V 148
Sonntag, den 2. Juli 1893.
20. Jahrgang
üldaerWZeitllng
Bä
l.
* Die Antisemiten
।
l
i
c
I
I
* Särnmtliche 397 ReichLtagswahlen sind nunmehr bekannt. Ans Grund der neuen Stichwahl-Nachrichten und mehrerer Korrekturen früherer Falschmeldungen berechnet sich die Stärke der Parteien wie folgt: Centrum (ohne Lender und Prinz Arenberg) 93, Konservative 69, Nationalliberale 54, Reichs» parteiler (Freikonservative) 25, Polen 19, Antisemiten 17, freisinnige Bolkspartei 24, freisinnige Bereinigung (Sczessionisten) 13, süddeutsche VolkSpartei (Demokraten) 11, Deutsch-Hannoveraner (Welfen) 7, Elsaß-Lothringer 8, bayerischer Bauernbund 3, Dänen 1, Sozialdemokraten 44, Wilde 9 (einschließlich Lender und Prinz Arerberg). — Unter der Voraussetzung, daß sämmt- liche Polen für die M i l i t ä r v ar l a g e stimme», würde sich für dieselbe eine Mehrheit von 206 Stimmen ergeben, während die Gegner 191 zählen. Indessen werden dieses Mal sicherlich nicht alle Polen Lasür stimmen. Eurige von ihnen, z. B. CzarlinSki in Bromberg, sind ausdrücklich als Gegner der Müitärvorlage gewählt worden, und ein polnischer Abgeordneter bemerkt in der .Germania', daß dre Mehrheit der neuen Fraktion gegen die Militärvorlage sei, und man könne also, wenn der (sittlich unerlaubte) Fraktionszwang bestehen bleibe; jetzt die ganze Fraktion zu den Gegnern zählen; rechne man ihnen aber auch nur die Hälfte zu, so ändere sich schon daS Bild. — Die Militärvorlage hängt also noch immer in „schwebender Pein". Indessen wird sie wohl in den Hafen bugsirt werden, dafür sorgen schon die tapferen — Freisinnigen.
* Die CentrumSfraktion des neue« Reichstages zählt jetzt folgende auf Grund deS Wahlaufrufs und Programms gewählten Mitglieder: Aichbich- ler, Bachem, Bender, Beuerle, Bock-Aachen, Brandenburg, Braubach, Braun, Broekmann,
, Der Reichstag wird nächsten Dienstag Mittag 12 Uhr im Weißen Saale deS Schlosies von Berlin durch den Kaiser mit einer Thronrede er öffnet. Vorher findet für die Mitglieder deS Reichstages Gottesdienst in der kathol. St. HedwigSkirche bezw. in der Schloßkapelle statt.
Deutsches Keich.
Berlin, 30. Juni.
Beide Häuser deS preußischen Landtags hielten heute wieder Sitzungen. Das Herrenhaus nahm dar Kommunalabgabengesetz im Wesentlichen nach den Beschlüssen deS Abgeordnetenhauses an. Die wesentlichste Amderung ist die Wiederaufnahme der vom Abgeordnetenhause gestrichenen angeblichen Doppelbesteuerung ' der Aktiengesellschaften und Aktionäre. Gleichzeitig wur- ? den die bereits mitgetheilten Resolutionen (indirekte ■ Gemeindeabgaben betr.) angenommen. Morgen wird j die Sekundärbahnvorlage, Montag die Petittonen über i die Staffeltarifs, am Dienstag Rechnungssachen be» I rathen und am Mittwoch wird, wie der Präsident Fürst Stolberg mittheilte, die Session wahrscheinlich geschlossen. — Das Abgeordnetenhaus führte die Berathung der Anträge für und wieder die Staffeltarife zu Ende und nahm beide Anttäge an, ein Er» gebniß, das, als es vom Präsidenten verkündet toutbe, schallende Heiterkeit hervorrief. Für Beseitigung der Staffeltarife sprachen die Vertreter des Westens da durch die Aufrechterhaltung dieser Tarife die Interessen der Landwirthschast im Westen geschädigt würden. De« gegenüber wurde von dm Vertretern deS Ostens die Nothwmdigkeit der weiteren Beibehaltung der Staffeltarife für Getreide, wenn auch nicht für Mühlenfabrikate, im Interesse der Existmz der östlichen Landwirthschast geltend gemacht und behauptet, daß nur nach Aufhebuug deS Identitätsnachweises darauf verzichtet »erben könnte. Morgen: Ruhegehaltskaffe der Lehrer, Antrag Schultz- Lup'ch betr. die Futtemoth.
