Beilage zu Nr. 143 der „Fuldaer Zeitung".
Sonntag, den 25. Juni 1893.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(48. Fortsetzung.)
„Du wirst es erfahren, indeß komm mit mir in Dein Kabinet, er dauert sicht lange."
„Gut denn, so komm," antworteteHarmant mürrisch. Beide begaben sich in dar ArbeitS-Kabinet Harmant'-. „Wir befinden uns jetzt allein," sagte Harmant. „Sprich also."
„Hast Du die Thür abgeschlossen?"
„3a.
„Sprechen wir also," begann Ovide, indem er sich rücklings auf einem Stuhle niederließ. „Du tift also fest entschlossen, Amerika zu verlassen?"
„Ich kann nicht anders."
„Gut — und war gedenkst Du mit mir zu thun?" „Nun, Du wirst mit uns ziehen."
„Mit Nichten!"
„Weshalb?"
„Weil ich keine Lust habe, in nähere Berührung mit einer gewissen Justiz zu kommen."
„Du denkst gewiß an den Haftbefehl von früher gegen Dich! Längst verjährt! Du hast nichts zu fürchten."
. „Möglich, aber ich ziehe es vor, in Amerika zu bleiben.
„Niemand hindert Dich daran — ich werde einfach den Ankäufer der Fabrik verpflichten, Dich in Deiner Stellung zu belassen, auch im Uebrigm sollst Du keinen Schaden haben. DaS kann Dir ja passen."
„ES paßt mir nicht," antwortete Ovide.
„Aber war willst Du denn?"
L* „Deine Fabrik kaufen."
f Lachend sah Harmant seine» angeblichen Vetter an.
„Merkwürdig!" sagte er dann. „Ich glaubte, Du hättest keinen Sou, da Du jeden Tag an meine Kasse appellirtest und jetzt scheinst Du Dir so ein Milliönchen auf die Seite gelegt zu haben! FamoS!"
„Ich habe keinen Sou auf die Seite gelegt, ich habe erst gestern noch 1000 Franken verloren, die Du mir sogleich geben wirst und gleichwohl kaufe ich Deine Fabrik."
„Ich begreife nicht . . ."
„Sehr leicht zu begreifen: Wir machm einen Kauf- Akt, Du stellst mir eine Quittung über eine Million «iS und übergibst mir 200,000 Franken als Betriebs- Kapital."
„Du scherzest wohl," meinte Harmant lachend, obwohl er sich einer gewissen Unruhe kaum erwehren konnte.
„3ch scherze nie — mein Vorschlag ist der Preis, welchen ich für mein Stillschweigen fordere."
Harmant schnellte von seinem Sitze empor.
„Dein Stillschweigen!" rief er aus. „Bedarf ich DemeS Stillschweigens? Ich habe nichts zu verbergen und nichts zu fürchten."
„Gar nichts?"
„Nein!"
„®ud}e genau, dann wirst Du finden, daß Deine Rückkehr nach Frankreich nur möglich ist unter der Bedingung, daß ich schweige."
Die Unruhe Harmant'S wurde mit jedem Augenblicke größer, obgleich er noch immer nicht die unbestimmten Drohungen Ovide'S begriff.
„Was willst Du eigentlich sagen?" frug er mit etwas zitternder Stimme.
„Daß Jakob Garand sehr unklug handeln würde, wenn er dorthin zurückkehrte, wo man seine Streiche kennt."
Als Harmant so unvermuthet diesen Namen aus- sprechen hörte, konnje er sich nicht mehr beherrschen und stürzte auf Ovide zu.
„Welchen Namen hast Du da ausgesprochen?" rief er, Ovide bei der Schulter fassend.
„Nur Deinen Namen!" antwortete Ovide, ohne die Fassung zu verlieren. „Wohlan, Vetter, die Marken heruuter! Du heißest Jakob Garand, Du hast die Fabrik von Alfortville in Brand gesteckt, Du hast Demen Chef bestohlen und ermordet."
Ovide fuhr fort: „Alsdann hast Du unter Be- Nutzung des Arbeitsbuches, dar Dir in die Hände ge- rathen ist, Dir den Namen Harmant beigelegt, welcher am 15. April 1856 zu Genf gestorben ist."
Wie ein Trunkener wankte Harmant hin und her.
