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JV 154

Sonntag, bett 9, Juli 1893.

Bauernstand muß in seiner Kraft erhalten bleiben; denn Staat und G e s ells ch a f t stützen sich auf bett Bauer. Auf dem Bauernstand- ruht hauptsächlich die Wehr­kraft des Landes. Die Bauernvereine sind zudem die mächtigsten Schutzwälle gegen das Vordringen der Re­volution und der Sozialdemokratie. Wo Bauernverein« blühen, kann diese nie und nimmer Eingang gewinnen. Mögen auch die Hochfluthen der Sozialdemokratie au untere christlichen Bauern herantreten; an den feste« Dämmen der christlichen Bauernvereine werden sie zer­schelle». Wie ein bedeutender Sozialpolitiker sagte: „Im Jahre 1848 hat die Revolution nicht vor bat Thronen Halt gemacht, sonbern gescheitert ist sie an dem zähen Wiberstanbe der christlichen Bauern." Gebe Gott, baß er immer so sein möge, baß bet Bauern­stand bar, was er in ber Vergangenheit gewesen und in ber Gegenwart noch ist, auch in alle Zukunft bleibe, nämlich bie festeste Stütze des ChristenthumS, die festeste Stütze ber Throne ttnb bie festeste Stütze ber mensch- licken Gesellschaft!

Deutsches Keich.

Berlin, 7. Juli.

* ES wirb jetzt offiziös bestätigt, baß ber Groß« fürst Thronfolger von Rußland bei seiner Rückkehr von Englanb bem deutschen Kaiserpaar in Potsdam seinen Besuch abstatten werde. Er wird dort am Stetig» tag erwartet.

* Betreff- der Militärvorlage fanden, wie die .Rat. Ztg/ meldet, gestern Besprechungen zwischen be# Führern bet für bie Militärvorlage eintretenben Par­teien unb mit bem Reichskanzler statt, welche bie For- mulirung ber zweijährigen Dienstzeit unb bie von ber

V BeMMgeri' noch Mchr aut MeinungSverschiebenheiten beseitigt sind, unb bie Gruppe der Antisemiten betreffs ihrer Abstimmung uneinig ist, wird an der Annahme der Vorlage nicht gezweffett. Die Session dürfte schon Ende der nächste« Woche geschlossen werden.

• Die polnische Reich-tagSfraktio« wählte de« Fürsten Ferdinand RadziwM zum Vorsitzenden und den Fabrikbesitzer Cegielski zum Stellverter.

* Die Mitglieder der Ceutrums - Fraktion de» Abgeordnetenhanfe» waren am Abend des 3. IM in Wannsee bei Potsdam zu einem gemeinsam«! Ab­schieds-Diner versammelt. Dr. Frhr. v. Heere- man als Vorsitzender der Fraktion richtete währmd der Tafel eine herzliche und zu Herzen gehende An­sprache an die Versammelten, die heute im Begriffe stehen, auSeinonderzugehen, aber — auf Wiedersehen. Er warf einen kurzen Rückolrck auf bte fünfjährige Legislatur-Periode und gedachte dabei m erster Lmre bet lieben Tobten, welche ber Fraktion m btrstm Zett- raume entrissen worben sind, vor allen bes große« Führers Winbchorst, ber die Centrums - Fraktion vo« Sieg zu Sieg geleitet, bes Veteranen Peter Reichen-- perger, ber sein ganzes reiches Wissen unb seine große Berebtsornkeit in ben Dienst bet Fraktion gestellt hatte. In sachlicher Beziehung könne bie CentrumS.Fraktum mit ben Verhältnissen in bet abgelaufenen Leg'Slatitr- Petiobe nicht unzufrieden sein; bte Fraktion sei bm Fußtopfen ber großen Führer unb benWegen. dte diese vorgezeichnet, gefolgt, unb wenn sie auch nicht Alles erreicht habe, wenn noch Vieles zu erreichen sei, so tröste man sich mit bem Gedanken, daß der Erfolgtn Gotter Hand stehe. Wenn daneben auch Mißerfolge bis in bte letzte Zeit hinein zu verzeichnen gewesen seien, so sei eS.für baS Centrum auch babei eine Beruhigung, daß es überall den geraden Weg gegangen set. Mit Zufriedenheit blicke die CentrumS-Fraktion rückwa^, mit Muth und Gottvertrauen vorwärts. Noch semi große Fragm zu lösen übrig geblieben : Schutz sür dle Freiheit und die Rechte der katholischen Ktrche und dann daS große G-.biet der Schule, auf das einmal ein Heller Sonnenstrahl fiel, b« tetber baÜ) wieder verschwand. Nicht nur die christliche Schule, tonbern bie Bedeutung und Anerkennung des Christen thumS auf allen Gebieten deS öffentlichen Lebens habe dos Cent rum zu verfechten unb neben bem Rechte auch die Wahrheit^unb die Freiheit zu vertteter, l-ne Frn- beit, bie mit der Wahrheit unb bem Rechte aus S Engste verbunben ist, nicht baS zügellose Zer, brlb der Freihert. Auf Grund der alten bewährten Prtnz'pten „Für Wahr Heit, Recht und Freiheit" werde die CentrumS-Fraktro.

