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20. Jahrgang

Freitag, den 23. Juni 1893.

JM 141

uldaerMZeitiilig

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(46. Fortsetzung,)

Freilich blieben noch viele Schwierigkeiten zu be­seitigen übrig, ehe sie die Mauern ihres Gefängnisses hinter sich hatte.

Es war zu Anfang des JahreS 1880, am 18. Januar, einem Samstage.

Am folgenden Tage wollte Johanna ihren Plan ausführen.

Schwester Philomena pflegte jeden Abend auf ärzt­liche Anordnung vor dem Schlafengehen ein GlaS Banyul- oder Quinquina zu trinken und ein Stück Brod dabei zu nehmen.

Johanna war dieser Umstand bekannt, da sie nie­mals zu Bette ging, ohne vorher von ihr die nöthigen Weisungen bezüglich der Arzneien für den folgenden Tag empfangen und die BesuchLzettel zurecht gemacht zu haben, auf welchen man die täglichen Vorschriften aufzeichnete.

Häufig hatte Johanna weiter gesehen, wie bte Schwester sich ihr GlaS Quirquina»Wein zurecht wachte.

Diese- GlaS sollte bei ihrem Plane eine Hauptrolle spielen.

Johanna kannte alle Flaschen, welche in schönster

Ordnung auf einem Gestelle standen, ebenfo wie ihren Inhalt.

In dem Augenblicke alfo, wo bte Schwester sich m ben Speifefaal zur Abenbmahlzeit begab, trat sie an baS Gestell heran unb nahm eine Flasche, welche nach ihrer Aufschrift eine starke narkotisch-betäubenbe Flüsstg- leit enthielt. _ , . .

Dann begab sie sich m baS Wohnzimmer ber Schwester, wo auf einem Tische eine halbgefüllte Flasche Quinquina-Wein staub. Ohne laug zu zögern goß sie die Hälfte deL Inhaltes der Flasche dem Weine zu.

„Das wirb reichen", sagte sie zu sich, „um ihren Schlaf hinlänglich zn verlängern, ohne baß eS ihrer Gefunbheit schadet."

Dann kehrte sie wieder zu bet Kcankenabtherlung zurück. Die Abendstunben bauchten ihr wie eine kleine Ewigkeit, unb ausgeregt unb in bem höchsten Grade beängstigt, verrichtete sie ihre gewöhnlichen Dienst­leistungen. ,

Johanna war damit beschäftigt, bte Besuchszettel zurecht zu machen — eS war zehn Uhr AbenbS — unb zögerte absichtlich etwas mit biefer Arbeit, um sich zu vergewissern, baß bte Schwester wirklich tote gewohnt ihren Wein zu sich nehme.

i 8 Bald betrat die Schwester beim auch ihr Zimmer. I Gleich darauf vernahm Johanna brS Geräusch einer

Kschof Frhr. t>. Ketteln zur gegen- wärtigen Lage. ___

* Zwei Thalsachen charakterisiren bie gegenwärtige Lage Deutschlands: daS Liebäugeln nach der absoluten Königsgewalt unb baS Hinstreben zum Militärstaat. Beibe Strömungen sinb zweifelsohne vielfach getragen von der festen Ueberzeugung wirklicher Liebe zum Vaterland, sie entbehren sogar nicht eines gewissen religiösen Schwunges. Vom Mtlitärstaat erwartet man, gestützt aus die Waffenerfolge Preußens 1848, 1866 und 1870, Schutz nach außen und Sicherung im Innern gegen die soziale Revolution. Bon der Königsgewalt erhofft man heilsames Gegen­gewicht gegen die Parlamente, in denen ja vielfach der i platteste Materialismus sich breit macht. So die Stimmung in manchen streng konservativen Kreisen Preußens. Auch der katholische Adel konnte sich hin vnd wieder der Macht dieser Strömung nicht ganz entziehen und erblickte im Widerstand gegen dieselbe demokratischen PartikulariSmuS. Nun, an Liebe zu Preußen und Deutschland, an hohem Adel der Geburt und höherem Adel, wahrhaft christlich konservativer Gesinnung, an politischem Scharfblick und weitschauen- dem Geist hält der verstorbene Bischof von Mainz Wilhelm Emmanuel Frhr. v. Kettelet wohl den Ver­gleich mit den gegenwärtigen Adeligen auS. Wie Prophetenstimmen gemahnen unS in der gegenwärtigen Lage folgende Worte, die das Mainzer Journal' feinem Buche „Deutschland nach dem Krieg von 1866" entnimmt, und die dem, der etwa irre geworden sein sollte, den rechten Weg wieder weisen können. Er schreibt:

