Samstag, bett 24. Juni 1893
20. Jahrgang
MldllkrUMUW
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(47. Fortsetzung.)
DaS Mahl war eben zu Ende, und Mary beschäftigte sich eben mit dem Nachtisch, als sie mit einem Male die beiden Männer, welche über geschäftliche An- gelegenheileri mit einander sprachen, unterbrach und sagte:
„Höre einmal, Vater!"
„WaS gibt's Kind?" antwortete Harwant.
„Wie hoch beläuft sich jetzt Dein Vermögen?" frug Ma y
Die beiden Männer sahen sich erstaunt an.
„Aber weshalb antwortest Du mir nicht?" frug Mary abermals ungeduldig. „Drr Vetter rst ja in alle Deine Geschäfte eingeweiht. Du brauchst alfo vor ihm fein Geheimniß zu haben und kannst mir urigenirt antworten."
„Aber weshalb willst Du die- wissen?" wagte Jakob zu fragen.
„Weshalb? Weil. . ."
„Aber daS ist kein Grund."
„Ich will, weil eS mir so gefallt. Nun also!"
„Nun denn, wir besitzen in diesem Augenblicke fünf hundert tausend Pfund Rente."
„Und welcher Kapital ergibt diese Summe?"
mach der Vetters, in «eine Heimath, denn auch ich bin eine Französin! Ohne ei zu kennen, schwärme ich für dieser Land — ich will ei scheu, dort leben nud sterben!"
„War sprichst Du vom Sterben?" rief Jakob ans, dar Mädchen zu sich ziehend und eS an seine Brust nehmend.
„Oh, ich habe gerade keine Lust, zu sterben," antwortete Mary lachend, „aber hier sterbe ich jung, denn ich langwdile mich. Amerika ist mir verhaßt, nach Paris zieht e- mich, nach Paris, der Wunderstadt . . Dort meine ich freier athmen zu können als in diese« Rew-Dork, wo ich zu ersticken glaube."
„Aber, liebes Kind," erwiderte Harmaut, „e-steht nichtr im Wege, nach Paris, nach Frankreich zu reifen und drei Monate dort zu bleiben . . .
„N-in, nein, nicht drei Monate, für immer," sagte Mary gebieterisch. „Du verkausst Dem Geschäft und wir gehen nach Frankreich, um dort zu bleiben.
Die Fabrik tiettaufen!" fiel Ovide mißvergnügt ein."„Amerika für immer verlasim - nein, daS ist lächerlich, das ist wahnsinnig!"
„Sie mögen so denken — Sie mögen auch hier bleiben, wie Sie wollen, so lauge eS Ihnen gefällt! Ich will Sie nicht mit Gewalt mit «iS schleppen. Aber ich will weg — wenn nicht, daun muß ich fierben!" sagte Maiy trotzig.
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Deutsches Reich.
Berlin, 22. Juni.
* Der Kaiser kehrt Ende d. M. nach Potsdam znrück nnd wird am 4. Juli den Reichstag persönlich eröffnen. Die kaiserliche Verordnung, durch welche der Reichstag zum 4. Juli unberufen wird, wird heute vom ,Reichsanzeiger' amtlich bekannt gemacht.
* Der BnndeSrath überwies heute die Vorlage betr. die Einrichtung der Quittungskarten für die JuvMditätS- und Altersversicherung an die zuständigen Ausschüsse zur Vorberaihung. Auf der Tagesordnung standen ferner die Beschlußfassung über den Gesetzentwurf über den Berrath militärischer Geheimnisse nach den Beschlüsien des Reichstages, über die vom Reichstage überwiesenen Petitionen, betreffend die Abänderung der Militär-Strasprozeßordnung, über den Entwurf eines Gebührentarifs für die Strecke Holtenau- Rendsburg des Nordostseekanals und über die auf der internationalen SanitätSkonserenz zu Dresden unterzeichnete Uebereinkunft.
• Hebet den Rest der Landtags-Arbeiten find jetzt die Präsidien der beiden Häuser der Landtages und die Regierung stillschweigend übereingekommen. Der Landtag wird, wie bestimmt gemeldet wird, am 12. oder spätestens am 15. Juli geschlossen werden. BiS dahin werden die Steuer - Borlsgen und sämmtliche übrigen Reste der Arbeiten beider Häuser deS Landtages, vielleicht mit verschwindenden Ausnahmen, zum Abschluß gebracht sein.