„Wer behauptet daS?" rief er wüthend.
„Ich!
„Worauf stützend zu Deine Behauptungen?"
„Unter Asderem auf die Todesurkunde P-ul Har- mant'S!"
„Lüge!"
„Sachte, sachte, ich weiß Alles, mein Bester! Dennoch magst Du nach Frankreich zurückkehren, denn alsdann wird Niemand ahnen, daß Du einige Verbrechen begangen hast und anstatt Deiner die Unglück- liche Johanna Portter hast verurtheilen lassen." ** „Und dennoch gehe ich!" rief Paul Harmant, der letzt seine Faffang wieder gewonnen hatte, fest. Was
habe ich von der Justiz zu fürchtru? ES ist ja Alle- verjährt !"
„Oder auch nicht, mein Liebster", erwiderte Ovide lachend, „Du irrst! Die Brandstiftung, der Diebstahl, der Mord — ja, dies ist verjährt, mcht aber die Annahme eines falschen Namens. Sobald Jemand gegen Dich wegen dieser Angelegenheit eine Klage erhebt, wirst Du schon sehen, daß die Justtz fich mit Deiner Vergangenheit näher befassen würde."
„Und Du würdest diese Klage erheben?" frug Harmant knirschend.
„DaS kgmmt darauf an. Ja, wenn Du nicht liebenswürdig bist — nein, wenn Du thust, waS ich von Dir verlange. Glaub' mir, mein Bester, ich weiß schon lange, wer Du bist, beinahe schon seit Deiner Heirath, habe ich Dich etwa verrathen oder Dich irgendwie bedroht? Keineswegs! Ich habe mich ruhig verhalten und habe Dir Deine Zirkel nicht gestört, ich habe Dich ruhig ein großes Vermögen erwerben lassen. Du hast Dein Glück gemacht — daS Alter kommt, die Erschlaffung ist nahe, der Zeitpunkt ist gekommen, wo ich an meine Interessen denken muß — und ich denke daran!"
51.
Düster hörte Harmant den Sprecher an, ohne ihn zu unterbrechen.
Ovide fuhr fort:
„Ich bin lange genug unselbständig gewesen, ich will auch einmal Fabrikbesitzer werden, dieser mein Plan steht fest . . . Gieb mir also die Fabrik und dar Geld als Betriebskapital, wofern ich nicht Jedem, der er hören will, sagen soll, daß Harmant, der sich so allgemeiner Achtung erfreut, nur ein Schurke Namen- Jakob Garand ist! Und wenn ich e- sage, kann ich e- beweisen! DieS wird Deiner Tochter jedenfalls großes Vergnügen bereiten! In der That eS war gar nicht so übel, als Du mir zwischen Southampton und Newyork Moralpredigten hieltest . . . Der Schlimmste von uns Beiden warst Du doch schließlich, Du wußtest e- genau! Nun, wir bleiben Freunde und Vettern, wie früher; ich will Dich nicht hindern, glücklich zu sein! Geh' nach Frankreich und arbeite tüchtig unter dem Namen Harmant, dies wird mich entzücken, wosern ich hier allein Besitzer der alten Firma: „JameS Mortimer und Co. bleibe."
Jakob Garand hatte sich erhoben und ging mit wildem Blicke und geballten Fäusten drohend auf Ovide loS.
„Und wenn ich Dich tödtete?" sagte er mit schneidender Stimme.
Ovide fing an zu lachen und antwortete mit der größten Rude: „Dies würde Dir nicht viel nützen, denn mein Testament ist bei einem Anwalt in New- Jork niedergelegt und eS enthält Deinen Lebenslauf mit Beweisstücken. Sogleich würde man erfahren, wer Du bist."
„Ah, Du hast mich also in Deiner Gewalt?" rief Harmant verzweiflungsvoll.
„Nun, Jeder der Reihe nach", erwiderte Ovide gleichgiltig. „Wozu hast Du Dich entschlossen?"
„Komm' mit", sagte Harmant, der sich plötzlich entschlossen zu haben schien, nach einer kurzen Pause.
„Wohin?"
„Zu Davidson, meinem Banquier. Binnen einer halben Stunde hast Du die Fabrik und das Geld.
