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Samstag, den 8. Juli 1893.

20. Jahrgang

MdilerMZkitW

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechend« Rabatt.

Biertchährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Die Thronrede,

welche gelegentlich des Schlusses des preußischen Land« tags verlesen wurde, hat folgenden Wortlaut:

„Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern öes Landtages!

Am Schlüsse einer langen und arbeitsvollen Tagung und der ersten fünfjährigen Legislaturperiode des Landtages Meiner Monarchie gereicht es mir zur Genugthuung, Ihnen meine An­erkennung für Ihre erfolgreiche Thätigkeit auSzusprechen. Dank Ihrem bereitwilligen und verständnißvollen Zusammenwirken mit Meiner Regierung hat diese Sitzungs- und Legislaturperiode zu Ergebnissen von grundlegender Bedeutung und dauerndem Werthe geführt.

Die dem Vaterlande wiedergewornene Insel Helgoland ist für immer mit der preußischen Monarchie vireimgt.

Die Landgemeindcordnung für die sieben östlichen Provinzen und ihre Einführung in der Provinz Schleswig-Holstein haben für die Landgemeinden dieser Provinzen, die Städteordnung für de» Regierungsbizirk Wiesbaden hat für die Städte dieses Be­zirks die Grundlagen gedeihlicher Entwickelung des kommunalen Lebens geschaffen.

Durch die Ueberweifung der Anstaltspflege für Geisteskranke, Taubstumme und Blinde an größere Verbände ist die Armen­last der Gemeinden erleichtert und die Fürsorge für jene Unglück­lichen verbessert worden.

Die Gesetze über die Errichtung von Rentengütern haben, namentlich in den östlichen Provinzen, in erfreulichem Uiufange auf die Seßhaftmachung der ländlichen Bevölkerung hingewirkt.

Ich begrüße es mit Befriedigung, daß Sie bereit gewesen sind, der Erleichterung der Volksschullasten durch eine weitere Bektragsleistung aus Staatsmitteln und der Verbesserung des Diensteinkommens der Bollsschullehrer durch Erhöhung der Alterszulagen zuzustimmen, auch die Elementarlehrcr von den Beiträgen zur Versorgung ihrer Hinterbliebenen zu entlasten und ihren Waisen eine erhöhte staatliche Fürsorge angedeihen zu lassen. Da? Gesetz, betreffend die Ruhegehaltsklassen der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen Volksschulen, wird die Pen­sionslast der Gemeinden erleichtern und die Ruhegi Haltsabgabe der VolkSschullchrer beseitigen.

Für die Durchführung der Reform des höheren Schulwesens sind die erforderlichen Mittel bereit gestellt, auch ist die Ber- SefferunK des Diensteinkommens der Lehrer an den nichtstaat­lichen höheren Schulen gesichert worden.

Die Ausgestaltung des Staatseisenbahnwesens, die Regelung der Flußläufe, die Herstellung von Kanälen und Hofenanlagen haben weitere Fortschritte gemacht, die der Entwickelung des Verkehrs zugute kommen weiden. Durch das Gesetz über Klein- bahnen ist das Mittel gegeben, auch die bisher von Eisenbahnen noch nicht berührten Gegenden dem Verkehr zu erschließen und den Wettbewerb auf wirthschaftlichcm Gebiet auf alle Theile des Landes auszudehnen.

Vor Allem aber ist es gelungen, das Weil einer grund­legenden Umgestaltung der staatlichen und kommunalen Besteue­rung zu vollbringen. Im Anschluß an die Neuregelung der Einkommen- und Gewerbesteuer befreien die nunmehr beschlossenen Steuerreform-Gesetze den Grund- und Gewerbebesitz von der bis­herigen Doppel-Besteuerung, ergänzen die Einkommensteuer durch eine mäßige stärkere Heranziehung des Besitz - Einkommens im Berhältniß zum Arbeits-Einkommen, unter ausgiebiger Berück­sichtigung der Minderbemittelten und der persönlichen m d Fami- lien-Verhältniffe der Steuerpflichtigen und vertheilen die öffent­lichen Lasten lediglich nach Maßgabe der Steuerkraft; sie gewäh­ren den Gemeinden ihrer wirthschaftlichen Natur entsprechende, ergiebige und sichere Steuerquellen.

