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Samstag, den 10. Juni 1893. 20. Jahrgang
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Aufklärung über die Militärvorlage.
4. Die Stellungnahme des Ccntrums znr Militärvorlage.
Die Stellungnahme des Centrums zu den Militärvorlagen ist vor Allem durch zwei Gesichtspunkte bestimmt, durch die Sorge für den erforderlichen Schutz des Vaterlandes und durch die Sorge für die dem Volk so nothwcndige Erleichterung von Militärlasten. Das Centrum hat im Jahre 1887 „jeden Mann und jeden Groschen" bewilligt, und wenn es damals die Bewilligung auf sieben Jahre ablehnte, so hat dieser Standpunkt durch die spätere Haltung der Regierung selbst Recht bekommen; das Centrum bat 1890 die Erhöhung der Präsenzstärke bewilligt, deren Nothwendigkeit damals von freisinniger Seite bestritten, heute anerkannt >st. Das Centrum hat ebenso andererseits durch Abstriche im Militäretat und insbesondere im Marineetat die volkswirthschaftlichen und finanziellen Interessen zu wahren gesucht: während der Septennatsreichstag Kriegsschiffe auf Borrath bewilligte, hat der letzte Reichstag an Stelle der von Marineenthusiasten verlangten Schaffung einer Kriegsflotte ersten Ranges sich beschränkt auf die Bewilligung der zur Ber- theidigung der Küsten erforderlichen Schaffe.
Die Gefahren einer Verstärkung des- Militarismus sind im Centrum von jeher klar erkannt und scharf gezeichnet worden. Schon Anfangs der siebenziger Jahre schrieb der Centrums- Abgeordnete Bischof Kettel er in seinem Entwurf zu einem politischen Programm: „Ein Volk in Waffen und zugleich Beibehaltung des Systems der stehenden Heere heißt eigentlich, ein ganzes Volk in ein stehendes Heer verwandeln und noch näher, ein ganzes Volk in steter Kriegsbereitschaft erhalten. Das sind aber krankhafte und auf die Dauer unerträgliche Zu stände. Was die jetzigen Heere wirklich dem Volke kosten, ist nicht zu berechnen, da der schon an sich so enorme Militär- ctat doch nur einen Theil der Unkosten des Heeres repräsentirt, indem noch viele Leistungen der Einwohner und der Gemeinden nebenhergehen, welche nicht mit in Rechnung kommen. Noch weniger aber läßt sich berechnen, was in Zukunft (Der Herr Bischof schrieb vor zwanzig Jahren!) solche Heere kosten werden, da ja bezüglich der Rüstungen eine Art Wettrennen unter den großen Nationen Europas stattsindet. Jede Verbesserung einer Waffe macht sofort alle Waffen derselben Art in Europa unbrauchbar. Solche Lasten an Menschen und Geld überschreiten weit Alles, was der Staat von seinen Angehörigen zu fordern berechtigt ist. Die Verminderung des Militäretats ist deshalb ein dringendes Be- dürfniß; von ihr hängen alle Verbesserungen im Steuer- und im Saatsschuldenwesen, sowie alle Erleichterungen der Steuern ab." Wer denkt heute überhaupt noch an „Verminderung"!
