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JV 146 Donnerstag, den 29. Juni 1893. 20. Jahrgang

FuldaerWZkitiing

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Wege« des Feiertages Peter und Paul erscheint das nächste Blatt erst am Freitag.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Juni.

* Der Bundesrath wird voraussichtlich vor der Eröffnung des Reichstages noch zwei Sitzungen ab­halten, um die Vorlagen festzustellen, die dem Reichs­tage sofort nach seinem Zusammentritt, am 4. Juli, unterbreitet werde« sollen. ES werden dies sein: die M i l i t ä r v o r l a g e und, wie schon erwähnt, Vorschläge zur Linderung der Futternoth. Hinsichtlich der Militärvorlage schweben zwischen den verbündeten Re­gierungen auch Verhandlungen über die zunächst er­forderlichen Kosten und derenDeckung außerhalb der Pläne der Erhöhung der eigenen Einnahmen des Reicher. ES ist zu vermuthen, daß sich der BundeS- rath auch mit diesen Fragen zu beschäftigen hat. Bon weiteren Vorlagen ist bis jetzt nicht die Rede.

* Auch das Herrenhaus nahm heute seine Sitz­ungen wieder auf und nahm den Gesetzentwurf betr. Ueberweisung der Grund-, Gebäude- und Gewerbe­steuer an die Gemeinden, der vom Grafen Franken­berg bekämpft wurde, nach den Beschlüssen der Abge­ordnetenhauses an, und zwar unter Ablehnung eines Antrags der Grafen KönigSmarck wonach die für die Ablösung der Grundsteuersreiheit s. Z. gezahlten Ent­schädigungen an den Empfänger nicht zurückgezahlt zu werden brauchen. Morgen ErgänzuygSsteuergesetz,Lehrer- gehaltSvorlagen.

* Im Abgeordnetenhaus« erfolgte heute die Wiederaufnahme der Sitzungen nach mehrwöchentlicher Pause und die ’T. Abstimmung über das Wahlgesetz nach den Beschlüffen der Herrenhäuser. Der Abstimmung ging eine sehr lebhafte Diskussion voraus, in dec die verschiedenen Parteien nochmals ihre Stellung zum genannten Gesetz präcisirten und in der besonders Abg. Bachem (Ctr.) und Graf Limburg Stirum im scharfen Redeklingen kreuzten. Das Gesetz wurde nach den Beschlüffm des Herrenhauses gegen die Stimmm der CentrumS, der Freisinnigen, der Polen und einiger Freikonservativer angenommen. Eine sehr lange Zeit nahm die Diskussion der Antrages des Dänen Lassen u. Gen. in Anspruch, der die Ertheilung deS ReligionS- unterrichteS in den nordschleSwigischen Bezirken mit vorwiegend dänischen Umgangssprache in dänischer Sprache verlange. DaS Haus geht über diesen Antrag zur Tagesordnung über. Morgen Rechnungssachen und Staffeltarife.

* Das preußische Staatsmiuisterium hat gestern eine Sitzung abgehaltm. Bon der Absicht, aus Anlaß deS in verschiedenen LandeStheilen drohenden Futter­mangels und wegen des Unglücks, das die Stadt Schneidemühl betroffen hat, dem Landtage noch schleunigst sogenannte NothstandSvorlagen zu­gehen zu lassen, wird, wie man hört, Abstand genommen werden. Man glaubt, daß Größe und örtlicher Um­

fang der durch die Dürre hervorgerufenm Kalamität sich nicht genügend übersehen lassen, um daraufhin eine Gesetzesvorlage zu begründen und daß ohne eine solche auS bereiten Mitteln, durch Tarifherabsetzung dort, wo wirklich ein Nothstand existirt, zunächst Hilfe geschaffen werden kann. Der in Schneidemühl entstandene Scha­den erweist sich nicht so groß, daß dazu die Gesetz­gebung in Bewegung gesetzt werden müßte.

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht jetzt amtlid die Verleihung des Schwarzen-Adler-Ordens an den Kardinal-Staatssekretär Mariano Rampolla del Tindaro zu Rom.

* Die deutscherseits bestimmten Juroren für die Weltausstellung in Chicago begeben sich Anfang Juli nach Chicago. Am 15. Juli beginnen dort die Sitzungen der Jury. Die Juroren erhalten eine Ent­schädigung von 750 Dollars, die seitens der amerika­nischen Regierung garanttrt ist.