„Du wirst also doch endlich vernünftig! Jetzt, wo wir eins sind und wo wir wissen, wa- wir von einander zu halten haben, ist eS besser, glaube ich, daß wir unS trennen: Ich hoffe nur, daß unsere freundschaftlichen Beziehungen sich auf schriftlichem Wege fortsetzen werden."
Jakob^Garand, antwortete nicht auf diese spöttische Sprache.
„Komm", sagte er also.
Noch am nämlichm Abende war Ovide Besitzerder Fabrik.
Acht Tage später schiffte sich Harmant nebst Tochter nach Havre ein, und vor Ablauf des Monat- waren sie in einem hübschen an den Park von Monceau anstoßenden Gasthofe eingezogea.
Harmant hatte zahlreiche Beziehungen in Pari- mit Bankiers und Großindustriellen, von welchen ihn einige in Paris besucht hatten.
Sein Vermögen, seine unbestrittene Ehrlichkeit öffneten ihm bald alle Kreise, wie er denn auch sckbst sehr viel Gäste bei sich sah.
ES erregte ein gewisser Aussehen, als man vernahm, daß Harmant in der Nähe von Paris eine große Fabrik errichten wolle, in welcher die Erfindungen auS- beuten wollte, welche ihn in Amerika reich und berühmt gemacht haben.
Nach langem Suchen fand er endlich ein paffendes Gebiet in Corbevoie.
Schon wollte er mit dem Baue beginnen, als er noch einen Prozeß wegen einer angeblichen Wege- berechtigung auszufechten erhielt.
Er sah sich also, um möglichst rasch die Ange- legenhert zu erledigen, nach einem gewandten Anwatt «m (Forts, solar.)
Vermischtes. '
* Bom Harz, 21. Juni. Als Professor Robert Koch im Jahre 1891 seine bekannte „Schwindsuchts-Lymphe" entdeckt hatte, war ein Theil der Bevölkerung seines Geburtsortes Klausel al derart enthusiaSmirt, daß Koch zum Ehrenbürger dieser Stadt ernannt und ihm eine Gedenktafel an dem Hause Osteroder Straße 555, in welchem Koch geboren ist, gewidmet wurde. Bei Anbringung der Tafel sangen verschiedene Gesangvereine bei Wind und Wetter und 20 Grad Kälte den vier Wänden des Hauses etwas vor. Heute nun, nach den bekannten Vorgängen in der Familie Kochs — er hat sich bekanntlich von seiner Frau scheiden und mit einer Schauspielerin sich zusammenschreiben lassen — ist jene Gedenktafel ohne Sang und Klang vom Hause entfernt worden.
* Das größte Geschäft der Welt. Aus Chicago wird geschrieben: „Unsere Stadt ist der Sitz des größten Geschäfte» der Welt. Es wird das Niemand zu bestreiten wagen, der den nachstehenden Ausweis von Armour 6 Co. für das am 1. April 1893 endende Jahr liest. In diesem Jahre schlachtete die Firma 1,750,000 Schweine, 1,800,000 Stück Rindvieh und 625,000 Stück Schafe und ihre Verkäufe beliefen sich auf l 02,0k0,000 Dollars. Sie beschäftigte 11,000 Leute, denen sie zusammen 5,500,000 Dollars Löhne zahlte. Zur Fortschaffung ihrer Erzeugnisse en Schinken, Speck, Schmalz u. s. w. waren 40C0 Eisenbahnwagen und 700 Pferde in fortwährendem Betrieb. Außerdem beschäftigte sie noch 750 Mann in ihrer Leim-Fabrik, welche 12,000,000 Pfund Leim erzeugte. Schreiber dieses hat vor einiger Zeit die hiesigen Union Stock Uards besucht, in welcher die riesigen Buh- höfe und Schlachtereien (Packing Houses) der Firma sich bcfin- den. Da staunt man aber und mit Recht, wenn auch empfindlichen Damen und überhaupt nervenschwachen Personen vom Besuch dieser großartigen Anlagen abzurathen ist, obwohl auf allen Wegen, welche die Besucher geführt werden, erstaunliche Reinlichkeit herrscht. In den Schweine-Schlächtereien wurden an diesem Tage rund 5000 Borstenthiere verarbeitet; im Winter bis zu 10,000 an einem Tage. Ferner gegenwärtig 4500 Stück Rindvieh täglich. Für den Laien interessant sind auch die großen Gefrierhäuser und Pökelhallen. Arrnour beherrscht vollständig den Weltmarkt in Schweinefleisch und Schmalz."