Am 11. Januar 1875 war es der Centrumsabgeo-dnete Frhr. von Schorlemer-Alst, welcher im Reichstag die Gefahren der gegenseitig sich überbietenden Rüstungen in lebhaften Worten schilderte: Wenn wir unsere Reserven vermehren, „so werden unsere Nachbarn uns auf demselben Wege folgen, und das Resultat ist, daß Europa in Waffen starrt, daß jede Nation sich erschöpft in Erfi ndungen für die Kriegsrüstungen und in Leistungen für den Krieg schon im Frieden — Das Militärbudget ist das Faß der Danaiden; wir werfen in jedem Jahre neue Millionen hinein, aber ausfüllen können wir es nicht. Erschöpft wird nur der Säckel der Steuerzahler. Ich halte es aber auch für bedenklich, gerade in Aussicht auf mögliche Kriege, daß schon durch die Leistungen für die Armee im Frieden und zu Kriegsrüstungen die Finanzen erschöpft werden. Der alte Montecuculi war ein sehr weiser Mann; er hat den Grundsatz aufgestellt: zum Kriegsühren gehören drei Dinge, nämlich erstens Geld, zweitens Ged und drittens Geld; und deshalb müssen wir dafür sorgen, daß wir im Frieden nicht schon unsere finanziellen Kräfte erschöpfen." Schorlemer führte damals aus, daß er in der Schaffung weiterer Reserven eine doppelte Gefahr erblicke: „Nämlich eine Gefahr für den Staatsmann, namentlich wenn er etwas ehrgeizig ist; er wird mit einem solchen Rüstzeug in der Hand immer geneigter sein, Differenzen mit seinem Nachbarn durch einen frischen, fröhlichen Krieg zu beseitigen, statt auf
dem Wege des Friedens. Und eine Gefahr für das Volk; denn das Volk wird immer wieder der vergeblichen (Hoffnung) sich hingeben, daß mit dem nächsten Kriege, in dem es alle seine Kräfte aufbietet, endlich die Erleichterung eintreten werde, die man ihm stets verheißen hat, und so richtet sich das ganze Sinnen des Volkes viel mehr auf die Werke des Krieges als auf die Werke des Friedens, und das halte ich geradezu für eine schwere Verirrung." Noch am 15. April 1880, bei der damaligen Berathung des Septennats- gesetzes, hat der Abgeordnete Freiherr v Schorlemer-Alst dieselben Gedanken wiederholt und unter Anderem erklärt: „Die Leistungsfähigkeit ist erschöpft, ganz abgesehen von der Finanzlage des Reichs und der Einzelstaaten. — Die Steuerlast ist unerträglich. — Es gibt eine Frage, über welche auch der beste patriotischeWille nicht hinausreichen kann, die Ueberbelastung. An dieser Grenze sind wir meines Erachtens eegetommen." Im Jahre 1880 wurde die Präsenzstärke auf 427,274 Mann festgesteNt, jetzt soll sie aus 570,877 Mann, also 143,603 Mann mehr, festgesetzt weiden!
Zu den Bestrebungen des Centrums, dem Volke Erleichterungen zu verschaffen, gehören auch die Bemühungen, eine Verkürzung der Dienstzeit durch Einführung der zweijährigen Dienstzeit für die Fußtruppen zu verlangen; in den 70ger Jahren war es insbesondere Mallinckrodt, in den 80er Jahren Peter Reichensperger, tut Jahre 1890 Windthorst, welcher hierfür mit aller Kraft eintrat. Eine der im Jahre 1890 vom Reichstag aus Antrag Windthorft's gefaßten Resolutionen verlangte, daß die verbündeten Regierungen die Einführung der zweijährigen Dienstzeit für die Fußtruppen, in ernstliche Erwägung ziehen sollen.
Neben der letzterwähnten Resolution wurde damals auf Antrag Windthorst beschlossen, den vom Kriegsminister v. Verdy kundgcgebenen Plan einer maßlosen Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht, oder wie es heutzutage etwas schwungvoller heißt „der vollen Ausnutzung der nationalen Wehrkraft", entgegenzutreten, indem der Reichstag die Erwartung aussprach: „daß die verbündeten Regierungen Abstand nehmen werden von der Verfolgung von Plänen, durch welche dieHeranziehung aller wehrpflichtigen Mannschaften zum aktiven Dienst durchgeführt werden soll, indem dadurch dem deutschen Reich geradezu unerschwinglicheKosten erwachsen müßten. Diese Resolution knüpfte an einen Ausspruch des Kaisers Wilhelm I., welcher als Prinz von Preußen in einer Denk- sch:ist seine militärpolitischen Ansichten zusammenfaßte und hierbei erklärte:
„Allerdings hört man oft den Ausspruch, eigentlich müßten alle Waffenfähigen ausgebildet werden; doch Niemand scheint aber die nothwendigen Konsequenzen dieses Satzes in seine Berechnung gezogen zu Haven Nämlich wie stark müßte die Armee werden und welche enormen, dem Lande gerade;« unerschwinglichen Kosten müßte sie machen, wenn a e Waffenfähigen auch eiugestevt würden."
Heutzutage ist man schon so weit im Militarismus heruntergekommen, daß osfiziöse Federn in der königlichen Hofbuchhandlung von Mittler u Sohn in Berlin zu lügen wagen: „Nach dem Reichsgesetz (nach welchem?) soll jeder wehrfähige Deutsche auch wirklich dienen. Bisher war das nicht Fall. Das ist aber offenbar eine Ungerechtigkeit." Es fehlte nur noch, daß der Militarismus es auch für ein Unrecht erklärte, daß die deutschen Frauen ihre Knaben nicht gleich m.t dem für den Militärdienst nöthigen Lederzeug gebären.