Der in Folge der Steuerreform eintretenden Verschiebung in der Abstufung des Wahlrechts trägt das Gesetz über die Ab­änderung des Wahlverfahrens Rechnung. Ich hoffe zuversichtlich, daß die Neuordnung des staatlichen und kommunalen Steuer­wesens dem Haushalte des Stm tes und seiner Glieder gleich­mäßig zu Gute kommen und daß diese von dem Streben nach auSgleichender Gerechtigkeit geleibten Reformen Meinem Volke i zum dauernden Segen gereichen werden.

Ihnen aber, geehrte Herren, sage Ich Meinen Königlichen Dank für Ihre einsichtsvolle und hingebende Mitwirkung bei diesem bedeutsamen Werke.

Der Rechnungs-Abschluß des vergangenen Jahres hat sich günstiger gestaltet, als zu erwarten war. Ich gebe Mich der Hoffnung rin, daß auch im laufenden Jahre der im Veranschlage des Staatshaushalts vorgesehene Fehlbetrag bei andauernder sparsamer Verwaltung die veranschlagte Höhe nicht erreichen wird.

Zu Meinem Bedauern haben umfangreiche Landestheile, namentlich im Westen der Monarchie, in Folge anhaltender Dürre an Streu- und Futtermangel zu leiden. Meine Regierung hat ohne Verzug Anordnungen zur Abhilfe getroffen und vertraut auf die kräftige Mitwirkung der kommunalen Verbände. ES wird auch ferner ein Gegenstand Meiner Landesväterlichen Fürsorge sein, der Landwirthschaft bei diesen und anderen Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hat, zu Hilfe zu kommen. Nicht Alles hat zum Abschluß gebracht werden können, was in der zu Ende gehenden Legislatur-Periode geplant und erstrebt wurde, aber derRückblick auf ihre Ergebnisse ist sowohl um dieser selbst willen als insbesondere auch deshalb ein erfreulicher, weil das Erreichte auf dem patriotischen Geiste beruht, dem das Wohl des Vater­landes das höchste Ziel ist. Ich schöpfe daraus die Zuversicht, daß es auch in Zukunft gelingen werde, den Aufgaben gerecht zu werden, welche in immer steigendem Maße hervortreten, daß der Kampf der Meinungen und Interessen nur in jenem Geiste geführt und der Friede im Lande gemehrt werde: das walte Gott!"

Deutsches Keich.

Berlin, 6. Juli.

* Der preußische Landtag hat nun seine 5 Jahre abgedient. Sein Hauptwerk sind die Steuer« gesetze. Herr M'qml hat Glück. Wohl nie hat ein Minister eine so umfassende und einschneidende Gesetzgebung so glatt dmchgevracht. In der abgelaufe­nen Session sind drei umfangreiche Gesetzentwürfe, die bei ihrem Bekanntwerden zu Theil lebhaftem Wieder« stand begegneten, nahezu spielend in den Hafen gebracht worden. Unzweifelhaft verdanken sie dar in erster Linie der gründlichen Sachkenntniß und parlamenta­rischen Gewandtheit des Finanz Ministers. Aber sie boten euch einer im Landtage stark vertretenen Klaff? recht greifbare Vorth ei le. Die Aufhebung der staatlichen Grund« und Gebäudesteuer entsprach so sehr ihren V ünschen, daß dafür auch noch Unange« nekm reS als die Vermögfvssteuer mit in Kauf ge« rommen wäre. ZrM diiiien ist die Erledigung 5er drei g'vßen Gesetze, w'e Herr M'qael zum Schluß noch anerkennen mußte, der eifrigen und entgegen­kommenden Arbeit der CentrumS zu verdanken. Hätte das Crrtrum sich weniger willig gezeigt, <s wäre ihm ein Leichter gewesen, den Abschluß der Steuer- re form bedeutend zu erschweren; und wenn eS weniger ehrlich gewesen wäre, so hätte eS sie sogar ganz ver­eiteln können. Seine Ehrlichkeit ist ihm schlecht ge- lohrt worden. Die Konservativen haken eS 6(trogen, indem sie die Abmachungen bezüglich des Wahlgesetzes brachen, und die Regierung hat ihren Segen dazu ge­geben. Alle drei jetzt beschlossenen Gesetze sind von Eirfluß ans da? Wahlrecht, da nicht allein die Ein­kommensteuer, sondern auch die Kowmunalstcuer und selbst die gar nicht bezahlte Grund- und Gebäude- steuer bei der AbtheilrmgSbildung mitzählen. Von Anfang an haben deshalb auch alle Parteien ihre

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(58. Fortfetzung.)

