Mittwoch, den 14. Juni 1893.
x* Plauderei über die Reichstagswahl.
Haben denn die Reichstagswähler auch ihre unpolitische Seite? Sehm wir einmal zu, ob ste sich ohne jede Rücksicht auf den Parteistreit, rein vom all- gemein-menschlichen Standpunkt betrachten lasten.
Warum auch nicht? All' die Leute, die sich da so heftig befehden, haben denselben Rechtsboden unter den Füßen, denselben Zweck vor Augen und dieselben (erlaubten) Mittel in Händen.
„Denselben Rechtsboden" — dies ist ohne Weiteres klar. Aber wie steht eS mit demselben Zweck? Jeder mill die Wahl benutzen, um seiner Ueberzeugung vom Recht und Nützlichen Ausdruck zu geben und möglichst viel Mitbürger auf feine Bestrebungen zu vereinigen. Die Ansichten und Wünsche sind natürlich sehr verschieden, aber das Streben ist doch gleichartig, daS nächste Ziel Aller ist, dem Mann ihres Vertrauens die Mehrheit zu verschaffen. Um diesen Zweck zu erreichen, wenden sie die Mittel an, die daS Staats- und daS Sittengesetz gestatten, daher sind die erlaubten Mittel bei dem Einm nicht anders, als bei dem Andern, denn weil Alle unter demselben Staats- und Sittengesetz stehen. Es werden freilich hier und da auch unerlaubte Mittel angewendet, theilS in böswilliger Berechnung, theils in der Aufwallung der Leidenschaften. Wohl dem, der nach dem Wahlkampfe mit gutem Gewifsm fagen kann, er habe nichts gethan, war Ehre und Tugend verbieten!
Alle braven Männer — mag ihre Parteistellung sein, wie sie will — haben im Wahlkampf die gleiche Arbeit. Sie müsfen eben handeln wie richtige Männer, die all' ihre Kraft und Klugheit daransetzm, um ihren Zweck zu erreichen.
Aus Bescheidenheit oder Klugheit sagt nun Mancher mit dem Reuter'schen Jung-Jochem: Ja, wat sall ick darbie dauhne? Er erklärt sich für eine ohnmächtige Null, um ruhig mit der Pfeife hinter dem Ofen Men zu bleiben. Wenn Alle so dächten und handelten, dann wäre die Berfossang leinen Schuß Pulver und daS Wahlrecht keinen Stimmzettel aus Lumpenpapier werth. O, heißt es darauf, es finden sich immer schon Leute, die reden und Artikel schreiben und kommandiren und agitiren. Glücklicher Weise gibt es solche; aber ist schon S’ matS ein Feldzug gewonnen worden, wenn bloß die ffiziere auf dem Posten waren, aber die Mannschaften auf den Lotterbetten lagen?
Wat sall ick darbie dauhn? Du lieber Bummler von der Hinterfront, deine dringliche Pflicht ist, daß du selber deine Stimme abgibst. DaS ist doch sehr wenig verlangt; aber leider gibt eS noch Schlafmützen genug, die sich zu einer folchen Kraftanstrengung nicht auftoffen können. Einige bleiben absichtlich fort, weil sie hinter dem Brett an ihrem Körpergiebel bett weisen Gedanken hegen, auf ihre einzelne Stimme täme es doch nicht an. So dachten auch die russifchen Juden, die ihrem Rabbiner ein Faß Wein schenken wollten, wozu jeder Hausvater eine Flasche beitragen sollte. „Auf eine FlascheWaffer kommt eS nicht an," sagte sich der Einzelne, und in Folge desfen bekam der Rabbiner den klarsten Pumpenheimer. Andere wolle« wohl zur Wahl gehen, aber eS fehlt ihnen daS Vollbringen. Arbeit, Essen, Trinken, Nachmittagsschlaf, Besuch, Klatsch, Vergnügungen, ehe man eS sich versieht, ist eS Abend: „die Abstimmung ist geschloffen." Wer die Stimmabgabe verbummelt, rangirt in einer Linie mit den Zuchthäuslern und Bankerotteuren, die keine Ehrenrechte habm. Abgesehen von dm Kranken, gibt eS wirklich nur wenige Leute, für die es that- sächlich unmöglich ist, zwischm 10 und 6 Uhr zum Wahllokal zu springen.
