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20» Jahrgang
Sonntag, den 11. Juni 1893.
JV 131
FuldaerWZcitlliiß
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
MC* Fortsetzung aus der Beilage. **■
Am folgenden Morgen fanden sich JameS Mortimer nebst Tochter und Harmant wieder im Unter» haltungS.Zimmer zusammen.
Fast der ganze Tag wurde damit zugebracht, die Grundzüge ihre- AffoclationS-BerttageS zu entwerfen, vorläufige Unterfchriften wurden auSgetaufcht und Garand erhielt von Mortimer den in Aussicht gestellten Check.
Em wenig vor Sonnenuntergang begaben fich Alle auf'- Verdeck, wo sich bereits viele Passagiere befanden, welche mit Ferngläsern nach einem von Amerika nach Europa entgegenkommenden Schiffe auSschautev, das in einiger Entfernung vom „Lord-Maire" vorbei» Jassiren mußte.
Während Mortiwkr und Tochter dar Schiff beobachteten, begab sich Garand zu dem BordMheil des Schiffer, wo er Soliveau unter der Menge zu treffen hoffte, drsien Gunst er mittels einiger Goldstücke zu erringen suchte.
In der That gewahrte er nach einigem Suchen Ovide.
38.
Schon wollte er raschen Schrittes auf chn zu gehen, als er stehen blieb.
Ovide hatte sich nämlich hinter einen bereits bejahrten Herrn gestellt, welcher am Schiffsgeländer sich anlehnte.
Ein kurzes, breites Mrffer glänzte in der Hand Holiveau's. Garand bemerkte eS, obgleich er es zu verbergen suchte.
War eS Sarand schon auffallend, daß Soliveau das Meffer in der Hand hielt, so dünkte ihm sein ganzes Wesen sehr verdächtig.
Er beobachtete ihn also genau und sah plötzlich, wie Ovide seine linke Hand nach dem Ueberzieher des Reisenden auSstreckte, und den einen Flügel desselben sachte bei Seite schob.
Jetzt wurde ein lederner Sack sichtbar, welchen der Reisende an einem dünnen Bande über die Schulter trug.
Ovide, welcher sich durch eine Gruppe von Passagieren verborg« glaubte, die nach dem eben herannahenden Schiffe blickte, streckte seine rechte Hand etwas vor — die Stahlklinge erglänzte in der Sonne.
Der Reisende ließ die Flügel feint § Ueberzieher- zurückfallen.
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Deutsches Reich.
Berlin, 9. Juni.
* Furchtbar böse auf Oesterreich find gegenwär- üg unsere deutschen Militärschwärmer. So böse, daß sie sogar mtt Abbruch des Bündnisses und dem Ueberlauf m Rußlands Arme drohen. Warum? Das einzige, aber anscheinend sehr schwere Berbrechm deS Grafen Kalnoky besteht darin, daß er seiner amtlichen Ueberzeugung von der gegenwärtigen FriedenL - sicherheit in den Delegationen offenm Ausdruck gegeben hat. Der Leiter der österreichisch-ungarischen Politik hat die Wahrheit gesagt und daS verzeihen ihm unsere Karte!lbrüder nicht. Sie brauchm eine kriegSfürchtige Stimmung der deutschen Wähler, um da« deutsche Volk auf de« Leim einer Kartell- Mehrheit zu locken. Bescheiden, wie fie find, verlangen fie von dem Nachbar an der Donau, daß er Rückstcht nehme auf die Wahl-Interessen der deutschen Militär- Parteien und deshalb die frohe Botschaft von der Frie- denSficherheit unterdrücke. W r könnm uns ja ungefähr vorstellen, wie schrecklich fich das Herz der Angst-Spekulanten zusammevkrampfen muß, wenn die deutschen Wähler statt der Baracken- und Melinit - Nachrichten jetzt die beruhigenden Töne der FriedenSschalmei von der Donau zu hören bekommen. TS ist ja auch begreiflich, daß die Kartellwuth zum Gipfel steigt, wenn man fich in den Delegationen über die zMnfttge Abrüstung unterhält. Der Zorn ist aber ein schlechter Berather und die leitenden Kartellblätter schaden sowohl ihrer eigenen Sache als der deutschen Politik, wenn fie sich zu Beschimpfungen und Drohungen gegenüber Oesterreich und zn Verbeugungen gegen Rußland hinreißen lassen. Graf Kalnoky führte die günstigm AuSlaffan« gen der Thronrede der Kaisers Franz Joseph über die Sicherheit deS Frieden« weiter aus. Er be- zeichnete den Dreibund so gesichert, daß eS gar nicht mehr nothwendig fei, von seinem Bestände alljährlich zu sprechen. In dem „Wetterloch" Europas, auf der
Regierungsvorlage die bisher im Ganzen nur 20 Wochen dienenden Erfatzreservisten in zwei Jahre dienende Soldaten umwandeln will, während der Centruwsanlrag sich aus die Ersatzreservisten nicht erstreckte, also in dieser Richtung eine Aenderung nicht ver- langte.
