JM 138
20. Jahrgang
Dienstag, den 20. Juni 1893.
FiiIdllerWZeitiliig
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Fünf Jahre
waren am 15. Juni verflossen seit dem Tode Kaiser - Friedrichs des Hi ffnungSreichen und seit dem Regie« rungS'Antrittt seines erlauchten Sohnes. Daß der - Wahltag gerade auf diesen Gedenktag fiel, will mir I nicht gefallen. Im Wahlkampf werden Vie Leiden« - schäften erregt, und nicht blos die bessere Art dersel« : ben; er fehlt die Sammlung und Unbefangenheit des ! Geistes, welche ein solcher Gedenktag verlangt.
Fünf Jahre rst her Dulderkaiser schon tobt. Ist ; er schon vergessen? Manchmal will es so scheinen, i Die Zeit ist voll von Stimmungen und Bestrebungen, - bie3,toeit abliegen von den Idealen, die Kaiser Fried« i rich vorschwebten, und von den Gedanken, die uns an \ seinem Schmerzenslager und an seinem Todtenbette be« ; seelten. Aber Eines rst doch noch nicht vergissen, man ! hört es immer wieder auch aus dem Munde gewöhn« * licher Leute: der schöne Spruch des duldenden Kaisers: i „Lerne leiden, ohne zu klagen."
Dem alten Kaiser Wühelm, dem Pflichteifrigen, j wird bekanntlich das Wort in den Mund gelegt: „Ich \ habe keine Zeit, müde zu sein". Wenn man di? kMden t Aussprüche mit einander vergleicht, so zeichnet sich das ! Wort des Kaisers Wilhelm durch eine gewisse fürst- ! liche Fassung aus. Der an sich einfache Gedanke ist ’ in eine Form gegossen, die überraschend, prickelnd | wirkt. „Müde sein" ist keine Thätigkeit, zu der man i Zeit verbrauchen muß, sondern ein Zustand, der eben« j so von der Uhr, wie vom Willen unabhängig ist. [ Indem der Spruch deS „Müde sein" so behandelt, ; wie eine Thätigkeit, die man beim Mangel an Zeit \ unterlassen kann, drückt er in poetischer Form den | energischen Willensentschluß aus, die Müdigkeit zu bezwingen, zu vernichten. Der Inhalt des Spruches paßt also dnrchauS zu dem Wesen deS alten Kaisers: er kannte kein Nschlassen in der Arbeit aus persönlicher Gemüthüchkeit. Die kunstvoll zug-spitzte Form des Spruches paßt aber nicht zu seinem Wesen, sie ist zu „geistreich" zu glitzernd und kokett. Der alte Kaiser war überaus einfach und ungeziert in seinem Denken und Reden; ein derartig gefeiltes Epigramm hätte er in fernen gesunden Tagen nicht gemacht, sondern geradezu gesagt: „Ich will nicht müde sein" oder „Ich habe keine Zeit noch auszuruhen". Wenn daS Wort, das Kaiser Wilhelm in der Krankheit grspiochen haben soll, vom Volke gebraucht wird, so merkt man stets i daS Gesühl oder die Absicht, etwas geistrerch-schrrzen- \ des zu sagen. Von derartigen Nebengedanken oder ■ »Gefühlen ist aber nichts zu merken, wenn das er» \ wähnte Mahnwort des Karsers Friedrich gebraucht - wird. l
Daran ist gar keine Kunst der Fassung. Es ist s ein einfacher Gedanke in der einfachsten, imgezwungenstkN Form. „Lerne leiden, ohne zu klagen!" Wer überhaupt schon etwas durchgemacht. hat im Leben, dem enthält der Spruch wahrlrch nichts Neues, er über« tuscht ihn auch nicht durch eine geistreiche Äulprä^ung des alten Gedankens. Und doch packt ihn der Spruch — packt ihn viel ernster und tiefer, als daS Wort d>s i
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(43. Fortsetzung.)
Drei Stunden später befand er sich mit dem Maler am Sterbebette des Pfarrers.
Mit Thränen in den Augen ergriff er die Hand, welche ihm der Sterbende entgegenfiockte.
„Georg, mein lieber Georg," hob der Letztere mit schwacher Stimme an, „ich muß diese Welt verlassen . . . ."
„Nein nein," stammelte Georg zitternd, „Sie dürfen nicht fierbtN, ich will's nicht!"
„Aber wozu dieses Sträub.n?" verfitzte der Pfarrer, „der Tod ist unser Aller Loos, Gott ruft mich, ich gehe zu ihm hinüber. Nur eines bedaure ich, daß cz mir nicht vergönnt .st, zu sehen, wie Deine Zukunft sich gestalten wird. Einstweilen wird urstr Freund Castel meine Stelle vertreten. Versprich mir, rhm zu gehorchen, wie Du Deiner heißgeliebten Mutter, meiner guten Klar.ssa, gehorsam warst. Du versprichst eS mir ja?"
„Gewiß!" sagte Georg schluchzend.
