JV 140 Donnerstag, den 22. Juni 1893. 20. Jahrgang
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Das Wahlergebuiß
liegt nunmehr bis auf einen einzigen Wahlkreis voll- ständig vor. Das Sefammtbild ist dasselbe, welches man »ach den ersten Wahlnachrichten gewann: dar Centrum hat fich mannhaft gehalten. Der Freisinn hat eine niederschmetternde Schlappe erlitten, die Sozialdemokraten haben einen starken Zuwachs an Stimmen erhalte». Für das Cent rum ist zwar nicht alles nach Wunsch gegangen, indes find seine Verluste vergleichsweise unbedeutend. In ReeS-MörS, einem zur Hälfte protestantischen Wahlkreise, hat der katholische Landrarh Bescher, der für die Militärvorlage ist, mit schwacher Mehrheit über dm CentrumSkandi- beten gesiegt, ebmso in Montjoie-Schleiden-Malmedy der wilitärfreundliche Prinz Arenberg. In Schlefim ist kein Anhänger der Militär Vorlage durchgekommen. Frhr. v. Huene kommt nicht einmal in BreSlau-Rm- martt in Stichwahl, sondern der Sozialdemokrat mit dem Freikonservativm. Die Freunde der Militärvorlage rechne» allerdings ein oder zwei der schlesischen Crn- trumSabgeordneten zu ihren Gesinnungsgenossen; eS hat aber keiner von ihnen sich für die Vorlage erklärt. In einem Blatte findm wir die Zahl der militär- frmndlichen CentrumSabgeordnetm sogar mit 7 angc- gebm; hier scheinen außer Lender, Prir-z Armberg und Bescher noch Graf Balm (3. Oldmburg), der in Sttaßburg-LandkreiS gewählte CostelleS, der als militärfreundlicher CmtrumSmann aufgeführt wird, und zwei schlesische Abgeordnete gemeint zu sein, darunter Pfarrer Frank. Im Cmttum selbst wird man wohl alle Wahlkreise zu dm verlormm rechnm, die Freunde der Militärvorlage gewählt haben. Wer nicht auf Brund deS Wahlaufrufes der CmttumSfrattion gewählt ist und mit beiden Füßen auf demselben steht, soll außerhalb der Fraktion bleiben. Tie Fraktion kann diese Lmte (Lender, Prinz Arenberg rc.) auch gar nicht aufnehmm.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(45. Fortsetzung.)
„Ich habe Georg," dachte sie bei fich, „bei dem Pfarrer eines Dorfes, das, wie ich glaube, Chöoiy heißt, zurückgelaffm. Es war ein wackerer Mann, ! dieser Pfarrer. Er hat mir versprochen, für meinen Sohn zu sorgen und er hat jedenfalls Wort gehalten. Wma mein lieber Georg noch lebt, so ist er jetzt schon 14 und meine liebe Lucia 11 Jahre alt. Jedenfalls wird die Amme in Joigny sich ihrer erbarmt und sie bei fich behaltm und erzogen haben .... O, meine Kinder, meine theuern Kinder, der Arzt hatte Recht. Gott wird mir jedmfalls die Gnade gebm, daß ich sie »och einmal Wiedersehen darf."
Einige Augenblicke später betraten die Wätterinnm, welche die Speisen brachten, die Zellen. Johanna wandte sich an eine derselben und bat um Schreibmaterial.
„ES ist dies nicht gestattet," antwortete die Wärterin.
„Aber ich bin ja nicht mehr irrsinnig," murmelte Johanna.
„Dies ist nicht meine Sache. Die Hausordnung verbietet er ausdrücklich. Wenden Sre sich morgen an die Ober Wärterin oder an den dimsthabenden Arzt, ob ! sie er gestatten; ich darf es nicht."