«-gelehnt hat also das Centrum die Vermehrung der Friedenspräsenzstärke, nicht die der Kriegsstärke; abgelehnt hat eS ferner die dauernde Bildung der verlangten neuen Truppenkörper. , t
Mit dieser Stellungnahme zur Militärvorlage ist daS Centrum lediglich den Ueberlieserungen seiner gesammten Vergangenheit, den Erklärungen seiner altbewährten Führer und den Verheißungen seiner Wahlprogramme tteu geblieben. Bei dieser Entscheidung war das Centrum von der Ueberzeugung geleitet, daß die Entscheidung in einem künftigen Kriege nicht nur von dem Besitze äußerer Machtmittel, von der Kriegsmacht, auch nicht bloS von den übrigens in der Regierungsvorlage so wenig berücksichtigten Finanzen, sondern auch noch von geistigen Kräften, vor Allem von der einmüthigen Begeisterung deS Volkes abhängen wird. Woher soll aber eine solche Kraft und Begeisterung kommen, wenn daS Volk schon im Frieden unter stets wachsenden Kriegsrüstungen erschöpft wird ? Es bleibt ein wahres Wort unseres alten ReichenSperger: ein ausgeruhtes und zu mäßigem Wohlstand gelangtes Volk wird sich wirksamer und nachhaltiger vertheidigen, als ein abgehetzte- und auSgemergelteS Volk.
Aufklärung über die Mllttärrwrlage.
(Schluß.)
Wie übertrieben die Militärforderungen der Vorlage sind, zeigt am besten die Thatfache, daß die Regierung eine Reihe von Jahren braucht, um daS für die koloflale Vermehrung der Rekruten nöthige AuSbildungSpersonal an Offizieren und Unteroffiziere zu beschaffen. Noch fehlen im bestehenden Heere 786 Offiziere und 1323 Unteroffi fiere; die Heeres- verstärkuug erfordert weitere 2138 Offiziere und 11,857 Unteroffiziere. Die Regierung „hofft" nun den Sesammtbedarf an Offizieren in 3 Jahren, den Gesammtbedarf an Unteroffizieren in 5 Jahren beschaffen zu können. Wenn fich diese Hoffnung bestätigt — und so lange die ErwerbSverhältniffe so darniederliegen, wie gegenwärtig, mag ja der Offizier-- und Unterosfizieri- stand der aussicht-vollste Beruf sein — so ist das Ausbildungspersonal vollständig erst beisammen, wenn die Geltung deS neuen auf 5'/-Jahre bestimmten Milttär-Gesetze» abgelaufen sein wird; in der Zwischenzeit muß also die Ausbildung Noth leiden: Die Regierung verlangt so viele neue Rekruten, daß sie 5 Jahre lang gar nicht im Stande wäre, sie gehörig auszubilden! Und solche mangelhaft auSge- bildeten Soldaten sollen dann den Schutz deS Vaterlandes auS- machen!
