Eage zu Nr. 154 der „Fuldaer Zeitung".
(Sport.) Record-Radfahrt Paris-Franksnrt.
Der allbekannte Meisterfahrer Herr August Lehr unternahm vom 19. auf den 20. Juni Nachts eine Recordfahrt Paris- Frankfurt auf einem Opel-Rad mit Michelin-Pneumatik zur Vorbereitung für die große Distaoce-Radfahrt Wien-Berlin und legte die ganze Strecke in 41 Stunden 20 Minuten zurück.
Bei der großen Distauce-Radfahrt Berlin-Wien benutzte Fischer, München ebenfalls ein Opel ^"helrn und traf als Erster in 31 Stunden, 222/5 Minuten em. '
Hier fiel ihr an einem Fenster ein neuer Ver- mrethungSzettel auf, welcher die Worte trug:
. »Ein kleines Zimmer und Kabinet sofort zu ver- miethen."
Das Haus war sehr einfach und bescheiden ae- baut.
„Es kann also hier nicht theuer sein", dachte Johanna bei sich.
Sie betrat also einen düsteren Gang und kam an die Loge, wo bte Portierfrau das Kochen einer würzigen Suppe übernahm, und frug: -
„Hier ist ein Zimmer zu vermiethen, nicht wahr ?"
„Ja, em Zimmer mit Kabinet, auf der sechsten Etage, antwortete die Frau.
„Wieviel?"
„Hundertvierzig Franken."
„Kann man die Wohnung einsehen?"
„Gewiß, sie ist frei. Ich will mit Ihnen gehen."
Die Frau nahm einen Schlüssel und stieg mit Johanna bis zu den Mansarden empor.
, "Di- Wohnung gefällt mir", sagte Johanna, nach- dem ne dieselbe m Augenschein genommen hatte.
„Ich komme vom Lande und gedenke in Paris zu bleiben; ich brauche also nicht in den Wirthshäusern umherzuliegen. Ich möchte noch heute einziehen; dar Zimmer wird rasch möblirt sein."
Wie Sie wollen", verfitzte die Frau. „Nur mache ich Ste darauf aufmerksam, daß es Sitte ist, einen Termtn im Voraus zu bezahlen."
„Ich will es sogleich thun."
„Gut, also — ich bin bevollmächtigt vcm Hausbesitzer, für ihn zu unterzeichnen. Sie werden Jbre Quittung erhalten."
Die beiden Frauen gingm wieder herunter.
Johanna bezahlte ihre für funddreißig Franken und erhrelt eine auf den Namen nifa Perrin lautende Quittung. Außerdem gab sie der Frau noch ein Fünf- frankstück, wodurch sie sich sofort die Gunst derselben erwarb.
(Forts, folgt.)
„Dre Bürgermeisterei — die Präfektur!" dachte Johanna ber sich voll Verzweiflung. „Hier wie in Cheory kann ich, wie es scheint, nichts beginnen, ohne "Ä'^r.lch bin, ohne daß man mich fragt, mit welchem Rechte rch das verschwundene Kind zurück- fordere!" 0
Verwundert blickte die Portiersfrau Johanna an. „Stehabenmichvielleichtmchtverstandm," meintesie. „Entschuldigen Sre, Madame, ich habe Sie reckt wohl verstanden und will Ihrem Rathe folgen. Ick ^"ke Anen für Ihre Freundlichkeit und verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe." '
.. "Was soll ich thun, wenn rch einmal in Paris bin? hatte sie ber sich gedacht. „Ich kann mich nicht m einem möbln tm Hause niederlassen, denn dort müßte ich Papiere vorzeigen. Meine Reise nach Cheoty und Jorguy haben mich wenig gekostet, ich habe also noch Geld genug, um mir eine Mansarde unter dem Dache zu mrethm und sie mit einem eisernen Bitte und ernem Stuhle zu möbliren. Als Mietherin gebe ich irgend einen Namen an und suche mir dann Arbeit". „ .".?ber Arbeit!" dachte sie dann wieder. „Was für Arbeit? Nähen?" • '
„Heutzutage verdient eine Frau mit Näharbeit so wenig, und dann muß man bei dieser Beschäftigung seine ganz- Zeit opfern, ich könnte also gar nichts thun, um mein Kind zu suchen."
„Nun, Gott wird mich schon leiten — einstweilen handelt er sich darum für mich, daß ich ein Heim habe, damit die Polizei mich nicht wieder ergreift."
