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Samstag, den 17. Juni 1893.

20. Jahrgang

JM 136

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Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Deutsches Keich.

Berlin, 15. Juni.

* Es wird bestätigt, daß über den Termin für die Einberufung des Reichstags, über die einzu- bringenden Vorlagen — natürlich mit Ausnahme der Militärvorlage —, über die Gestaltung und die Dauer der Session noch nichts beschlossen ist. Die Regierung wartet erst das Wahlresultat ab, von dessen Ausfall Alles abhängt. Die Berathung der Steuergesetze in nächster Session gilt aber für ausgeschlossen.

* Es verlautet: der Finanzminister Miqnel sei entschieden gegen eine direkte Retchsemkommensteuer, dagegen unbedingt für die Reichs-Erbschaftssteuer. Die Preußische Regierung halte an dem Plane fest, die letztere bald an Stelle der Erbschaftssteuern der einzel­nen Bundesstaaten einzuführen.

* Die Sozialdemokraten hielten gestern Abend in Berlin etwa 20 Versammlungen ab. Die Lokale waren theilweise so überfüllt, daß sie polizeilich abze- sperrt werden mußten. — Im sozialdemokratischen Hauptquartier in Berlin gab er in den letzten Wochen viel Arbeit für die große Mobilmachung und „Parade" am 15. Juni. Vor einigen Tagen war nun wiederum eine Anzahl Herren vom Generalstab der Herren Bebel und Singer in der Dorotheenstraße in Berlin „zu löb­lichem Thun versammelt", aber die Herren „Proletarier" waren der Arbeit überdrüssig geworden und beschlossen, etwas „Vernünftiges" anzufangen und nach Dresse! zu gehen. (Das Restaurant Dressel Unter den Linden ist bekanntlich das feinste und theuersteRestaurant in Berlin.) Wie gesagt, so gethan. Die Herren „Prole­tarier", von denen einer im.Vorwärts' oft genug über das Proletarier-Elend bittere Klage geführt hat, thaten sich bei Dressel etwas sehr viel zu Gute, aber eS sollte ihnen nicht gut bekommen. Einige „Genossen" hatten nämlich von diesem Besuche bei Dressel Wind bekommen. Ob es nun Neid war, der sich in ihnen regte, oder ob gerechter Unwille über eine solche „feudale Schlemmerei" von „Genossen", die von den Arbeitergroschen des hungernde« Proletariats leben, wollen wir dahin gestellt sein lassen; genug, die „Genossen", welche bei Dressel einer bei Bourgeois- Millionären und Garde-Offizieren üblichen kostspieligen i „Schlemmerei" gestöhnt hatten, wurden von anderen < zielbewußten „Genossen" nicht etwa öffentlich im.Vor­wärts', sondern unter vier Augen zur Verantwortung gezogen. Aus der sozialdemokratischen Partei sind sie aber deshalb nicht „hinausgeflogen", denn als „Recht- ferttgung" führten sie an, sie hätten nur die „Schlem­merei" der Bourgeois bei Dressel aus eigener An­schauung und Erfahrung kennen lernen wollen, um desto wirksamer dagegen auftreten zu können. Geglaubt hat diese Ausrede natürlich Niemand, nur hat sich auch bei anderen „Genossen" der Wunsch geregt, ebenfalls aus eigener Anschauung und Erfahrung die Schlemmerei der Bourgeois bei Dresfel — es könnte auch bei Hiller oder Uhl sein — kennen zu lernen, bevor noch der Zukunftsstaat mit der allgemeinen Volksküche in's Leben tritt. Die sozialdemokratische Parteikasse,

i die sich von den Arbeitergroschen nährt, ist ja reich : genug, um noch einigen anderen „verdienten" Genossen ’ von der Partei-Leitung ein solches Bourgeois-Vergnügen ! zu gestatten. Was sagen die sozialdemokratischen Ar- ■ beiter im Lande dazu?

* Der Meldung eines Telegrophen-Büreau zufolge • soll die offizielle Verkündigung der Verlobung des - Zarewitsch mit der Prinzesfi« Alice von Hessen ? unmittelbar bevorstehen. Die Prinzessin werde zur i orthodoxen Kirche übertreten und sich Alexandra Feo- ' dorowna nennen.

* Im pcmßischen Kultus-Ministerium ist man gegenwärtig mit der Ausarbeitung eines Gesetzent­wurfes beschäftigt, der einem weiteren Theil unserer Lehrerschaft Besserung ihrer wirthschaftlichen Verhält­nisse bringen soll: nämlich den Lehrern an Mittel­schulen. Im genannten Ministerium wird, wie die .deutschen Nachrichten' erfahren, ein Pensionsgesetz für Mittelschullehrer ausgearbeitet und man beabsich­tigt, dasselbe in der nächsten Herbst-Tagung des Preu­ßischen Landtages diesem zur Beschlußfassung vorzulegen.