Bauernstände ein besonderes Bauern-Recht noth- wendig.

In erster Linie hätte dieses Bauernrecht der fort- während zunehmenden Verschuldung einen kräftigen Riegel vorzuschieben. Da nun die Verschuldung des Grund und Bodens ihren Hauptgrund in der gleichen Erbtheilung hat, die zur Zersplitterung ober über­mäßigen Belastung führt, so ist seitens ber Sauern- vereine zunächst eine Aufhebung bieseS unheilvollen Erbrechtes zu erstreben und wäre an dessen Stelle daS deutsche Äuerberecht einzusühren.

Ferner haben die volkSwirthschaftlichen Bauern- vereine die wichtige Aufgabe, die Aufhebung der jetzigen SrundverschuldungSweife gleichfalls anzustreben. Anstatt der Hypothekenschulden dürfte daS Gesetz nur eine R-ntenschuld gelten lassen. Nicht Grund unb Boden, sondern nur bissen jährlicher Ernte-Ertrag (Rente) dürste verpfändbar sein, keine Subhastation (gericht­licher Güter-Zwangsverkauf), sondern höchstens eine Sequestration (Beschlagnahme deS Ernte-ReinerttagS) dürfte stattfinden. An Stelle der bis dahin zu Recht bestehenden Hypotheken wüßten ahlwählich abzahlbare Rentenbriefe treten und zwar, falls die Zinsen richtig bezahlt werde», seitens des Staates resp. Gläubigers unkündbar. Das in Amerika so sehr bewährte bäuer­liche Heimstätten-Recht, wonach ein Gut untheilbar ist und dessen Reinertrag nur bis zu einer gewissen Grenze verschulrbar ist, ist auch für Deutschland zu erstreben.

Ueberdieß haben die eigentlichen, also volkSwirth- schastlichen Bauernvereine die fernere hochwichtige Auf­gabe, bezüglich sämmtlicher liberalen, sogen. Freiheits­gesetze, wie z. B. der Freizügigkeit, des Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz, der Wechselfreiheit und dgl., die dm Bauer „frei", ja wohl, frei von feinem Gute machen, durch gemeinsamen Ansturm mittelst Massen- NMmwrn. '■v.

Zu den Aufgaben der Bauernvereine gehört, aus eine gerechtere Steuervertheilung hinznwirkm, da die Landwirthschast bei Weitem höher besteuert ist, als der Handel und das Gewerbe und namentlrch das Kapital. Gerechtigkeit unb gleiches Maß für Alle! DaS unb nicht mehr fo-bern bie deutschen Bauernvereine.

