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Freitag, den 9. Juni 1893
20. Jahrgang
FlildacrWZtituug
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Aufklärung über die Witärvorlage.
ii.
3. Erfordert der Schutz des Vaterlandes die dem deutsche« Volk angesonneuen Belastungen?
Die Regierung sucht die Vorlage mit ihren ungeheuren Belastungen durch die Behauptung zu rechtfertigen, die militärpolitische Lage Deutschlands gegenüber Frankreich und Rußland erfordere die verlangte Verstärkung der Friedenspräsenz. Der Reichskanzler Caprivi und die Kommissäre der Militärverwaltung haben diese Behauptung im Wesentlichen damit begründet: Deutschland habe zwar zu einem Vertheidigungskrieg gegen Frankreich allein immer noch genügende Stärke, besitze, aber nicht mehr die erforderliche Ueberlegenheit in der Zahl der Soldaten, um einen von Frankreich aufgenöthigten Krieg in der strategischen Offensive durchzuführen, den Krieg auf fremdes Gebiet hinüberzutragen und diejenigen Erfolge zu erzielen, welche aus politischen und finanziellen Gründen verlangt werden müssen. Wenn nämlich die jetzigen Militärgesetze bei uns, wie bei unseren Gegnern, zur vollen Wirkung gekommen wären, so würde die Kriegsstärke in Deutschland 3,500,000 Mann betragen, in Frankreich 4,053,000 (553,000 Mann mehr als in Deutschland), in Rußland 4,556,000 Mann. Gegenüber diesen Zahlen, so erklärte die Militärverwaltung, bedürfe es keiner weiteren Beweisführung für die unbedingt nothwendige Verstärkung unserer Heeresmacht; es solle unsere Heeresmacht wenigstens in dem Maße verstärkt werden, „daß uns das um 10 Millionen an Einwohnern ärmere Frankreich nicht mehr folgen könne."
Letztere Erklärung paßte freilich schlecht zu den Motiven der Vorlage, in welchen es heißt: Frankreich sei an der äußersten Grenze der Heranziehüng seiner Wehrfähigen angelangt." Noch weniger paßt aber diese Begründung der Vorlage zu den früheren Aeußerungen des Reichskanzlers selbst und seines Amtsvorgängers, wie überhaupt zu dem früheren Verhalten der Reichsregierung.
Als der Reichskanzler Fürst Bismarck das neue Wehraesetz mit seiner Verlängerung der Landwehr - und Landsturmpflicht durchsetzte, gab er in seiner berühmten Rede vom 6. Februar 1888, in welcher er die Gefahr eines Krieges nach 2 Fronten besprach, die feierliche Erklärung ab: „Unsere Nachbarn sind in der Truppenziffer ebenso hoch wie wir, aber in der Qualität können sie es uns nicht nachmachen. — Wir haben mehr Offizier - Material und Unter- Offizier-Material als irgend ein anderes Land und wir haben ein Offizierkorps, welches uns kein anderes Land der Welt nachmachen kann."
Schon am 31. August 1889 hat der preußische Kriegsminister v. Berdy an den Reichskanzler Fürst Bismarck geschrieben, daß der Ausbau unserer Heeresorganisation keinen Aufschub mehr erleiden könne; sein Plan wurde von Bismarck zwar sachlich gebilligt, aber >,wegen der im Jahre 1890 bevorstehenden Reichstagswahlen als nicht opportun erklärt". Nach den Reichstagswahlen, durch welche die Herrschaft der Kartell- Parteien zerschmettert wurde, trat der neue Reichskanzler Caprivi sein Amt an; er fand den Verdh'schen Plan vor, es wurde aber statt dieses Projektes nur eine Verstärkung der Friedenspräsenzstärke um 18,000 Mann in Vorschlag gebracht. Bei der Berathung über die Vorlage ließ Caprivi den Kriegsminister seinen Plan in der Militär-Kommission andeuten, als dieser Plan aber das Entsetzen der Kommission und eine weitgehende Aufregung im Volke hervorrief, «schien der Reichskanzler selbst in der Kommission, erklärte, der Reichstag habe keinen Grund, sich über den mitgetheilten Plan zu beunruhigen, da die „verbündeten Regierungen" von dem Plan nichts wüßten; es wußte nämlich nur die preußische Regierung etwas von dem Plan und die ist ja in Militärfragen so ein unschuldig Kindlein, daß man davon kein Aufhebens zu machen braucht. Damals verkündigte der Reichskanzler dem Reichstage: „Ich halte es auch für wahrscheinlich, daß, wenn in den nächsten Jahren die verbündeten Regierungen mit militärischen Forderungen vor dieses hohe Haus treten sollten, diese mehr dahin gehen würden, daß das, was geschehen ist, innerlich konsolid irt werde. Wir haben innerhalb der Armee eine ganze
Anzahl von Fragen in der Richtung der Verbesserung unserer inneren Zustände zu erledigen im Sinne der Worte des Fürsten Bismarck, daß wir mehr auf gute Truppe« als auf viele Truppe« werde« Gewicht lege» müsse«." Diese Worte schienen auch eine Bekräftigung dadurch zu erhalten, daß der Schöpfer des Verdy'schen Planes alsbald aus seinem Amte schied.