Einige Wahlkreise haben den Ruf, für eine bestimmte Partei unbedingt sicher zu sein, so daß man sich wegen des „selbstverständlichen" Ergebnisses gar nicht zu bekümmern oder zu bemühm brauche. ES ändern sich die Zeiten; wer kann jetzt immer noch mit Sicherheit sage», wo die Unsicherheit anfängt? Bester bewahrt, als beklagt, dazu kommt die Erwägung, daß schließlich alle abgegebmm Stimmen im Reich zusammmgezählt werdm, um danach die Stärke der verschiedenen Parteien zu ermessm. Wer ohne Roth zu Hause bleibt, schädigt die Sache seiner Ueberzmgung.
Nebm bett leichtfertigen und nachlässigen Wählern stehen nun auch solche, die ihre Thatkrast in lauter Sorgen ersticken. Sie lesen sich durch dm ganzm Wust von Wahlnachrichten hindurch, welche die Zeitungm aus allm 397 Wahlkreisen zusammen tragen; sie regen sich auf über jedes Aergerniß, das irgmdwo pafsirt, und über jede bittere Prophezeihung, die irgendwer ihnm austischt. Ihr geistiger Magm ist nicht groß und stark genug, um dar Alles zu verdauen; ihre Seele bekommt Leibschmerzen und im Kopf geht ihnen ein sorgenfchwereS Mühlrad herum. Sie gleichen einem Soldaten, der über die Papiere der Generals gerathm ist und bei deren Studium es versäumt, an dem Sturme seiner Kompagnie auf den nächsten Erdwall theilzu-
nehmen. Die Generalssorgen überlaß nur dem Generale. Wenn du zum Gelingen des Feldzuges beitragen willst, so thue deine Pflicht auf dein em Posten, in deinem Wahlkreise. Ob eS anderswo gutgeht, dafür werdm fchon die Berufmm (eigen. ES könnte aber nirgends gutgehen, wenn Jeder sich um die andern Kreise bekümmern und darüber den eigenen Bezirk vernachlässigm wollte. Dagegen wird eS überall gutgehm und die große Sache im Ganzen triumphirm, wenn in jedem Wahlkreise alle vorhandenen Kräfte mit ganzer Aufmerksamkeit und Ausdauer an ihrer Spitze thättg sind. Wenn die Rose sich selbst schmückt, sorgt sie am Besten für den Garten. Wer ein richtiger Mann ist, wird übrigens durch Schwierigkeiten und durch Lärm der Gegner sich nicht bange und schlaff machen lassen, sondern im Gegentheil sagen: Nun werde ich ihnen erst recht zeigen, was für Kraft noch in unS steckt!
Also darüber sind wir einig, daß jeder Wähler, der nicht niet« und nagelfest an's Bett oder an eine Ar- beitSkette gefesfelt ist, wenigstens feine Stimme abgebm soll. Kann er nun noch mehr dabei thun? Da schüttelt sich gleich wieder manche Schlafmütze zur Verneinung. Er könne doch keine Reden halten, keine Aufrufe schreiben, er habe auch keine Zeit, in die vielm Versamm- hingen zu laufen, da sei es ja auch voll genug. Freilich, zum Reden und Schriftstellern ist nicht Jeder berufm, und was die großen Versammlungen angeht, so richtet sich Pflicht zur Theilnohme nach dm jeweiligen persönlichen und örtlichen Verhältnissen. ES ist aber ein großer Jrrthum, zu glauben, daß mit Reden, Aufrufen und VolkSverfammlungm die Arbeit abgettzan sei. O nein, ebenso richtig ist, und ost noch richtiger ist die Thätigkeit, welche die Fachmänner lllS „Meine Agitation" bezeichnen. Die Werbung von Genossen und Stimmen im kleinen Kreise.
Bon diesem Artikel giebt eS nun wieder verschiedene Sorten. Einerseits die organisirte kleine Agitation, welche durch Vertrauensmänner in jedem Abstimmungs- Bezirk geleitet wird; da gilt eS, Zettel zu vertheilm, die Betheiligung an der Wahl zu verfolgen, mündliche oder schriftliche Mahnungen an die säumigen Wähler zu bestellen u. s. w. Zu solchem Meinen und doch so wichtigen Dienste sind eine Menge Kräfte erforderlich, die zum großen Thrile keine besonderen Geistesgaben oder Fertigkeiten, sondern bloß ihre fünf gesunden Sinne zu habm brauchen. Wmn da der Ruf ertönt: Freiwillige vor! — fo melde Dich, wenn nicht gute Gründe Dich zur Zurückhaltung nöthigm.