Bon der ursprünglichen Regierungsvorlage wenig verschieden ist der von nur 11 Mitgliedern des Centrums außer dem Antragsteller unterstützte Antrag deS Freiherrn v. Huene, mit dem sich schließlich der Reichskanzler einverstanden erklärt imb dessen Ablehnung zur Auflösung deS Reichstages geführt hat. Diefer Antrag soll nach der Erklärung des Reichskanzlers im nächsten Reichstag al» Regierungsvorlage wieder eingebracht werden. Der Antrag will nämlich an der von der Regierung verlangten Vermehrung der Friedenspräsenzstärke der Gemeinen um 72,037 Mann nur 12,839 Mann streichen und hiermit die jährlichen Ausgaben sür die HeereSvcrstärkung um 9,000,000 Mark verringern; der Antrag verlangt also fünf Sechstel der ursprünglichen Regierungsforderung. Immerhin beweist die Annahme des Antrag- v. Huene von Seiten der Regierung, was von ihrer im Reichstag und der Kommiffion so oft gegebenen Versicherung, die Vorlage sei daS Mindestmaß der zum Schutze des Vaterlandes nothwendigen Verstärkungen und man könne sich nichts „abhandeln" laffen, zu halten ist.
Wenn matt die Gegner de» SeutrumS heute hört, so könnte man zu der Meinung gelangen, als ob daS Centrum gar nichts oder nichts NennenSwertheS hätte bewilligen wollen. Das Gegen- theil ist wahr. DaS Centrum war berett, sür Einführung der zweijährigen Dienstzeit hohe Gegenleistungen zu bewilligen, welche auch für den Fall deS Krieges eine ganz wesentliche Ver- stärkung der Feldarmee herbeigesührt haben würden. La» Le»» ttnm wollte für die Einsührung einer gesetzlich sestgelegten zweijährigen Dienstzeit bewilligen,
a) daß die bestehende Präsenzstärke der Gerne,neu, 420,031 Mann, auf volle 5 Jahre gesetzlich festge- stellt werde, was in Verbindung mit der Verkürzung der Dienstzeit zu einer Vermehrung der jährlich einzustellenden Mannschaften um 27,000 Rekruten geführt und bei voller Entwickelung eine Vermehrung der Kriegsstärke nm 500,000 Mann, bei Beschränkung auf die 12 Jahrgänge der Reserve und Landwehr ersten Aufgebots eine Vermehrung der Kriegsstärke um 250,000 Mann bewirkt haben würde;
b) daß die Präsenzstärke der Gemeinen als JahreSdnrch- schnittsstärke gelten und demgemäß die Zahl der Rekruten um die 6 pCt. Nachersatz erhöht werden solle;
c) daß die Zahl der Unteroffiziere jährlich im ReichShanShalt festgestellt und wie di- der vffitiere entsprechend der Vermehrung der auszubildenden Rekrnten vermehrt werden solle.
Der CentrumSantrag ließ neben den 27,000 neuen Rekruten die 17-18,000 Ersatzrrservisten, welche die Regierung unter die von ihr geforderten 60,000 neuen Rekruten einbegreift, Fortbestehen. Der Unterschied zwischen der Regierungsvorlage und dem Centrumsanttag «ar in dieser Beziehung, daß die
Balkanhalbinsel, findet er nicht- Beunruhigende-, auch in Serbien nicht. Mit besonderem Nachdruck hob Graf Kalnoky die guten Gesinnungen deS Kaiser- und der Regierung von Rußland hervor und knüpfte sogar an die Hoffnung auf stete weite Annäherung Rußland- da- schöne Zukunftsbild der Beendigung der militärischen Rüstung« in Europa. Vorläufig will freilich Oesterreich seine Wehrfähigkeit pflichtmäßig weiter entwickeln, aber — wie ausdrücklich betont wurde — unter sorgsamer Berücksichtigung seiner Finanzkräste. Die Sache liegt so, daß Oesterreich anstandshalber etwas für fein Heer thun muß, well seine Rüstung hinter der Deutschlands ganz unverhältnißmäßig zurückbleibt. Bon einer solchen HeereSvergrößerung, wie fie jetzt bei uns betrieben wird, läßt man in Oesterreich die Hände meilenweit weg. Eine Beleidigung unseres besten Bundesgenossen ist eS, wenn die ,Rat.»Ztg.' den Verdacht zu erwecken sucht, Graf Kalnoky treibt hochpolitische Schönsärberei, um zu Gunsten seiner Währung-- reform - Geschäfte die Börsm „fest" zu machen. Eine Drohung, und zwar eine höchst leichtfertige, ist e-, »enn die .Kreuzztg.' sowohl wie die, > at.