JW 156
Mittwoch, den 12. Juli 1893.
20. Jahrgang
WdaerNZeitung
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Deutsches Reich.
Berlin, 10. Juli.
* Das Präsidium des Reichstags wurde geftern vom Kaiser empfangen. Die Audimz dauerte eine Stunde. Der Kaiser berührte in der Unterhaltung die Militärvorlage. Er wies auf die militärischen Verstärkung hin, welche die Nachbar-Reiche vornehmen. Er besprach auch die Futternoth und meinte, waS möglich sei, müsse durch die Reichs- und Staatsbehörden geschehen. DaS Präsidium wurde sodann von der Kaiserin empfangen.
* Die 2. Berathung der Militärvorlage beginnt bekanntlich am Donnerstag, und wird aller Wahrscheinlichkeit nach noch am selbm Tage die Abstimmung erfolgen. Der Schluß der ReichStagSsession wird schon am nächsten Sonnabend, spätestens in den ersten Digen der darauffolgenden Woche erwartet. Von den Anträgen aus dem Hause würden alsdann nur die auf die F u t t e r n o t h bezüglichen zur Verhandlung kommen.
* Seitens der Centrumsabgeordnete« Gröber, Dr. Frhr. von Heereman, Dr. Lieber, Dr. Rintelen, Dr. Schaedler, Spahn, Wenzel ist wiederum mit Unterstützung der CentrumSftaktion der Antrag, betreffend Abänderung des Wahlgesetzes vom 31. Mai 1869 (Sicherung der geheimm Wahlrechts) im Reichstage eingebracht worden.
* Die definitive Konstttuirung der im Reichstage gebildeten wirthfchaftliche« Vereinigung erfolgt am Donnerstag, den 13. d. MtS.
* Die Kommission für die zweite Lesung der Ent- Wurfes des bürgerliche» Gesetzbuches für das deutsche Reich hat in ihren letzten Sitzungen die Vorschriften über das Hypothekenwesen berathe« und darauf die weitere Verhandlungen bis zum 9. Oktober ds. IS.
vertagt.
* Fürst Bismarck ist wieder von seinem alten Lenenleiden heimgesucht. Der in Aussicht genommene Besuch Leipzig» unterbleibt deshalb. Die Reise deS Fürsten nach Kisfingen soll nächste Woche erfolgen; Graf Herbert BiSrnarck begleitet seine Eltern dorthin.
* Amtlicher Aufstellung zufolge herrschte AuSgangS Juni d. IS. die Maul- mrd Klauenseuche in 82 preußischm Kreisen und 117 Gemeinde- bezw. SntS- bezirken. Die Regierungsbezirke Stralsund, Stade, Osnabrück, Aurich, Münster, Trier, Aachen waren smchenfrei.
* In ben deutschen Münzstätten wurden im Monat Juni ausgeprägt 2,785,850 Mark in Kronen (auf Privatrechnung), 532,260 Mk. in silbernen Fünfmark-, 273,072 Mk. in Zweimark, und 425,420 Mk. in Ein- Markstücken, 171,005 Mk. in Zehnpfennig-, 57,123 Mark in Fünfpfennig, und 3972 Mark in Einpfennig, stücken. — An Reichsmünzen find bisher, abzüglich der wieder eingezogenen Geldstücke, überhaupt geprägt: 2.685,843,585 Mk. in Gold-, 463,545.279 Mk. in Silber-, 51,138,820 Mk. in Nickel- und 12,014,907 Mk. in Kupfermünzen.
• Karlsruhe, 7. Juli. Der ,Bad. Beobachter'
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(61. Fortsetzung.)
In diesem Augenblicke klopfte ein großes, blondes, hageres und häßliche» Mädchen an der Thüre der Loge.
Sie trug auf ihren Armen vier Brode von verschiedener Form.
„Ach, gewiß die Brodträgerin!" sagte Lucie, „Wieder eine neue!“
Damit öffnete sie die Thüre.