In Beziehung auf das Ausland erstreben d»e Bauernvereine einen wirksamen Schutz gegen dasselbe an, so daß ber beutsche Getreidebau sich wieder lohne und Deutschland statt ein korneinsührmdeS, wider ein kornauSführendes Land werden möge. Sie wollen in dieser Hinsicht eine Gleichberechtigung mit der In­dustrie, welche sich von Anfang an eines kräftigen Schutzzolles gegen das Ausland zu et freuen hatte.

AuS dem Angeführten dürste schon zur Genüge er­hellen, welche hohm Aufgaben die Bauernvereine zu erfüllen haben und wie eS dämm Pflicht aller Bauern ist, in gerannten Ser einen zu einem großen, geordneten Ganzen sich zu sammeln- DieS sordert von einem Jeden schon die Rücksicht auf bie eigene Familie, wegen der genannten Zwecke sowohl, tote auch der vielen andern Vortheile wegen, welche die Bauernvereine ge­währen. DieS fordert auch die Siebe zum eigenen Stand, den zu erhalten urd zu heben sie bezweckm, wie auch die Liebe zu sich selbst, will ja doch der Bauernverein alle feine Mitglieder in sittlicher, geistiger unb wirthschaftlicher Hinsicht heben. Seinen Eintritt in ben Bauernverein forbeit die Liebe ju fernen StanbeSgenossen. „Bauer muß bem Sauer Jelfen; Einet für ben Andern und Alle für einander — mit vereintet Kraft." Endlich ist dies auch eine Pflicht gegen daS Christenthum, daS ihn erst aus einem Sklaven zu entern freien Manne gemacht, ihn als

Mensch" ben Höchsten ber Erde gleichgestellt unb seine arbeit geobeit hat. Gott sei Dank! Der Bauemstanb ist wirklich noch bet Hauptttäger bet christlichen Welt­anschauung, währ» nb bie Städter vielfach dem Un­glauben verfallen sind. ,

Der Name „Bauer" ist daher ein Ehrenname und betagt vielmehr als die Bezeichnung „Oekonom" oder Gutsbisitzer". Die Bereinigungen der deutschen Bauern tragen deshalb mit Stolz den Ramm „Bauernvereine , deren Grundbedingung daS christliche Bekenntnrß ist. Während von allen anbetn Erfordernissen, bie zur Mit­gliedschaft bes Bauemveteins gehören, abgesehen werben kann, ist bas christliche Bekmntniß unerläßlich. Juben unb olle Nichtchristen sinb von ben Bauernvereinen ausgeschlossen. Unmöglich kann Jemand, ber nur em wenig Berständniß von dem christlichen Bauemstanb besitzt, gleichgilttg gegen bie Bauernvereine fern. Der

Dolhwendigkeit der Kaueruvereine.

(Auszug aus der Rede des Herrn Pfarrers Kramm in der Generalversammlung deS Kurhessischen Bauernvereins zu Kirch­hain am 21. v. M.)