* An der Bereisung des Nordostsee-Kanal- Haben außer dem Vicepräsidenten des Staatsministeriums Herrn v. Bötticher, auch der Finanzminister Dc. Miquel, Staatssekretär des Reichsschatzamts Frhr. v. Maltzan, mehrere Bundesbevollmächtigte und der russische Bot­schafter Graf Schuwalow therlgenommen. Es wurde die ganze Strecke des Kanals von der Ostfee bis zur Elbe befahren und nur an einzelnen Stellen, wo die im Gange befindlichen Arbeiten es nicht zuließen, der Land­weg zu Wagen benutzt. Für den öffentlichen Verkehr ist, wie gemeldet, die Strecke von Holtenau bis Rends­burg eröffnet. Der erste größere Dampfer, welcher auf dieser Strecke verkehrt, ist der bei Schichau gebaute Dampfer „Berlin". Der Stand der Arbeiten berechtigt zu der bestimmten Hoffnung, daß t ra Satire. 1895 der ganze Kanal dem öffentlichen Verkehre wird übergeben werden können.

* Eine telegraphische Mittheilung des Reichs- kommiffars für die Weltausstellung iu Chicago be­stätigt, daß die amerikanischen Ausstellungsbehörden ihren Widerspruch gegen die Bildung eines internatio­nalen Preisgerichts aufgegeben und darein gewilligt haben, daß jeder Staat durch eigene Preisrichter in der Jury angemessen vertreten werde. Als Zeitpunkt für den Zusammentritt der Jury ist der 15. Juli in Aussicht genommen; ihre Arbeiten werden etwa 4 bis 6 Wochen dauern.

Ausland.

* Wien, 15. Juni. Dem großen ungarischen Herbstmanöver wohnm außer dem deutschen Kaiser auch König Humberto, der russische Thronfolger und der Kronprinz von Dänemark als Gäste des öster­reichischen Kaisers bei.

* Paris, 15. Juni. Der AuSstand der Kutscher breitet sich immer mehr aus; gestern streikten fast 1200. In Alais gab es gestern 2 Cholera-Todes­fälle.

* Selbst in seinen Flitterwochen kann Fürst

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(41. Fortjexung.)

Je weiter indeß die Zeit vorrückte, desto mehr wuchs auch daS Erstaunen Ovide's, denn die gewollte Wirkung wollte sich noch immer nicht zeigen.

Sollten der Canadier und Cuchillino Betrüger sein?

Plötzlich sah er indeß, wie Harmant zweimal mit der Hand über seine Stirne fuhr, waS er sonst nicht zu thun pflegte, und wie zu gleicher Zeit sich seine Augenlider senkten.

„Soll die Geschichte jetzt beginnen?" dachte Ovide bei sich.

Er täuschte sich in der That nicht, die Wirkung des geheimnißvollen L qaeurs begann sich zu zeigen.

Jakob richtete sich hastig empor und ließ den Blei­stift fallen, welchen er in der Hand hielt.

„Was gibr'S?" fcug Ov-de. „Bist Tu unwohl?"

„Ich habe Durst," antwortete Garand, indem er in einem Zuge die neben ihm stehende Tasse Kaffee leerte.

Dann begann er, hastigen Schrittes im Zimmer auf und ab zu wandern, zugleich überlief es ihn eis­kalt, seine Hände zitterten und sein Gesicht übergoß

eine dunkle Röthe, während seine Augen fieberhaft glänzten.

„Wirklich, mein lieber Vetter," sagte Ovide an­scheinend bestürzt. „Du siehst aus wie ein Irrsinniger. Noch einmal: bist Du krank?"

Garand blieb stehen und antwortete unter unheim­lichem Lachen:

„Krank, ich! Weshalb sollte ich krank sein?"

„Du hast gewiß zu viel gearbeitet und bedarfst der Ruhe."

„Ruhe, ich? Niemals! Ich kenne keine Müdigkeit. Ich habe Durst — gib mir etwas Besseres, ich brauche nicht auf das Geld zu sehen, denn ich bin ja reich!"

Damit füllte er fast die halbe Tasse mit Liqueur und goß dies die Kehle hinunter.

43.

„Endlich werde ich es doch erfahren!" dachte Ovide bei sich. Dann setzte er laut hinzu:

„Ja, Du bist reich — durch die Erfindung, die Du gemacht und dann verkauft hast."

„Die ich meinem Schwiegervater Mortimer ver­kauft habe . . ."

„Nein, diese nicht," fuhr Ovid fort, „ich meine die Maschine, die Du in der Zeit erfunden hast, in welcher wir uns nicht gesehen haben."

