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JV 139

Mittwoch, den 21. Juni 1893

20. Jahrgang

FMerWZeitilng

berg, Lauenburg, Hannover,

Zaren auf See im Juli oder August wird offiziös dementirt.

, Erscheint täglich, Sonn« und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Biertehährücher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und »turnen' in Fulda und auswärts 1 Mark SO Pfennig.

erzielte sie im ersten Wahlgang 24 Mandate und kommen m 87 Kreisen in die Stichwahl. Bon du sm 87 Kreisen bieten etwa 30 einige Aussicht auf Erfolg. Mit dem Centrum kommt die Sozialdemokratie 4 Mal in die Stichwahl; im mittelschlesischen Wahl- Kreise Reichenbach«Rturode, in Köln, Düsseldorf und in Würzburg.

* Der Finanzminister Miquel und Andere von Ahlwardt angegriffene hohe Persönlichkeiten, haben dmselben wegen Beleidigung verklagt.

* Gegen den hier als aatisemitischer Agitator Ahl«

So platzten auch drei Geschoffe innerhalb der Ge« bäulichkeiten der Salpetriere, und eines derselben steckte dm Theil der Anstalt in Brand, in welchem Johanna Portier untergebracht war.

Die Flammm züngelten an den Mauern empor, praffelnd sank dcs Dach zusammen, und dazu machte dar dumpfe Geschrei der irr glücklichen Jrrm dar ent« setzliche Schauspiel noch schrecklicher.

Mit stieren Augen, daS Fenstergitter ihrer Zelle umklammernd, stand Johanna da und sah zu, wie dar Feuer immer weitere Fortschritte machte.

Sonderbar gährte eS in diesem Augenblicke in ihrem Gehirn; sie glaubte in dem Brande der An­stalt die Fortsetzung der Brander der Fabrik von Alfort« v.lle zu sehen . . . Wie auf wunderbare Weise kehrte ihr allmählich daS Sedächtniß zurück, der Schleier der Umnachtung zerriß ... Sie begriff die Gefahr, und anstatt unartikulirteS Geschrei auSzufioßen, ruf sie klar und deutlich um Hilfe. .

Mit ihren Gefährtinnen gerettet, wurde sie m einem entlegenen Theile der Anstalt untergebracht.

Dort begann sie nachzudenken — allmählich trat ihr die Vergangenheit immer deutticher und llarer vor Äugen. Als der Arzt am folgenden Morgen sein« gewohnten Besuch machte und die Zelle Johanna'- betrat, kam ihm zu seinem größten Eistaunen die Frau mit ausdrucksvollen Zügen und glänzendem, klare«

Es fragt sich nun, ob diese sozialreformatorische Mehrheit so viel Bedeutung hat, daß wir konservative Kanddaten auch auf btt Gefahr hin, eine Kartellmehrheit schaffen zu helfen, unter stützen dürfen. Nein, denn die Kartellmehrheit würde viel mehr verderben, als die andere Mehrheit gut machen könnte. Sobald eS eine Kartellmehrheit gibt, werden

Endlich enttarnt!

Roman von R. von Wollersheim.

(44. Fortsetzung.)

Lucian war ein sehr strebsamer junger Mann, Melcher nur darnach strebte, sich einstenS eine Stellung in der Welt zu erringen, und so brauchte Frau Bertten wegen seiner Zukunft nicht übermäßig besorgt zu sein.

Sie starb als Lucian zwanzig Jahre alt war, nicht ohne indeß noch einige Zeit vor ihrem Tode dem jnngen Manne von dem traurigen Ende ihres Bruders und von allem Weiterem, war sich dabei zugetragen hatte, zu erzählen.

Insbesondere hatte sie dabei hervorgehoben, wie die Schließerin Portier v rurtheilt worden sei, die Fabrik angezündet und Labrone ermordet zu haben, eine Bei urtheilung, die nach ihrer Ansicht zu Unrecht erfolgt sei. Allerdings, so hatte sie weiter betont, war sie die Einzige, die von ihrer Schuld nicht ganz über­zeugt sei.

Ebenso hatte sie auch rffen heraus ihm zu er­kennen gegeben, daß sie nichl recht an den Heldeu- muth Jakob Garavds, welcher angeblich tobt sei, unb ebenso wenig an seinen Tob glauben könne, daß dieser Mann wenigstens mehr oder weniger daran schuldig fei.

♦ Wie haben LentlumvWähler sich bei Stichwahlen pt verhalten?

Die Zwischenzeit zwischen Haupt- und Stichwahl, die nach der Wahlordnung höchstens 18 Tage betragen darf, ist diesmal kurz berneffen, so daß den Parteien nur wenige Tage zur Berständigung über ihre Stich­wahl-Taktik zur Verfügung stehen. Also muß die Zeit nach Möglichkeit ausgenutzt werden, und wir wollen deshalb heute die allgemeinen Gesichtspunkte zur Erwägung stellen. DaS bient zur Vorbereitung bet Beschlußfassung im Einzelfalle.