* Die auf der morgigen Tagesordnung des Abgeordnetenhauses stehende Interpellation des Abgeordneten Schultz-Lupitz über die Fntternoth wird dem Minister für Landwirthschaft Gelegenheit gebm, die Stellung der Regierung zu der Angelegmheit ausführlich dar» zulegen.
* Der deutsch-russische Handelsvertrag hat keine guten Aussichten mehr. Die Vorschläge, d»e von russischer Seite gemacht wordm find, »erben deutscherseits für durchaus ungenügend erklärt, und die russische Regierung wiederum will die dmtschm Gegenvorschläge nicht acceptiren, sie will nicht einmal dm dmtschm Steuertarif Deutschland gegenüber beibehalten, sondern hat einen neuen Moximaltarif mit bedeutenden Zollerhöhungen aufgestillt, der auf einen „Zollkrieg" gegm Deutschland hinauSläuft. DaS Zustandekommm eines deutsch-russischen Handelsvertrages ist dadurch erschwert, während neuerdings zwischen Frankreich und Rußland ein Handelsvertrag zu Stande gekommm ist.
* Bon einem polnische« Abgeordneten wird der .Germania' geschrieben: Die Rechnung, welche man auf Grand des Ausfalls der Wahlen über daS Schicksal der Militärvorlage macht, schwankt hin und her und in der That wird man zur Zeit wohl kaum etwas Bestimmtes feststellm können. Sin Fehler aber findet sich bei dm Meisten: Man rechnet die 19 Pole« unter die Freunde der Militärvorla^e, W>e wir aber schon früher auSführtm, ist daS absolut falsch, eher könnte man, unter der Voraussetzung, daß der Fraktionszwang in der Abstimmung aufrecht erhalun bliche (waS nicht erlaubt ist), sie alle als Gegner anführm; denn die Majorität steht jetzt auf Seiten der Gegner. Rechnet man ihnm aber auch nur die Hälfte zu, so ändert sich schon das Bild; und eine Majorität gegen die RegiemngSvorlage ist vorhandm. Nicht minder ist zu berücksichtigen, daß die Antisemiten, welche man gleichfalls sämmtlich als Freunde der Militärvorlage anführt, schwerlich alle dieser Auffassung mtsprechm »erben, da sie bei ihrer Aufstellung al» Kandidaten, gegen eine Neubelastung deS Volkes ein» treten zu wollen erklärt haben. Da uni aber nur noch wenige Tage von dem Zusommmtretm des Reichstags trennen, tfjut man wohl am besten, seine Ungeduld ein wenig zu zügeln.
* Köl«, 29. Juni. Weihbischof Dr. Baudri ist, 90 Jahre alt, gestorbm. Derselbe war seit 1850 im Amt. Er begrüßte bekanntlich als Stellvertreter deS verbannten Erzbischofs den Kaiser Wilhelm I. am 15 Oktober 1880 bei ber Feier der Vollendung deS Dom- dauer in brr Kalhrbrale. Sein sechzigjähriges Priester« jubiläum beging er im Jahre 1887, bei welcher Gelegenheit er den Rothen Adlerorden 2. Klaffe und ein Schreiben des Oberpräsidenten erhielt, worin seine Milde, versönliche Gesinnung und seine hohen Verdienste anerkannt wurden. — In den Wirren be» Kulturkampfes ist bet Name des Verb orderen ost und rühmenb genannt worden; auch er wat ein standhafter Bekenner und Märtyrer der guten und gerechten Sache
.®Otnan(1 ausgenommen. — I nfe r at e kosten dieeinspaltig« Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Blerteyahrstcher Abonnementspreis ohne Brmgerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts! Mark 50 Pfennig.