Abermals brach Garand in ein unheimliches Lachen

> Ferdinand von Bulgarien keiner ungestörten Ruhe s sich erfreuen. Rußland läßt das Land Bulgarien wieder einmal an die alte schwebende Schuld erinnern; es ver­langt jetzt die Zahlung von 2 Millionen Rubel als Abschlag auf die Kosten der russischen Besetzung von Bulgarien im Jahre 1879/80. Nach Zahlung dieser Summe verbleiben nach der von Rußland aufgemachten Rechnung noch als Schuld des Landes Bulgarien^an das Zarenreich 3,018,250 Rubel, außerdem kleinere Beträge für Waffen, welche Rußland an Bulgarien ge­liefert hat. Nach dem getroffenen diplomatischen Ab­kommen fällt dem Vertreter Deutschlands in Sofia die Aufgabe zu, Bulgarien an diese alte Schuld zu er­innern. — Dies muß nach russischer Auffassung der Sachlage vornehmlich immer dann geschehen, wenn Bulgarien in einer zu guten Stimmung sich befindet.

* Eine gewisse Aufmerksamkeit schenkt man in England der Ankündigung, daß der russische Thronfolger wahrscheinlich der Hochzeit des Herzog- von Jork beiwohnen werde. Die ,Times' hat den Auftrag erhallen zu versichern, daß der Großfürst- Thronfolger bei diesem seinem ersten Besuche in Lou­don eines herzlichen Empfanges gewiß fein dürste.

Stadt, Provny und Kachbargebiet.

Fulda, 16. Juni.

* Wie nuferen Lesern bereits durch Extrablatt mitgetheilt wurde, erhieltm bei der gestrigen Reichs- tagswahl in hiesiger Stadt Rentner Richard Müller aus Fulda 1317, AmtSrath Th al er von Weihershof 341 und Redakteur Pfannkuch aus Hamburg 252 Stimmen. Da von 2472 wahlberechtigten Personen im Ganzen 1913 Stimmen abgegeben wurden, kann die Wahlbetheiligung als eine lebhafte bezeichnet werden. Bei der ^irn Jahre 1890 stattgefundenen Reichstags- wähl betrug die Zahl der in der Stadt Fulda abge­gebenen Stimmen nur 1403. Damals fielen auf Graf Droste-Bischering 825, Landrach v. Trott 240 und Pfannkuch 338 Stimmen. Während sich demnach bei den Sozialdemokraten ein Rückgang von rund 90 Stimmen zu erkennen gibt, sind dem Kandidaten der sonstigen Bereinigten Gegner des Centrums rund 100 Stimmen mehr zugefallen als int Jahre 1890. Die Stimmenzahl des Centrumskandidaten hat sich um rund 500 Stimmen vermehrt, was ungefähr dem Mehr an Wählern gleichkommt. Auch die auswärtigen Wahlergebnisse, welche wir in Folge dankenswerthen Entgegenkommens unserer Fuldaer Radfahrer bereits gestern Abend noch in zwei Extrablättern bekannt geben konnten, lauten fast durchweg für die CentrumS- Partei außerordentlich befriedigend. Dieselben gelangen weiter unten zum nochmaligen Abdruck.

Liegen auch die s ä m m t l i ch e n Wahlergebnisse noch nicht vor, so stcht doch außer Zweifel, daß der Cm- trumSkandidat, Herr Rentner Richard Müller aus Fulda, mit überwältigender Majorität zum Reichs­tagsabgeordneten für Fulda-Schlüchtern-Gersfeld gewählt ist. Wir dürfen schon jetzt sagen, daß die CmtrumSpartei wieder einen glänzendenSieg er*

aus. „Ah," rief er bann aus, „habe ich Dich über­haupt gesehen? Kannte ich Dich wirklich, Dich, Ovide Soliveau?"

Zugleich schritt er auf Ovide zu in drohender Halt­ung und mit blitzenden Augen, so daß Ovide erschrocken zusammenfuhr.

Inzwischen fuhr Jakob fort:

„Bin ich von Dijon? Heiße ich Paul Harmant? Paul Harmant ist tobt, gestorben in Hospital zu Genf — ich war sein Kamerab in bet Werkstube, er hatte mir sein Arbeitsbuch gegeben, um es seiner Familie wieder zuzustellen. Und da ich meine Haut wechseln und meinen Kopf retten mußte, so habe ich den Namm Paul Harmam's angenommen ... Du hast das nicht geahnt, Dummkopf, Du hieltest mich wirklich für Dein« Vetter!"

Das Gesicht Garand'S hatte einen erschreckenden Ausdruck angenommen.

Seine Wangm schienen hohl geworden zu sein, und die Röthe war einer tödtlichen Blässe gewichen, während außerdem die Lippen von kleinen Schaum­wölkchen bedeckt warm.

Ovide schauderte — seine Unruhe verwandelte sich in Schrecken. Vielleicht hatte er dem Kaffee eine zu große Dosis L'queur beigemischt . . . Vielleicht stand