20. Jahrgang
Donnerstag, den 5. Juli 1893.
JV 150
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* Der Verfall des Liberalismus.
Anläßlich der deutschen ReichStagSwahlm bringt der »Offrevstore Romano' nachstehenden Artikel von allgemeiner Tragweue: „Bei den jüngsten dentschen Wahlen tritt ein Umstand zu Tage, der selbst, wenn die andern Schwierigkeiten ein Lösung fänden, zweifelsohne einen entscheidenden Einfluß auf die Zukunft nicht nur Deutschlands, sondern ganz Europa- auSüben wird. Wir meinen die vernichtende Niederlage all jener ölten liberalen Parteien, die während einer so langen Reihe von Jahren Europa beherrscht und nach Willkür in fast allen Staaten gewirthschaftet haben. Der liberale und freimaurerische Doktrinarismus in all' seinen politischen oder wirthschastlichen Formen und unter allen Namen, die er anzunehmen für gut fand, ist endgiltig m Deutschland zusammengestürzt, wie er schon vorher auf unrettbare Art in Belgien dem Untergänge verfallen war, und wie er in Frankreich einem vollständigen Ostrazismus entgegengeht, dm selbst seine entschiedensten Anhänger nicht mehr in Abrede zu stellm wagen. Diese unselige politische Partei, die alle Grund- lagen deS ösfentlichm und deS Privatrechter, sowie der durch Sewaltthätigkeit und Betrug eroberten politischen Gewalt umstürzte, die niemals beit Bortheil der Staaten und der Völker, sondern nur die ausschließliche Befriedigung ihrer eigenen Interessen erstrebte, ist untre der Last allgemeiner Mißachtung zusammengestürzt. Die nme Orimtirung, welche die öffentliche Meinung der Politik anweist, ist gewiß nicht in jeder Hinsicht tadellos, und es werdm viele Schwierigkeit« entstehen, die man nur bei großer Klugheit überwinden können wird. Ein bedeutender Schritt nach Vorwärts wird eventual aber sein, wenn die Regierungen endlich entschlossen sein «reden, eine in dm Augen jeder unparteiischen Mannes schon längst feststehende Wahrheit in loyaler Weise anzuerkmnm: die Thatsache nämlich, daß die aus'S Tiefste entiäuschtm BolkSmasien die „liberal«" Systeme verabfcheum, um deretwillen sie so viel leiben mußten nnb welche nicht nur in ihren materiellen Interessen, soudren auch in ihren Gefühlen unb Ge- wissmSangelegmheiten unerträgliche Verwirrung angerichtet haben.
Der Versuch beinahe eine- ganz« JahrhunbertS hat bie Konsequenzen beS anmaßenden despotischen Liberalismus, der von Frankreich aus fast alle poli- tischen Körperschaft« m» seinem Giftsaste verseucht hat, handgreiflich bargelegt. Die Früchte, bie bre Staat untre bre Mark« einer falschen Freiheit und eines lügenhaft«, bürgerliche» Fortschrittes eingesammelt hat, sinb bie Schwächung beS religiösm PnnzipeS, des wahrm unb aufrichtigm Patriotismus, bie Beschimpfung nationalen Ruhmes unb nationaler Trabitionm, die Verderbtheit der Sitten, bie Verdunkelung der Intelligenzen, der materielle und wirthschaflliche Ruin bre blühmbsten Staaten. Unb all daS, bannt bie schlechtesten Elemente bre Gesellschaft, Leute, bie patriotische Kundgebungen gewerbsmäßig betreiben und von Speku- lationen leben, damit solche Elemente Zett und Muße fändm, sich mit dem Vermögen der anSgesogmen und
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(55. Fortsetzung.)
„Wie hat er dich empfangen?"
„Sehr liebmrwürdig; er hat meta« nicht vergessen."
„Er hat dich zum Mahl zurückbehaltm?"
„Ja, ich komme eben von ihm."
„Er hat dir versprochm, dir eine Beschäftigung zu suchen?"
„Gewiß, und er wird auch sicher Wort halten?"
„Für bald?"
„Bmnen einem Monate werde ich ohne Zweifel eine Stelle als Direktor bei einem unermeßlich reichen Industriellen erhalten, welcher in bre Nähe bet Stabt ' eine große Fabrik erbauen läßt und meinem Freunde i Darier keine Bitte abschlagm kann."
„Ah," rief Lucie aus, „hatte ich ei nicht gesagt! Ran, du hast deine Zeit nicht verloren, unb e8 rhut jetzt nichts, daß du fast um Mitternacht erst heimze- kehrt bist. Jetzt bedürfen wir Beide der Ruhr unb übrigen- dürfen wir den Nachbarn keinen Anlaß zum ; Nachreden geben."
