Beilage zu Nr. 137 der „Fuldaer Zeitung
Sonntag, den 18. Juni 1893.
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trat und Dein Gesicht
einfach eine kleine ®e
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(42. Fortsetzung.)
Eine Stunde war vriflössen, als Ovide aufblickte; er glaubte gehört zu haben, daß Garand sich regte.
So verhielt es sich wirklich.
Ovide begab sich zu Harmant und an seinem Bette wartete er, bis er völlig erwacht sein würde.
Wenige Minuten später öffnete Jakob langsam die Augen, richtete sich dann hastig auf seinem Lager empor und blickte unruhig und verwundert um sich.
Zweimal fuhr er mit der Hand über die Stirn, wie um einen Schleier zu entfernen.
„Wo bin ich denn eigentlich?" frug er plötzlich.
„In Kingstown, im Hotel zu den dreizehn Sternen!" „Weshalb liege ich denn mit den Kleidern im Bette?" „Ei, ei, erinnerst Du Dich denn nicht?" Jakob war inzwischen ganz aufgestanden, blieb aber auf dem Rande der Bettes sitzen und sagte:
„Ich erinnere mich eines Umstandes, daß ich neben Dir arbeitete . . . ."
sehr früh von seinem Lager und setzte sich an den Schreibtisch.
Hier schrieb er an den Generaldirektor der Hospital- Verwaltung einen Brief, in welchem er denselben bat, ihm als Verwandten eines gewissen Paul Harmant, welcher 1856 in seinem Hospital gestorben sei, eine amtliche Bescheinigung über seinen Tod einzusenden, falls er wirklich, wie er nur von Hörensagen gehört habe, gestorben sei.
Zugleich bat er ihn, den Betrag des beigesügten Postmandats über hundert Franken für die Kosten oder eventuell zum Besten seines Hospitals anzunehmen.
In der That erhielt Ovide bereits vier Wochen nach Absendung seines Schreiben- die Todesurkunde Paul Harmant's, gestorben am 15. April 1856 an der Langenschwindsucht im Hospital zu Genf.
„I tzt", murmelte Ovide triumphtrend vor sich hin, „jetzt mein lieber Freund Garand, habe ich Dich in meinen Händen."
schwarz-blau war."
Jakob schnellte empor.
„Was soll daS bedeuten?" stammelte er erschrocken.
„Du hast jedenfalls ganz einfach eine kleine Gehirnerschütterung gehabt! Du arbeitest zu viel, daS schadet dem Gehirn und gibt vielleicht ein schlimmer Ende. SolcheKongestionen sind gefährlich; nun, augenblicklich scheint alle Gefahr vorbei zu sein."
Düster und gedankenvoll trat Garand einige Schritte in'S Zimmer hinein.
„So ist's," erwiderte Ovide verschmitzt lächelnd, „dann standest Du plötzlich auf, die Augen schienen Dir aus den Höhlen hervorzutreten, Tu gestikulirtest wie ein Besessener, schwatztest wie ein Rabe und warfst mir stets Beleidigungen an den Kopf, während Dir der Schaum vor den Mund trat und Dein Gesicht
„Ich bin wie an allen Gliedern zerschlagen," sagte er, „ich weiß nicht ..."
„Alles sehr natürlich — Du arbeitetest zu viel mit Kopf, Arm und Bein. Auf einmal bist Du zusammen- gesunken und ich habe Dich dann zu Bett gebracht."
„Weshalb hast Du keinen Arzt holen lassen?"
„Weshalb?" wiederholte Ovide zögernd, „aus Vorsicht, denn Du sprachst und schrieest durcheinander. Sollte da ein Fremder zugegen sein?"
44.
Garand erbleichte.
„Ich sprach und schrie?" wiederholte er.
„Gewiß!"
„Was habe ich denn gesagt?"
„Oh, Thorheiten."
„Aber was denn eigentlich?" frug Garand rasch.
„Bon Plänen, Maschinen, Zeichnungen und von einer Menge Dinge, die weder Hand noch Fuß hattm. Ich war ganz erschrocken und dachte schon, Du seiest irrsinnig geworden; das würde auch selbst ein Arzt geglaubt haben, weshalb ich ihn nicht habe rufen lassen."
„Was habe ich nur sogen können?" frug Garand, den Kopf in beide Hände stützend, „und woher rührt dieses plötzliche Dilirium, dieser Wahnsinn?"
Dann sagte er:
„Wie weit bist Du mit Deiner Arbeit?"
„Ich habe die Kostenanschläge aufgestellt: Du brauchst eben nur die Zahlen nochzusehen. Um Mittag können wir wieder daheim sein."
Jakob setzte sich hinter seine Ziffern.
Die Arbeiten wurden rasch erlegt, noch ein kurzer Ganz in die Fabrik und dann trug dar Dampfroß Beide wieder ihrer Heimath zu.
Ovide wohnte in einem Nebengebäude der Fabrik, welches einen AuSgang nach der Straße hatte.