Die Stellung bet Stichwahl-Kandidaten zur Mili­tärfrage fällt natürlich ganz besonders ins Gewicht. Aber dieser Puntt kann durchaus nicht allein maß­gebend sein. ES muß auch die Stellung der Kandidaten zu den kirchenpolitischen, den verfassungs­rechtlichen (wahlrechtliche») und den sozial- und wirthschaftspolitischen Fragen mit m Bettacht gezogen werken.

DaS Centrum muß im Jntereffe einer gedeihlichen Entwickelung im Reiche vor Allem sein altes Bestreben Festhalten, die Bildung einer Kartellmehrheit zu hindern oder — positiv au-gedrückt — eine Abwehr­mehrheit zum Schutze gegen Recht-- und Freiheitsbe­schränkungen und unbillige Bolkrbelastuvgen zu erhalten. Wenn nach dem Ergebnisse vom 15. Juni die Sesahr vvrliegen sollte, daß Rat oaallikerole, Konservative und Freikonservative zusammen die Mehrheit erlangen, so -Est da- Eintreten von CmtrumSwählern für einen Kan­didaten dieser drohenden Kartellmehrheit unbedingt ausgeschloffen. Daß wir nicht für einen mittelpartei­lichen Knlturkän pfer stimmen, versteht sich freilich von selbst. Aber eS muß hei vorgehoben werden, daß wir in dem Falle, rämlich wenn die Kartellmehrheit droht, auch nicht für einen sonst annehmbaren .Konservativen stimmen dürsten. ....... . , ., _

In dem andern Falle, wenn sich nämlich zeigt, daß eine Kartellmehrheit nicht mehr zu Staude komme« wird, kann daS Eintreten für einen konservativen Stichwahl-Kandidaten gerathen oder nach Umständen geboten sein. Wir haben bekanntlich ein hohe« Inter» sie daran, eine sozialpolitische Reformmehrheit zu erhalten. Deshalb dürfen wir keineswegs in blindem Eifer den Wunsch hegen, unter allen Umständen die Rechte möglichst geschwächt und die fortschrittlich-demo- ttattsche Linke möglichst gestärtt zu scheu. DaS Beste sowohl für daS Land wie für unsere Partei ist ein gewiffeS Gleichgewicht der Kräfte rechts und links, so daß daS Centrum sowohl eine Abwehrmehrheit, als eine positive chriftlich-soziole Mehrheit zu bilden vermag.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Juni.

* Die von einem Londoner Blatte gebrachte Nach­richt von einer Begegnung des Kaisers mit dem

Mit dem größten Jntereffe hatte Li cian all' diese Mittheilungen vernommen und die Worte der Frau hatten sich tief in seinem Gedächtniffe eingeprägt.

Er sagte sich, daß er eine große Aufgabe habe, nämlich Licht in daS Dunkel zu bringen, in welcher der Tod seines BaterS gehüllt war.

Mit Ernst und Ausdauer machte sich Lucian an diese Aufgabe, während er zugleich seinen Studien weiter oblag.

Kehren wir jetzt wieder einmal nach langer Unter­brechung zu Johanna zurück.

Die Aerzte hatten, wie wir wisse», die Arsicht ausgesprochen, daß möglicherweise Johanna noch ein­mal geheilt werden könnte.

Und wirklich führte ein Vorfall, welcher sich unter ganz dramatischen Umständen zuttug, die Heilung der armen Frau herbei.

ES war während der Belagerung von Paris.

Die deutschen Armeen hatten sich wie ein eiserner Gürtel um die unglückliche Stadt gelegt, und die­selbe immer enger eingeschlossen, in der Absicht, daß der Hnnger schließlich die Uebergabe erzwingen würde.

Alsdann begannen sie die Belagerung, und eine Menge Geschosse fielen in dem den Belagerern zunächst gelegenen Theile der Stadt, auf dem linken Seiueufer nieder.

die Mittelparteiler die Zügel ergreifen und eine aus­gesprochen freiheits-, Volks- und centmmSfeindliche Politik betreiben. Daun würde von einem Zusammen­wirken der CenttumS mit der umgarnten und verhetzten Rechten doch keine Rede mehr sein lömten Also der erste «nd ausschlaggebende Gesichtspunkt bleibt immer: keine Kartellmehrheit! Erst wenn diese Sorge beseitigt ist, können wir bei der Frage nach dem „kleineren Nebel" auch die guten Seiten der Konser­vativen in Betracht ziehen.

