JV 157
Donnerstag, den 13. Juli 1893.
~ Faulem, vor ein und zwanzig Jahrm . . . In diesem Hospiz bin ich erzogen worden, habe dort arbeiten gelernt, nnb als ich sechszehn Jahre alt war, hat man mich bei einer Näherin in die Lehre gegeben, einer guten, wackeren Frau, welcher ich viel zn ver-
i danken habe. . . . Heiße Thränen habe ich geweint, als sie starb. Neunzehn Jahre war ich damals alt — ich hätte mich zum Hospiz begeben und um Arbeit bitten können, aber ich wollte einerseits keine Mittheilung von der in meinem Dasein eingetretenen Veränderung machen, andererseits wollte ich selbstständig bleibm. Ich kaufte mir mit den wenigen Er parnissen, welche ich besaß, einiger Mobiliar, ich miethete mir em kleines Zimmer und begab mich dann zu dm großen Näherinnm, um meine Dienste anzubieten, «ine der- selben, welche mir sehr zugechan war und in beten Dienste ich länger als ein Jahr war, ging nach Ruß- lanb, wohin ich nicht mitgehm wollte. Seit der Zeit arbeite ich für Madame Augustin."
„Wie alt find Sie, Lucie? Sie gestattm mir jo, Sie kurzweg Lucie zu nennen?"
„Gerne, ich betrachte es als einen Beweis Ihrer Zuneigung zu mir und danke Ihnen recht sehr dafür."
„Gut also; wie alt sind Sie jetzt, frage ich dann nochmals."
„Zweiundzwanzig Jahre, Fräulein."
„Aber weshalb habm Sie nicht, da Sie doch eine geschickte Arbeiterin find, ein Geschäft gegründet?" !
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(62. Fortsetzung.)
„Freilich, aber wozu bient eS bann, daß man zu- gleich mit dem Kinde ein ErkmnnngSzeichen niederlegt?" . sollen auf diese Art und Weise die Eltern emeS Tages, wenn ste dar Sewisim treibt, oder wenn in ihrer gangen Stellung eine große Veränderung ein- KM, das ausgesetzte Sind wiedererkmnen könnm. Tag und Stunde der Abgabe eines Kindes werdm in emem Berzeichniß des Hospitals genau vermerkt, zu- gleich wird dabei eine genaue Beschreibung der Kleidung der ausgesetzten armen Geschöpfes niedergelegt, sowie daS Zeichen der Wäsche, wmn welche vorhanden ist, endlich auch, wenn die- der Fall ist, eine Angabe anderer beigefügter vorhandener Dinge, welche etwa m späterer Zeit ein Wiedererkennen möglich oder wahr- scheinlich machen. Jedes Kind wird unter eine beson- dete Nummer eingetragen (ich hatte die Nummer 9), welcher alSdaim em Name beigefügt wird. Auf diese Art und Weise erhalten diese Kinder eine Art von Familienstand, welchen sie bann in ihrem späteren Leben weiter führm."
„Sonderbar, recht sonderbar, aller dies!" murmelte die Tochter deS Millionärs. „Er macht mich schau- dern . . . Sie find also auch in dieser Weise an der Dhute emeS Hospizes niedergelegt worden?"
I * Prinz Alfred von Großbritannien, der präsum, I live Thronfolger von Sachsen - Koburg - Gotha I ^^cher in Potsdam an den Masern erkrankt war, ist I vollständig wieder hergestellt. Der Prinz hat sich Mitte der vergangenen Woche zunächst nach Koburg begeben.
* Die erwartete Aufhebung deS Ausfuhrverbots auf Futtermittel in den badischen Grenzbezirken wird verzögert durch eine schr eingehende Umfrage in I ben betreffenden Amtsbezirken. Seit Freitag ist die Grenze nach der Schweiz gesperrt. Die von der Maß- regel betroffenen Landwirthe an der Grenze harren sehnsüchtig des Eintreffens der Verfügung, welche dies Ausfuhrgebot für fie rückgängig macht. Wenn der augenblickliche Zustand in jenen Gegenden länger bauern soll, so steht zu befürchten, daß die Schweiz zu Repressalien greift, wodurch viele badische Land- wirthe doppelt bettoffen würben. Denn eine nicht kleine Anzahl derselben besitzt Wiesengelände u. s. w. ans schweizerischem Gebiet, würde bei einem Ausfuhrverbot schweizerischer SeitS also gar nicht in der Lage sein, chr Eigenthnm von dort herüberzuholen. So besitzt z. B. die Stadt Konstanz allein über 150 Hektar Wiesenland auf schweizerischem Gebiete.