Der Bauernstand ist der Mutter- und Nähtstand aller übrigen Stände; auS ihm haben sich entwickelt dex Adelsstand, der Bürger- und Handwerkerstand. Während nun die übrigen Stände schon feit Jahr­zehnten zu gemeinsamem Borgehen sich vereinigt haben, mtbehrm die Bauern leider noch vielfach der nöthigen Organisation. WaS nützt die Hebung der Lrndwirth- schäft, wenn der Bauer selbst, der Träger der Land- wltthschaft, zu Grunde geht, wenn sein Stand nicht erhalten bleibt? Darum erstreckt sich die Aufgabe der wirklichm Bauernvereine viel weiter, als die der bloß landwirthschaftlichen Vereine, welche die technische Ver­vollkommnung zur eigentlichen Aufgabe haben. Was nützt den Bauern die beste Ernte, wmn daS Ausland den Markt derart über fluthet, daß die Preise unter die Produktionskosten herabgedrückt werden? WaS nützt dem Bauern selbst die größte Selbsteinschränkung und der fleißigste Betrieb der Landwirthschast mit Zuhilfe» «ahme aller technischm Mittel, welche die Neuzeit ihm bietet, wenn er trotz alledem auf keinen grünen Zweig kommen kann, sondern im Gegeutheile in Folge ber übermäßigen, ihn fast erdrückendm Lasten unb Ab­gaben seine Sage von Jahr zu Jahr ungünstiger sich sich gestaltet? Saftet j,a doch schon auf dem deutschen Bauernstände bte fast unglaubliche Schuld von z w a n z i g Milliarden (20,000,000,000 Mary mit 1 Milliarde Wrltcher Zinsen. Hierzu kommen noch ungefähr 800 Millionen neue Schulden in jedem Jahre. Wohin muß Grunde^gchen, ^$e ier 1 eftie1 in'^ta^ien,’“feitgianS *uüv Holland bereits zu Grunde gegangen ist? Um den Bauer hiergegen zu schützen, dazu sind nicht vermögend W besten landwirthschaftlichen Maschinen, noch auch die Steigerung der Erträge aui dem Ackerbau und der Viehzucht; hier muß mit viel wirksamem Mitteln eingegriffen werden. In England, dem Musterlande ber Sardwirttschaft, baS uns bisher al» Borbilb in derselben gebient, hat man jahrelang versucht, durch Steigerung ber lanbwirthschaftlichen Erträge den Bauern­stand zu halb n; unb war ist babei herauSg»kommen? Elend ist er zu Grunde gegangen und von der Bild- fläche verschwunden. Hiermit soll freilich nicht gesagt sein, baß bie Bauern bie Pflege ber Sanbtoirthschaft etwa gering schätzen oder gar vernachlässigen dürfen. Rein! auch in ben Bauernvereinen fliegen bie gebratenen Tauben nicht von selbst in ben Mund. Im Gegen- theile, bie Mitglieber müssen bei Sparsamkeit unb Meiß alle neuere Fortschritte anwenben; aber zu glauben, baß durch eine vermehrte Produktion der Bauernstand zu retten sei, daS Würde ein folgenschwerer Jrrthum sein, der zweifellos bei unS, wie in England, ben Bauernstand seinem Untergange entgegen führen würde. Soll der so koloffal jährlich onwachsenden Verschuldung vorgebeugt werben, bann ist ber erste unb einzige Weg, daß die Bauern nicht nur zu landwirth- schastlichen, sondern mehr noch zu volkSwirthschaftlichen, großen Vereinen zusammen treten, um ihren Stand zu erhalten. Der einzelne Bauer geht unter in dem gegenwärtigen Kampse umS Dasein, aber die Hundert- tausende von vereinigten dmtschm Bauern bilden eine Macht, der Nichts widerstehen kann. Daß solche Ver­eine christlichen Charakter tragen müssen, versteht sich von selbst, weil an GotteS Segen Alles gelegen ist; sie dürfen aber um konfessionelle Streitigkeiten und um parteipolitische Fragen sich nicht weiter kümmern, Weil sonst bie Einigkeit im Bauernstände nicht zu erzielen ist. Auch können solche Bauernvereine, welche eine Partei-Politik verfolgen, niemals eine wirkliche allge­meine Bedeutung erlangen.

AIS christliche, volkSwirthschaftliche Bauernvereine haben sie bie spezielle Aufgabe, durch Maffenpetitioum an bie Behörben unb parlamentarischen Körperschaften eine Gesetzgebung herbeizusühren, wie sie zur Natur ber Sanbwirthschaft paßt unb zur Erhaltung des Bauernstandes dient. Wie nicht ein unb baS selbe »leib allen Menschen paßt, so auch dient nicht ein und dasselbe Recht für alle Stände. Jedem Stande gebührt sein eigne- Recht. Wie dem Handelsstande ÄaS Handelsrecht, dem Hani Werker- und Arbeiterstande dar Handwerker- unb Arbeiterrecht, so ist auch bem

— ____ 20. Jahrgang

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