Tas Centrum hat an dieser, vom Reichstag zum Beschluß erhobenen Windthorst'schen Resolution festgehalten, weil ihre Richtigkeit weder von der Regierung noch von den ihr folgenden Parteien widerlegt werden konnte. Die Behauptung, daß, so lange Deutschland alljährlich über zweitausend Millionen Mark für Spirituosen und Tabak ausgebe, auch das Geld für die Heeresverftärkung vorhanden sei, man brauche ja nur am Trinken und Rauchen zu sparen bezw. die auf solche Genuß- mittel gelegten Steuern zu erhöhen, ist keine Widerlegung, ganz abgesehen davon, daß die Regierung zur Deckung der Kosten Steuergesetze Vorschlag, welche die Ausgaben der Heeresver- stärkung in der Hauptsache aus der höheren Besteuerung von
Bier und Branntwein, also der Genußmittel des weniger be- mittetten Theiles der Bevölkerung, ausbringen sollten — ein in unserer sozial gährenden Zeit verhängnißvoller Vorschlag, weil er gerade demjenigen Theil des Volkes die Geldlast ausbürden wollte, welcher im Wesentlichen zugleich auch die persönliche Last der Vorlage zu tragen hätte.
Das Centrum mußte an jener Windthorst'schen Resolution um so mehr festhalten, als sich bei näherer Prüfung der Vorlage in der Militärkommission ergab, daß der für die Durch- sührung der Vorlage berechnete jährliche Mehrbedarf von 63,400 Rekruten gar nicht gedeckt werden kann, wenn man die bisherigen Anforderungen an die körperliche Tauglichkeit der Rekruten beibehält. Die Zahl der verlangten neuen Rekruten ist nur dadurch aufzubringen, daß man die früher geforderte Körpergröße von 1,57 Meter auf 1,54 Meter herabsetzt und Leute, die man bisher wegen verschiedener körperlicher Mängel nicht eingestellt hat, in Zukunst aushebt. Es würden danach in Zukunft eine große Zahl minder tauglicher Personen eingestellt, die den immer mehr sich steigernden Anforderungen des Dienstes immer weniger zu entsprechen vermögen, daher einerseits für die Tüchtigem eine Last und ein Hinderniß sind, andererseits, wie die schon seit Jahren zunehmende Zahl der Jnvalidirungen beweist, Gefahr laufen, eine bleibende Schädigung ihrer Gesundheit zu erleiden. Solch halbbrauchbare Soldaten sind aber vollends nicht im Stande, die Strapazen eines Feldzuges auszuhalten.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Juni.
♦ Man sollte glauben, die sämmtlichen Gegner und Neider des CenirumS mühten dem Wahlausfall in der gehobensten, siegesgewrssen Stimmung entgegensetzen. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Ihre Blätter sind freilich meist voll von phrasenreichen Artikeln über den „Zerfall des Centrums". Aber im Herzen wissen sie ganz gut, und gelegentlich kommt das auch zum Ausdruck, daß der alte Thurm diese kleinen Absplitterungen und Anwürfe wohl vertragen kann, daß nicht die Dissidenten oder Empörer Bortheile erringen, sondern das alte Cenrrum mit neuer Kraft aus dem schweren Wahlgange hervorgehen wird. Auch die Regierung zeigt teine erhöhte Zuversicht auf den Wahlausgang. Da die Vorlage mit einer Mehrheit von 48 Stimmen fiel, so müßte ein Reingewinn von wen'gstens 24 Mandaten erzielt werden, um die Wahlparole der Regierung siegreich zu machen. Nun bietet freilich die umgefallene Gruppe Rickert, die sich jetzt „freisinnige Vereinigung" nennt, einen schätzbaren Beitrag zu beit militä«frommen Stimmen. Aber einerseits wird dieselbe es nicht auf 24 Mandate bringen, und anderseits sind auch bie vielen Verluste zu decken, welche die Kartell- brüder erleiden werden, namentlich gegenüber der sozialdemokratischen Agitation. Da der Anlaus gegen das Centrum weder in Westfalen, noch in Schlesien, noch in Süddeutschland mehr als höchstens ein vereinzeltes Mandat in Frage stellen kann, so erklärt sich leicht, daß die gouvernementalen Rechenkünstler trotz aller Zwischenfälle, die ihnen günstig zu fern scheinen, ein sorgenvolles Gesicht machen. Am 15. Juni wird übrigens die eigentliche Entscheidung wohl kaum fallen. Die Kandidatenfülle ist so groß und die Zersplitterung der Stimmungen und Bestrebungen so arg, daß diese Wahl viel mehr, als die früheren, aus Stichwahlen hinauskommen dürste
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(35. Fortsetzung.)