Du meinst, daS sei Sache der jüngeren Leute; als älterer Mann könntest Du nicht als Austräger und Einpeitscher im Orte herumlaufm. Hm! ES ist ja richtig, daß junge Beine flinker sind. Aber während ein junger Sausewind ein halbes Dutzend Häuser besucht, können zwei ausgewachsene Leute, die sich die Arbeit theilen, ganz gut ja die Wahlgenossm ansprechen. ES macht viel mehr Eindruck und hat also auch mehr Erfolg, wenn ein würdiger, ansehnlicher Mitbürger dm Säumigen holen geht oder dem Zweifelhaften dm Zettel oder den Aufruf überreicht, als wmn ein Flaumbart das besorgt, den man noch nicht recht als voll estimirt.
Aber, lieber Landsturmmann, wmn Du wirklich bei diesem Linien-Regiment der Wahl-Armee nicht mehr dienen willst, dann hast Du noch genug Gelegenheit, Dich privatim in der nicht organisirte« Agitatton verdient zu machen. In Versammlungen kannst Du nicht reben; aber am Familientische oder am Stammtische oder in der Werkstatt oder bei Begegnungm auf Markt und Straßen ist Dir da auch die Sprache ver- fchlagm? Wmn nicht, dmm benutze die Zunge, um für die Wahrheit, die Freiheit und das Recht einzu- treten, um die Irrenden zu belehren, die Zweifelndm zu stärken, die Rachlässigm aufzumuntern. Auf welche WeiseDu daS machm sollst — daS sagt Dir in jedem Falle Dein gesundes Gefühl und Dein warmes Herz. Mit polternder Aufdringlichkeit kommst Du meistens nicht weit, auch nicht mit dröhnenden Gemeinplätzen. Aber wmn Du mit ruhiger Freundlichkeit zur gelegenen Zeit ein gutes, paffendes Wort anzubringm weißt, dann kannst Du mit Meinem Sarnen und wenig Arbeit be» dmtende Früchte erzielm.
Arn Wahltage selbst kannst Du Dich gleich dadurch verdimt machm, daß Du die Hausgmosseu ober Nachbarn mitnimmft auf dem Gange zum Wahl-Lokal. Hast Du Zeit, so sieh Dich dort erst um, wer von Seinen näheren Genossen noch fehlt und gehe bei diesen Säumigen heran, um ihnen einen zarten moralischen Rippm- stoß zu versetzen.
Lauter „Kleinigkeiten"! Aber wenn alle Leute, die das Herz auf dem rechten Flecke haben, sich diesm „Kleinigkeiten" nach Möglichkeit hingebm, dann kommt Großes zu Stande.
Nun werden alle Lefer zugestehen, daß in diesm Wahlbetrachtungen von den polittschrn Zeit- unb Streit» fragen gar keine Rede gewesm ist. Alle unsere Erörterungen und Rathschläge warm unparteiisch. Jede Par- tei kann davon profitirm, wenn ste will.
Einm parteiischen Hintergedankm habe ich freilich doch dabei. Ich hoffe, daß gerade die Mitglieder einer Partei sie lesen und beherzigen werden. Aber daS brauchen wir ja Keinem zu sagen.
Zum Schluß aber kommt eine nicht so ganz parteilose Semei kung. Man sollte von Rechtswegen vorauSsetzen, daß diejenigen Wähler, welche für die höchstm und heiligsten Ideale kämpfen, sich durchweg eifriger, opferwilliger und ausdauernder zeigten, als die Leute, die von materiellen Jntereffen geleitet werden. Ist es in der That so? Oder gilt der Spmch, daß die Kinder der Welt klüger (und auch fleißiger) sind, als die Kinder deS Lichtes? Glaubt man nicht vielleicht, daß die „gute Sache" schon aus ihrer eigenen inneren Kraft ohne viel menschlichen Witz und Schweiß zum Triumph gelangen werde?
