JV 128 Donnerstag, den 8. Juni 1893. 20. Jahrgang
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Aufklärung über die Militärvorlage.') i.
1. Welche Belastung fordert die Regierungs- Vorlage vom deutschen Volk?
Die Regierungsvorlage stellt folgende Forderungen :
a) es solle die bestehende, zuletzt erst durck Gesetz vom 15. Juli 1890 auf 486,983 Mann (420,031 Gemeine, 66,952 Unteroffiziere) erhöhnte Friedens-- ftär ke des Heeres abermals erhöht werden um 83,894 Mann (72,037 Gemeine, 11857 Unteroffiziere) auf 570,877 Mann, und eS sollen d>eser Vermehrung entsprechend neue Stellen für 2138 Offiziere», sowie für 675 Militärärzte und Militärbeamte geschaffen werden. Aus dieser Verstärkung ergiebt sich ein jährlicher Mehrbedarf von 60 000 Rekruten.
b) Es solle die gesetzliche Feststellung der Friedens- Präsenzstärke auf 5* 1 * * * s/» Jahre -.erfolgen, jedoch nicht mehr, wie bisher, die Zahl der Geweinen und Unteroffiziere umfassen, sondern sich auf die Zahl der Gemeinen beschränken, während die Festsetzung der Zahl der Unteroffiziere künftig jährlich durch den ReichShauShaltSetat zu geschehen hätte. Danach kann künftig die Vermehrung der Unteroffizierstellen unabhängig von der festgestellten Präsenzstärke beschlossen werden, während bisher jede Vermehrung der Unteroffiziere innerhalb der festgelegten Präsenzstärke eine entsprechende Verringerung der Zahl der Gemeinen nach sich zog. Die Vermehrung der UnterosfizierSstellen ist dadurch erleichtert.
c) ES solle die FriedenSpräsenzstärke als Jahresdurchschnitts stärke festgeftellt werden. Bisher galt die Präsenzstärke als Höchstfiärke; kein Mann über die gesetzlich ststgestellte Zahl hinaus durfte an irgend einem Tage der Jahres bei der Fahne fein, und in der Rekrutenvakanz (die Zeit von der Ent- laffung der gedienten Soldaten zur Reserve bis zur Einstellung neuer Rekruten), welche 5 bis 6 Wochen dauerte, blieb die thatfächliche HeereSstärke erheblich hinter der gesetzlichen Präsenzstärke zurück. AuS dieser Rekruten Vakanz und aus den im Laufe des JabreS durch Tod oder Jnvalidirung eintretenden Lücken, welche durch nachträglichen Einzug weiterer Mannschaften. den Nachersatz, ergänzt mürben, ergaben sich jedes Jahr ganz ansehnliche Erlparnisse an Ber- pflegungSaeldern; ein einziger Tag Rekrutenvakanz bedeutet 160 000 Mark Ersparniß, und der Nachersatz beträgt volle 6 pCt. der Rekrutenzahl. Künftig soll nun unter Einschränkung der Rekrutenvakanz auf 14 Tage der Militärverwaltung daS nöthige Geld für jeden Mann und jeden Tag des Jahres in Höhe der vollen Durchschnittsstärke zur Verfügung gestellt und die 6 pCt. Nachersotz gleichzeitig mit der Einstellung der Rekruten eingezogen werden. Dies bewirkt eine Erhöhung des jährlichen Rekrutenkontingents aus 63,400 Mann. Die jährlichen Kosten dieser Aend-rnng betragen allein 6,201,436 Mark.
*) Aus der „Germania".
i d) ES sollen dauernd neue Truppenkörper ge- - ; schaffen werden und zwar 173 vierte Jnfanteriebataillone ■ I (bestehend aus zwei Kompagnien je in der Stärke von ; I zusammen 195 Unteroffizieren und Gemeinen), 60 Bat- - - terien Feldartillerie, 6 Bataillone Fußartillerie, 12 Es- i ; kadronS Kavallerie und 4 Bataillone Pioniere.
Die Kosten der gesammten HeereSverstär- ; kung sind in derRegierungSvorlaqe selbst auf 64,000,000 i Mk. jährliche und auf 67,800,000 Mk. einmalige Aus- ; gaben angegeben worden; von den einmaligen Aus- ! gaben würden 61,8 Millionen gleich im ersten Jahr zur Verwendung kommen. Die von der Militärkow- ; Mission angestellten Untersuchungen ergaben aber, daß f im Laufe von etwa 20 Jahren noch 104,690,000 M. für Kasernirung der neuen Truppen erforderlich • würden, und daß die dauernden Ausgaben durch Schuld- zinsen aus dm einmaligen Ausgaben, Erhöhung des ; Bedarfs an UntervffizierSprämien und Steigerung der - Pensionslast sich um etwa 11,485,000 Mark erhöhen \ werden. Hiernach betragen bet voller Entwickelung - der Vorlage
die einmaligen Kosten 172,490,000 M., die jährlichen Kosten 73,485,000 M.