-Ztg/ in Aut- sicht stellen, daß sich Deittschlaud unter Umständen mit Rußland verständigen lüante, ohne fich um die österreichischen Orient-Jntereffen weiter zu kümmern. Wa» soll man in Oesterreich von der deutsch« Freundschaft und BundeSgeuossenschaft denken, die auS Aerger über die pflichtmäßige Nichtbethelligung Oesterreichs an bet Kartell»Stimmungsmache solche Töne anschlägt? Da muß man wirklich im Interesse deS FriedeuSbundeS wünschen, daß wir keine Kartttl-Mehrhett und keine Kartell-Politik bekommen; denn das müßte ja Oesterreich mißtrauisch mach«. Und was wird der deutsche Wähler sagen, wenn man ihm einredet, Deutschland könne jeden Augenblick unter PreiSgebuug Oesterreich« mit Rußland den Bruderkuß tauschen und habe dann nur noch gegen Frankreich fich zu wehren? Wer e- gl a ub t, der wird dann di- kolossale HeereSvergrößerung erst recht für unnöchig erklären. Demi Frankreich allein können wir doch mtt der jetzigen Präsenzstärke zweffel- loS in Schach halten. ........
♦ lieber die Vorgeschichte der Militarvorlage werden in einem demnächst erscheinenden Werke de- OberstlieutenantL Knorr „Die HeereSentwickelung in Deutschland seit dem Fried« bis zur Gegenwart", einige Angaben gemacht, die im Allgemeinen nur Bekanntes bestätigen. Danach hat General von Berdy bereits am 31. August 1889 an den Reichskanzler Fürsten Bismarck geschrieben, der Ausbau unserer Organisation könne keinen Auffchub mehr erleiden. Letzterer erklärte jedoch die Verwirklichung dieses PlamS wegen bevorstehender Wahl« zum Reichstage für bin Augenblick al» nicht zeitgemäß. Im März 1890 würbe sodann auf dm Berdy'schm Plau zmückgegriffm. Dieser Plan, welcher beim Rücktritt Bickrnarck'S noch vorlag, zu seiner AuSsührung 117 Millionen erforderte und auf lange Zeit hinaus nur mit dreijähriger Dienstzeit möglich geroefen wäre, blieb jedoch Projekt. Es kam nur die Forderung von 18,500 Mann zum Zwecke organisatorischer Erweiterung«. Bei den Debatte» hierüber «thüllte v. Berdy bekanntlich seine vom ge-
Sarand begriff jetzt d« ganz« Borgang.
„Ah", dachte er, „mein »etter Soliveau scheint allerlei Handwerke zu k«n«, sowohl die Mechanik als den Taschendiebstahl! Augenblicklich scheint ihn der Sack diese- gut«, nicht- ahnend« Alt« sehr zu "^Plötzlich schauderte der falsche Paul Harmant zu- sammm. '
„Nein, sagte er sich mit Schreck«, „wenn man ihn etwa bei Verübung diese- Diebstahl- auf ftischer That ertappte, dann würde man ihn verhaft« unb er würde sich auf mich beziehen! Jedenfalls würde e- meine Lage nicht verbessern, ber Setter eene- DubeS »u sein, ich muß die- zu verhindern such« und ich will . . .
Sarand vollendete fein« Satz nicht, ein anderer Gedanke fuhr ihm durch d« Kopf.
Ich habe ihn jetzt in meiner Hand", dachte er bei sich, „an Hand« und Füß« gebunden ist er m meine Gewalt gegeben; der Zufall gibt mir da- Mittel, welche- ich vergeben- suchte!"
Er ging also weiter und stand bald nur zwei oder drei Schritte von Ovide mtfernt, der feine Gegenwart keineswegs ahnte.