Johanna verließ jetzt ebenfalls ihren Platz und eilte ihm nach.

„Sie erlauben H-rr Pfarrer/ begann sie mit vor Erregung zitternder Stimme. Der Geistliche bl'ckte 'sie verwundert an.

„Was wünschen Sie?" f-ug er alsdann.

„Ich wollte Sie sprechen."

„Sie sind nicht aus di>sim Orte, w'e eS scheint."

„Rein, ich bin eine Fremde und komme von Paris in der Absicht, mit Ihnen zu sprechen. Ich wer zu- erst int PfarrHause, dort hat man mich hierhingeschickt."

„Gut, folgen Sie m'r gütigst in die Sakristei," sagte der Pfarrer alsdann, „dort können wir ung, stört mit einander sprechen."

Beide begaben sich sitzt in die Sakristei.

„Ich bin von Jemand beauftragt worden," hob Johanna an, „Sie um Auskunft über einen gewissen Punkt zu bitten."

„Auskur ft!" wiederholte der Geistliche. „Und über welchen Punkt?"

„Bezüglich Ihres Herrn AmtSvorgängerS, welcher -hier im Jahre 1861 angestellt war."

„Ah, Sie meinen den würdigen Pfarrer Langier,

nicht wahr? ES ist deijenige, an dessen Stelle ich ge­treten bin. Er ist während deS Krieges gestorben; ich befinde mich hier seit 1871. Sie kennen ihn?"

„Sehr wenig, ich hatte indeß die Ehre, ihn wäh­rend seiner letzten Lebensjahre einige Male zu sehen. Hatte er nicht eine Schwester."

„Ja, sie starb einige Zeit vor ihm."

„Und hat diese seine Schwester nicht ein Kind bei sich aufgezogen?"

„Ja, thr Kind, wie man mir gesagt hat."

„Mein Kind!" dachte Johanna zitternd bei sich. Sie fügte ganz laut bei, während sie sich bemühte, ihre Beklemmung möglichst zu verbergen:

„Wissen Sie, was aus diesem Kinde geworden ist? Um dies zu erfahren, bin ich nach Cheoiy gekommen, und wollte sie eben deshalb fragen."

„In diesim Punkte", erwiderte der Pfarrer kopf­schüttelnd, „kann ich Ihnen nur ganz unbest mmte Angaben machen. AIS ich von der Pfarrei Besitz er­griff, habe ich erzählen hören, daß ter Sohn der Schwester des Pfarrers Langier hier gewesen ist, um der Beerdigung seines OheimS beizuwohnen, und daß er alsdann wiederum mit einem Freunde des Verstorbenen nach Paris zurückgereist ist. Mehr weiß ich nicht."

„Können Sie mir wenigstens nicht den Namen deS Freundes Ihre- Vorgängers nennen?"

Stellungnahme zu den Steuergesetzen von der Ge­staltung des Wahlrechtes abhängig gemacht. Die Kon­servativen wagten auch nicht eher ihre Abmachung« mit dem Centrum zu brechen, als sie sich mit bett Nationallideralen über die Steuergesetze verständigt hatten. Zur Unehre gereicht es dem Centrum nicht, für fein Vertrauen zur Regierung und den Parteien betrogen worden zu sein, aber daß eS einen Fehler gemacht, indem eS nicht mißtrauischer war und dar Wahlgesetz früher sicherte, bevor die Steuergesetz? über alle Fährlichkeiten hinweg waren, soll nicht destritm werden. Also in Zukunft etwas wehr Mißtrauen nach rechts und links wie auch nach oben!

* Der.Reichanzeiger' veröffentlicht die kaiserliche Verordnung, durch welche die Ausfuhr von He«, frischen und getrocknete« Futterkräuter», Stroh «ud Häcksel über sämmtliche Grenzen gegen das Aus­land bis auf Weiteres verboten wird. Der Reichs­kanzler ist ermächtigt, Ausnahmen von diesem Verbot zu gestdtten und etwa erforderliche Contremaßregeln z« tri ff en. Die Verordnung ist am Tage ihrer Ver­kündigung (Mittwoch) in Kraft getreten.