Noch am 27. November 1891 erging sich der Reichskanzler in Spott und Hohn über die „Zahle«wuth". Er äußerte damals im Reichstage: „Man hat in der Welt sich jetzt vielfach gewöhnt, Armeen nach ihrer Zahl zu schätzen. Das ist auch wieder für Zeitungsschreiber und Leser ein bequemes Mittel. ES rechnet da Einer vor: Die Franzosen haben 5,400,000 Mann undJhr habt 4,500,000: folglich seid Ihr schwächer als die Franzosen, folglich beunruhigt Euch" Er führte dann aus, daß es auf die Güte der Truppen ankomme und schloß mit den Worten: „Wenn ein d eutscher Zeit ungsleser in seinemLeib- blatte liest, daß an anderen Stellen mehrSoldaten aufgebracht werden, so hat er keinen Grund, sich zu beunruhigen. So lange die deutsche Armee so gut bleibt wie sie jetzt ist, habe ich den ganz bestimmten Glauben, daß es keine Nation Europas gibt, die für die künftige Art der Kriegführung so viele vorzügliche Eigenschaften mitbringt wie die deutsche." Derselbe Reichskanzler aber, welcher im November 1891 im Reichstage über den von ihm beispielsweise angenommenen Unterschied der deutschen Truppenstärke von der französischen im Betrage von 900,000 Mann als Grund einer Beunruhigung spottet, hat nun im November 1892 die Vorlage eingebracht, bei deren Begründung uns „Einer vorrechnet": Die Franzosen haben 553,000Mann Kriegsstärke mehr als Ihr, folglich beunruhigt Euch!
Dazu kommt, daß der eigenen wiederholten Darlegung des Reichskanzlers Caprivi, der neuerdings die bestimmtesten Versicherungen von österreichischer Seite -sich zugesellt haben, in der politischen Lage seit dem Jahre 1887 eine wesentliche Verschiebung und Verschlechterung nicht stattgesunde» hat und daß von der deutschen Militär-Verwaltung schon bei Einbringung des die Präsenzstärke erhöhenden Gesetzes von 1890 das neueste französische Wehrgesetz von 1889 in seinen Folgen geprüft und berücksichtigt worden ist. Damals hat man dem Reichstage zur Begründung einer Vermehrung der Friedenspräsenzstärke um 18,000 Mann vorgerechnet, das französische Wehrgesetz werde in seiner vollen Entwickelung eine Kriegsstärke von 4,125,000 Mann ergeben. Heute will die Militär - Verwaltung eine Erhöhung der Präsenz um 84,000 Mann damit rechtfertigen, daß sie in Aussicht stellt, die französische Kriegsstärke werde auf 4,053,00o Mann anwachsen, also um 72,000 Man« weniger, als 1890 angenommen wurde.
Wenn gegenwärtig schon da und dort behauptet wird, die Gegner der Militärvorlage wollen das Vaterland schutzlos lassen, so muß daran erinnert werden, daß die Militärverwaltung die Gefahr eines Krieges nach zwei Fronten, die man gegenwärtig nicht grell genug zu malen weiß, schon längst vor dem Jahre 1887 ins Auge gefaßt und doch selbst bei den Militärgesetzen von 1887 und 1888 nicht an solche ungeheure Belastungen gedacht hat, wie sie die Vorlage fordert. Seit 1889 besteht zugegebenermaßen bei der preußischen Regierung, bezw. im Reichskanzleramt der Plan einer Heranziehung aller Waffenfähigen zu den Fahnen, bald mit dreijähriger Dienstzeit (Plan Verdy), bald mit zweijähriger Dienstzeit (Plan Caprivi); man hat aber das Vaterland im Jahre 1889 „schutzlos" gelassen, weil — die Reichstagswahlen vor der Thüre standen, und man hat das Vaterland in den Jahren 1890 und 1891 „schutzlos" gelassen, weil — die verbündeten Regierungen von diesem Plan der „Zahlenwuth" nichts wußten.