„Du hast Recht! Guten Abmd und gute Nacht schlaf ein unb bmk an mich."
zu Grunde gerichtetm Völker zu bereitem. DaS Er- gebniß der Wahlen in Deutschland ist dämm nach übereinstimmendem Urtheile der hervorragendsten Publizisten keineswegs eine nur vorübergehmde oder oberflächliche Krisis. Ihre wahre Bedeutung besteht, angesichts der auch in den anderen Staaten stattfindenden, allgemeinen Bewegung, in bet von ihnen ausgehenden Uebrezeugung, daß dar Gebäude des unseligen Dokttina- riSmuS zusammengestürzt ist und daß es absolut noth- wendig sein wird, die soziale Organisation auf besietm und solideren Grundlagen wieder aufzubaum."
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Juli.
* Zur Haltung der Polnischen ReichStagS- fraktion wird der hiesigen.Börsm-Zeitung' Folgendes von Posen telegcaphirt: „DaS tonangebende Blatt ,Dziennik PoznanSki', welche; mit der polnischen Reichs- tagSfraktion nahe Beziehungen unterhält, hebt in einem längeren Artikel hervor, daß die Entscheidung über die Milttärvorlage in dm Händen der Fraktion liege. DaS bisherige Eintreten polnischer Abgeordneten für bie Militärvorlage präjudizire keineswegs beten dernnächstige Abstimmung. Die biSherigm Abgeord- neten seien wiedergewählt, nicht weil sie, sondern trotzdem sie für dir Militärvorlage gestimmt habm. ,Dziennik' gibt zu verstehen, daß bie Abstimmung bre Fraktion zu Gunsten oer Vorlage von nationale« Zu- geständniss« bre Staatsregierung an bie Polen ab« hängen werbe." Wir sinb auf bie Entwicklung bet Dinge nun doppelt gefpannt, fügt bie Redaktion bet ,Börf«zeitung' bei.
* Die ,Rordd. Allg. Ztg,' vernimmt, bie neue Militärvorlage weiche von dem Antrag Hume nur in ganz untergeordneten Punkten ab. ES sollen anstatt 24 nur 23 Pionier - Bataillone formttt werben, bie übrigen Amberungen feien lebiglich rebaktionellre Natur.
* Die Verordnung betrtffenb das Verbot der Ausfuhr vo» Streu- und Futtermittel« wurde hmte vom BundeSrath genehmigt; sie tritt sofort in Kraft.
* Das Abgeordnetenhaus nahm dar Gesetz über die Rahegehaltrkaffm der BolkSschullehrer in 3. Lesung mdgllttg an, ebmso daS Kommunalabgabmges« tz mit dm vom Herrmhause beschlofsmm Abänderungen und eine Resolutton, worin dieRegierung aufgefordert wird, womöglich in der nächst« Session dem Landtage eivm Gcsetzmtwurf votzulegm, welcher die staatliche und kommunale Besteuerung bre Akümgesellschastm u. s. w. untre chunlichstre Berrneibung jeder Doppelbesteuerung neu regelt. Rach Erledigung deS Kommunalabgaben- gefetzeS verlas Ministerpräsidmt Graf Eulenburg nachstehende allerhöchste Botschaft, welche da» Hau- stehend anhörte: „Wtt Wilhelm, von Gotte-Gnaden König von Prmßen, thun kund und fügen hiermit zu wissen, daß wir beabsichtigen, gemäß Art. 77 der Bre- fassungSntkunde vom 31. Januar 1850, die gegenwärtige Session der beiden Häuser deS Landtaa» der Monarchie am 5. b. M. zu schließe«. Wir fordern demnach die beiden Häuser de- Landtag? hierdurch auf,
„Ich verspreche e- dir. Gute Rächt, lieber Freund."
„Bis morgm also."
„Gut."
Damit schieden sie von einander, in dem Gedanken, daß sie, wofem die Zukunft ihr Bersprechm hielte, sich bald nicht mehr trmnen würden.
57.
Georg Darier war, wie wir breettS bemerkt habe«, war man zu «mnm pflegt, eine gute Seele.
Die Lage LuciauS, welchem re auftichtig zugethon war, ging ihm sehr zu Herzen.
Da er seine Kmntmsie und feine Einsicht sowie sei« gerades, offmeS Wesen sehr wohl kannte, so war er der Meinung, doß eS sozusagm ein Verbrechen sein würde, einen so brauchbaren Menschen in einer derartigen Lage, die thalsächlich großer Armuth gleichkam, zu belasie«.
Die Erzählung von dem tragischen Tode Julius Labrone's hatte ihn noch mehr in seinem Vorhaben, dem Sohne deS ermordeten JngmimrS gefällig zu fein, bestärkt.
Frühzeitig begab ec sich deshalb am folgend« Tage auf den Weg zur tue Murillo, um sich bei Har- mant für seinen Freund zu verwenden.