* Ueber einen Frauen-Tauschhandel i« Rußland berichtet der Novorofl.-Telegr. Folgendes: Die Bauern des Jelissawet- gradschen Kreises Stratijenkow und Burilin kehrten etwas angeheitert aus Jelissawetgrad vom Markte heim. Unterwegs schlossen die biedern Bauern folgenden Tauschhandel ab. Stratijenkow verhandelte als Tauschobjekt seine häßliche Frau Afa- nasja an Burilin gegen dessen hübsche Frau Tatjana und trat als Zugabe zu seiner häßlichen Frau zwei seiner schönen Zug- stiere ab. Ins Heimathsdorf zurückgekehrt, wurde der Tausch- dandel auch richtig auSgesührt, doch dauerte das Zusammenleben der neuen Paare nicht lange. Tatjana Burilina machte dem örtlichen Gemeindegerikbt Anzeige von dem Tauschhandel, und dieses verfügte, den Tauschhandel rückgängig zu machen, die Frauen wieder auszutauschen, die Zuchtstiere dem Stratijenkow auszuliefern, die beiden Tauscher aber mit 10 bezw. 7 Ruthen- streichen zu bestrafen. Die also Gemaßregelten waren mit dem Urtheil unzufrieden und brachten die Sache an das Jeliffawet- gradsche Kreis-Friedeusrichterplenum, welches das Urtheil des Gemeindegerichts aufhob und die Sache dem ananjewschen Gemeindegericht zur erneuerten Verhandlung übergab.
* Ei« Prosaischer Gatte. „Nun, Frau Meyer, was schreibt der Herr Gemahl aus Italien?" — „Wenig, aber es scheint dort schon Sommer zu sein." — „Ja, hat er Ihnen vielleicht einen blühenden Olivenzweig gesandt?" — „Nein, daS nicht, aber seinen Winterüberzieher!"
* Schöne Sprache. „Du, Knebbchen, sag mal, wie heißt der Reklametitel des ungarischen Kapellmeisters, in dessen Con- cert wir neulich waren?" — „Bester Pester Orchester-Meester — so heeßt er!"
Literarisch«».
§ Wir machen unsere Leser gern aus die eben erscheinende Nr. 13 von „Kreuz und Schwert" ausmerksam. Die interessante Zeitschrift erscheint jetzt geheftet, 16 zweispaltige Seiten stark, mit Umschlag und Illustrationen. Heft 13 enthält u. A. folgende bemertenswerthe Artikel: Hirtenschreiben der Bischöfe Oesterreichs. — Die hl. Familie in Egypten (mit Bild). — Leben und Wirken des hl. Petrus Claver (Fortsetzung). — Bries eines kranken Missionärs. — Brief aus der Togo-Mission. — Wie der Neger den Elephanten jagd. — Ein Kriegsbild aus Ostafrika u. s. w.
Der Preis ist bei monatlich zweimaligem Erscheinen nur 75 Pfg., portofrei 90 Pfg. halbjährlich und deshalb so äußerst billig gestellt, damit auch der weniger bemittelte Katholik sich das Lesen gestatten kann. Bekanntlich erfreut sich der Herausgeber seit Jahren der ganz besondern Gunst deS hl. Vaters, der ausdrücklich Alle segnet, welche seine Schriften lesen und verbreiten. „Kreuz und Schwert" ist durch jede Buchhandlung, die Post und direkt vom Herausgeber, Henn W. Helmes in Münster i. W., zu beziehen. Nr. 13 wird probeweise gratis und franko von demselben versandt.
§ Touristen-Karte von Eisenach und Umgebung. Gezeichnet von Ehr. Peip. Maßstab 1:20,000. Mit alphabetischem Berzeichniß sämmtlicher in der Karte enthaltenen Namen mit geschichtlichen und touristischen Notizen (20 Seiten). Preis 1 Mark. Aufgezogen in Mappe 1 Mk. 65 Psg. Eisenach. Verlag von M. WilckenS. 1893.
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Der Postdampfer „Belgenland" Der ,Red Star Linie' in Antwerpen ist laut Telegramm am 17. Juni wohlbehalten in Rewyork angekommen.