* Fürst Bismarck, sonst für unsere braven Nationalliberalen und Leute ähnlichen Schlager die höchste Autorität in allen Dingen, hat bekanntlich von Anfang an in den ,Hamb. Nachr.' die Militär Vor­lage der Regierung entschieden bekämpft und thut dies auch noch am Vorabend der Stichwahlen. Die ,Hamb. Nachr.' schreiben nämlich: „Die Bedenken gegen die Fähigkeit der Militärvorlage, unfere mili­tärische Ueberlegenheit Frankreich gegenüber zu sichern, finden weitere Rechtfertigung. Auch die,Kreuz- ztg.' spricht von Anzeichen, die darauf schließen laffen, daß man sich in Frankreich darauf einrichtet, für den Fall der Annahme der deutschen Milttärvorlage an eine neue Vermehrung der eigenen Streitkräfte zu gehen." Die ,Hamb. Rachr.' zitiren dann zustimmend folgende Auslassung der .Franks. Ztg.': „Es ist in der Thal nichts selbstverständlicher, als daß unsere Nachbarn, die gewalttge HeereSvermehrung, wie sie die deutsche Armeeleitung plant, chrerseitS mit Maßnahmen ähn­licher Art beantworten würden. Ebendarum ist eS ein Widersinn, zu behaupten, die Vermehrung der deut­schen Armee sei eine Frieden- bürgschaft. DaS Gegen- theil ist wahr; sie vermehrt die Kriegsgefahr, wie das ja auch der österreichisch-ungarische Minister der Amßern, Graf Kalnoky in einem später bereuten Au- sall von Offenherzigkeit zugegeben hat." Fürst Bis­marck findet diese MSführungen zutteffend und kommt dann auf seinen alten Standpunkt zurück, daß eS für Deutschland räthlicher sei, die Verstärkung seiner Wehr­kraft Frankreich gegenüber nicht auf quanti­tativem, sondern auf qualitativem Wege zu suchen. — Von den nationalliberalen Blättern, die sonst jeder Wort deS Fürsten BiSmarck bei jedem Empfange in FriedrichSruh in spaltenlangen Artikeln wiedergeben, wird jede Aeußerung deS Fürsten BiSmarck über die Militärvorlage hartnäckig todtgeschwiegen.

* Der ReichrtagSabgeordnete Rektor a. D. Ahl- Wardt wurde heute vom Berliner Landgericht wegen Beleidigung der Gesammtheit der preußischen Beamten, insbesondere der Justizbeamten, zu drtt Monaten Ge- fängniß verurtheilt. Die Beleidigungen wurden in

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(51. Fortfetznng.)

53.

Beide schwiegen einen Augenblick.

Dann sagte Lucie:

„Ich habe Dir einen Borwurf zu machen!"

„Mir, meine Theure?"

Ja."

„Und welchen beim?“

„Du verlierst den Muth."

„Weshalb meinst Du?" stammelte Lucian ver­legen.

„Weil ich eS fehe. Anstatt dem Unglücke in'S Auge zu sehen, beugst Du Dich vor demselben, obwohl unsere gegenseitige Zuneigung Dir Muth und Kraft geben sollte. Liebst Du mich etwa nicht mehr.

„Wie kannst Du eine solche Frage an mich richten? Du weißt ja, daß ich Dich auS ganzer Seele und mehr als Alles auf der Welt liebe."

„Nein, ich weiß eS nicht. Wenn Du mich liebtest, würdest Du Dich nicht Tag und Nacht abmühen für ein solch' armseliges Brod."

„Aber was soll ich denn eigentlich thun?"

„DaS, war diejenigen thun, welche Deine Kennt­nisse nicht besitzen und.dennoch emporsteigen — Du

mußt nicht müde werden, an die Thüren zu klopfen, die sich Dir nicht öffnen wollen. Versuche es noch ein Mal: sie müssen sich Dir doch endlich öffnen."

„Aber wenn ich stets an verschlossene Thüren llopfe, so vergeht meine Zeit, deren ich bedarf, um dar arm» seliche Brod zu verdienm."

„Ich habe Dir ja bereits gefügt, daß ich «och einige Ersparnisse besitz;: sie stehen zu Deiner Ver­fügung, ich biete sie meinem Verlobten, meinem zu­künftigen Gatten an."

„Rein, ich kann dies nicht annehmen!"

„Lucian, Du bettübst mich sehr, Du verweigerst mir die Freude, Dir zu helfen, well ich eine Frau bin — das ist grausam! Aber Du hast ja auch noch Freunde im College, die begütert sind: weshalb wendest Du Dich nicht an dieselben?"

„Betteln!" bemerkte Lucian bitter.

„Heißt es betteln, wenn man um die Mittel bittet, deren man bedarf, so lange man auf Arbeit hofft? Kennst Du mich denn so schlecht, daß Du glaubst, daß ich Dir solche demüthigenden Schritte zumuthen soll?"

„Ich will Dir verrathen, theure Lucie, daß ich diese Freunde, welche Du meinst, bereits besucht habe."

„Und weiter?"

„Sie haben mich sehr arttg empfangen — bis sie begriffen, daß ich ihrer bedurfte. Andere habm sich vor mir verläugnet — sie waren nicht zu Hause."

einer Rede gefunden, die Ahlwardt am 29. Okt. 1891 in Effen gehalten hatte.