Er frug den Kammerdimer des MMonärS, welcher ihm öffnete:
zu diesem Zweck an dem gedachten Tage um 3 Uhr Nachmittag in unserem Residenzschloß in Berlin zu- sammenzutreten. Gegeben Neues Palais, dm 2. Juli 1893. Wilhelm. Graf zu Eulenburg. — Dann wurdm Anträge aus dem Hause breachm. Angenommen wurde ein Antrag Lückhoff und Schüller (frf.) um Gewährung von Ausnahmetarifen für die Baumwollenindustrie Schlesiens, nachdem regierungSfeittg eingehende Erwägung des Antrags zugesagt. Die Berathung eines Antrag- deS CentrumS um korporattveOrganisation des Berufsstandes der Landwirthe und Schaffung einer besonderen Agrarrechte- wurde nach längerer Dirkussio», in welcher Frhr. v. Zedlitz folgmdm Gegenantrag befürwortete: Die Regierung zu erfuchm, eine wirksame Berttetnng der Landwirthschast zu organi- sirm und eine planmäßig auf die Verbilligung unb Erweiterung bre landwirthschaftlichen Produktion gerichtete Agrarpolittk zu verfolg«, insbesondere eine bat Lanbe-kulturinteresseu voll mtsprechmde Neuregelung beSWasierrechtS herbeizuführm, auf morgm vertagt. Au erster Stelle steht auf bre morgigen Tagesordnung bie Interpellation beS Graf« DouglaS betr. Maßregeln gegm bie Cholera.
* DaS ,Colonialblatt' meldet, daß dem Major Francois, sowie d« ihm unterstellte« Offizirem und Mannschaften der kaiserlich« Schntzttuppe die allerhöchste Anerkennung für bie erfolgreiche Erstürmung von Hornkranz ausgesprochen worb« ist.
* An- Schlesien, schreibt bie ,Germania', find uns während der Wahlzeit und bis auf dm hmtigm Tag von Geistlichen und Laim eine fo große Zahl von Zuschrift« gdommra, daß darin ein glänzendes Zeug« «iß über dm in schwerer Zett bewiesenen Eifer für die große Sache deS CmtrumS liegt, und wir auch selbst zu herzlichem Danke uns verpflichtet fühlen. Daß wir währeiw der Wahlzeit Schlesien so reichlich berücksichtigen konnten, ist nicht zum Wenigsten durch diese reiche Korrespondmz ermöglicht Word«, und auch diejmig« Zuschrift«, die nicht zum Abdruck gekommm, sondren nur zu unserer Information dient«, oder nut zu Notiz« verwerthet Word« find, haben dazu beigetrag« und werd« vielfach noch zu weiterer Behandlung der schlesischen Verhältnisse benutzt werdm. Insbesondere diejenigm, welche allgemeinere Bettachtungm über die Gründe der in Schlesien mtstandmm Schwierigkeitm, über die bellaamSwerthe Haltung der »Schles. Bolksz.' u. bergt enthielten, komme« gerabe jetzt zur Geltung. Mußt« während der Wahlzeit bie akuten Vorgänge im Vordergründe stehen, diese in erster Linie als sofort prakttsch wichtig behandelt werd«, so können jetzt Rückblicke erfolg«, Erörterung« über die allgemeine Lage und die Ursachen derselben, selbstverständlich auch diese zu praktischen Zweck«. Nachdem daS katholische Bo» tv Schlesien unter dm schwierigsten Verhältnissen in seiner immensen Mehrheit sich so vortrefflich gebalt« hat, muß daS Ziel ganz erreicht werden: eS darf nirgend- zweifelhaft bleib«, wa- da- Centtum ist, und wo da» Centrum ist, und speziell auch die ,Schlesische BolkSztg.' muß entweder aushörm, gouvrenemental- konservativ zu sein, muß wieder CmtrumSpolitrk verz
„Ist Herr Paul Harmant zu sprechen?"
„Bedaure sehr, Herr Harmant befindet sich seit zwei Tagm auf der Reise," antwortete der Bediente.
„Wird re lange au-bleiben?" frug Georg, unangenehm berührt.
„Ich weiß eS nicht, aber Frl. Mary kann Ihn« jedmfalls darüber Auskunft geb«. Sie wird Sie jedenfalls empfangen und wird Ihn« mittheilm könnm, war Sie zu «visim wünsch«. Soll ich Heren Darier dem Fräulein melden?"
Georg war oft genug in dem Hause gewesen, um z« wissm, daß daS junge Mädchen auf chrm Baier einen großm Einfluß anrübe.
UebrigmS fügte er sich, daß eS durchaus vorthnl- haft fein würde, Mary für sich zu gewinn«, denn er wußte im BorauS, daß die Sache Labrone'S günstig verlaufm würde, sobald Mary sich derselben annähme.
Er antwortete also dem Dimer sogleich:
„Wenn Sie glaub«, daß ich da» Fräulei« nicht störe, so bitte ich, ihr meine Karte zu übergeben."
Der Kammerdimer führte alsbald den jung« Mann in einen klein« Salon im Erdgeschosse, welcher an die großen Empfang-räume stieß, ließ ihn sodann allein und übergab durch die Kammerfrau die Karte.
Mary kam sogleich, nachdem sie dm Namen deS Besucher- gelesen hatte, herunter.