Als Johanna in Paris eintraf, war eS noch Nacht — sie konnte also um die frühe Morgenstunde noch nicht auf die Suche nach einer Wohnung ausgehen.
Sie betrat also in der Rue St. Antoine eine Wirth- j schüft, wo sie sich etwas Essen geben ließ.
Als sie ihr einfaches Frühstück beendet hatte, war es draußen etwa- milder geworden, der Schnee schmolz 'N den Straßen, und Paris nahm seine gewöhnliche lebhafte Physiognomie wieder an.
. Sogar die Sonne- brach sich zuweilen verstohlen durch da- dunkle blergraue Gewölk.
61.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(59. Fortsetzung.)
«m folgenden Morgen begab sie sich also frühzeitig zum Lyoner Bahnhofe, wo sie einen Zug btstieg, welcher nach Burgund fuhr.
Als sie in Joigny anlangte, ging sie geraden Weges auf das Haus der Wittwe Fremy zu, der Amme, welcher ste vor dreiuydzwanzlg Jahren ihre Tochter anvertraut hatte.
Sie wußte freilich im Voraus sehr gut, daß sie diese Frau nicht wieder finden würde, denn der Brief, welchen fte aus dem Gefängnisse von Clermont hier- hmgeschrleben hatte, war ja, wie wir uns erinnern, mit der Bemerkung: „Adressat unbekannt" zurückgekommen. Sie hoffte gleichwohl, an dem kleinen Orte Näheres erfahren zu können.
Wir begreifen die Enttäuschung der armen Frau, J*e Jemerfte, daß die kleine strohgedeckte Hütte, welche die Amme früher bewohnte, überhaupt nicht mehr vorhanden war.
An der Stelle, wo sie ftüher gestanden, und auf dem umliegenden Gebiet erhob sich jetzt ein großes Produktengeschäft. Gleichwohl überschritt Johanna die Schwelle dieses Hauses und frug eine Frau, welche de« Anscheine nach den Posten der Thürhütrrin be- , kleidete:
»Ich möchte Sie um etwas fragen, Madame."
„Und was wäre gefällig?"
„Wie lange steht dieses Haus schon?"
„Sechs Jahre lang."
„Sind Sie von Joigny selbst gebürtig?"
„Nein, dies nicht, aber ich wohne länger als zwölf Jahre hier.
„In diesem Mertel?"
„Sa."
Sonntag, den 9. Juli 1893.
। „O, ich bitte, mackt nichts.....Die Bürger-
meisteret liegt oben in der Stadt, nahe bei der Präfektur. Sie mrisfin über die Brücke hinüber."
Johanna entfernte sich.
Natürlich dachte sie nicht daran, sich zur Bürger- meisterer oder zur Profi ktur zu begeben, sondern sie wollte dre Nachbarn fragen, da dieselben, wie sie glaubte, etwas wissen würden.
Sie ging also wie eineBettlerin vonThür zu Thür, um zu fragen. 9 '
Sie erhielt überall die gleiche Antwort.
Niemand erinnerte sich der Sache, man wußte nicht, wovon ste sprechen wollte.
. c ^uil-thigend und verzweifelnd sagte sich Johanna, daß Alles für sie zu Ende sei.
Sie wußte ja nicht einmal, wo sie ihre Tochter suchen solle — tote sollte sie dieselbe jemals wieder- finden r
, Georg befand sich freilich in Paris, wenigstens hatte ste alle Veranlassung, davon überzeugt zu sein, j Sie wollte also die große Stadt durchstöbern und hoffte, mit Hilfe Gottes ihre Anstrengungen mit Erfolg gekrönt zu sehen. a
Sie benutzte einen Nachtzug, welcher sie am folgen- den Morgen wieder nach Paris brachte — erschöpft gebrochen, und nahezu verzweifelnd, immerhin indeß fest entschlvffm, ihr Werk wieder zu beginnen und wenn nöthig, alle Hindern sie zu überwinden.
Während der Fahrt hatte sie sich die ganze Sache reiflich überdacht und einen gewissen Plan ent- worfen.
