericht auf­gefordert worden, ob Anlaß vorliege, die Manöver zu verschieben oder anderweit zu gestatten, aber die Be­richte hätten dahin gelautet, daß für eine derartige Maßregel die Zeit noch nicht gekommen sei (Hört! hört! links. Unruhe.), daß eS vielmehr möglich sei, durch entsprechende Maßregeln einer übermäßigen Be­lästigung der Bevölkerung vorzubeugen. Die Marsch- fourage solle nämlich von den Proviantämtern geliefert werden, ebenso das Streustcoh, das Rauhfutter und an Stelle der Qaartierverpflegung solle Magazinver­pflegung eingeführt »erben. Wo Wassermangel eintrete, solle durch mitgeführte Wasserwagen dem Wassermangel abgeholfen werden. (Große Heiterkeit.) Auf Antrag des Abg. Dr. B a ch e m trat das Haus in die B e s p r e ch u n g der Interpellation ein unter allseitiger Zustimmung des Hauses. Abg. Broekmann sprach sein Bedauern darüber aus, daß die Erklärung der KriegSministeS durchaus un­befriedigend für die vom Nothstand betroffenen LandeS- theile ausgefallen sei, während es der allgemeine Wunsch sei, daß die vom Nothstand betroffenen Landestheile von den Manöverlasten befreit bleiben. Abg. Dr. v. Frege (tons.) gab zunächst seiner Freude darüber Ausdruck, daß gerade die Nationalliberalen sich jetzt der Landwirthschast annehmen, daß Zeichen einer „neuen Aera". Die Manöverlast sei eine Ehrenlast für das Land, aber wenn die exc ptionellen Verhält­nisse noch länger andauern, so dürften doch die vom Kriegsminister angedeuteten Maßregeln nicht genügen. Generallieutenant Frhr. v. Funck erwähnte, daß die MilitärverMaltung auf den Nothstand alle mögliche

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(64. Fortfetzung.)

64.

Johanna bezahlte, was sie verzehrt hatte, und be­gab sich dann zu ihrer neuen Wohnung zurück.

„Fünf Stunden Arbeit . . ." dachte sie bei sich, während sie die Treppen emporstieg, welche zum höchsten Stockwerk emporführten. Drei Franken den Tag und mein Brod — den übrigen Theil des Tages bin ich frei, diese Stunden kann ich dann benutzen, um meinen Sohn zu suchen. Oh, wäre eS erst morgen!"

Obgleich die Flüchtige von Clermont von Besorg­nissen aller Art erfüllt war, so versank sie doch vor Müdigkeit in Schlaf, und sobald sie sich medergelegt hatte, schlief sie ein, und ein gesunder Schlaf gab ihr neue Kräfte.

Am folgenden Morgen erhob sie sich zu früher Stunde.

Punkt sieben und ein halb Uhr begab sie sich zu der Bäckerei in der tue Dauphinee.

Frau Lebret befand sich im Komptoir.

Der Bäckergeselle hatte sein Versprechen gehalten und als Johanna sagte, daß sie von dem Lyoneser ge­schickt sei, empfing die Meisterin, welche die Brod- trägerin fast mit derselben Sehnsucht erwartete, wie einst die Israeliten den Messias, Johanna mit der

Rücksicht nehmen und die Manöver so legen werde, daß kein neuer Nothstand entstehen werde. Abg. B u r g e r (Cntr.) richtete an die bayerische Militärverwaltung die dringende Bitte, die Manöver in den vom Noth- stande betroffenen Bezirken Unterfrankens ausfallen zu lassen. Die Hoffnung, daß sich die Verhältnisse in sechs Wochen bessern würden, sei ausgeschlossen. Abgeordneter Kroeber unterstützte die Forderung deS Vorredners. Der bayerische KciegSminister v. Asch erklärte, daß betreff Bayerns die Befehlshaber der Truppen zum Bericht ausgefordert worden, die Berichte aber noch nicht eingegangen seien. Jedenfalls werde in Bayern den Verhältnissen thunlichst Rechnung getragen werden. Abg. Dr. S ch ö n l a n I (Sz.) hielt die vom Kriegsminister angekündigten Maßnahmen für ungenügend. Sämmtliche Manöver müßten aufgehoben werden, überhaupt müsse man den ganzen Militarismus und alle LebenS- mittelzölle ausheben. An der weiteren Debatte be- theiligten sich noch die Abgeordneten Frank (natl.), Aichbichler, Joest und Schmidt, sowie der württembergische Kriegsminister Schott v. Schotten­stein, welcher die Abhaltung der Manöver in Würt­temberg noch unentschieden ließ, ferner die Abgg. Graf Limburg-Stirum und Grand-Ry, worauf die Besprechung der Interpellation geschlossen wurde. — Die Interpellation Bebel über dar Verhalten deS Polizeipräsidenten Feichter in Straßburg wurde auf Wunfch des Staatssekretärs v. Bötticher von der Tagesordnung abgesetzt und soll erst morgen zur Verhandlung gelangen. — Nachdem noch der Antrag Auer auf Einstellung des Strafverfahres gegen den Abg. Herbert (Stettin) angenommen war, trat dar Haus in die zweite Berathung der Militärvorlage. Zu 8 1 derselben gab Abg. Graf Hompesch NarnenS deS CentrumS eine Erklärung ab, welche wir an anderer Stelle des Blattes bringen. Reichskanzler Graf Caprivi erklärt, daß er sich über diese Er­klärung freue, aber bevor er sein Urthril rectificirr, die weitere faktische Entwickelung der Dinge abwarten wolle. Hierauf ergriff Abg. Dr. Lieber das Wort, dann Graf Caprivi zu einer kurzen Gegenbemerkung, hierauf die Abg. Beckh (freis. VolkSp.), Zimmermann (Antis.) welcher sich jetzt für die Vorlage erklärte und Graf Moltke, sodann wieder Dr. Lieber, worauf die Debatte über § 1 geschloffen wurde. U-ber § 1 fand eine namentliche Abstimmung statt. Für denselben stimmten 198 Abgeordnete, gegen denselben 187 Abge­ordnete. Der ß 1 ist somit angenommen.

