Donnerstag, den 6. Juli 1893.
20. Jahrgang
JM 151
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Der Reichstag
ist heute Mittag nach vorauSgegangenem Gottesdienst in der St. Hedwigs-Kirche und der Schloß-Kcpelle durch den Kaiser eröffnet worden. Im Weißen Saale des ResidenzschloffeS waren etwa 250 bis 300 Abge- ordnete anwesend. Der Kaiser trug die Uniform der Garde du CorpS. Die hier anwesenden Prinzen und die Tröger der höheren Hof-, Reichs- und Staatsämter, sowie die Generalität stellten sich auf der einen Seite der Thrones auf, während die Mitglieder des Bundesraths mit dem Reichskanzler Graf Caprivi auf der anderen Seite Ausstellung genommen hatten. Gegenüber dem Throne war eine Kompagnie Schloß oldaten in der historischen Frieders cianischen Tracht postirt. Nachdem kurz rach 12 Uhr der Kaiser vom Reichskanzler benachrichtigt war, daß der Reichstag versammelt sei, trat Se. Majestät in dem bekannten feierlichen Aufzuge in den Weißen Saal ein, mit einem dreimaligen Hoch begrüßt, welches der Altersp-äsident des Reichstages Abg. Dieden (Trier, Centr.) ausbrachte. Der Kaiser nahm vor dem Throne Platz, bedeckte sein Haupt mit dem Adlerhelm, ließ sich dann die Thronrede vom Reichskanzler reichen und verlas dieselbe mit kräftiger Stimme und energischer Betonung. Die Thronrede lautet:
Geehrte Herren!
Nachdem Sie zu gemeinsamer Arbeit mit den verbündeten Regierungen berufen worden sind, ist es Mir Bedürfniß, Sie beim Eintritt in Ihre Berathungen zu begrüßen und willkommen zu heißen.
Der dem vorigen Reichstage vorgelegte EntwuHj eines Gesetzes über die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres, durch welchen eine stärkere Ausnutzung unserer Wehrkraft ermöglicht werden sollte, hat zu Meinem Bedauern die Zustimmung der Volksvertretung nicht gefunden. Die von Meinen hohen Verbündeten einmüthig getheilte Ueberzeugung, daß das Reich gegenüber der Entwickelung der militärischen Einrichtungen anderer Mächte auf eine seine Sicherheit und seine Zukunft verbürgende Fortbildung unseres Heerwesens nicht länger verzichten dürfe, mußte zu dem Entschluß führen, den Reichstag aufzulösen und durch die Anordnung von Neuwahlen das für nothwendig erkannte Ziel zu verfolgen.
Seit der Vorlage jenes Gesetzentwurfs hat die politische Lage Europas keine Aenderung erfahren. Tie Beziehungen des Reiches zu den auswärtigen Staaten sind zu Meiner großen Befriedigung nach wie vor durchaus freundlich und frei von jeder Trübung. Das Berhältniß der organisirtcn militärischen Kraft Deutschlands zu derjenigen unserer Nachbarn hat sich iudrssen noch ungünstiger gestaltet als im verflossenen Jahre. Wennschon seine geographische Lage und seine geschichtliche Entwickelung Deutschland die Pflicht auferlegt, auf den Bestand eines verhältnißmäßig großen Heeres Bedacht zu nehmen, so wird die weitere Ausbildung unserer Wehrkraft mit Rücksicht auf die Fortschritte des Auslandes zu einer zwingendenNothwendigkeit. Um den Mir verfassungsmäßig obliegenden Pflichten genügen zu können, erachte Ich es für unumgänglich, daß mit allen zu Gebote stehenden Mitteln auf die Herstellung einer ausreichenden und wirksamen Vertheidigung der vaterländischen Erde hingewirkt wird,
Es Wied Ihnen deshalb unverzüglich ein neuer Gesetzentwurf über die Friedenspräsenzstärke des Heeres vorgelegt werden. Darin sind die bei der Beratdung des früheren Entwurfs laut gewordenen Wünsche, soweit dies augänglich erschien, berücksichtigt und demgemäß die Anforderungen an die persönliche Leistungsfähigkeit und an die Steuerkraft der Volkes, soweit dies ohne Gefährdung des Zweckes geschehen konnte, herabgemindert.