Man sagt heute in allen Tonarten: das Volk müsse sich auf die militärischen „Autoritäten" verlassen; diese hielten die Vorlage für nothwendig. Auf welche „Autoritäten" soll sich denn das Volk verlassen? Aus die „Autoritäten" von 1887, 1888, 1890 und 1891 oder auf die von 1892? Auf den Kriegsminister v. Verdy, welcher 1890 in der Militärkommission erklärte, Deutschland würde Frankreich allein gegenüber jeden Krieg ehrenvoll bestehen, oder auf Caprivi, der behauptet, wir
könnten gegenüber Frankreich nur noch einen Krieg in der Defensive führen? Auf Caprivi von 1891 oder auf Caprivi von 1892? Und was haben nicht dieselben militärischen „Autoritäten" noch vor kurzer Zeit über die Nothwendigkeit des Septennats, über die Unmöglichkeit der Einführung der zweijährigen Dienstzeit gesagt, ganz abgesehen davon, was früher den militärischen Werth der Landwehrmänner gesagt worden ist und was man heute darüber zu hören bekommt I Im Jahre 1888 versicherte Fürst Bismarck: „Das neue Wehrgesetz bildet eine Verstärkung der Friedensbürgschaft und Friedensliga, die gerade so stark ist, als wenn eine vierte Großmacht mit 700,000 Mann Truppen dem Dreibund beigetreten wäre"; heute meint Caprivi: dar Wehrgesetz von 1888 sei ein falscher Weg, um die Wehrkraft zu erhöhen: man habe damit die Pyramide der Jahrgänge so erhöht, daß sie wackelig geworden sei, statt ihre Basis breiter zu machen, d. h. mehr Rekruten auszuheben.
Auffallend ist auch, daß über die Kriegsstärke der mit uns verbündeten Staaten Oesterreich-Ungarn und Italien Angaben in den Motiven der Militärvorlage fehlen; die Vorlage wird hier begründet, wie wenn der Dreibund gar nicht bestände oder gar keinen Werth hätte. Im Jahre 1890 wurde von der Militärverwaltung die Kriegsstärke für Oesterreich- Ungarn auf 1,150,000 Manu, für Italien auf 1,090,000 Mann angegeben; das österreichisch-ungarische Armeeblatt vom Februar 1893 gibt die Kriegsmacht Oesterreich-Ungarns authenthisch auf 1,748,000 Mann, also auf 600,000 Mann mehr an.
Wenn man die Fanatiker der Militärvorlage hört, könnte man glauben, es sei seit dem letzten Krieg in Deutschland viel zu wenig geschehen für militärische Zwecke. In Wirklichkeit ist seit 1870 das deutsche Kriegsheer verdreifacht, die deutsche Marine vervierfacht worden mit einem Ge- sammtkostenaufwand von 13,000,000,000 M. Die jährlichen kolossalen Ausgaben für militärische Zwecke hören gar nicht auf, sie werden nur in aller Stille bewilligt, und die Oeffentlichkeit nimmt kaum eine Notiz davon, wenn gegenwärtig z. B. in drei Etatsjahren 105 Millionen Mark zur Anschaffung neuer Geschütze bewilligt werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Juni.
* Als verlöre« erscheint der .Kreuzzeitung' schon jetzt die Wahlschlacht der Regierung. Das konservative Blatt schreibt an leitender Stelle: „Die Regierung wird am 15. Juni die Schlacht verlieren; denn wenn auch etwa eineinhalb Dutzend freisinnige Sezesfionisten gewählt werden, und die Conservativen der Richter'schen Bolkspartei verschiedene Mandate ab« nehmen, so erscheint das Centrum viel oposfitioneller auf dem Plan und die Sozialdemokraten nehmen zu." Die .Kreuzzeitung' hält es „für viel wichtiger, darüber Klarheit zn gewinnen und sich rückhaltslos auszu- sprechen als die Parteigenossen in trügerische Hoffnungen einzulullen, und uns nachher von der Oppo- sitionSpresse wegen unserer Illusion verspotten zu lassen." Die ,Kreuzzeitung' setzt ihre Hoffnung für die Zukunft darauf, daß bei hinlänglicher Ausdauer sich doch Erfolge würden erzielen lassen, wenn es gelänge, späterhin dar neue Centrum der Freiherren v. Schorlemer-Alst und v. Huene zu organisiren.