Schweigend senkte Johanna ihr Haupt und weinte. ’
Sie hat um der Militärvorlage willm einen schweren Wahlkampf auf sich genommen, und mm sollte sie Lmte in ihre Mitte nehmen, die von vomherein ge- sonnm sind, in dieser Programmfrage fich von ihr zu trennen?! Die Zukunft gehört gegenüber der Sozial- demokratte nur einer christlichen Volkspartei, und diese soll dar Centrum bleibm. Die zwei oder drei jetzt mit schwacher Mehrheit auf die gouvemementale Seite gefallmm Wahlkreise werden bei der nächsten Wahl fiö doch schon zu uns zurückfindm. — Besser, als daj viele Geschrei erwarten ließ, ist es in Bayern ge- gangm. An den dortigen Bund der Landwirthe, der aber nicht militärfrmndlich ist, wurde Pfarrkirchen verloren; Sigl hat in Kelheim gesiegt. Zweimal kommt das Centrum mit einem Bauernbündler dort in Stichwahl, nämlich in Kronach und Passau. Ferner hat es sein Mandat in der Stichwahl zu vertheidigm in Würzburg gegen die Sozialdemokraten, in Forchheim- Kulmbach gegen die freisinnige Bolkspartei und in Schweinfurth gegen die Freisinnigen. Im übrigm dürste eS sich überall behauptet haben. In Baden hat eS Waldshut und Tauberbischofsheim behaltm, Konstanz, Lörrach, Freiburg, Kenzingm, Offmbur, gegen die Nationalliberalm zu vertheidigen. In Preußen hat eS zu vertheidigm Allenstein-Röstel gegen die Pole», Reichmbach-Reurode gegen die Sozialdemokratm, Essen gegen die Nationalliberalm, Düfleldorf und Köln gegen die Sozialdemokraten, Bielefeld-Wiedenbrück gegen die Konservattvm. Zusammen sind also 16 Mandate in Stichwahl zu vertheidigen; am schwerstm wird dies wohl bei Bielrield-Wiedmdrück werden, da-1890 nur durch einen Zufall erobert wurde; auch in den meisten übrigen Wahlkreisen wird eS einen heiß« Kampf kosten. Anderseits hat das Centrum in Wcchl- kreisen, die eS bisher nicht besaß, einen Erfolg errungen, indem eS feinen Kandidaten in die Stichwahl brachte, nämlich in Hamm-Soest, Bochum, Duisburg- Mühlheim, Zweibrücken, Germersheim und Dietz- Limburg mit Nationalliberalen, in Sinsheim (Baden) mit den Konservativen; außerdem steht in Billingm (Baden) Wacker mit dem militärsreundlichm Wilden v. Hornstein zur Sttchwahl. JnSgesammt ist, soweit bekannt, daS Centrum an 32 Stichwahlen betheiligt. — Die Sache des Richter'schen Freisinns sicht immer trauriger aus. Gewählt ist von diesen Frei- finnigen Niemand; von den Sezessionistm sind drei durchgekommm. Im Ganzen hat die ehemalige frei- sinnige Partei von ihren 67 Mandatm nach einer Berechnung 33 definitiv verloren. Sttchwahlen hat die freifinnige Volkspartei (mit Einschluß der süddeutschen Bolkspartei) einige 40, die Sezeffion etwa 15. Begreiflicher W-ise zankt man fich jetzt im freisinnigen Lager, wobei eS dem Häuptling stellenweise recht übel ergeht. Die ,Bosi. Ztg.' hat ganz recht, wmn sie sagt: „Gewiß ist kaum je eine Partei bei dm Wahlen, auf die sie selbst Hoffaungm gesetzt hatte, so gründlich geschlagm wordm, wie die fr et finnige." Herr Richter schiebt j tzt alles auf dar Anschwellen der Sozial- demokratte. Daß der Freisinn kein Rückgrat hat, ist
Am solgmden Morgen kam an Stelle deS wohlwollenden Arztes einer feiner Kollegen, welcher daS Verlangen Johanna'S ebenso wenig verantwortm wollte, als später die Oberwärterin.
„Also," ries die arme Mutter verzweifinngSvoll, „man verweigert eS mir, mich zu erkundigen, ob meine Kinder noch leben oder nicht?"
Roch am nämlichen Tage, an welchem festgestellt worden war, daß Johanna gehellt war, erstattete der Arzt feinen Bericht, welcher alsdann dem Direktor der Salpretiere und weiter der Polizei»Präfektur zuging.
Hier wurde sofort Befehl ertheilt, die Gefangene nach St. Lazare zu bringen, von wo sie dann nach dem Cmtral-Befängniß von Clermont übergeführt werden sollte, um dort ihre Strafe abzubüßen.
Am zweiten Tage später theilte man Johanna mit, daß sie die Salpetriere verlassen werde, war sie mit großer Fr-ude erfüllte, benn sie hoffte, aus dem Ge- fäagniß schreiben zu können.
Jndeß wurde ihre Hoffnung getäuscht, denn in St. Lazare wurde ihr diese Bitte ebenso rundweg abgeschlagen.
Abermals brach Johanna in Thriinm aus.
Es war in dm ersten Tagen des Jahres 1871.
Der Bürgerkrieg war mtststllt, die Kommunarden steckten, wie bekannt, Paris an allen Ecken in Brand und ermordeten schmählicher Weise die Geiseln.