* Die Erklärung der Ceutrumsfraktio» deS deutschen Reichstages, welche der Vorsitzende der Fraktion Herr Graf Hompesch heute in der Reichstagssitzung verlas, lautet wie folgt:

„Der Herr Reichskanzler hat in der Sitzung vom 8. d. M. sich der Rede des Abg. Gröber gegenüber geäußert:

Dasselbe (nämlich was der Abg. Gröber gesagt hat) haben wir oft genug gehört, auch von den Bänken der freisinnigen Volkspartei, von den Bänken der Sozialisten. Es sind eben demokratische Anschauungen, etwas, was mich nicht in Erstaunen setzt, seit wir in der Zwischenzeit

freundlichste» Miene von der Welt und rief ihr ent­gegen :

„Ah, Sie sind gewiß die Person, von welcher der Lyoneser mit mir und mit meinem Mann gesprochen hat?"

„Ja, Madame."

„Sie wollen also die Stelle haben?"

„Gewiß, ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wen» Sie mir Beschäftigung geben."

„Sie habe» so etwas noch nie gethau?"

„Nein, Madame, aber ich denke, daß der gute Wille das Fehlende bald ersetzen wird; übrigens werde ich mich bemühen, Sie durchaus zufrieden zu stell«."

„Ich hoffe eS."

„Sie geben mir also die Stelle?"

„Natürlich, wenigsten« versuchsweise. Wo wohne» Sie?"

„Rue de Seme Nt. 27. Ich bi» auS meiner Heimalh gekommen, wo ich drei Jahre gewesen bin."

„Sie sind verheirathrt?"

„Ich bin Wittwe."

„Gat. Ihr ehrliches Gesicht ist mir Bürgschaft genug. Sie heißm?"

„Lisa Perrin. . ." t .

„Schön, also Lisa. Morgen früh werden Sie t» Thätigkeit treten. Heute gehen Sie erst mit einer Magd zu den Kunde», deren Adresse ich Ihnen gebe, damit Sie diejenigen kennen lernen, welche auf Rechnung

mit Emphase haben verkünden hören, daß die demokratische Richtung im Centrum zunimmt und daß man in der Um­wandlung von einer konfefstonell-kiichlichen in eine poli­tisch-demokratische Partei begriffen ist.

„Gegen diese Aeußerung lege ich Namens und im Auftrage der Centrumsfraktion Verwahrung ein und habe in deren Auf­trag folgende Erklärung abzugeben.

„Die Centrumsfraktion ist niemals eine konfessionell-kirch­liche Partei gewesen. Wenn ihr dies in früheren Jahren fälsch­lich insinuirt wurde, hat sie jedes Mal Verwahrung dagegen eingelegt.

„Der Schutz der Rechte der katholischen Kirche, gleichwie der übrigen anerkannten Religionsgesellschaften ist und bleibt stets eine ihrer vornehmsten Aufgaben, aber nicht die einzige.

„Die Erhaltung des förderativen Charakters des Reich», der Schutz der bürgerlichen Freiheit aller Angehörigen desselben und die Förderung des moralischen und materiellen Wohles aller Volksklaffen sind, wie die Statuten ausweisen, nicht minder Auf­gaben, die sich unsere Fraktion von Anfang an gestellt hat.