(Das Anfasscn der Kaninchen) ES gibt Gewohnheiten, die sich Generationen hindurch vererben, Gewohnheiten, bei deren Ausübung an gar nichts gedacht wird, obschon eine Thierquälerei danv't verbünd« n ist. Eine solche Gewohnheit, ist das Anfaflcn und Aufheben der Kaninchen an den Ohren. Glaubt man denn, die Natur habe den Kaninchen aus dem Grunde lange Ohren verliehen, damit sie den Menschen als Handhabe dienen, wenn ein solches Thier zum Gegenstand der Neugierde bestimmt ist? Wir kennen kein Thier, besten Ohren so eingerichtet sind, daß sie zu Kraftanstrengungen dienen urd dem Kaninchen muthet man zu, daß es, ohne Schmerzen zu empfinden, an seinen Ohren das Gewickt des ganzen Körpers tragen soll. Das Aufheben an den Ohren ist für jedes Kaninchen mit Schmerzen verbunden; am meisten leiden darunter die Thiere der Rassen mit langen, leicht beweglichen Ohren, wie die W dderkaninchen. | Die Empfindung des Schmerzes veranlaßt das Kaninchen zum Zappeln; durch diese Bewegung werden die Ohrwurzeln urd die Muschel noch mehr angestrengt und der Schmerz vergrößert. Läßt ein Thier sich, ohne eine Bewegung zu machen, an den Ohren in die Höhe heben, so ist dies ein Zeichen, daß ihm durch den verursachten Schmerz schon nahezu die Sinne geschwunden sind. Wer die Gewohnheit hat, seine Kaninchen an den Ohren öfters aufzuheben, der wird bald die Wahrnebmung machen, daß, so oft er sich dem Behälter nähert, die Thiere scheu werden und sich in einen Winkel ducken; sie fürchten sich vor den Folgen der rohen Behandlung, deren sie aus Gewohnheit theilhaftig werden. Selten wird sich ein so behandeltes Kaninchen zum Empfange von Liebkosungen herbeilassen. Wenn es zur Nothwcndigkeit wird, ein Kaninchen einzufangen oder an- zusasten, so geschehe dieses mittelst eine Netzes von Schnüren an einer Stange oder indem man beide Hände unter den Leib desselben bringt. Es wird dies letztere bei niemals störrisch gemachten, gut behandelten Kaninchen iti den meisten Fällen gelingen; sollte es nicht der Fall und man genöthigt sein, das Thier mit einer Hand anzufassen und aufzuheben, so packe man es mit der ganzen Hand, nicht nur mit den zwei ersten Fingern, im Nacken, indem man möglichst viel Haut anfaßt, jedoch nicht zu tief, das man Gefahr läuft, das Thier zu erwürgen.
* Feiner Unterschied. Dienstmädchen: „Wat, Mineken, is et wirklich wahr, Tu hast den Aujust, Deinen jewesenen Bräut- jam, wcjen de 3 Mk. verklagt, die Du ihm dunnemals jepumpt hast?" Dienstmädchen: „Jawoll, Lowise, bet hat seine Richtigkeit; weeßte, bet iS ja nich von wejen de lumpge 3 Mark, nee weeß Jott nich — sondern nur von wejen die Jemeinheit von dem Kerl, daß er se mir nich retour jibt."
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Der Postdampfer „Westernland" ber,Red Star Linie' in Antwerpen ist laut Telegramm am 4. Juli wohlbehalten in New-Uork angekommen.
vermischtes.
* Dem Hof - Piano - Fabrikanten Kommcrzienrath Julius Bluthner in Leipzig ist vom König von Dänemarck das Ritterkreuz deS Danekrog-Ordens verlnhen worden.
* Schnridemiihl, 6. Juli. Bei den Aufräumungsarbeiten hat sich der erste Unfall ereignet. Die Seitenwand eines Gebäudes stürzte plötzlich nach innen und begrub zwei Arbeiter unter den Trümmern. Dem Einen wurden beide Beine zerschmettert, dem Andern der Brustkasten und das Rückgrat schwer verletzt, sodaß man seinen Tod befürchtet.
* Dresden, 6. Juli. Heute Abend stürzte ein durch die Baupolizei wegen Baufälligkeit geräumtes vierstö ckiges Haus | beim Abtragen ein. Bier Arbeiter wurden hierbei getödtet und zwei schwer verletzt.