2. Was bietet die Regierungsvorlage dem dent« \ schon Volk an Entlastung?
Die Regierungsvorlage bietet dem deutschen Volk: i a. auf die Dauer des Gesetzes über die Friedens- ' vräsenzstärke. also auf 51/» Jahre, die zweijährige , Dienstzeit bei den Fußtruppen;
b. das Aufgeben des Septennats, denn das . neue Gesetz soll nicht auf 7, sondern auf 5’/2 Jahre ; gelten;
c die Verjüngung der Feldarmee.
Was bte vielgerühmte Verjüngung bei Feldarmee und die fo gewaltig gepriesene angebliche Schonung ’ älterer Mannschaften, der verheiratheten Landwehr- j - mämrer, betrifft, so hat der Reichskanzler Caprivi in der Milltärkommission auf Anfrage selbst zugeben ; müssen, daß in dem künftigen Kriege kein militärisch irgendwie noch brauchbarer Landwehrmann zu Hause gelassen werden könne; er hat nur erklärt, man werde alsdann „die alten Leute in Verhältnissen verwenden, in denen sie nicht zu sehr geschädigt werden." Wie das in dem künstigen, nach Schilderung der Militär- ! Verwaltung einer „militärischen Völkerwanderung" i gleichenden Kriege soll möglich sein, ist nicht abzusehen. ’ Zweifellos ist nur das Eine, daß die Militärverwalt- \ ung in dem neuen Gesetzentwurf auf keinen einzigen Jahrgang der Landwehr I. und II. Aufgebots ver- , ! zichtet, daß sie alle zu ihrer freien Verfügung neben \ 5 der verlangten neuen jungen Mannschaft behalten will. ! j Das erinnert an die Vorgänge vom Jahre 1887 und 1 1888 Bei dem S> ptennatsgefetzentwur f von 1887 i wurde die Vermehrung der FriedenSpräsenzstärke unter . Anderem den Leuten auch dadurch mundgerecht gemacht, ' daß man ihnen sagte, um die Vermehrung der Präsenz- ; stärke werden künftig die ältesten Jahrgänge der Land- • wehr entlastet, an Stelle der Familienväter werden
junge, ledige Leute ausrücken müssen. Manch Einer hat dar geglaubt und für die Annahme deS Septen« natSgesetzeS agitirt und gestimmt, ist aber dann bitter enttäuscht worden, als schon im nächsten Jahr das neue Wehrgesetz kam, welches die Landwehr II. Aufgebots bis zum 39. Lebensjahr einführte und die Landsturmpflicht bis zum 45. Lebensjahr verlängerte. Zuerst vermehrte man die Zahl der jungen Mannschaften und dann die der alten! Und da soll man heute glauben, daß die abermalige Vermehrung der Jungen den Alten zu Gute komme! Als die Regierung im Jahre 1888 mehr alte Soldaten haben wollte, wußte der Reichskanzler Fürst Bismarck die alten Landwehrmänner nicht genug zu loben als eine „Armee von Triariern, eine Armee von dem besten Menschenmaterial, wahren Hühnengestalten", und heute, da die Regierung wieder einmal mehr junge Soldaten haben will, schildert der Reichskanzler Graf Caprivi die alten Landwehrleute als militärisch minderwerthige Elemente und übereifrige Federn spötteln in den Zeitschriften und Zeitungen über den wohlbeleibten Landwehrmann, der zu wenig Elastizität des Körpers besitze und zu viel Sorge für Weib und Kind habe, um einen schneidigen Vorstoß mitmachen zu können.
Das förmliche Aufgeben des Septennats ist gewiß für alle Centrumsleute, welche im Jahre 1887 wegen ihrer Verwerfung des Septennats als Baterlandsfeinde behandelt wurden, eine Genngthmmg; es ist jetzt der „SeptennatSschwindel", wie es der selige Windthorfi bezeichnete, Jedermann dargethan. Ein großes Gewicht kann jedoch hierauf, was die Frage der Volksentlastung betrifft, nicht gelegt werden. Auch konstitutionül erscheint dieses Entgegenkommen der Regierung al- wenig bedeutungsvoll, da die Regierung selbst das SeptennatSgesetz von 1887 schon zweimal durch neue Militärvorlagen durchbrochen hat, ein Festhalten am Septennat unmöglich geworden ist und der Entwurf die grvndsätzlich zu fordernde jährliche Feststellung der Präsenzstärke im ReichShauShaltSetat ablehnt. Zudem besteht keinerlei Garantie dafür, daß nicht die Regierung vor Ablauf des QuinquennatS mit neuen Militärforderungen kommt.