„Bleibe im reiferen Alter," fuhr der Pfarrer fort, .„was Du als Kind gewesen bist: gut, freundlich und liebenswürdig. Die Zukunst wird Dir wie allen
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Kaisers Wilhelm. Warum? Weil er in den fünf einfachen Worten uns das ergreifende Bild d«s schwer geprüften Kaisers, die Summe seiner Erfahrungen in einem Leben voll Glarz und voll Qual, den Kern seiner Lebensweisheit und die Blüthe seiner Selbstüberwindung vor das geistige Enpfiqden ruft. Er ist die ungezierte, lebenSwarme Wahrheit, welche den einfachen Spruch so wirksam beseelt — die mit dem langsam verrinnenden Lebensblute besiegelte Wahrheit.
„Lerne leiden, ohne zu klagen! In der Mahnung an seinen blühenden, noch ungereiften Sohn, sich rechtzeitig in die Schule des Duldens zu begeben, hört man die Klage des gebrochenen Vaters durch: „Mir ist es, nachdem da! Glück mich so lange verwöhnt hatte, nicht leicht geworden, mich in das Leiden ohne Klage zu schicken! Aus dem Zusatz „ohne Klagen" klingt wieder die männliche Resignation, die würdige Ergebung in die unabwendbare Heimsuchung. Dabei steht das „Leiden" als etwas Selbstverständliches, Unvermeidliches in der Mitte des Spruches, als der naturgemäße Hauptbestandtheil des menschlichen Daseins. So haben die wenigen Worte nicht nur einen reichen Inhalt, sondern zugleich den natürlichsten, passendsten Inhalt, wie er sich gerade ergeben mußte, wenn der duldende Vater sein schwergeprüftes Herz vor seinem Sohne ausschüttete.
Nach fünf Jahren hat das Wort noch seine volle, herzergreifende Kraft bewahrt. Es hat seitdem wahrlich nicht an L?iden gefehlt, an Schicksölschlägen im private» und im öffentlichen Leben. Wir haben Gelegenheit genug gehabt, uns immer wieder einmal an das Mahnwort des Dulderkaisers zuzurufen.
„Ohne zu klagen" heißt es, nicht aber „ohne zu handeln". Es rst recht und pflichtgemäß, sich zu wehren gegen das Uebel, daS uns bedroht. Diese That- krast wollte Kaiser Friedrich nicht schmälern, er am wenigsten, der.pom Werthe der Selbsthülfe so sehr durchdrungen war und es beklagte, wenn man in übermäßiger Weise sich auf fremde Hilfe, auch auf Staatkhiife verließ. Er hat sich auch gewehrt gegen Krankheit und Tod, bis alle Kunst und alle Kraft erschöpft war. Er wollte nur das weibliche zwecklose Lamenricen und Jammern verurtheilen, und darin wird ihm jeder echte Mann und vor allem jeder Christ beipflichten. Man kann leider nicht sagen, daß seit dem Unglückrjahre 1888 die Zeiten im Allgemeinen besser geworden seien; im Gegeniheil muß man zugeben, daß namentlich die wirthfchaftlichcn Prüfungen in sehr schwerer und leider auch andauernder Werse über uns hereingebrochen sind. Troßdem möchten wir behaupten, cs wird zu viel geklagt. Man verwendet so viel Zeit und Kraft auf das Jammern, daß zum zweckmäßigen Handel-? manchmal nicht viel übrig bleibt. Die Unzufriedenheit wächst, wie man allgemein feststellt. Leider kennt die Unzufriedenheit vielfach weder das rechte Maß, noch das rechte Ziel. Es wird auch über solche Dinge geklagt, die sich durch Menschenwitz und Menschenkraft nicht ändern lassen; cs zeigt sich die Neigung, das Leiden zu übertreiben und in unzulässiger Weise zu verallgemeinern, unS am bedenklichsten
Menschen viele Enttäuschungen, vielen Kummer bringen. Waffne Dich im Voraus mit Muth und Ergebung, erinnere Dich, daß der Mensch stark ist, wenn ihn ein gutes Gewissen stärkt. J-.tzt. Kind, kniee hier nieder!"
Dann breitete der Sterbende über dem Knieenden seine Arme aus und sagte in feierlichem Tone:
„En pfange den Segen d.s Himmels, den ich auf Dich Herat flehe."
Dies waren die l tzten Worte des Sterbender.
Die Anstrengung hatte seine letzten Kräste verzehrt.
Er sank auf das Kissen zurück und verlor das Bewußtsein — einige Minuten später hatte der edle Mann seine Seele feinem Schöpfer zurückgegeben.
♦ * ♦
Acht Tage später kehrte Georg in's Colleg zurück;
Castel war bin». Wunsche be8 Verstorbenen gemäß zu seinem Vormunde ernannt worden.
Fast zu gleicher Zeit starb in New Ank auch Norm', die Gatttn des faschen Harmant, mit Hinterlassung ein-s schwächfichen Mädcher s von acht Jahren.