„Nun,“ platzte die PortierSftau heraus, „schöne Sachen, muß ich sagen! Man wird wohl gar kein Brod mehr von diesem Bäcker ins Haus gebracht be- kommen! Ich hätte mich schon längst irgendwo anderS hiu wenden sollen.“
„Jst'S vielleicht meine Schuld?“ schnatterte die Trägerin in mürrischem Tone. „Ich bin heute an Stelle derjenigen getreten, welche er vorgestern vor die Thüre gesetzt hat, und ich tenne die Kunden nicht.“
„Geben Sie mir dieser zweipfündige Brod,“ sagte Lucie, „und wenn Sie wieder komme«, so kommen Sie bis zu meiner Kammer hinauf. Ich bezahle stets sofort.“
„Ich werde nicht mehr kommen, Fräulein, ich stehe »ur für heute in seinem Dienste. Der Meister sucht cme neue T-ägerin.“
schreibt: „Die glänzende Wahl deSFreiherrn v. Buol zum ersten Vizepräsidenten deS Reichstages hat bei den badischm CentrumS-Abgeordneten, wie uns aus Berlin mitgetheilt wird, lebhafte Freude erregt, welcher sie sofort dadurch einen geziemenden Ausdruck verliehen haben, daß sie dem also Ausgezeichneten einen prachtvollen Rosenstrauß verehrten.“ — Bei den bevorstehenden Landtagswahlen ist die Hälfte der Kammer, 31 Mandate, zu erneuern. ES scheiden folgende Abgeordnete auS: Lohr (lleberlingen), Straub (Meßkirch- Stockach), Streicher (Radolfzell), Müller» (Engen), Kriechle (Bonndorf), Vogelbach (Lörrach-Stetten), Dreher (Lörrach-Land), Weygold (Schopfheim), Fieser (Donau- eschingen), Grüninger (Billingm), Burger (Waldkirch), Rau (Freiburg-Stadt), Hug (Ettenheim), Löffler (Triberg), Weber (Offenburg-Land), Muser (Offenburg- Stadt), Lauck (Achern), Reichert (Baden-Bühl). Karls- ruhe-Stadt: Lamey, Kiefer, Hofmann; Kirchenbann (Durlach-Land), Nopp (Philippsburg), Wittum (Pforzheim), Frank (Pforzheim-Land), Greiff (Wiesloch), Blum (Heidelberg. Stadt), Strübe (Heidelberg. Land), Baffermann (Mannheim-Stadt, wo Dresbach und Rüdt im Mandat verbleiben), v. Buol (Walldürn), Klein (Wertheim). Außerdem hat noch eine Ersatzwahl statt« zufinden in Lahr-Land für den seither zum Professor in Karlsruhe ernannten demokratischen Abgeordneten Professor Heimbnrger. Von den AuSttetenden gehören 10 dem Centrum an, 18 den Nationalliberalen, 2 (Bogelbach und Muser) der demokratisch. fteisivnigen Partei, 1 (Kirchenbauer) der konservativen. Der letzte Landtag war zusammengesetzt auS 32 Liberalen, 21 Centrum, 6 Deutschfreisinnigen bezw. Demokraten, 2 Konservativen und 2 Sozialisten. ES wird einen heftigen Wahlkampf absetzen.
* Polizeipräsident Fcichtrr von Straßburg hat, wie die .Nordd. Allg. Ztg.' meldet, „gegen die vier UrhÄer der bekannten verleumderischen Gerüchte Strafantrag gestellt.“ Da der beleidigte Müller-SimoniS schon vorher Beleidigungsklage gegen den Polizeipräsidenten erhoben hat, wird sich hoffentlich schon vorher zeugeneidlich feststellen lassen, ob eS sich wirklich nur um verlänmderische Gerüchte handelt.
Ausland.
* Paris, 10. Juli. Die Kammer lehnte mit 279 gegen 149 Stimmen ab, in eine Berathung deS Antrages auf Erlaß einer Amnestie für die anläßlich der Unruhen im Quartier Latin Berurthellten einzutreten. Minister-Präsident Dupuy sagte gegenüber der stndirendeu Jug-nd zu, Milde walten zu lassen.
* Paris, 10. Juli. Nach einer heftigen Diskussion beschloß der Ministerrath die Abberufung LozeS, wodurch Peytral Genugthuung gegefcen wird. Loze soll einen diplomatischen Posten erhalten. — Für den morgigen Todestag RavacholS werden Unruhen befürchtet. Sine strenge Ueberwachung von St. Denis und LevalloiS-Perret, wo die Anarchisten wohnen, wurde angeordnet.
„Dann können wir gewiß noch einige Tage immer warten, bis Mittag vorbei ist!“
Lucie stieg rasch zu ihrem Zimmer hinauf, hatte in einer Viertelstunde ihr Frühstück beendigt, nahm mit der größten Vorsicht ihr Packet, damit nichts zer- knittert werde, und nahm beim nächsten Halteplatze eine Droschke, welche sie zur rue Murillo bringen sollte, deren Adresse Madame Augustine ihr gegeben hatte.
Mary Harmant war seit einigen Tagen leidender als zuvor.
Die Hustenanfälle, welche ihre Brust erschütterten, wurden immer häufiger und dauerten immer länger und länger.
Dieser krankhafte Zustand machte das junge Mädchen, wie dies meiftenS der Fall zu fein pflegt, sehr launisch.
Auf heftige nervöse Krisen folgten häufig lange Stunden einer vollständigen Stumpfheit und Nieder- geschlagenheit. Dann pflegte sie in große Traurigkeit zu verfinken, so daß ihr die Thränen von den Wangen flössen. In solchen Augenblicken fühlte fie sich sehr weich gestimmt und sehr theilnahmSvoll gegen alle Un- glücklichen. Sie pflegte alsdann zu sagen:
„Ich bin reich ... Ich muß ben Armen Gutes thun . . . viel Gutes.“
62.