Nur je einen Kreis eroberten die Antisemiten von dm Freisinnigen und Nationalliberalm (Eschwege- Schmalkalden und BenSheim«Erbach im Hessischen), alle übrigen Kreise von den Konservativm bezw. der Reichspartei. Es ist sehr bezeichnend, daß die ,Kons. Kort.' die .Münchener Allg. Ztg.' und der — .Vorwärts' übereinstimmend der Ansicht sind, daß d'r Kampf gegen Kapital und Besitz besonders den sächsi- Ichm Antisemiten die Hauptsache sei. Ob es sich dabei um Juden oder Christen handele, erscheine ihnen im Gmnde gleichgiltig. Der.Vorwärts' bezeichnet dm Antisemitismus sogar als „Kultur düng er sür die Saat der Sozialdemokratie", während die,Kons. Kort.' sürchtet, die radikalen Antisemiten würden schließlich zur Sozialdemokratie übertreten. Vorläufig bilden nun -die Antisemiten im Reichstage eine eigene Fraktion. Auf einem bevorstehenden antisemitischen Parteitag soll über ein einheitliches und gemeinsames Vorgehen derselben berathm und beschlossen werden. Ob die Einheitlichkeit und Gemeinsamkeit bei den verschiedenen Strömungen innerhalb bei Antisemitismus zu erreichen sein wird muß dahin gfft^llt bleiben. Die in Berlin erscheinende antisemitische.StaatSbürger-Zeitung' freilich ist sehr siegesbewußt. Sie widmet heute der neuen antisemitischen Fraktion einen eigenen Leitartikel, in dem es u A. heißt:
„Mit der Bildung einer antisemitischen Frattion tritt der Antisemitismus als vollberechtigter Faktor in unsere Gesetzgebung ein und gewinnt den ihm gebührenden Einfluß auf dieselbe. Durch diese Thatsache sind die antisemitischen Abgeordneten im Reichstage in die Lage versetzt, eigene selbständige Anttäge einzubringen, so daß sie nicht mehr darauf angewiesen sind, bei anderen Fraktionen, und noch dazu bei ihren stärksten Gegnern, um Unterschriften bitten zu müssen, die ihnen von den Parteien, welche ihnen nahestehen sollten, versagt wurden. Das ist ein großer Gewinn und ein gewaltiger Schritt vorwättS, der auch seine günstige Einwirkung auf weitere Entwicklung der antisemiti« schen Bewegung im Lande nicht verfehlen wird, und deshalb dürfen wir das Ergebniß der letzten Wahl mit freudiger Ge- nugthuung begrüßen. Und auch die, welche dieS bisher zu leugnen suchten, werden der halben Million antisemittscher Stimmen gegenüber wohl endlich zur Einsicht kommen.
Es roirb abjuwarteu fein, welche Anträge bie Antisemiten im Reichstage stellen werden. Nicht recht verständlich ist ber Jubel, ber in ben .Dresdener Nachr.' über bie Erfolge ber Antisemiten in Sachsen zu Tage tritt. Die antisemitischen Stichwahlsiege über die Sozialdemokraten werden von dem Dresdener Blatt als Erfolge ber „Ordnungsparteicn" gepriesen. Da t8 s. Z. d-r Böck-t'sche,Reichsh rold' als bie Ha-pt-
s aufgabe der sächsischen Antisemiten (Deutschen Reformpartei) bezeichnet hat, bie Ackermann, Mehnert unb v. Friesen :c. zu beseitigen und bie konservative Herrschaft in Sachsen zu breche», unb ba es ben Antisemiten in ber That g Jungen ist, bie genannten Herren zu verdrängen, läßt sich in dem Jubel ber .Dresdener Nachr.' keine besondere „Helligkeit" erblicken.