Das Interesse des Reiches erheischt es, zumal im Hinblick auf den im nächsten Frühjahr bevorsfthenden Ablauf des Sep- tennats, daß der Gesetzentwurf mit thunlichster Beschleunigung verabschiedet wird, damit die diesjährige Rekruten - Einstellung ichon auf der neuen Grundlage vorgenommen werden kann. Eine Bersäumniß des Termins dieser Einstellung würde sich auf mehr als zwei Jahrzehnte zum Nachtheil unserer Wehrkraft fühlbar machen. Um es Ihnen zu ermöglichen, Ihre Arbeitskraft un- gethcilt der Berathung der Vorlage zuzuw nden, werden die verbündeten Regierungen davon absehen, die Session mit anderen umfassenden Vorlagen zu beschweren.
Wenngleich bei Mir und bei Meinen hohen Verbündeten die Ueberzeugung fortbesteht, daß die durch die Neugestaltung unserer Heeres-Einrichtungen b dingten Mittel zweckmäßig und ohne Ueberlastung auf dem Wege beschafft werden können, welcher in den im Bet floffenen Herbst vorgelegten Steuergesetzentwürfen in Vorschlag gebracht war, so bildet doch die Deckungs-Frage den Gegenstand fortgesetzter Erwägungen. Ich gebe Mich der Erwartung hin, daß Ihnen beim Beginn der nächsten Winter-Session Vorlagen zugehen werden, in welchen der Grundsatz, daß die Bereitstellung jener Mittel nach Maßgabe der Leistungsfähigkeit und unter thwlichster Schonung der Steuerkraft erfolgen muß, noch vollständiger als in jenen Vorlagen zum Ausdruck gelangt. Bis zum Ablauf des gegenwärtigen Etats-Jahres werden für die Deckung des Mehrbedarfs die Matrikular - Beiträge heravzuziehen sein.
Geehrte Herren I Unter schweren Opfern ist es gelungen, die deutschen Stämme durch ein festes Band zu einigen. Die Nation ehrt Diejenigen, welche für dieses Weik Gut und Blut eingesetzt und das Bäte-land einem politischen und wirthschaft- licfcen Aufschwung zugeführt haben, welcher, wie er den Zeitgenoffen zum Stolz und zur Fieude gereicht, den nachkommenden Geschlechtern, wenn sie im Geiste der Väter weiter bauen, des Reiches Größe und Glück verbürgt. Die glorreichen Errungenschaften zu wahren, mit denen Gott uns in dem Kampfe um unsere Unabbängigkeit gesegnet hat, ist unsere heiligste Pflicht. Solcher Pflicht gegen das Vaterland werden wir aber nur dann genügen, wenn wir uns stark und wehrhaft genug machen, um ein zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens bleiben zu können. Ich vertraue, daß Mir und Meinen hohen Verbündeten Ihre patriotische und opfe-bereite Unterstützung bei der Verfolgung dieses Zieles nicht fehlen wird!
Die letzten Sötzt sprach der Kaiser mit gehobener Stimme und mit besondere-- Betonung Rar einmal ertönte gegen Ende der V rlesung ein Bravoruf. Nach dir Verlesung der gedreckten Thronrede sprach der Kaiser noch folgende Worte: „Nun, meine Herren, gehen Sie hin! Unser alter Golt si>ht aus Ihre Arbeiten, er gebe Ihnen seinen Segen! Amen."
Dann brvchie der boysrische Bundes bevollmächtigte Graf Lerchenfeld-Köfering das Hoch auf den Kaiser aus, in welches die Versammlung lebhaft einstimmte. Der Ka ser verneigte sich huldvollst gegen die Anwesenden und verließ dann, nach allen Seiten grüßend, den Weißen Saal. Die Abgeordneten begaben sich in den Reichstag.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Juli.