* Wie i« Hinterpommer» bei den Wahle« „gearbeitet" und auf die Dummheit der Wähler spekulirt wird, davon gießt eine an die ,Krcuzztg.' gerichtete Zuschrift des Herrn v. Goß auf Gartewitz bei Zelassen im Wahlkreise Stolp-Lauenburg Aufschluß; darin heißt eS: Auf den Törfern unseres Lauenburger Kreises zieht ein Agent deS freisinnigen Kanditen Wisfer umher, und es cntspinnt sich regelmäßig folgendes Zwiegespräch mit ihm etwa begegnenden Arbeitern. Agent: „Wie heißen Sie?" Arbeiter: „Friedrich Schulz!" Agent: „Wie viel Kühe haben Sie?" Arbeiter: „Nur eine!" Hierauf erfolgt Kopfschütteln des Agenten, worauf er ein Notizbuch hervorholt und in demselben zu schreiben beginnt. Während des Schreibens jedrch sagt er (scheinbar in Gedanken) das Geschriebene leise vor sich, jedoch so laut, daß der Arbeiter es hören muß: „Friedrich Schulz muß eine zweite Kuh bekommen!" Hierauf entfernt sich der Agent, um ein neues Opfer zu suchen, ater nicht, ohne vorher dem Arbeiter dringend empfohlen haben, doch auch ja nur dem Freisinnigen Wisser seine Stimme zu geben. Der arme Arbeiter denkt natürlich, versuchen könne er ja doch, ob er durch die kleine Mühe einer freisinnigen Stimmenabgabe zu einer zweiten Kuh gelangen könnte; in kurzer Zeit natürlich ist er um eine Erfahrung reicher und klüger — bis er bei der nächsten Wahl auf einen neuen freisinnigen Schwindel hineinfällt. Noch viele ähnliche Geschichten könnte ich berichten." Wohl auch von konservativen Agitctoren?
„Dann haben Sie vielleicht eine gewisse Wittwe Fremy gekannt, welche Kinder in Pflege nahm?" „ .. „Wittwe Fremy . . . ." wiederholte die Fran sich besinnend, „ich erinnere mich ihrer jetzt. Man hat an Stelle ihrer Hütte dieses Hans gebant ... Sie selbst ist bereits seit dem Kriege tobt.“
„Hatte sie nicht einen Sohn?"
"Doch wohl, es war ein großer, langer Mensch, er hat die ganze Erbschaft verkauft."
„Wohnt er noch in Joigny?"
„Ja, auf dem Kirchhofe."
„Sr ist tobt?“ rief Johanna cu8.
„Ja, freilich, übrigens ist es Niemand eingefallen, dies zu bedauern, langsam hat er die wenigen Tausend Franken, welche das Häuschen und der Garten eingebracht haben, darauf gemacht. Schließlich war er von Allem entblößt, ergab sich dem Trünke, und da er end- M nichts Anderes als Schulden besaß, so hat er seinen Tod tn den Wellen der Jonne gesucht.“
„Sind Sie vielleicht mit ihm verwandt?“ fitzte die rlaU «s« sie die Bestürzung gewahrte, welche sich auf dem Gesichte Johanna's malte.
„Nem, ich wollte nur von ihm erfahren, was aus I einem kleinen Mädchen geworden ist, welcher seiner Mutter anvertraut war und welches seine Eltern nicht wieder abholen konnten, weil sie genöthigt waren, Frankreich zu verlassen.“
„Ja, viele Eltern geben ihre Kinder so in Pflege, >ch weiß es, wie lange ist dies her?“ 9
„Zweiundzwanzig Jahre."
„8« biefer Seit wohnte ich noch nicht in Joigny," erwiederte die Frau. „Als ich Wittwe Fremy kennen lernte, nahm sie schon feit langer Zeit keine Pfleglinge mehr und ich habe in ihrem Haufe Niemand anders gesehen, als ihren Taugenichts von Sohn." e. Hoben sie nicht erzählen hören, daß man ein Kmd bei ihr gelassen hatte?“
„Nein, wenn indeß die Eltern ihr Kind nicht ab- geholt haben, so können Sie doch erfahren, was aus demselben geworden ist."
„Und wie?" rief Johanna begeistert aus. m,a!?r^Utier ^wy hat jedenfalls, als die Zahlungen ausblieden und sie sich deshalb des Kindes entledigen sollte, das Kmd der Ortsbehörde übergeben, die eS alsdann wohl irgendwo nntergebracht hat. Sie müßten sich also an die Bürgermeisterei oder an die Prä- ektur wenden. Dort wird man Ihnen jedenfalls Aus- tonst geben können."
Da bte Flüchtige tm Viertel ber Bastille eine Wohnung zu billigem Preise zu finden glaubte, so ging sie zum Marats hinauf, fand indeß hier nichts Passen des, ging die Seine entlang an dm Quai hinunter, überschritt den Pont-Neuf und trat in die ^ue Dauphtnee ein, sich gleichzeitig genau nach den Bermiethungszetteln umsehend, bog in die Rue Maza- rtn und ging aufs Geratewohl in die Rue de Seine hinein.