In einer der folgenden Nächte erhob sich Ovide
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3. Guartal 1893
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N-un Jahre waren seit* den eben erzählten Ereignissen verflossen.
ES war im Jahre 1870, an einem kalten No- vembertage, als sich von der Wohnung deS Pfarrers von Cheoi y ein großer Leichenzug zu der kleinen Dorfkirche bewegte.
Hinter dem Sarge schritten ein junger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, in welchem wir so- gleich den Maler Castel wieder erkennen, und ein Knabe von vierzehn Jahren, welcher eine Schüleruni- form trug.
Man geleitete die Adoptivmutter Georg Daner's, früher Georg Portiers zu ihrer letzten Ruhestätte.
Georg hatte in der That Frau Darier für seine wirkliche Mutter angesehen, und so berührte ihn der Tod sehr schmerzlich.
Wenn auch noch ein Kind, so begriff er doch bereits, welch eine Oede dieser Tode! fall um ihn ver- breitete.
Der deutsch - französische Krieg war inzwischen beendigt, und die Kommunarden waren niedergeworfen.
Der Maler brachte G-org wieder zum Kollege zurück, und er selbst nahm wieder von seiner Werkstatt in der Rue de RenneS Besitz, welches von den feindlichen Kugeln verschont geblieben war.
Einen Monat später erhielt Castel einen von der Hand der alten Magd des Pfarrer geschriebenen Brief, in welchem er gebeten wurde, ohne Verzug nach Cheoiy zu kommen.
Bange Ahnungen bestürmten ihn auf dem Wege dahin, und als er anlangte, sah er sogleich, wie begründet seine Befürchtungen gewesen waren.
Der Pfarrer lag schwer krank, wenn auch bei vollem Bewußtsein da, mit heiterem Lächeln auf den bleichen Lippen.
Er streckte dem Maler, welcher thränenfeuchten Auges an sein Krankenlager eilte, die Hand entgegen und sagte:
„Es ist mit mir zu Ende, lieber Freund, aber ich habe mich in den Willen Gottes ergeben."
Castel wollte sprechen, aber der Pfarrer sagte abwehrend :
„Sprechen wir nicht von meiner Person, sondern von Georg .... Ich habe Dich eben deshalb hierhin rufen lassen, ich habe Dir Wichtiges mitzutheilen. Höre also."
Stephan Castel nahm einen Stuhl und ließ sich neben dem Bette nieder.
„Du weißt," fuhr der Pfarrer fort, „daß meine Schwester, als sie starb, ihr kleines Vermögen Georg, ihrem Adoptivsohn hinterlassen hat?"
„Ich weiß eS," antwortete der Maler.
„Meine Schwester hat mich testamentarisch zum Vormund des Kindes eingesetzt, dies ist Dir auch jedenfalls bekannt. Auch ich habe meinen letzten Willen schriftlich niedergelegt und bitte Dich jetzt, die Obhut über Georg zu übernehmen, das Wenige, was ich besitze. wird Dir gehören. Ich bitte Dich, auf Georg die Liebe zu übertragen, welche wir zu ihm gehegt haben. Ich denke also, daß Du [btefe Schenkung annimmst, lieber Freund?"
„Gewiß, von Herzen gern," antwortete der Maler.
„Ich danke Dir; ich wußte, daß Du mir meine Bitte nicht abschlagen würdest. Ich ernenne Dich also zu meinem Testamentsvollstrecker und werde Dir sogleich mein Testament übergeben, von welchem sich eine Abschrift bei dem Notar von Boiffy Saint-Löger befindet. Zugleich erhältst Du einen an Georg gerichteten Brief, den Du nicht aus Deinen Händen geben darfst und welchen Georg erst erhalten soll, wenn er fünfundzwanzig Jahre alt fein wird. Alsdann soll er die ganze Wahrheit erfahren . . . Sein eigentlicher Name steht zwar nicht in dem AdoptionSatte, indeß muß er, wenn er zum Manne herangereift sein wird, Aller toiffen, denn falls die Justiz eine Unschuldige I
verurtheilt hätte, so wäre eS seine Pflicht, die Freilassung seiner Mutter zu verlangen, vorausgesetzt, daß sie alsdann noch lebt. Du versprichst mir also, Georg nichts zu sogen, ehe er sünsundzwanzig Jahre alt sein wird?"
„Ich verspreche es."
„So öffne dieses Möbel," fuhr der Sterbende fort, auf seinen Sekretär deutend, „in der untern Schublade rechts findest Du zwei versiegelte Schreiben."
45.
„Das ist's," sagte der Sterbende. Das eine Schreiben ist mein Testament, das andere der Brief an Georg. Sei dem armen Kinde ein treuer Freund und Rathgeber, es ist ein guter Knabe. ES scheint mir, daß er wohl Berus zum Advokatenstande hat; bestärke ihn in dieser Neigung, falls sie andauert. Mein kleiner Vermögen gibt ihm die Mittel, anständig zu leben, ohne Entbehrungen befürchten zu müssen. Ich vertraue Dir also das Adoptivkind meiner Schwester an, und ich bin gewiß, daß Du einen braven Menschen ans ihm machen wirst."