* Zur Eröffnungssitzung des Reichstags ist daS Haus voll besetzt. Abg. Dieben (Centrum) eröffnet als AlierS P ästdent die Sitzung und beruft die Abgg. Frhr. v. Buel ((Str.), Merbach (Rp), Kropatschek (kons.) und Pilschel (natl.) zu S-brififührern. Hierauf wird
die Präsenz durch Namensaufruf festgestellt und beginnt mit dem Buchstaben A. Ahl warbt ist der zuerst Aufgerufene, was große Heiterkeit erregt. Bon den Ni Ugewählten sind u. A. anwesend: Graf Herbert Bismarck, Prinz v. Hohenlohe-Oehringen, Kommerzienrath Krupp, Graf Limburg-Stirum. Der Namensaufruf ergibt die Anwesenheit von 293 Abgeordneten; dar Haus ist somit beschlußfähig. Eingegangen: Gesetzentwurf betr. die FriedenSpräsenzstärke des deutschen Heeres, Berzeichniß des dem Reiche gehörigen Grundbesitzes (die Militärvorlage wird heute vertheilt). Morgen 11 Uhr: Wahl der Präsidenten und Schriftführer.!^
* Im Herrenhause, welches Rechnungssachen und Petitionen erledigte, verlas Ministerpräsident Graf Eulenburg die allerhöchste Botschaft, mittelst welcher der Schluß der Landtagssession auf morgen festgesetzt wird. Eine längere Debatte veranlaßten die Petitionen für und wieder die Staffeltarife. Schließlich wurde über die Petitionen zur Tagesordnung übergegangen. Die Petition des Kaufmann Paasch wegen seines Prozesses wurde von der Tagesordnung abgesetzt. Schließlich wurde die Sitzung, als die letzte der Session, mit einem 3fachen Hoch auf den Kaiser und König jge- schloffen.
* Im Abgeordnetenhause antwortete Kultusminister Dr. Bosse auf die Interpellation des Grafen Douglas, welche Maßregeln die Regierung gegenüber der Choleragefahr zu ergreifen gedenke, daß im Wesentlichen die im Vmjahre ergriffenen Maßregeln unter Benutzung der damit gemachten reichen Erfahrungen in Anwendung kommen werden, aber unter möglichst geringer Beschränkung des Verkehrs. Gegenwärtig verfüge die Regierung über eine bessere Organisation, besser ausgebildetes Personal und mehr Stationen. Die Stromläufe, die Wasserversorgung und die Ablaufver- hältniffe würden sorgsam überwacht. Es sei Alles geschehen, was geschehen konnte. Der vielfach geforderten Medizinalreform ständen Vielsache, namentlich auch finanzielle Schwierigkeiten entgegen, doch werde dieselbe nach Kräften vorbereitet. Abg. Dr. Graf (ntl.) plädirte für ein Reichsseuchengesetz und eine Medizinal- reform, v. PilgrimM (frk) für eine Besserung der Medizinalbeamten, Abg. Virchow (frs.) für Feuerbestattung in Epidemiezeiten. — Dann wurde die Be« rsthung des Antrags v. Loö ((Str.) auf korporative Organisation des Berufsstandes der Landwirthe fortgesetzt und Einführung eines Agrarrechts fortgesetzt und der Antrag schließlich angenommen. Morgen: Petitionen.
* Die Centrumsfraktion des Abgeordnetenhauses vereinigte sich gestern Nachmittag nach Schluß der Sitzung des Abgeordnetenhauses zu einem gemeinsamen Fraktionsdiner im „Kaiserpavillon" am Wannsee.
* Finanzminister Dr. Miquel erhielt das Großkreuz des Rothen Adlers mit der Krone.
* Die Kaiserin Friedrich kehrt Ende ds. MtS. aus Athen nach Deutschland zurück und nimmt im Schlosse zu Homburg Wohnung, wo sie Anfang August
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(56. Fortjetzung.)