„Eine Richtung in Preußen geht aus den monargischen Absolutismus, ein absolutes preußisches Königthum aus Sie hat an Stärke wesentlich gewonnen durch die inneren Berfaffungs- kämpfe und die vielen unseligen Erscheinungen, die mit densSben verbunden waren. Biele in Preußen glauben, daß nur durch ein Zurückgreifen aus die früheren Zustände, aus die Vollgewalt des preußischen Königs aus dem Wirrsal der Zeiten herauszu­kommen sei. Dieser Richtung schließen sich alle jene an, bte mit dem preußischen Königthum eine Art religiösen.Kult treiben und die Ueberzeugung haben, daß daS preußische Königthum etwas Einziges in der Welt sei, daS durch eine besondere göltltche Vorsehung das Heilmittel für alle Uebel der Welt in sich trage. Es gehört diese Anschauung einer eigenthümlichen Färbung des Protestantismus in Preußen an.

Wenn wir aber auch die Gefühle theilwerse achten, aus welcken diefe Bestrebungen hervorgegangen sind, fo können wtr dieselben doch nur als gefährliche Jrrthümer erkennen, die nicht zum Heile gereichen werden. .

Wenn wir die Regentengabe mancher preußischen Könige gern anerkennen und von ganzem Herzen wünschen, daß Gott auch in Zukunft die preußischen Könige mit allen Fürstentugen­den ausstatte, so möge man sich doch hier verderblichen Phantasie- Gebilden nicht hingeben. Die preußischen Könige sind und blei­ben Menschen, wie wir alle sind und auf gute werden weniger gute folgen. Die Annahme, daß alle preußischen Könige durch eine providentielle Leitung vor großen Verirrungen bewahrt seien, scheint uns die preußische Geschichte selbst, mag man sie auch noch so sehr idealisiren, doch hinreichend zu widerlegen. Ein Ver­such, ein absolutistisches preußisches Königthum herzustellen, würde dieunseligstenFolgen haben, er würde keinen inneren Frie­den bringen. . . ....

Eine verwandte Richtung ist jene, bte von einem preußischen

Deutsches Keich.

Betlin, 21. Jtmi.

* Det Kaiser fuhr heute Vormittag in ben Nord- Ostfee-Kanal, besichtigte bie Kanalstrecke biS RenbSburg unb kehrte gegen Abenb nach Kiel zurück. Bei LrvenSan legte ber Kaiser ben Grunbstein zu ber zu erbauenden Hochbrücke. Dem ,Hamb. Korresp.' zufolge begibt sich baS Kaiserpaar Enbe beS Monats zum Besuche bet Königin Victoria von Kiel aus nach Englanb.