„Wir betheiligen uns, nicht in gouvernementalem, sondern in wahrhaft konservativem Geiste, nämlich im Geiste der Achtung jeglichen Rechtes und Standes, im Geiste der Freiheit, wie der Treue und des Gehorsams gegen die Träger der Autorität nt Staat und Kirche, im Geiste des Aufbaues auf geschichtlich und rechtlich gegebenen Grundlagen, an allen auf Besserung der öffentlichen Zustände gerichteten Bestrebungen.

, Auf dem Boden dieser von dem seligen Mallinckrodt aus­gesprochenen Grundsätze hat das Centrum — wie die offen­kundigen Thatsachen bezeugen — immer gestanden, steht es heute und wird es — mit Gottes Hilfe — auch ferner stehen! t ~

„Ich muß demnach im Namen der Fraktion bte Beschuldi­gungen des Herrn Reichskanzlers als nicht zutreffend bezeichne»

* Eine schamlose Verhöhnung deK katholische» OrdenswesenS habe» sich, wie wir aus einem an­scheinend von beseitigter Seite stammenden Bericht des „unparteiischen" .Berliner Lokal-AnzeigerS' erseh«, die Mitglieder deS Verbandes der königlichen Kunst­schule gestattet. Wir gebe» de» Bericht der Hauptsache »ach in Folgendem wieder:

F. Ein buntfarbiger Festzug bewegte sich gestern (Sonn­abend) Nachmittag 3 Uhr von den Zelten Nr. 1 aus durch die Alleen des Thiergartens über Schöneberg nach dem an der Anhalter Bahn belegenen Vorort Südende. Es waren die Mit­glieder des Bervandes der königlichen Kunstschule mit ihre.- Damen (!), welche von hier aus in italienischen Kostümen sich per Kremser zu dem von ihnen in Südende veranstalteten „großen i italienischen Volksfest" begaben. Ein buntfarbiges Gemisch aller s italienischen Volkstrachten; aus der Mandoline minnegirrende (!) - Studenten, Amtmänner, Landbevölkerung. Fischer, Briganten, ' nach weltlicher Liebe lüsterne Mönche und fahrendes Volk, auf« 3 gelegt zu allerlei lustigen Streichen .... Den Beschluß machte i ein Leiterwagen mit allerlei fein kostümirten, fahrendem Volk, zu welchem sich auch ein Kapuzinermönch gesellt hatte, der mit listigem Augenblinzeln den italienischen Schönen eine gar minnig- liche Strafpredigt hielt, wofür ihm Seitens der mehr dem Weine huldigenden männlichen Fahrgenossen eine harte Buße aufcrlegt f wurde, als die kreisende Flasche mit goldigem Wein an den ! weltlichen Sohn der Kirche niemals inhaltsvoll herankam. Eine f harte Buße! Hoffentlich ist der Pater beim Feste selbst dafür ! reichlich entschädigt worden u. s. w. u f. w.

i Und solche Leute, so bemerkt die.Germania', dülfm | sich Mitglieder der königlichen Kunstschule nennen! Den i Gipset der Schaumlosigkeit bildet aber int vorliegend« : Falle die Keckheit, mit der man sich erdreistet, am helle» Tage auf offener Straße das katholische OcdenS- wesen zu verhöhne» und dadurch die Gefühle katholi­scher sowohl wie billigdenkender protestantischer Passant«

j nehmen und diejenigen, welche sogleich bezahlen. Mit ! ein wenig Verstand und gutem Willen, waS Sie, wie l ich glaube, besitzen, werden Sie sich rasch in daS Ge­schäft eingelebt haben."

„Um wie viel Uhr muß ich hier sem?

„Um sechs Uhr Morgens, für den Morgengang." „Ich werde pünktlich hier fein."

t „Obgleich wir einige Kunden haben, die sehr weit ! wohn«, können Sie doch so früh zurück sein, daß Sie > um neun Uhr abrechnen. Dann müssen Sie gegen fünf Uhr Nachmittags wiederkommen, denn wir haben hier

\ int Viertel verschiedene • Kunden, welche erst um diese Zeit ihre Sachen nöthig habm; indeß dauert dies nicht lange, anderthalb bis zwei Stunden ungefähr. . .

Tut"

"Sie bekommen drei Franken den Tag und zwei Pfund Brod; so viel zahlen wir gewöhnlich.

„Einverstanden, Madame."

„Sie kommen also gegen Mittag wieder zurück. Meine Magd wird mit Ihnen zu den Morgen- und s Abendkunden gehen."

„Ich werde Punkt zwölf hier sem.'

Hier," setzte dann Frau Lebret hinzu, indem sie in die Thekenschublade griff und zehn Franken heraus- - nahm, „hier ist Ihr Miethsheller."

; Die Flüchtige stammelte verlegen einige Worte deS ' Dankes, versprach abermals, alles aus's Beste besorg«