Der falsche Paul Harmant st-llre sich als vollendeter Schauspieler bei diesen Worten auf das Höchste erstaunt.
„Ihr Vater!" rief er theatralisch euS „Welch' eine Ueberraschung! Wer sollte dies erwartet haben? Wemt ich gewußt hätte ..."
„Würden Sie alsdann anders von meinem Vater gesprochen haben?" fiel rhm Noemie lachend in'»Wo t.
„Durchaus nicht, denn meine Worte entsprechen genau meinen Gedanken."
„Sehr schön. Nun will ich Sie ihm vorftellen.
Wie ist Ihr Name?"
„Paul Harmant."
„Gut. kommen Sie a'Jo mit mir."
Beide schrttlen nun auf Herrn Janus Mortimer zu, welcher noch immer in tu; Gespräch mit einem befreundeten Amurkaner vertief- wa-.
„Entschuldigen -Sie, daß ich Sie einen Augenblick störe," sagt Noemie zu dm beidmHerren, „ich möchte Ihnen Jemand oorst-.llen."
„Mrr?" sagte Mortimer etwas überrascht.
„Ja, einen Herrn, welcher die Reise von Frankreich nach Newyork nur zu dem Zwrck^ macht, um Sie zu besuchen. Der Zufall hat cs gefügt, daß der Herr, ohne mich zu kennen, mit mir über den Zweck feiner Reise gesp ochen hat und ich hielt e§ d stzalb für passend, ihn feine Reise nicht fortsetzen zu lassen, ohne ihn mit dem Manne, den er so hoch achtet, in nähere Berührung zu bringen. Gestatten Sie n.ir also. Vater, Ihnen Herrn Paul Harmant, Franzose, Mechaniker wie Sie, vorzustellen."
Janus Mortimer trat auf Harwaat zu und sagte:
„Seien Sie mir herzlich willkommen, nicht bloß als Sohn eines Landes, welches ich liebe, sondern euch weil meine Tochter Sie mir vorgestellt hat. Sie sind M chaniker wie ich, wollen Sie mir nicht Ihre Hand geben?"
„Es ist das eine Ehre für mich, arf die ich ebenso sto^z bin als auf Ihr Wohlwollen, mit welchem Sie mich empfangen!" antwort te Harmant, dem Ingenieur herzlichst die Hand drückend.
„Ich denke, daß wir uns von j tzt an als ölte Bekannte betracht, n," fuhr Mortimer fort, „also keine cerew.cnieflen Phrasen: Ich stelle Sie hiermit einer der ersten Fmavzg: ötzen Amrrika's. Herrn Richard Davidson, meinem Freunde und Bankier, vor."
„Sie können über mich verfügen," sagte der Bankier, „wenn ich Ihnen irgendwie gefällig sein kann, so stehe ich gern zu Diensten."
Dankbar nahm Harmant diesis Awrbieten an.
„Wenn ich meine Tochter recht verstanden habe," fuhr Mortimer fort, nachdem sich L-tztere wieder zu ihrem Piano begeben hatte, „so begeben Sie sich nach Newyork in der Absicht, mich zu besuchen."
„Allerdings. Ich beabsichtige, in Frankreich eine Muster-Fabrik eivzurichten und deshalb reise ich um- yer, um die verschiedenen Arten der Herstellung von W,rkzeugm kennen zu lernen und da mirJhre Werkstätten cils ganz vorzüglich in dieser Hinsicht geschildert worden find, so beabsichtigte ,ch, dieselben zu besuchen.
Recht gerne; Sre können st- mit Muge besuchen und "besichtigen. Ich darf wohl sagen, daß meine Werkstätten sehr gut find; indeß sind sie nur für mdustrielle Mechawk emgerichtct."
,Drs ist gerade die nutzbringendste, der ich das Wenige zu verdanken habe, was ich besitze," sagte Jakob."
„S;e ist allerdings nutzbringend. Meine verbesser- ten Nähmaschinen haben mrr hübschen Gewinn gebracht."
„Ich kenne sie und habe sie genau studirt."
„Finden Sie etwa noch einige Mängel daran?" „Gistatten Sie mir, daß ich frei und offin spreche?"