* Graf Caprivi, ist ber scheinbare Sieger in biesem Wahlkampf. Der Schein trügt aber ost. Er hat freilich eine Mehrheit für bie Militär- Borlage znsammenbekommen, aber nur mit bet Stärkung seiner agrarischen Gegner auf ber Rechten. Damals, als bet „Bnnb bet Lanbwitthe" ge- grünbet nnttbe, sah es aus, als wenn bie Konser­vativen in bem bevorstehenden Wahlkampfe gegen ben Regierungsapparat zu arbeiten haben würben. Es kam anberS, inbem Graf Caprivi nachgab. So ist bie unerhörte Thatfache zu verzeichnen, baß fogar ein aktiver RegierungSpräsibent offen gegen ben Handels- vertrag aufgetreten ist, über ben ber Reichskanzler mit Rußland verhanbelt. Die Lanbräthe haben sich fast allerorts in ben Dienst beS „BunbeS ber Lanbwitthe" gestellt, obschon beffen Forberungen in wesentlichen Stücken gegen bie Regietungspolitik ge- richtet sinb. Der preußische Ministerpräsibent läßt baS ruhig gefchehm, weil er ben Konservativen viel freunblicher g. sinnt ist, als feinem Kollege an ber Reichsspitze. Wie wenig Schonung Graf Caprivi trotz seiner Nachgiebigkeit zu erwarten hat, zeigt ein bösartiger Angriff ber ,Kreuzzeitung' am Morgen beS Wahltages. Sie verbreitete eine handgreiflich unrichtige Nachricht von einem „Gegenvorschlag" RußlanbS unb führte aus, baß bie ReichSregieruug im Begriffe stche, tret bloße Scheinzugestänbniffe Rußlands baS „LebeuSintereffe" ber deutschen Lanbwirthschast zu ver­kaufen. SS wurde sofort amtlich bie ganze Nachricht für burchauS nubegrünbet erklärt. DiefeS kleine Bor- spiel zeigt, baß Graf Caprivi bald in baS Feuer ber erstarkten Rechten gerathen wirb. Wohl möglich, baß er bie Durchbringung ber Militär- Vorlage mit feinem Amte bezahlen muß. Nachdem Graf Caprivi das Centrum so schlecht behandelt hat, haben wir kein Interesse, zu seiner Bertheidigung uns noch weiter anzustrengen. Wir haben ihm ja auch nichts zu verdanken, nicht einmal die Aufhebung des JchiitengefetzeS oder die Annahme des bayetifchm Redemtoristen-AntragS.

* BiS jetzt find drei Anti-Semiten gewählt: Ahlwardt m ArnLwalde-Friedeberg, Liebermann v. Sonnenberg im heffifchen Wahlkreise Fritzlar und Gräfe im fächsischen Kreife Bautzen (Oberlausitz). In 19 Kreisen kommen die Anti-Semiten in die Stichwahl: in den bisher konservativen pommerschen Kreisen Neu­stettin und Regenwalde, in Erfurt und Barmen-Elber- | ftld gegen die Sozialdemokratie (bet Kompromiß-Kan­didat Gärtner Dahm in Elberfelb ist nicht Anti-Semit, Flasche und eines Glases, unb fast im nämlichen Augen­blicke erschien bie Schwester mit ihrem Glase in ber Hanb auf ber Thürschwelle unb tagte:

„Nun, sind Sie balb fertig, mein Kind?" „Ja, ich bin fertig, Schwester."

„Gut, bann gehen Sie zur Ruhe, ich bin gleich­falls fchr rnübe. Morgen ist Sonntag unb ich muß früh aufstehen, um in ber Pfarrkirche bem Gottesdienste beizuwohnen."

„Gute Nacht, Schwester!"

„Danke, Kind. Sie werden mich ja wecken?

„Gewiß!“ «...

Die Schwester trank daS Glas b,S zur Neige aus und begab sich auf ihr Zimmer.

Johanna ging jetzt gleichfalls auf ihr Schlaf­zimmer, welches durch ein kleines vergittertes Fenster ^Obwohttes Winter war, glaubte Johanna doch zu ersticken und dicke Schweißtropfen standen ihr auf der Stirne. Sie öffnete das F-nster und lehnte ihre brennende Stirne wider die eifernen ©tanaen.

Die Nacht war düster, einzelne Schneeflocken sanken langsam zur Erde nieder.

Das Wetter ist mir günstig", murmelte sie vor sich hin. Sie schloß daS Fenster wieder und ging in die Apotheke, horchend, ob sich in der Kammer der Schwester nichts rühre. „Wenn nur das Mittel