So berechtigt und uothwendig nun auch der Kampf gegen die Kartellmehiheit sein mag, so dürfen wir nnS doch nicht hinreißen lassen, für einen sozialdemo­kratischen Sttchwahlkandidaten einzutreten. 68 wäre ein Frevel gegen christliche und staatsbürgerliche Ord­nung den Umsturz zu unterstütze». Der Gegner der Sozialdemokraten kann vielleicht nicht viel besser fein; in dem Falle ist aber nur die Stimmenthaltung erlaubt. Wenn unS ein Versucher zuraunt: „Sin Sozial­demokrat mehr schadet ja nicht, er stimmt doch wenig­sten- gegen die riesigen Lasten und die drohenden RechtSbeschränkungen" — so muß unr Pflicht und Ehre über einen anscheinenden Bo c theil gehen, und wir können den Entschluß unS auch erleichtern durch die Erwägung, daß jeder weitere Erfolg der Sozialdemokraten ganz besondere Gefahren für die innere Entwicklung mit sich bringt. ES läßt sich ja leider nicht bezweifeln, daß diese Wahl, welche der Partei der „Unzufriedensten" fo außerordentlich gelegen kam, ein bedeutende- Anwachsen der sozialdemokratische» Stimmen und wohl auch der Mandate ergeben w'rd. Andererseit- zeigen sich nament­lich bei den Heißspornen auf der Rechten die unzwei­deutigsten Gelüste, die innere Entwicklung zu einem Konflikt und einer gewaltthätigen Reattion zu treiben. Je stärker sich nun die Sozialvemekratte entfalltt, desto mi hr" Wasser kommt auf die Mühlen der Leute, die bei einem Säbelregiment ihren Bortheil zu finden glaube«. Die Sozialdemokraten selbst sind zu schlau, um jetzt schon zu Gewaltthaten zu schreiten; aber ver­blüffende Wahlerfolge von ihrer Seite könnten von leidenschaftlichen ober hinterlistigen „SiaatSreitern" be« nrtzt werbe«, um eine g<ofje Gewaltpolitik in Gang zu bringen. Darum lasse sich Niemand dazu hinreißen, de« Kartellteufel durch den sozialdemokratische» Beelze­bub austreiben zu wollen. —.

Wer diese allgemeinen Gesichtspunkte erwägt, wird einsehe«, daß man bei Stichwahlen zwischen zwei Nicht-Centrum-leuten nicht dcr persönlichen Stimmung oder einem einseitigen Schlagwort folgen, sondern nur in ruhiger, gründlicher Ueberlegnng und gemäß dem Rufe der berufenen Führer handel» darf.

* Die Kommission de- Herrenhauses zur Bor- berathung de- Kommnnalsteue rgesetzeS ist heute zu« fammengdreten. Eine Anzahl von AdändemngS-Anträgen wurde« verworfen. — Die nächste Sitzung der Ab« geordnetenhauseS ist nunmehr definitiv auf bat 27. Juni festgesetzt.

* Die Sozialdemokraten haben im ersten Wahl­gange 24 Sitze gewonnen. Davon waren 20 schon in bet letzte« Legislaturperiode in ihrem Besitz näm­lich: Berlin IV und VI, Hamkurg I, II und III, Altona, Braunschweig, Reuß ältere «nd jüngere Linie, Leipzig-Land, Chemnitz, Wittweida, Glauchau, Zwickau, Schneeberg - Stollberg, Reichenbach im Vogtland, München II, Nürnberg, Mühlhausen i. E., BreSkau- Ost. Zurück eroberten sie Gotha und Breslau - West von den Freisinnigen und neu eroberten sie Kiel und den meinmgen'fche» Kreis Saalfeld - Sonneberg eben­falls von den Freisinnigen. Verloren haben di« Sozialdemokraten Bremm an die bereinigten National­liberalen und Freisinnigen und Aschersleben an die Nattonalliberalen. I« 87 Kreisen lommen sie «ach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten in die Stich­wahl, nämlich Königsberg, tDanxig, Stettin, Randow-Greifenhagen, Balm I, DE, III unb V, in Riederbarnim, in Ost- und Westhavelland, m Teltow- Charlotteubura, Jüterk og-Belzia, Frankfurt a.O., Sorau, KottbuS, Waldenburg, Reichenbach-Neurode, Liegnitz, Görlitz, Magdeburg, Halberstadt, Halle, Weißenfels, Mühlhaufm-Langensalza, Erfurt, FlenS- bürg, Dithmarschen, Schleswig, Segeberg-Pinne« berg, Lanevbnrg, Hannover, Hildesheim, Lüne­burg, Harburg, Stade-Geestemünde, Hameln, Hage«, Dortmund, Kassel, Hanau, Land« und Stadtkreis Wiesbaden, Frankfurt a. M., Remscheid, Elber« feld-Barm««, Solingen, Düsseldorf, Köln, München I, Würzburg, Erlangen-Fürth, Hof, Speyer, Dresden «Altstadt, Druden - Neustadt, Dreidm-Land, Meißen, Pirna, Freiberg, Döbeln, Leipzig, Annaberg, Blauen, Stuttgart, Karlsruhe, Pforzheim, Mannheim, Darmstadt, Offenbach, Mainz,Hagenau, Schwerin, Rostock, Güstrow, Weimar, Jena, Oldenburg, Jever, Wolfenbüttel, Rudolstadt, Lübeck, Straßburg i. E. Die gesperrt gedruckte« Kreise waren bisher sozialdemo­kratisch vertreten. Bei der Wahl von 1890 erzielt« di« Sozialdemokratie im ersten Wahlgang 20 Mandate »nd kam in 58 Kreisen in die Stichwahl. Diesmal