* Kurz vor der Reichstagswahl meldete die ,Nordd. Allg. Ztg.' der Herr Kultusminister habe Erhebungen veranlaßt, welche Mehrbelastung der Staatskaffe em» treten würde, wenn bei Feststellung der Dienst-Ein­kommens der katholische« Pfarrer zum Zwecke der Gewährung der ÄlterSzulagen nicht nur, wie bisher, die im Pfarramte zurückgelegte, sondern die gejammte Dienstzeit zur Anrechnung gebracht würde. ES wurde hinzugefügt, daß diese Angelegen- heil jetzt zur allseittgm Befriedigung geregelt werde. Mochte man sich hier und da auch seine eigenen Ge- danken über den Zeitpunkt machen, in welchem diese Notiz in dem offiziösen Blatte erschien, so vergaß man eine etwaige Nebenabsicht gerne über die erfreuliche Aussicht, daß nun wenigstens eine von den vielen Unbilligkeiten bei Berechnung des Einkommens gehoben werden solle. Leider aber scheint eS auch bei der schönen Aussicht bleiben zu sollen. Ei« Leser der ,Köln. Blksztg.' hat nämlich das Circular des Herrn Ministers gesehen und bemerkt, daß bloß die Jahre als Dienstzeit ^berechnet werden, welche a) nach der Priesterweihe in einem kirchlichen Amte in Preußen, b) vor oder nach der Priesterweche als fest angestellter Lehrer in einem öffentlichen Schulamte in Preußen zugebracht wurden. Zwar können auf dem betreffenden Formular |in letzter Spalte die im Auslande oder im Militärdienst zugebrachten Jahre angegeben werden, allein eine Berücksichtigung derselben ist nach Angabe des Formulars und der Erläuterung gänzlich ausge­schlossen; da» ist also die allseitige Befriedigung! TS war noch nicht genug, daß viele Priester in Folge der unglückseligen Kulturkampf» Gesetzgebung in ihren Studienjahren und erst recht nach der Priesterweche außerhalb Preußens verweilen und sich einen Wir- kungSkreiS suchen mußten, um dar tägliche Brod zu verdienen, auch jetzt sollen sie noch eine lange Reche von Jahren hindurch dafür bestraft werden. ES ist eigmthümlich, bemerkt das genannte Blatt dazu, daß jetzt auch die nicht preußischen Bundesstaaten als Ausland bewachtet und bezeichnet werden, nicht vo« „Ulttamoutanen" oder Sozialdemokraten, sondern von Beamten deS preußischen Kultusministeriums. Mögen die katholischen Abgeordneten und die Presse nicht rühm, sagt die .Germania', bis diese und die vielm andern Unbilligkeitm bei Berechnung deS Einkommens der kacholischm Pfarrer gehoben sind!

* In Betreff der niederm Kirchendienste der Bolksschnllehrer hat der Regierung-- Präsidmt in Liegnitz folgende Verfügung erlassen:

„Der Herr Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medi» zinal-Angelegenheiten hat durch den Erlaß vom 1. Mai d. I. die Regierungen beauftragt, bei Wiederbesetzung von BolkSfchul- lehrerstellen bezw. bei der Nenregulirung von Lehrer-Besoldungen darauf Bedacht zu nehmen, daß die etwaigen niederen Kirchen­dienste, welche mit den betreffenden Stellen verbunden sind, von diesen getrennt werden. Wir bemerken hierzu, daß Kantorat, Präcentur, Organistenstelle, Kirchenschreiberei, Führung des Duplikats der Kirchenbücher, Annahme der Meldungen zu kirch­lichen Handlungen im Sinne dieser Verfügung als niedrige Kirchen-

„So haben sie alle gehandelt?"

„Alle."

„Auch der junge Manu, dm Du besonder- schätzest und dessen vorzügliche Eigenschaften Du so sehr rümtest?"

„Du meinst Georg Darier, meinen Schulkameraden vom College Henri IV her?"

„Ja, hast Du ihn besucht?"

„Nein"

„We-halb nicht?"

„Ich weiß nicht wo er wohnt; ich habe ihn seit sechs Jahren nicht mehr gesehm."

„Wohnt er in Paris?"

„Ich denke es mir."

„Welchm Stand hat er ergriffen?"

„Er studirte damals Jura."

„Wenn er Advokat ist, so wäre er leicht zu findm."

„Freilich — aber was soll er helfm? Sr wird just wie die anbern sein, und wenn ich ihn besuche, so werbe ich höchsten- um eine Enttäuschung reicher werden."

„Möglich, daß er nicht wie die Andem ist, möglich, daß sein Herz Dir gegenüber jetzt ist wie früher. Wer weiß? ES ahnt mir fast, als ob Du an ihm einen wirklichen Freund hättest. Thue mir den Gefallm und gehe zu ihm."

„Du willst es?"

„Ich bitte Dich darum."

„Nun, so will ich eS thun."