,1 ®er, Berichtigungsversuch deS Polizeidirektors Zkichter in Straßburg hat eine Erklärung der vier Mitglieder des Vereins „Fedelta", welche die bekannte Audienz bei Herrn Feichter hatten, zur Folge gehabt; fie sagen darin, daß sie das über die Audimz aufgenommene Protokoll in feinem vollen Umfange aufrechter halten müßten. Nur solche Aeußenmgm seien m dasselbe aufgenommen worden, welche alle vier Unterzeichner ganz pofittv mit ihren eigenen Ohren ans dem Munde des Polizeipräsidien gehört. „Mr Mm" heißt es weiter, „in dem Protokoll noch viel mehr fagen tönten; wenn aber ein Einzelner von uns nur den leisestet- Zweifel über einen gefallenen Aus- | druck hegte, so unterblieb die Aufnahme. Mit größter Seelenruhe sehen wir der von Herrn Dr. Müller- Simonis gegen ben Polizeipräfibenten angestrengten gerichtlichen Klage entgegen. Vor Gericht werben wir unsere auf vollstänbiger unb unanfechtbarer Wahrheit beruhenben AuSsagm mit Eid bekräftigen. Daß feine (Feichter'S) geradezu unglaublichen Ausfälle gegen Mül- ler-SimoniS, Wöhrel, drei geistliche elsässische Reichs- tagSabgeorbnete, bie Mehrzahl ber Straßburger Geist- Uchkeit, bie Alumnen des Priesterseminars unb bie Wähler beS Herrn Müller-SimoniS heute, nachbem sie solchen Staub aufgewttbelt haben, höchst unbequem ge- worben stnb, verstehen wtt recht gut. Uns aber geht die Wahrheit über alles." Da einerseits Herr Müller- Simonis, andererseits auch Herr Feichter Klage erhoben habm, muß nun zunächst bas «rgebniß ber ge- nchMchm Untersuchung abgewartet werben. „Tief blicken" läßt ber seit ber KulturkampsSzeit leibet in i Aufnahme gekommene Versuch: bie vier Zeugen der * 1 * Unterredung zu Angeklagten zu machen. Hoffmt- i l'ch Wird diesem Versuch aber von dem Gericht sofort I Mit aller Entschiedenheit entgegengetreten.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Juli.
* Der russische Thronfolger trifft heute Abend aus London hier ein und begibt sich sofort zum Besuche der Kaiserpaares nach dem Reum Palais bei Potsdam, wo größere Festtafel stattfindet. Nach Aufhebung der Tafel gebenft ber Großfürst Thronfolger bte Heimreise sortzusetzm. Am Sonntag Nachmittag traf der Oberhofmeister deS Zaren hier ein.
* Der Schluß der Reichstagssessio» wird nach der letzlgen Sachlage am DimStag, 18. Juli, erwartet. Die zweitt und dritte Berathung des Militärgefetzes Wird voranSsichttich in den letzten drei Tagen dieser Woche erledigt werdm. Montag und DimStag nächster Woche wird alsdann die Berathung des Nachttagsetats zur Durchführung des Gesetzes für die Zeit vom 1. Oktober dieses bis 31. März nächsten Jahres in An- spmch nehmen.
ar * Von. dem Abg. Werner ist folgender schleuniger Antrag beim Reichstage eingebracht worden: „Der Reichstag wolle beschlichen, dm Reichskanzler zu er- suchm, zu veranlassen, daß die gegen dm Abg. Ahl-
L vegm Beleidigung der «esammtheit der prmßischm Beamtm beim königl. Landgericht, Straf- I lammet II in Berlin (Aktenzeichen J. la 40/92), 2. wegm Beleidigung (Judenflmten) beim Landgericht I «^Verlin, Aktenzeichen I. la 311/92, schwebenden Strafverfahren für bte Dauer ber laufenben Session eingestellt werdm." - Der Antrag trägt folgmbe Unterschnstm: Wemer, Hänichen, Dr. Böckel, Zimmer- "sum, Gräfe, «. Klemm (DreSben), Hilpert, Lotze, Hirschel, Köhler, Lieber, Singer, Bebel, Auer, Schön- lank, von Dallwitz.
* Der Reichskanzler hat mit Rücksicht auf hervor- getretene Zweifel bie beteiligten Bundesregierungen er- sucht' bie Grenzbehörden bahin zu verstänbigm, baß Kaiserliche Berorbnung betreffenb das Verbot ber Ausfuhr vo» Streu« und Futtermitteln vorn 4. Juli d. I. auf Durchfuhrsmbungm keine Anwmbung finbm. Auen berarttgm Senbungm, bei welchen aus ben Frachtbriefen, ben sonstigen TranSportpapierm ober dm Fakttitm in glaubhafter Weise entnommen werden rann, daß sie au8 dem AuSlande kommen und unmittel- Mr nach dem Auslande weiter befördert werden, daS RnchSgebiet mithin nur im Durchgangsverkehr berühren, darf daher ber Austritt aus bem Reichsgebiet mcht versagt werben.
M * Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht im amtlichen Theile bie Ernennung beS Direktors im Reichsamt beS Innern Nieberdiug zum StaatSsettetär beS Reichs- -ust'zamts. Derselbe erhielt gleichzeitig ben Charatter alS Wukl. Geh. Rath mit bem Prädikat Excellmz.