Johanna wurde aus dieser Beranlaflung erst im
doch auch wohl bewiesen, und zwar nicht zum erften Male; 1887 ging e- ihm ähnlich. Mit dieser Partei ist für den Kampf nicht gut ein Bündniß zu schließm; die Herrm nehmen gleich ReißauS. — Die Sozialdemokraten Werben allerdings einen gewaltigen Stimmenzuwachs aufweisen. Die Zahl ihrer Mandate bagegm wird sich wohl nicht so ungeheuer vermehr«. Sie haben 24 auf dm ersten Anlauf gmommen; da sie meist in bett großen Städten sitzen, wurde die- rasch bekannt. Dann ober stockten die SiegeSdepeschm. Sie habm sogar zwei Verluste (Bremm und Kallbe- Aschersleben) und zwar an die militärsreundlichm Parteien. Allerdings sind sie auch an 84 Stichwahlen betheiligt; bei der Mehrzahl gelang ihnm das jedoch tmt wegen der Uneinigkeit der übrigm Parteien, die nun wieder meist gegen sie stimmen werden. — Die militärfreundlichen Parteien sind int allgemeinen auf dem alten Stande gebliebm und haben nur dm Freisinnigen einige Mandate genommen. Die Entscheidung über die Militärfrage müssen erst die Stichwahlen bringen. Bon den Gewählten schein« sich Freunde und Gegner so zietnlich die Wage zu halt«. Wir müffm aber leider den Freunden der Mllitätvorlage Recht gebm, wenn sie sagen, ihre Aussicht« hätten sich verbeffert. Der Setlauf der Wahl« hat gezeigt, daß sie mehr Glück hab«, als sie verdienen. Wenn sich daher die Gegner der Mllllärvor- läge nicht energisch anstreng«, steht daS Schlimmste zu befürcht«. Man vergeffe auch nicht, daß der jetzige Schreck bei tat etwa gewählten Freisinnigen noch einige Zeit nachwirken wird. Ehe fie fich den Amgstm und Gefahr« einer nochmaligen Wahl auSsetzm, werden sich wohl manche an der Abstimmung vorbeidrücken und so der Regierung de» Sieg erleichtern. Am 6. Mai betrug die Mehrheit gegen die Borlage 48 Stimm«. @8 ist nicht ausgeschloffen, daß von der damalig« Mehrheit 24 Mandate an die Minderheit, die schon jetzt einiges gewonnen hat, übergehen. Wenn die stühereu Mehrheitsparteien fich dagegen tüchtig anstrengen, kann auch das Umgekehrte eintretm, da die militärsreundlichm Parteien nun so starke Anzahl von Mandatm in der Sttchwahl zu vertheidigen habm. Sollte wirklich das Schlimmste eintretm, so steht Eines jedenfalls schon fest: DieMilitärvorlage würde angenommen werden von einer Mehrheit, die ebenso wie 1887 weitaus die Minderheit der Stimmen bei den Wahlen erhalten hat.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Juni.
* Bei den Stichwahlen hat das Gentrum folgende 18 Mandate zu vertheidigen, Allmstem- Röffel, RarkowSki gegen Wolzetgier, Pole. Neurota Reichenbach, Konrad gegen Kühn, Soz. Esten, Stötzel gegm Krupp, naU. Bielefelv-Wiedenbrück gegen kons. Düsseldorf. Wenders gegen Grimpe, Soz. Köln, Greiß gegen Lücke, Soz. Lörrach, gegen natlib. Constanz, Hug gegen Heilig, natlib. Freiburg i. Br., Marbe
Juni nach Clermont übergeführt, wo es ihr trotz der strengsten Verbote endlich doch gelang, ihr« Wunsch erfüllt zu sehen.
Sie schrieb also zwei Briefe, einen an den Pfarrer von Chöo:y, den ander» an die Amme ihrer Tochter nach Joigny und harrte mit leicht begreiflicher Ungeduld und Angst der Antwort.
Drei Tage später empfing der Direktor des Be- sängnisteS einen Brief von dem Pfarrer von Cl,ooiy, welcher ihm mittheilte, daß fein Vorgänger geworben sei und daß ihm persönlich von de» Verhältnissen der Jlihaftirten nichts bekannt sei.
Diese Mittheilung versetzte Johanna natürlich in die tiefste Niedergeschlagenheit, welche noch mehr wuchs, als am folgenden Tage ihr zweiter nach Joigny geröteter Brief mit der Bemerkung zurückkam: „Adrestat unbekannt."
„Meine Kinder find also verrnuthlich für mich verloren!" jammerte die Unglückliche, „und ich werde fie nie wiederfi hm. Aber ich will fie wiederfehen und werde sie wiederfehen," ries sie dann wie wahnsinnig ich geberdend aus, „und müßte ich zehn Jahre warten, o wird sich doch wohl ein einziges Mal eine Gelegenleit bieten, diesem Gefängnisse zu entfliehen — Gott wirb mit meine Kinder wiedergeben, wenn sie noch leben."
WaS Johanna sagte, schien geradezu Wahnsinn zu