Bumrller, von Äuol, Bürger, Conrad, Cyironowstt, Deminger, Dieben, Eck, Euler, Frank, Fritzen- Kempen, Fuchs, Fusangel, Gras Galen, v. Grand- Ry, Greiß, Gröber, Hark, Hartmann-Glatz, Saar, HauS, Frhr. von Heeremayy, Hesse.
itze, Graf Hompesch, Horn, Hubrich, Hug, « Huwann, von K-hler, Keßler, Klose, Krebs, I von Lama, Lehemeir, Lehner, Leonhardt, Lerno, Lerzer, Letocha, Lieber-Goarshausen, Lingens, Marbe, Mar tour, Mayer-Landshut, Metzner, Mooren, Moritz,Müller-Fulda, Nadbyl, Neckerman, Pichler, Pmgen, Reichert - Baden, Reindl, Rembold, Rintelen, Roeren, Rudolphi, Schädler, Schättgen, Schmid-Immenstedt, Schmidt-Warburg, Schöpf, Schüler, Schwartze, Spahn, ©teininger, Stephan-Beuchen, Stöcker, v. Strombeck, Szmula, Timmermann, Wattendorf, Weber, Weidenfeld, Wellst ein, Wender», Wengert. Wenzel, Wildeger, be Witt, Witzls- perger, Wolvy, Zott. Die gesperrt gebrückten Namen sind von Mitgliedern, welche bereits bem ausgelösten Reichstage angehört habe».
* Die Kommission fite Arbeiterstatistik ist heute unter Vorsitz beS Unterstaatssekretärs Dr. v. Rottenburg im ReichStagSgebäube zusammengetrtteu. Zu bem | Gegenstände: Untersuchung über Arbeitszeit im Handels- i getoerbe, gab die Kommission dahin Ausdruck, daß da» j durch die angestellten Erhebungen gewonnene Material I als eine vertrauenswürdige Grundlage für die weiteren j Erwägungen über etwa «u treffende Maßregeln ange» ; sehen werden könne. Auf ber Tagesordnung stehen ; ferner: Untersuchung über bie Verhältnisse der in Gast- i unb Schankwirthschoften beschäftigten Personen und ber ! Antrag Siegle auf fortbauernbe Erhedurgcn über bie Löhne unb bie Arbeitszeiten aller Arbeiter, welche den gewerblichen Berufsgenossenschastkn angehöcm.
werden im neuen Reichstage eine eigene Fraktion bilden. Das Wahlgtück ist ihnen diesmal ganz besonders hold gewesen, denn während sie int letzten Reichstage nur 6 Mann zählten, weist der neue Reichstag 16 „reine" Antisemiten auf, wovon 10 zur antisemitischen Volkspartei bezw. zur sächstschen „deutschen j Reformp artet", 5 zu den Deutschsozialen gehören, l während Ahlwardt eine Sonderstellung einnimmt. Da | drei Antisemiten (Ahlwardt, Zimmermann und Werner) doppelt gewählt sind, ist es nicht ausgeschlossen, daß noch drei Antistmiten nachgewählt werden, in welchem Falle bie antisemitische Fraktion auf 19 Mann steigen würbe. In vier Wahlkreisen (Löbau, Nordhausen, Barmen-E brrfeld unb Friedberg in Hessen) sind bie Antisemiten in ber Stichwahl unterlegen. Wesentlich durch ihre Unterstützung siegten bie konsirvativen Abgg. t). H-rdrr unb Hausse in den sächsischen Wahlkreisen Zschopau unb Wurzen, ber natl. Abg. Haffe in Leipzig, der sich sogar zu Ausnahmemaßregeln gegen die Juden verpflichtete, die konservativen Abg. Rother (Ohlau) und von Dallwitz (Ostpriegmtz), der konservative Hü- peden in Kassel und der Chef deS Bundes der Land- wirthr v. Plötz in Sorau. Die Antisemiten haben ihre fünf hessischen Wahlkreise (HofgeiSmar-Rinteln, Marburg, Fritzlar-Ziegenhain, Gießen und Alsfeld) sowie den märkischen Kreis ArnSwalde-Friedeberg behauptet; die pommerschen Kreise Neustrttin und Rügen- Franzbura, die hessischen Wahlkreise BenSheim-Erbach, HerSfeld-Rothendurg und Eschwege-Schmalkalden und die sächsischen Kreise Bautzen, Dresden (Alt nnd Neustadt), Tyarand, Meißen, Pirna, Döbeln unb dann Erfurt neu erobert. In sieben sächsischen Kreisen siegten sie mit Hilfe ber Konservativen über bie Sozialdemokraten , nachdem sie vorher die Konservattven beziehungsweise die Reichspartei aus diesen Kreisen verdrängt hatten.