* DaS Centrum beschloß, die sozialpolitischen An­träge wieder einzubringen (die Abänderung der Kon- kurSordnung, den Gesetzentwurf betr. den Hausirhan- bei usw)

* Die Ossiziere unb Aerzte der kaiserlichen Schutz­truppe für Deutsch-Ostafrika waren Enbe Mai b. I. wie folgt vertheilt: Dar-eS-Salaam: Oberführer Freiherr von Manteuffel; Koupagnieführer Poblech, Scherer; Lieutenants: Freiherr v. Schrerck, Mergler, Richter, Freiherr v. Dobenrck, Kielrmyer, Böhmer, Bennecke, Fonk, v. Grawert, Hslliersch; Aerzte: Dr. Becker, Dr. Wiebenmann, Dr. Mankiewitz. Bagsmoyo: Konpagnieführer Leue; Arzt: Dr. Strubel; Tanga: Lieutenant Berthold; Arzt: Dr. Arning. Kilwa: Kompagnie führer v. Eberstein. Lindi: Kowpaznieführer v. ElponS; Lieutenant Eberharbt; Arzt: Dr. Wagner. Am Kilimanbjaro (Marangu unb Kifuani) Kompagnie- führer Johannes; Lieutenant KStzle; Arzt: Dr. Brehme. Mcsinde: Lieutenant Ax. Tabora: Arzt Dr. Schwe­singer; Lieutenant v. Bothmer. Bukoba: Kompagnir- sührer Herrmann. Kiakki: Konpagnieführer Ramscy; Lieutenant Nauck; Arzt: Dr. Kamki. Kilosa: Lieute­nant Fließbach; Arzt Dr. Wasserfall. Mpwawa: Lieutenant Storch. Abkommaudirt sind die Kompagnie- führer Fischer (Berlin), v. Perbanot (zur Sudanesen« Anwerbung), Prirce (nach dem Nyaffa)! Arzt Dr. Gaertner (zur Sudanesenanwerbung).

* München, 6. Juli. Bei" den Landtags- Wahlen hat in den UnteifränkescheyLandbezirken und Bad Kissingen das Centrum die Mehrheit behalten. In Schweinfurt und K'hingen siegten die Gegner. In Kempten (Allgäu) siegte die Liberalen mit 143 Stimme« gegen das Centrum mit 103 Stimmen.

* Ein merkwürdiger Polizeipräsident ist offenbar Herr F eich ter, der Polizeipräsident von Straß« bürg i. Els. Dort ist der kathol. Verein „Fedelta" aufgelöst worden, weil er sich angeblich Wahlumtriebe

„Ich habe ihn niemals nennen gehört. . ." „Kannte der Bürgermeister ihn vielleicht?"

„Vor sieben und zwanzig Jahren war der Bürger­meister noch im Kollege."

„Aber der alte Bürgermeister von 1861."

„Ist bereits lange Tod und hat fchon zwei Nach­folger gehabt."

„Und die Magd des Herrn Pfarrers Langier?"

„Ist fchon vor dem Pfarrer und feiner Schwester

gestorben."

„Diese Schwester war Wittwe, nicht wahr".

„3a." '

„Wie hüß ihr Gatte?"

„Ich weiß nicht, ob ich den Namen gewußt habe; jedenfalls aber hake ich ihn vergiffen."

„Sie ist hier in Cheory gestorben?"

„Ich glaube wohl."

„Dann müßte sich ja ihr Name in dem Register der Pfarrkirche und der Bürgermeisterei finden?"

„So war eS auch jedenfalls, aber durch den Krieg ist alles zerstört worden. ES haben hier öfierS Kärrpfe stattgefunden, die Bürgermeisterei und drei Viertel bei Dorfis find in Flammen aufgegangen unb ine Kirchen­register sinb in bet allgemeinen Verwirrung verbrannt worben obrr verloren gegangen."

„Also", murmelte Johanna dumpf vor sich hin, „also werde ich wahrscheinlich nichts erfahren können!"