In biefer Geistesverfassung befand sich Mary auch in diesem Augenblicke, als ihr gemeldet wurde, daß
* Toulon, 10. Juli. Hier und in HyereS kamen geftern 4 Choleratodesfälle und 3 Erkrankungen vor.
* Chicago, 10. Juli. Gestern wüthete auf dem Michigan-See und in Chicago ein heftiger Sturm. Auf dem See kenterten mehrere Boote. 30 Insassen werden vermißt und sind wahrscheinlich ertrunten.
Stadt, iJrouitt; und Rachbargebiet.
Fnlda, 11. Juli.
W* Für unsere sämmtlichen Abonnenten ist dem heutigen Blatte eine Beilage „Zur Begegnung -er Futternoth" bei- gefügt.
(*) Nächsten Sonntag, den 16. Juli, wird die Dompfarrei, Nachmittags 3'/z Uhr, eine anßer- ordentliche Bittwallfahrt auf de« Fra«e«berg veranstalten, um dadurch den Segen Gottes über unsere Felder herabzuflehen. Während der Prozession sollen Lieder mit Gebeten (Rosenkranz und Allerheiligen- Litanei) wechseln. In der Klosterkirche wird nach einer Predigt, welche in zuvorkommender Weise einer der hochw. H. Patres übernommen hat, eine Andacht vor ausgesetztem hochwürdigsten Gute gehalten werden. Es wird der sehr gerechtfertigte Wunsch ausgesprochen, daß die Bänke in der Klosterkirche nicht etwa schon vorher von solchen besetzt werden, welche sich an der Prozession nicht betheüigt haben. Die Lieder, sowie deren Reihenfolge werden später noch bekannt gegeben werden.
* Zum gestrigen Strauß-Concert hatte sich dar Publikum so zahlreich eingefuvden, daß der Harmoniegarten vollständig besetzt war. Auch aus der näheren Umgebung Fulda'S waren viele Zuhörer anwesend. In feinen Erwartungen wurde wohl Niemand enttäuscht. Der Abend war prächttg und zu einem Coricertabend im Freien wie geschaffen. Dagegen zog in dm Heu- tigen Morgenstunden ein Gewitter über unsere Stadt, welches einigen Regen brachte. Während eS bis gegen 10 Uhr den Anschein hatte, als ob noch mehr Regen zu erwarte» fei, hat sich der Wolkenschleier über Mittag wieder etwas gelichtet.
* Der am Sonntag in Witzenhausen abgehaltene E. Hessische Feuerwchrtag, an dem auch Mitglieder der hiesigen Feuerwehr theilgenommen haben, ist in würdiger Weise verlaufen. Die Stadt war reich geschmückt, die Bewohner hatten alles aufgeboten, den Theilnehmern den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Der nächste Feuerwehrtag wird in Hofgeismar abgehalten. Der Verband umfaßt jetzt 430 Feuerwehren mit 31,571 Mitgliedern. Weiterer Bericht folgt.
* Daß die Kneipp'fche Wafferheilmethode wirklich alle Anerkennung verdient, können unfere Leser beispielsweise aus folgender Thatsache ersehen, die uns von einem langjährigen Freunde unseres Blattes mit« getheilt wird. Dieselbe ist uns durch Angabe von Ort, Namm rc. in einer Weise verbürgt, daß ein Zweifel an der Richtigkeit nicht aufkommen kann. Ein 13jäh« rigeS Mädchen auS vornehmer Familie hatte feit meh« ein junger Mädchen, welches von ihrer Schneiderin geschickt fei, sie zu sprechen wünsche.
ES war dies für sie eine Zerstrevnng.
Sie gab sofort Weisung, dar junge Mädchm heraufkommen zu lasten und empfing sie, als sie eintrot, mit der freundlichsten Miene.
„Ah, Fräulein Lucie,“ hob sie an, Sie habm gewiß wieder ein Prachtstück geliefert, nicht war?
„Ich habe, mein Bestes gethan, Fräulein,“ antwortete Lucie bescheiden. „Ich hoffe, daß ich Aller gemacht habe, wie Madame Augustine er wünschte.“
„Sie find gewiß schon weit mit der Robe?“
„Ich habe Sie eben im Ganzen fertig gemacht und komme, um sie anzuprobirm.“
„Ich weiß er. Aber Sie haben gewiß schon so weit gearbeitet, daß mau sehen kann, wie Taille und Rock sein »erben ?“
„Gewiß, Sie werben er sehen.“
Lucie öffnete behutsam bas Packet unb breitete bie Robe auf einem Kanapee auS.
„Wirklich sehr hübsch!“ rief Mary begeistert auS. „Sehr schön, wie Sie diese Garnituren angebracht haben, wirklich!“
„Dar ist meine Erfindung, darf ich fegen,“ versetzte dar Mädchen mit einem gewissen naiven Selbst« bewußtseiy.