„Ich schwöre es Ihnen," sagte der Maler gerührt.
„So verkaufe denn Alles," fuhr der Sterbende fort, »was hier ist, nur die Biblimhek soll Georg behalten. Besonders aber verwahre ihm sein hölzernes Pferd, welches er gewiß später als Andenken an seine Kindheit schätzen wird, — ist eS doch wie eine kostbare Reliquie. Georg weiß glücklicher Weise nichts von seiner traurigen Vergangenheit. Er meint, daß meine Schwester ihm das Spielzeug geschenkt hat und hält große Stücke auf dasselbe."
„Ich werde alle Ihre Wünsche getreulich et füllen."
„Sonst habe ich Dir nichts mitzutheilen . . . Nm möchte ich Georg noch einmal sehen, ehe ich sterbe. Ich bitte Dich also, ihn von Paris herüberzuholen."
„Gewiß, sogleich."
Stephan Castel reifte also sogleich nach Paris ab.
Wir erinnern uns, wie er int Anfänge unserer Erzählung nach Chäory kam, um sich zu erholen und zugleich ein Vorbild zu einem Gemälde zu finden, das die allgemeine Aufmerksamkeit auf seinen bis dahin noch unbekannten Namen ziehen sollte.
Wir wissen ebenfalls, daß die Verhaftung Johanna Portiers in dem Augenblicke, wo man sie von ihrem
1 Kinde trennte, ihm daS gewünschte Vorbild geliefert hatte, das er denn auch sofort auf der Leinwand auS- geführt hatte.
Dos Bild hatte einen großen Erfolg, aber leider fand sich, da Stephan's Name noch allzu unbekannt war, fein Käufer für dasselbe, so daß er es nach beendigter Ausstellung wieder in seiner Werkstatt an die Wand hing, es mit einem Tuche bedeckte und dann vergaß.
Im folgenden Jahre erhielt er seine erste Medaille, ein Jahr später den SalonpreiS — jetzt wurde er bekannt, und auch mit dem materiellen Erfolge ging es jetzt besser. Bis dahin hatte Castel noch gar nicht an'S Heirathen gedacht; er pflegte stets zu sagen:
„Ich habe ja jetzt ein Kind!"
Er war also auf Wunsch deS sterbenden Pfarrers von Cheor y geeilt, um Georg an das Sterbebett seines Erziehers zu rufen. Natürlich wurde Georg bei dieser Nachricht auf« Aeußerste bestürzt.
„Großer Gott!" rief er aus, „meine liebe Mutter ist fort, und nun will mich auch mein Onkel verlassen!"
(Fortj. folgt.»
Vermischtes.
* Bom Muthe der Frauen erzählt ein vielgesuchter Londoner Zahnarzt: Ich habe lieber drei Frauen als einen Mann zu Patienten. Dutzende von Frauen könnte ich nennen, die ohne zu zucken die größten Schmerzen ertrugen. Die meisten Männer dagegen sind Feiglinge im Operations - Stuhle. Sie brauchen nur die Instrumente zu sehen, und bleiche Furcht ergreift fie. Es sind auch vorwiegend Männer, die ihre kranken Zähne mit Hilfe des Gases ausgezogen zu haben wünschen, und dabei stehen die meisten noch Furcht aus, sie möchten nicht wieder zu sich kommen; während es anderseits ganz gewöhnlich ist, daß eine' gebrechlich aussehende Dame den Gebrauch deS Gases ablehnt und sich ruhig, ohne zu murren, dem Schmerz des Zahnziehens unterwirft
Literarische».
* Der bekannte Kapuziner, Pater Cyprian, hat soeben ein Büchlein herausgegeben, betitelt: „Der Elter« Segen", welches alle Eltern lesen sollten, damit die in vielen Familien leider ganz außer Gebrauch gekommene Sitte: „daß Väter und Mütter täglich ihre Kinder segnen, daß Kinder täglich ihre Eltern um den Segen bitten" wieder ins Leben gerufen werde, waS in der jetzigen Zeit, wo der Sozialismus jegliche Schranken zwischen Eltern und Kinder niederzureißen droht, gewiß zu wünschen wäre! Preis 15 Pfg. (Bestellungen nimmt die Expedition d. Bl. entgegen) „
§ Die Nr. 24 der „Gefiederte» Welt", Zeitschrift fürBogelliebhaber, -Züchter und Händler, herausgegeben von Dr. Karl Ruß (Magdeburg, Creutz'sche Verlagsbuchhandlung, R. & M. Kretschmann), enthält: Zum Schutz der Waldschnepfe — Wiederholte Erörterungen über die Frage: „Warum singt der Bogel?" (Fortsetzung und Schluß). — Die siebente Ausstellung des Vereins „OrniS" in Berlin. (Fortsetzung) — Briefliche Mittheiluvgen. — Anfragen und Auskunft. — Briefwechsel. — Die Beilage enthält: Anzeigen.