* Trennt man die 219 definitiv gewählten Reichstags - Abgeordneten nach Freunden und Gegnern der Militärvorlage, so haben die Gegner der Militärvorlage erhalten: Cnitrum 79, Sozialdemokraten 24, süddeutsche VvlkSpartei 4, Elsaß-Lothringer 7, Däne 1, Bayer. Bauernbund und Sigl 2, in Summa 117 Mandate, die Freunde der Militärvorlage: Konservative 61, Reich-Partei 9, Nationalliberale 18, freijümige Bereinigung 3, Polen 17, Antisemiten 2, Lender, Aren- berg und Bescher 3, in Summa 103 Es find also definitiv gewählt 103 Freunde und 117 Gegner der Militärvorlage. Durch die Stichwahlen, die sich zwischen zwei Freunden der Militär Vorlage abspielen, erhöht sich die erste Z ff«r von 103 auf 128, durch die Stichwahlen unter zwei Gegnern derselben von 117 auf 138. Die Entscheidung liegt also bei den 132 Stichwahlen, die sich zwischen einem Freunde und einem Gegner der Militärvorlage abspielen. Den Gegnern der Militärvorlage fehlen noch 61 Stimmen a» der Majorität, den Freunden derfeiben noch 71
mer wird die bezüglichen Kreditüberfchreitungen in bet Herbstsession genehmigen.
• Straßburg, 22. Juni. Die Hilfs - Aktion behufs Linderung der Futternoth ist in vollem Gange. Seitens der Regierung sollen die für Prämiirungen und dergleichen bestimmten Gelder zur Anschaffung von Futtermitteln verwendet werden. Die landwirthschast- lichen Bezirks- und KreiS-Bereine haben den Massen- Bezug von Futter in die Hand genommen. Den .Neuesten Nachrichten' zufolge hat beispielsweise bet Bezirks-Verein Unter-Elsaß heute früh 50 Waggon Heu telegraphisch bestellt. Das Heu toirb zum Selbstkostenpreis abgegeben, an Arme eventuell geschenkt werben- Außer ben öffentlichen Vorschuß-Kaffen sollen zu ben- fetten Bedingungen auch den Gemeinden Seiten- der Landes-Verwaltung Gelder behufs Befchaffung von Futter zur Verfügung gestellt werden. Von zuverläffiger Seite verlautet, daß von der Einberufung de- LandeS-AuS- fchnffeS einstweilen Abstand genommen fei. ©eilens der Reichs-Eisenbahn werden für den Futter-Transport dieselben Ermäßigungen gewährt, wie Seitens bet preußischen Staats-Eisenbahnen.
Ausland.
* Der Panama-Skandal hat bekannllich zwei Proz-ffe gegen die BerwaltungSräthe der Panama- Gesellschaft zur Folge gehabt: einen wegen betrügerifeben Bankerott- und einen wegen Bestechung. Der BetrugSprozeß wurde mit Rücksicht auf das Privileg deS greifen Ferdinand v. Leffeps als Großritter der Ehrenlezion vor dem Appellhofe geführt. Ferdinand v. LeffepS war durch Krankheit verhindert, zu erscheinen. ES erfchieuen am 10. Januar dieser Jahres sein Sohn Karl v. Leffeps, Eiffel und Fontane. Cottu war ebenfalls abwesend. Der Prozeß dauerte einen vollen Monat. Die Bertheidigung machte die Verjährung geltend. Der Gerichtshof ging jedoch auf diese Auf- faffung nicht ein und verurtheilte am 10. Februar dieses JahreS die Panama-VerwaltungSräthe Ferdinand und Karl v. L«ff p-, Eiffel, Fontane und Cottu, die betten Erstgenannten zu je fünf, die drei anderen zn je zwei Jahren Grfängniß. Die Berurtheilten, mit Ausnahme Cottu-, brachten gegen dieses Trkenntuiß die Nichtigkeits-Beschwerde vor dem Kassation-Hof ein, welcher am 8. Juni die Sache in Verhandlung nahm. Am 15. Juni ist nun der Spruch des Kassation-Hofe- erfolgt, welcher die Verjährung als thatfächlich vorliegend erkannte und das Urtheil des KaffationShofeS gegen die gejammten BerwaltungSräthe bet Panama- Gesellschaft kasfirte. Dieselben find somit von der Anklage wegen Betrug-freigesprochen. Der Bestechungsprozeß wurde vom 8. bis 21. März vor den Pariser Geschworenen gegen den gewesenen Minister Baihaut, Karl v. LeffepS und Blondin geführt und endete mit deren Verurteilung. Der Erstgenannte, welcher ein vollständiges Geständniß ablegte, erhielt fünf Jahre, Blondin zwei Jahre und Karl v. Leffeps ein Jahr Gefängniß. Die beiden Letztgenannten meldeten die Richtigkeits-Beschwerde beim Kassation-Hofe an. I«
Stimmen. Um diese Ziffern und Stimmen dreht fich jetzt in erster Linie der Kampf bei den Stichwahlen. Rechnet man in jedem einzelnen Wahlkreis die Stimmen einerseits für die Parteien zusammen, welche Gegner der Militärvorlage sind, anderseits der Parteien, welche Anhänger der Militärvorlage sind, so ergibt fich dabei nach einer Berechnung der.Freisinnigen Zeitung', daß sich in 253 Wahlkreisen eine Mehrheit gegen die Militärvorlage, und nur in 144 Wahlkreisen eine solche für die Militärvor- lage ergeben hat. Würden bei allen Stichwahlen alle Parteien, welche Gegner der Militärvorlage find, zu- sammengehen und beispielsweise auch überall die Sozialdemokraten unterstützen, so wäre eine Majorität gegen die Militärvorlage unter allen Umständen gesichert, eine größere Majorität als im aufgelösten Reichstage.