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Militär-Staat das Heil für Preußen und für Deutschland erwar­tet. ES sind schon Stimmen in Preußen laut geworden, selbst in einflußreichen Organen, die diesen Gedanken mit der äußersten Schärfe ausgesprochen haben. Ein solcher preußischer Militär- Staat, wo alles Volk in Waffen, das aber auch deshalb, weil es unter dem Gewehr steht, keinen eigenen Willen haben darf als das allein maßgebende Volk betrachtet würde, wäre freilich der kürzeste Weg, um augenblicklich über alle inneren Schwierigkeitenhinwegzukommen. Wir begreifen auch bei dem Werthe, den man in Preußen mit vollem Rechte aus die preu­ßische Militär-Verfassung legt, bei dem Selbstgefühl, von dem daS preußische Heer durchdrungen ist, bei dem Eindruck seiner großen Siege, die es in diesem Jahre (1866) errungen hat, bei dem Hinblick zugleich aus das viele Elend der inneren Zustände, daß treue Diener ihres Königs auf diesen Gedanken verfallen können. Der kürzeste Weg ist aber nicht immer der rechte Weg, und ein Mittel, das augenblicklich hilft, deckt dar Uebel oft nur äußerlich zu, ohne es innerlich zu heilen. Wer die Entwickelung des menschlichen Geistes in unserer Zeit vor Augen hat, kann unmöglich glauben, daß ein preußisches Militär-Königthum ruhige, befriedigende innere Verhältnisse schaffen könne.

Mag man die Militär - Disziplin noch so hoch anschlagen, sie allein genügt wahrlich nicht; dazu ist die Bestimmung, die Gott unserem Volke gegeben hat, zu hoch. Ein reiner monarchi­scher Militär-Staat würde bald in sich zu Grunde gehen.

Graf Bismarck hat unglaubliche Resultate erreicht; er hat gegen alles Erwarten eine Kammer - Majorität, die durch den größten Theil des preußischen Volkes getragen und von ganz Deutschland unterstützt wurde, überwunden und fie. gezwungen, ihm Indemnität und Alles zu geben, was er nur wünscht; er hat in der auswärtigen Politik Erfolge erzielt, die ebenso un­glaublich und überraschend sind; und dennoch können wir über den bleibenden Werth seines Wirkens für Preußen erst dann urtheilcn, wenn wir das System feiner inneren Politik kennen lernen werden. Bis dahin wissen wir noch nicht, ob er ein glücklicherSpieler ist, der in einer «acht verlieren kann, was er in einer andern gewonnen hat, oder ob er ein Staatsmann ist, der für die Zukunft baut.

Die inneren politischen Fragen sind die großen Zeitfragen, von deren Lösung die Zukunft der europäischen Staaten abhängt. Nur wenn Preußen in seiner inneren Politik die rechten Wege einschlägt und diesen Impuls auch jenen Staaten nnttheilt bte sich seiner Führung hingeben, kann eS dauernde Verhältnisse be­gründen und eine bleibende Machtstellung gewinnen; sonst wird die Revolution die Rache für Königgrätz übernehmen. Die großen inneren Fragen sind: Freiheit der Kirche, christliche Schule, Schutz des Arbeiterstandes, Erhaltung des Bauenstandes."

Das sinb bie Wirte eine« Mannes, ber zuerst in Dentfchlcmb bie Zeichen, welche ben sozialen ©türm ankünbigten, erkannte unb bie Völker mtb Fürsten in feinen Schriften barauf aufmertfam machte. Aber ber herrschende Liberalismus ber damaligen Zeit verstand ihn nicht unb noch heute kann ber Liberalismus sich noch nicht zu einer durchgreifenden Sozialreform ver­stehen. Das Centrum war die einzige Partei, welche des hochfeligen BifchofS Hinweise verstand, danach handelte und eine Aenderung in unserer wirthschaft- lichen und sozialen Gesetzgebung herbeisührte. Und noch heute steht daS Centrum entschieden auf dem am Schluffe der obigen Ausführung v. KettelerS ange­gebenen Programme. „Freiheit der Kirche und jeder Konfefsion, christliche Schule, Schutz der Arbeiterstandes und Erhaltung des Bauernstandes" — zwei Jahrzehnte feit feinem Bestand ist das Centrum dafür in tue Schranken ge­treten. Das Centrum ist, wie selbst Caprivi erklärte, eine sittliche Macht unb es wird nie von diesen durch v. Ketteler schon vorgezeichneten Bahnen abweichen.