* lieber die militärisch - politische Lage äußert sich das Sprachrohr des Fürsten Bismarck, die .Hamburger Nachrichten', heute folgendermaßen: „DaS Expose über die auswärtige Lage, welcher Graf Kalnoky am Samstag im Ausschuß der ungarischen Delegation gegeben hat, ist geeignet, die Friedenszuversicht zu stär-
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(34. Fortfetznng.)
Die beiden Männer hatten ihr Gespräch wieder aufgenommen, und Ovide horchte auf's Neue aufmerksam hin.
„Der L queur besitzt noch andere vorzügliche Eigenschaften," fuhr der Kanadier fort, „fo zum Beifpiel eine ganz besondere!"
„Und welche?" frug der Arzt.
„Wenn man ihn auf eine Wunde gießt, so verharscht dieselbe fast im nämlichen Augenblicke. Sehr oft hat man es in unserer Heimath erfahren, daß Jemand, der etwa von einer giftigen Schlange gebissen wurde, geheilt wurde, sobald einige Tropfen dieses L qaeurs seine Wunde berührt hatten."
„Dann ist dies ja ein wirkliches Universal-Heilmittel!" rief der Arzt unter einem Lächeln aus, da? seinen Zweifel kaum verbarg.
„Lachen Sie nicht," sagte der Kanadier in ernstem Tone. „Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt, und Sie können sich davon überzeugen."
„Wie so?"
„Indem wir die Probe machen."
„Dann müßte man von diesem Liqueur haben. Wollen Sie mir etwas davon ablassen?"
„Unmöglich, denn ich habe gerade so viel, als ich für mich brauche; wenn Sie indeß, wie ich vermuthe, nach New-Aork reifen, so können Sie sich diesen Liqueur verschaffen. Schreiben Sie also was ich Ihnen sage."
Der Arzt zog ein Taschenbuch hervor, und der Kanadier diktirte:
„Chuchillino, elfte Avenue, Nr. 24."
Wir brauchen kaum zu bemerken, daß auch Ovide unbemerkt dies getreu notirt hatte.
„Wer ist das, Chuchillino?" frug der Arzt.
„Es ist ein Mann meines Stammes," gab der Gefragte zur Antwort, „er hat Kanada verlassen und in New-Jork ein Geschäft mit diesem Liqueur eingerichtet, von welchem er unglaubliche Mengen verkauft, um sehr hohen Preis natürlich. Diese kleine Phiole kostet drei Pfund Sterling."
„Freilich sehr theuer, aber ich werde gleichwohl einmal den Versuch machen."
„Ich gäbe gern fünfundsiebzig Franken darum," dachte inzwischen Ovide, „wenn ich meinem Vetter einen Löffel voll von diesem ausgezeichneten Getränk einflößen könnte."
Das Gespräch war zu Ende, die Glocke läutete zum Mittagstisch.
Mittlerweile hatte Jakob Garand endlich Gelegenheit gefunden, mit Noemi, der Tochter des reichen Ingenieurs, ein Gefpräch anzuknüpfen.
In Folge der Mittheilungen Solivrau's war sein Wunsch mit James Mortimer in nähere Verbindung zu treten, nur noch lebhafter geworden.
Um jeden Preis mußte er wissen, welche Verbesserungen Mortimer an der Guillochirmaschine angebracht habe. Jakob Garand, der Dieb, der Brandstifter, der Mörder, wollte nicht blos zum Reichthum gelangen, sondern auch eine hohe, industrielle Stelle erklimmen. Sein Ehrgezz war erwacht. )
„Ich befinde mich auf dem Wege zum Glücke," sagte er zu sich. „Ich will nicht stille stehen, sondern immer festeren und schnelleren Schrittes dem ersehnten Ziele zueilen!"
WaS er gestohlen hatte, däuchte ihm bereits allzuwenig. Die lzwei Hunderttausend Franken, welche er besaß, genügten ihm nicht, Millionen wollte er besitzen.
Dieses Mal kam ihm der Zufall zu Hülfe.
Die blonde Noemi hatte sich an's Piano gefetzt, während Mortimer mit einigen ^bekannten Landsleuten plauderte.
Noemi spielte die Motive au» einer damals in Paris sehr bekannten und beliebten Operette, welche auch Harmant, ein großer Freund deS Theaters, einige Male gesehen hatte, und deren Melodien er alle auswendig kannte.
Er setzte sich also ziemlich nahe zu dem jungen Mädchen, um besser hören zu können, und Noemie