* Die Ueberweisuuge» aus de« auf Preuße« fallende» Autheil der Getreide- «ud Viehzölle auf die Kreise betragen für dar abgelaufene Etats- Jahr 1892/93 36,770,000 Mk.. 4,630,000Mk. weniger als veranschlagt und 20,000,000 Mk. weniger als im Borjahre. Dieser Rückgang erklärt sich theilS aus den neuen Handels - Verttägen, theilS a«S der guten vorjährigen Erntet aVu uaö
* Der Religionsgründer und Oberstleutmant a. D. Herr v. Egidy ist durch seinen Mißerfolg bei der Reichstagswahl keineswegs entmutigt. In einer Rede, in der er dem Belieben seiner Wähler die Stellung zur Stichwahl im ersten Wahlkreise überließ, deutete er an, daß er bei den nächsten Landtagswahlen kandi- biren werde.
* Ahlwardt wurde nach seinem neuen Wahlsieg in Arusmalde-Friedeberg unter den Antisemiten Berlin'- wieder mit allen Ehren aufgenommen und sogar gefeiert in einer antisemitischen Volksversammlung, in welcher Profeffor Förster die Festrede hielt. Biele seiner früheren Freunde, so bernrrktc «, feien bei dem ersten, wenn auch nur scheinbaren Mißerfolg abgefallen. Aber in diesem Verein habe er Männer gefunden, welche zeigten, wa- deutsche Treue sei. Diese freudige Wahrnehmung laffe ihn hoffen, daß auch in der autt- semitischen Partei endlich ein zielbewnßteS Vorgehen stattfinden und baß sie die Kinderkrankhetten überstanden haben werde. Ein gemeinsame- Vorgehen sei unbedingt nöthig; wer sich nicht hineinpassen könne, müffe au-gemerzt werden.
* Der deutsche Reichs-Kommissar, Geh. Regierungsrath Wermuth, hat, wie auS Chicago gemeldet wird, gestern die deutsche Wein- und Weinbau- Ausstellung eröffnet.
* Die Berliner Polizei entdeckte gestern eine Falschmünzer-Werkstatt, in welcher 5«, 2- und 1-Mark- stücke ongeferrigt wurden. Zwei Personen wurden bei der Arbeit Überrascht und verhaftet. ES wurde Falschgeld im Betrage von 1055 Mk gefunden.
* Karlsruhe, 21. Juni. Die Regierung hat bereits seit über Monatsfrist Vorkehrungen gegen den Futtermangel getroffen, welche die vollste Anerkennung deS LaudwirthichastSrathS fanden. Die Kam-
„Etwa zehn Millionen." „Ist die Fabrik mitgerechuet?" „Rein."
„WaS ist sie wertt?"
„Eiwa eine Million — dafür könnte ich einen Käufer haben."
„Gut, Du sollst sie verkausen."
Paul Harmaut und Ovide blickten Maiy erschrocken an.
„Ich soll meine Fabrik verkaufen?" rief Har- mant aus.
„Ja!" u
„Aber . . ."
„Hier gibt'S fein aber. Ich finde, daß Du reich genug bist," erwiderte das Mädchen lachend, als eS die verdutzten Gesichter ter beiden Männer sah. Dann fuhr sie fmt:
„Ich möchte Dich bitten, die Fabrik so bald als möglich zu verkaufen."
„Es hat ja keine Eile!"
„Doch wohl, ich habe einen Plan, welcher nicht aufgeschoben werden kann."
„Und dieser Plan wäre?"
„Nach Frankreich zu ziehen!"
„Nach Frankreich!" wiederholten beide Manner er- < l schrockm. . t. Ä . I
I „Ja, in die Heimath meireS Vater-, in die Hei- !