Auch die zweijährige Dienstzeit bei den Fußtruppen bildet nicht, wie vielfach irrig behauptet wird, eine Entlastung der Bevölkerung, sondern nur eine Entlastung eines TheileS der Bevölkerung bezüglich der persönlichen Leistungen, der aber eine Belastung anderer Theile der Bevölkerung mit persönlichen Leistungen und eine schwere finanzielle Belastung des gesammten Volkes gegenüber steht.
Entlastet werden nur diejenigen Mannschaften, welche bisher mehr als 2 Jahre bei der Fabne waren, also der bisherige dritte Jahraanq mit 57,000 Mann.
Belastet werden die 60,000 neuen Rekruten, welche künftig 2 Jahre zu dienen haben, ferner die zur Innehaltung der Durchschnittsstärke mit den Rekruten eingezogenen Mannschaften deS NachersotzeS, sowie endlich alle, welche bisher nach 2 Dienstjahren entlassen worden sind, da letztere durch Verkürzung der Rekruten«
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(33. Fortsetzung.)
Jakob begriff, baß er eine neue Dummheit begangen habe. Er knüpfte also rasch daS Gespräch wieder an, um Ovide seinen Grübeleien nicht zu überlassen.
„Du gehst also nach New-Aork zu einem gewissen James Mortimer?" sagte er.
„Sa, ich bin auf drei Jahre engagirt. Mortimer ist wie Du ein Erfinder ; er hat eine Euillochiimaschine erfunden, die Alle- bis jetzt Dagewesene übertreffen
„Eine Guillochirmaschine!" wiederholte Jakob un- rnhig.
„Ja, Du mußt diese Sachen doch genau kennen, weil Du in Genf gearbeitet hat, wo man solche Maschinen vervollkommnet hat."
„Allerdings kenne ich dies Aller genau."
„Ich auch, und da ich mehrere solcher Maschinen montirt und in Gang gebracht habe, so hat wich Mortimer auf drei Jahre mit fünfhundert Franken Gehalt per Monat angestellt."
„WaS für eine Guillochirmaschine hat der Amerikaner erfunben?" frvg Jakob nachdenklich.
„Er hat die Maschine eigentlich nicht erfunden, sondern nur verbessert."
„Und worin b,stehen diese Verbesserungen? Hat er ein Mittel gefunden, runde getriebene Silberarbeit zu guillochiren?"
„Aber Du mußt doch wissen, weil daS Dein Fach ist, daß dies unmöglich ist?"
„Es ist schwer, aber nicht unmöglich."
„Glaudst Du?"
„Ja."
„Gut, erfinde dies, und Du bist ein gemachter Mann."
„Ist er reich, Dein zulüustiger Ches?"
„So reich wie die Barqae von Frankreich, wie eS wenigsten- scheint. Er besitzt Werkstätten, wie eS solche in N-w-Aork nicht mehr gibt, und er hofft durch feine verbesserte Maschine noch Alles vergrößern zu können. Weißt Du, was für Dich nicht übel wäre?"
„WaS denn?"
„Ganz einfach eine Verbindung mit meinem Chef. Du hast einen guten Kopf uub Geschicklichkeit, auch bist Du ein tüchtiger Arbeiter, und so könntest Du eS in seiner Fabrik zu etwas bringen. Das Töchterlein ist hübsch und reich — wer weiß? Nur die Furchtsamen gehen immer leer auS — wäre ich nur so ein Senile« mann wie Du!"
Ovide hatte, während er sprach, den falschen Paul Harmant mit einem gewissen Argwohn scharf mS Auge gefaßt.
Jakob hatte in diefem Augenblicke seinen Hut abgenommen und trocknete fick die Stirne ab.
Wir erinnern unS, daß er mittels einer Tinktur seine Haare gesärbt hatte.
Natürlich mußte diese Färbung öfters erneuert , werden, weil die nach wachsenden Haare ihre natürliche Färbung annahmen.
I Vor fünf Tagen hatte Jakob sich daS Haar gefärbt, aber es war in dieser Zeit so weit gewachsen, ■ daß sich zwischen der Stirnhaut und dem oberen tief- schwarzen^ Theile derselben eine deutlich wahrnehmbare röthliche Linie zeigte.
Dem scharfen Blicke Ovide'S war diese Eigenthüm« lichkeit sofort aufgefallen.
©ein Bart bot indrß nichts Auffälliges, daS Ge- , ficht war frisch rasirt, da Jakob vorsichtigerweise diese j Arbeit jeden Morgen vornabm.
„Merkwürdig!" dachte Soliveou bei sich. „Man sollte fast glauben, daß der Vetter sich daS Haar färbt:
s er war doch zu der Zeit, als ich ihn kannte, blond! Seine Haare haben inzwischen doch nicht die röche i Farbe angenommen ? Was mag dies nur zu bedeuten • haben? DaS muß ich wissen."
Jakob schien die Unterredung übermäßig lange ge* ; dauert zu haben.
Er reichte also Ovide die Hand und sagte: i „Wir werden unS ja noch wtebersthen, nicht wahr?"