DaS wäre ein verhängnißvoller Jrrthum! DaS Gute und Rechte muß ve'rtheidigt werdm gegen die List und Gewalt seiner menschlichen Gegner durch die Kraftentfaltung feiner menschlichen Anhänger. Wenn die gute Sache irgendwo Schaden leidet, fo ist eS eine schwere Schmach für ihre Vertreter; denn sie haben sich ihren Gegnern nicht gewachsm gezeigt, obschon sie die innere Kraft der guten Sache und den Segen des Himmels für sich hatten. Rütteln wir Alle nicht bloß unser Pflichtbewußtsein, sondern auch unser Ehrgefühl etwas auf!
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(38. Fortfetzung.)
Mit einem verächtlichen Blicke auf Ovide entfernte sich der Polizist a. D., nachdem er vorher noch Garant) herzlich die Hand gedrückt hatte.
GesenMen HanpteS stand Ooide vor Garand da.
„Also", hob Letzterer in dumpfem Tone an, „Du, dm ich zufällig auf diesem Schiffe kennen gelernt habe, der Du durch die Bande des Bluts mit den Har- mant'S verbundm bist, deren Namen stets fleckenlos gewesen ist — Du bist also ein elenber Schurke, ein Dieb von Profession, den die Polizei verfolgt! . . ."
„Nicht fo laut, ich bitte," antwortete Ovide feinem Vetter, der allmählich seine Stimme erhoben hatte, „weil der Alte nun doch schweigm wird, braucht doch nicht alle Welt eS zu wissen. Ich habe einen Unglück- lichen Augenblick gehabt. Ich bin nicht reich — eS war eine Schwäche, ich sah daS Gold und die Bank» unten, das hat mir dm Kopf verdreht."
Dann setzte er mit unsäglich weinerlichem, heuchlerischem Tone hinzu:
„Du bist meine Vorsehung gewesen, Vetter, da Du wich hindertest, eine schlechte Handlung zu begehm."
„Du siehst also ein, daß ich recht gehandelt habe?"
„Ja, ich sehe eS ein." , _
„Und Du bedauerst nicht, daß Dir dieser schöne Bratm entgangen ist?"
Ovide zögerte mit seiner Antwort.
„Du willst reich werden um jeden Preis, Dein Zögern sagt eS mir," fuhr Jakob fort.
„Geld regiert die Welt!"
„Der Sack enthielt ein ganzes Vermögen!"
„Ein schönes Stück Geld!" murmelte der Schurke lüstern.
„Freilich, aber eS wahr doch schließlich so sehr viel noch nicht; wmn Du mir gehorchen willst, wirst Du besser fahren."
„Wirklich!"
„So wahr ich Harrnant heiße!"
„Aber ich bin Dir ja mit Leib und Seele ergeben!"
„Ohne jeden Hintergedankm?"
„Natürlich! Du hast mich ja ohnehin vollständig i« Deiner Gewalt! Wmn Du Rens Bose nur eine Andeutung machst, fo wird er mich v-rrathm — ja, Du selbst kannst eS ja, sobald eS Dir beliebt"
„Freilich, aber eS wird mir niemals einfallm."
„Vorausgesetzt, daß der Alte Wort hält. Wmn er die Geschichte meinem Chef erzählte! . . ."
„Dann ipärst Du verloren, Morttmer würde Dich zuerst fortjagen und machm, daß Du auch die 8er» einigten Staaten verlassen müßtest. UebrigmS brauchst Du nichts zu besorgen, ich garartire, daß Ren« Bose schweigt, auch daß Morttmer Dir nichts zn Leide thut. Ich bärge dafür!"
„Du?" frug Ovide verwundert.
„Höre," sagte Jakob leise zu ihm, „ich habe Dich eben kennen gelernt und kenne Dich jetzt so genau, als wmn wir stets miteinander gelebt hätten. Der Diebstahl des Sackes war gerade mcht Dem Probestück, dmn Bose hat bereits einmal einen Haftbefehl gegen Dich in Händen gehabt."
Vetter!"
^Läugne nicht, ich lasse mich nicht leicht tiuschm. Ich glaube fest, daß mau Deinem Namm mehr all einmal begegnen würde, wenn man in dm Archiven der Zuchtpolizei von Dijon nachfuchm würde."