In Wahrheit hatte Garand seine Frau zärtlich geliebt, und so war er über ihren Verlust untröstlich. Nur Eines tröstete ihn in etwa: sem Kind, bcS ihn stets an die Mutter erinnerte.
Auch James Mortimer segnete balv, aus Gram über den Tod feiner einzigen heißgeliebten Tochter daS
; ist die Strömung, die alles Heil „von Oben", d. h. j nicht vom lieben Gott, sondern vom Staate erwartet, i stets sich an den alten bewährten Spruch der frommen i Selbsthilfe zu halten: Bete und arbeite!
Die Gegenwart hat so ihre besonderen Gefahren, i Versuchungen und Nöthen, daß eS uns gesund fein ; wird, wenn wir uns recht zurückversetzen in die Zeft i von 1888, als der Kaiser der rastlosen Pflichterfüllung i und der Kaiser des standhaften Duldens ihr Dasein ! beschlossen. ____
| Deutsches Reich.
Berlin, 17. Jnui.
* Die Stichwahlen sind, wie in Preußen, auch in Sachsen und Württemberg auf den 24. Juni angefitzt worden. Bayern dagegen macht eine Ausnahme. Wegen des Johannistages am 24. sollen dort die Stichwahlen erst am 26. Juni stattfinden.
* Der CerrtrumSthurm hat den neuesten Angriff, das darf man mit hoher Befriedigung sagen, glänzend bestanden, von Rissen und Sprüngen an ihm kann nicht mehr die Rede fein. Noch ist daS Wahlergebniß nicht in allen Einzelheiten bekannt, aber Niemand wagt noch zu behaupten, daß gegen das Centrum etwas Merkliches anSgerrchtet fei, dasselbe bleibt der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht. Zwar haben wir hie und da eine kleine Einbuße erlitten, dafür haben wir aber auch anderwärts Fortschritte gemacht, so daß daS Centrum nach wie vor die stärkste Fraktion bleiben wird. Die Dissidenten haben nicht- erreicht und die Schorlemerianer sind gründlicher geschlagen worden, als man erwarten durfte. Gegen äußere Gegner kommt das Centrum sogar in Soest, Bochum, Duisburg und in zwei pfälzischen Wahlkreisen in die Stichwahl. Dank und Anerkennung gebührt unser katholischen Wählerschaft, sie hat in der That im Feuer exerzirt und sich vollauf, bewährt; e8 war eine Freude, die Meldungen über die Wahlresultate aus katholischen Orten zu empfangen, man sagte sich dabei: So lauge ein solcher Geist herrscht, wird kein Feind Unkraut unter den Weizen auSzusärn vermögen! Jetzt harret unserer Centrumsvertretung eine große, schwere Aufgabe, die Schicksale unseres lieben deutschen Vaterlandes, welche von denen der hl. katholischen Kirche i;t Deutschland unzertrennlich sind, werden zu erheblichem Theile in ihre Hand gelegt, und da können wir nur als ersten und vornehmsten Wunsch den hegen, daß uns die richtigen Führer descheert sein mögen, an Soldaten fehlt eS nicht.
* Ueber 1400 Kandidaten — Andere wollen sogar 2000 gezählt haben — waren für die heutig? ReichStagSwahl im ganzen Reiche aufgestellt. Zahlreiche Wahlkreise waren mit fünf und mehr Kandidaten versehen, so sämmtliche Berliner. Schon diese Zersplitterung der Stimmen muß eine ganz gewaltige Zahl von Stich- wählen zur Folge haben. 1890 war man erstaunt über die 151 Stichwahlen; dfis Mal erwartet man allgemein noch viel mehr. Der Centrumspartei kam» dies Mal die Wahl zwischen den Stichwahl-
Zeitliche, so daß sein Schwiegersohn Eiger tbümer einer der bedeutendsten üdustriellen Anlagen der Vereinigten Staaten war.
46.
Ovide Soliveau, jetzt im Besitze des Geheimnisses Garand's, war bei seinem angeblichen Vetter geblieben.
Neun Jahre laug hatte er von seinem Geheim- niß keinen^ Gebrauch gemacht, da Jakob ihm hierzu keinen Anlaß gab.
Mit vollen Händen durfte er stets in der Kasse des Schwiegersohnes Mortimers schöpfen, welcher stets zahlte, obgleich Ovide im Spiele, dem er sich mehr und mehr ergeben hatte, große Summen verlor.
Ovide hatte also, wie bemerkt, keine Ursache, von seinem Geheimniß Gebrauch zu machen.
Ein unvorhergesehener Umstand indeß bot »hm Ver« anlassang, seine Zurückhaltung aufzugeben.
Wir erinnern uns, daß Labrone, der ehemalige Be« sitzer der Fabrik von Altfortville, einen Sohn hinter- lassen hatte.
Frau Bertin, bei welcher dieser Sohn L-brone's wohnte, hatte die Geschäfte ihres Bruder mittelst bet von den Versicherungs-Gesellschaften ausbezahlten Beträge abgewickelt.
Lucian besaß mithin alsUganzeS Vermögen nichts