, D'e zur Zeit in Berlin geführten Unterhand- lnngm bezüglich ber Abgrenzung ber deutsch-englischen Interessensphären im Kilimadscharogebiete nehmen I ««en glatten Verlauf. Sntgmstehmde Meldungen find
„Um ein Geschäft zu gründen, Fräulein, bedarf eS nur zweier Dinge, die mir leider fehlen."
„Und welche?"
„Zunächst eine Kundschaft und dann Geld, um bie ersten Einrichtungen zu treffen."
„Es däucht mir, baß Sie doch wohl einm Gattm finden könnten, ber vielleicht nicht gerabe reich ist, aber doch einiges Vermögm besitzt. Mit diesem Vermögm tönnten Sie alsdann eine Wohnung möbliren, Ateliers einrichtm nnb bie ßnnben würden schon kommen."
Die Arbeiterin erröthete tief, als Mary ihr vorn Heirathm sprach.
Der Tochter Harrnant'S war bieS nicht entgangm. Sie sagte also lachenb:
„Entweder täusche ich mich sehr, oder aber Sie beabsichtigen, wirklich zu heirathm."
„Sie täuschen sich in ber That nicht, Fräulein, benn ich beabsichtige, wirklich zu heirathm — einstweilen geht's freilich noch nicht."
„Was hindert benn noch?"
„Derjenige, welchen ich liebe unb welcher mich liebt, hat fein Vermögen; er besitzt absolut nichts unb will »orten, bis er eine feste Stellung hat, bie uns Unterhalt bietet. Als Frau werbe ich meine Beschäftigung aufgeben, ober wenigstens nur noch wenig mich bannt abgeben könnm, benn er will, daß ich alsdann nur daS HauSwefm besorgen soll."
„So zu handeln wäre vielleicht nicht ganz recht
--2«. Jahrgang
FuldaerWZkitilng
(Ausland.
* Der Pariser Gemeinderath hat die Pariser Be- völkemng aufgefordett, sich der Nationalfeier am 14. Juli fernzuhalten. Damit wird der Gemeinderath wohl kein Glück haben; denn alle Vorbereitungen zum Feste sind bereits getroffen und die Pariser find viel zu vergnügungssüchtig, um sich an eine solche Aufforderung zu kehren. Dagegen fürchtet man für diesen Tag ver« schiedme Manisestationm und die Regierung hält deshalb vorsorglich die Truppen konsignirt.
* In dem etwa 10 Minuten von Monte - Carlo entfernten Dorfe Moline ist die Cholera ansgebrochm, war in Monte-Carlo eine wahre Panik hervorgerufen hatte. Die Fremden eilen so schnell als möglich nm Monte-Carlo zu verlassen.
, * Petersburg, 10. Juli. Die amtliche Publikation der Gesetze zur Bekämpfung der Börsenspe- kulation erfolgte dem Vernehmen nach in diesm Tagen. Die Börsengeschäfte in Fonds werden durch diese Gesetze nicht berührt.
♦ AnS Chicago wird gemeldet: In einem unweit deS Ausstellungs-Gebäudes gelegenen Lagerhause entstand gestern ein Brand. DaS Dach stürzte zusammm. 20 Feuerwehrleute stürzten in Folge dessen in die Flammen und kamen nm'S ßebett, 5 andere Feuerwehrleute wurden durch dm Einsturz eines Thurmes zerschmettett und etwa 60 Personen verwundet. Die AuSstellungSgebäude haben keinen Schaden gelitten. Der Verlust wird auf '/, Million Dollars geschätzt. . Auf den Eamao - Inseln (Australien) scheint em alter Streit um Mataasa und den Anhängem Malictoa zum thätlichm Ausbruch kornmm zu sollen. Wie ein Kabeltelegramm aus Auckland meldet, rückt Mataafa auf Apia vor, wo der Geschäftsverkehr gänzlich stockt.
Stadt, promn; und Rachbargebiet.
Fulda, 12. Juli.
— * Die diesjährige Konferenz der prenßische« Bischöfe wird am Dienstag, den 22. August, in unserer Stadt zusammenttetm.
* DaS in unserem gestrigen Blatte enthaltene „Ein- gesandt", worm der gegenwärtige skandalöse Zustand der Fnlda einer näheren Besprechung unterzogen wurde, hat in allen Kreisen unserer Einwohnerschaft Anklang gefunden, und könnm wir schon jetzt die Mittheilung machen, daß mit Beseitigung der Fischleichen bereits der Anfang gemacht wordm ist. Man braucht der Fulda nur eine Probe Wassers an einer beliebigen Stelle zu entnehmen, so wttd der Gemchrsinn alsbald Jedermann davon überzeugm, daß über die Vergiftung derselben durch Fabrikabflußwäffer nicht zu viel gesagt wurde. Es kommt nun Alles darauf an, daß nufere wohllöbliche Polizeiverwaltung auf die Beseitigung des seit Jahren vielbeklagten Nebels bei dem jetzigen Anlaß energisch hinzuwirkm sucht. In einer vor Kur-