Frischen Muth in diesem Gedanken chöpfend, eilte sie also rasch auf die Stadt zu und be and siH bald mitten in einem Gewirre von engen, düstere» Gassen, deren Läden mit wenigen Ausnahmen um diese frühe Morgenstunde noch geschlossen waren.
Johanna hatte sich begreiflicher Weise bereits seit langer Zeit einen genauen Plan entworfen, welchen sie, falls sie ihre Freiheit wiedergewinnen würde befolgen wollte.
Nachdem sie etwa eine Viertelstunde planlos einhergegangen war, bliebt sie stehen und blickte um sich.
Eine Frau mit einer Milchkanne in der Hand kam auf sie zu und sagte.-
„Sie wollen gewiß zum Bahnhof, Schwester, wie es scheint?"
„Ja, gewiß!" antwortete Johanna hastig.
„Dann gehen Sie nur gerade aus, in drei Minuten werden Sie dort sein."
„Ich danke Ihnen, liebe Frau".
„Keine Ursache, Schw-ster."
Johanna setzte ihren eiligen Weg fort.
In der Mitte der Straße, welche sie eben durchschritt, öffnete sich eben ein Laden.
Es war eine Handlung in Weißwaaren und Kon-
fektwnr artlketn, die sie drinnen beim Scheine zweier Gasflammen durch die Scheiben bemerken konnte.
Johanna trat ein.
Die Frau war drinnen damit beschäftigt, die Maaren im Schaufenster und in den Gestellen zu ordnen.
„Was gefällig, Schwester?" frug sie, als sie die Eintretende bemerkte.
„Ich wünschte einen vollständigen warmen Anzug für eine arme Frau welche ich besuchen will," antwortete Johanna Portier, „sie ist ungefähr von meiner Größe."
„Ich will Ihnen etwas vorlegen, was Ihnen sicher gefallen wird, Schwester."
Die Frau langte alsdann aus dem hinter ihr befindlichen Gestell eme Menge Sachen hervor, welche sie auf den Ladentisch nieoeriegte,
„Da ist ein Unterrock in eisengrauem Molleton, es ist das Wärmste, war man hat," sagte sie.
„Die Farbe gefällt mir, ich will also den Rock nehmen."
„Dann wollen sie gewiß ein einfaches Kattunkleid in dunkler Farbe?"
„Ja, geben sie es mir. Auch noch eine Mütze."
In wenigen Minuten hatte Johanna alle diese Einkäufe besorgt, nahm dazu noch ein großes Fichu von Wolle, ließ sich das Ganze in ein Stück Serge ein» packen und bezahlte."
„Sie haben er gewiß eilig," meinte die Frau, als
sie Johanna zurückgab. „Vielleicht wollen sie noch den Zag benutzen; er kommt hier erst gegen sieben Uhr drei und vierzig Minuten an."
Dann setzte sie hinzu, indem sie einen Augenblick auf die im Laden hängende Uhr warf:
„Sie haben noch eine Viertelstunde Zeit."
Johanna dachte inzwischen, daß es das Gerathenste sei, die Frau über ihre Absichten im Ungewissen zu lassen.
Sie antwortete also:
„Ich habe es allerdings etwas eilig, weil ich befürchten must, zu spät in den Gottesdienst zu kommen, aber ich will nicht aus der Stadt heraus.
Damit nahm sie ihr Packet und das Kleingeld und entfernte sich.
„Noch eine Viertelstunde," dachte sie draußen bn sich. „Und es beginnt bereits Tag zu werden. Ich möchte mich gerne umkleiden — aber wo ?
Während sie unschlüssig weiter gmg, sah sie Plötz- lich eine offenstehende Thüre, hinter der selben einen dunklen Flur. Sie eilte darauf zu und blickte hrnern.
Ganz hinten in dem Flur konnte man soeben noch in dec Dunkelheit die ersten Stufen einer Treppe ernennen.
In dem ober« Theile des Hauses schien sich Alles in tiefster Ruhe zu befinden.
Rasch nahm die Flüchtige die Kopfbedeckung ab und» rollte sie zusammen, dann entledigte sie sich rasch der Taille und des UnterrockeS, zog im Nu das vor-