fallen gewöhnt. Bei der Militärvorlage sind sie zwei- mal umaefallen.
* Was ist der Militarismus? Auf diese Frage gibt das .Echtes. Tagebl.' solgende Antwort: „$te eine Hälfte der Bevölkerung militärisch organifiren, nicht sowohl zur Bertheidigung des Vaterlandes, als um die andere Hälfte im Zügel zu halten, das ist Militarismus. Durch eiserne Disziplin die Selbstständigkeit des Denkens und Wollens im Volke brechen, das itt Militarismus. Ohne Rücksicht auf ihr späteres Schicksal Tausende von vermögenslosen Männern mehrere Male im Leben auL ihrem Brodverdienst, aus einer mühselig errungenen Stellung herauSreißen, daL ist Militarismus. Den Nichtgedienten alle Stellen weg- nehmen und diese für Militäranwärter reserviren, dar ist Militarismus. In der Gesellschaft dem jüngsten Lieutenant den Vorrang vor ben ältesten und verdientesten Männern einzuräumen, wenn sie nicht zu- füllig Reserveoffiziere find, daS ist Militarismus. Zu Sunstm des Militär« alle anderen dem Staate ob- liegenden Kulturangelegenheiten vernachlässigen und das Volk mit Steuern überladen, das ist Militarismus. Und dieser Militarismus thut weh!"
* Aus Bayern, 3. Juni. Die Berliner ,Nat.- Ztg.' bringt ein Stimmungsbild über die Wahlbewegung m Bayern, dar sehr melancholisch überhaucht ist. Es wird darin auf die Fortschritte der agrarischen Bewegung verwiesen, die doch in einer ihrer reaktionär- stenFormen, in der Pfalz, gerade von den Ratio- nalliberalen gefördert wird, ebenso auf das Eindringen der Sozialdemokratie in die ländliche Bevölkerung. Zum Schluß heißt er sodann:
„Bei dem entbrannten Zwiste im liberalen Lager und der Gegnerschaft von Centrumspartei und Sozialdemokratie furchten wir von den Reichstagswahlen ein schlimmes Resultat für den Liberalismus und für den Reichsgedanken, soweit Bayern m Be- tracht kommt. Seit 20 Jahren hat unser politischer Leben nicht einen solchen Tiefstand, nicht so abstoßende Züge ausgewiesen. ES ist ein allgemeiner Wirrwarr, wie ihn ei« Zersetzungs-Pro- »eß erzeugt; eS wird lange dauern, bis wir durch die Gährung zur Klärung kommen!' , ,
Daß der Liberalismus auch m Bayern trotz des großsprecherischen Auftretens seiner Presse und deren großartiger Sorge, nach Krästm daS Ceutrum zu schädigen und zu verleumden, bald abgewirthschaftet hat und in ständigem Rückschritt begriffen ist, ist ein längst bekanntes offener Seheimniß; denn der Liberalismus hat nie ein Herz für'S Volk gezeigt, diesem nur Lasten aufgebürdet und fast ausschließlich die Interessen deS Kapitals vertreten. Daß das Volk angrstchts dessen mißtrauisch sich von ihm zurückzieht, ist leicht einzusehen und selbstverständlich.
♦ München, 3. Juni. Durch Entschließung vom 31. Mai wurde der bayerische Landtag aufgelöst und der Termin für die Urwahlen auf ben 5. Juli, für die Abgeorbuetmwahleu auf ben 12. Juli anberaumt.
♦ Aus Zweibrücken schreibt man ber .Pfalz.
Äto.':
Alles schon dagewesen, sagt der weise Ben Akiba. Eine Wahlagitation, wie wir sie heute erlebt haben, dürste zedoch selten, wenn bis jetzt noch nicht vorgekommen sein. ES wurde nämlich heute der Schuhmachermeister Herr Georg Höhl von hier, Inhaber deS ArmeedenkzeichenS von 1870/71 und der Landwehr- dienstauSzeichnung 2. Klasse zur irdischen Ruhe bestattet. Herr prvt. Pfarrer Jung, der die Beerdigung vornahm, hielt am Grabe die Leichenrede, doch nennen wir das Kind gleich beim Namen, eine Wahlrede. Redner an daSSiegesdenkmal der Germania, das zum Andenken und zu Ehren der 1870 im Kriege gegen Frankreich Gefallenen auf dem hiesigen Friedhöfe errichtet ist, anknüpfend, führte dem Sinne nach ungefähr aus: Die Zahl derer, die wie der Verlebte die Kämpfe, welche uns Deutschlands Einheit und Einigkeit gebracht hatten, werden von Tag zu Tag kleiner, die Generation, die deS Reiches Größe miterlebt und miterkämpft, sei im Aussterben begriffen und ein anderes Geschlecht sei erstanden, ein Geschlecht, dem der Sinn für Deutschlands Macht und Größe abhanden gekommen zu sein scheine. ES sei ttef bedauerlich, daß dieses Geschlecht, ob etlicher Mark und Pfennig feilschen und D eutsch- lands Macht und Größe gefährde. ES sei deshalb
wenigstens nicht zu Deinem Nachtheil veränbert. Wirklich, ohne ben Namen hätte ich Dich niemals wieber- erkannt! Unb bie Toilette — Du bist wirklich ein Vollenbeter Gentlemann geworben! Du hast gewiß seit unserem einzigen Zusammentteffen in Marseille ein hübsches Vermögen erworben?"
„NM, nicht gMz, aber ich kann nicht klagen. Ich habe eine Erfinimng gemacht, bie mir einige Tausend grauten eingebracht hat."
„Eine Erfindung, ja! So etwa- kann Einen auf einen grünen Zweig bringen, wofern die Sache gut geht! Du hattest immer große Vorliebe für Zeichnen unb Mechanik."
„Ja, ich habe viel gearbeitet. Aber waS machst Du benn eigentlich?" setzte Jakob hinzu, nm bem Gespräche eine andere Wendung zu geben.
„Nun, immer noch dasselbe."
„WaS benn?"
„Wie, waS benn?" wiederholte Ovide, ben Werkmeister erstaunt anblick-nd. „Du weißt ja, baß ich Mechaniker bin."
„Richtig, richtig — was denke ich nur eigentlich? versetzte Jakob, sich auf bie Lippen beißenb. „Ich war Sz in Gedanken versunken; aber wohin reisest Du n eigentlich?"
„Rach New-York!"
„Du hoffst dort leicht Arbeit zu finden?"
„Ich brauche keine Arbeit zu suchen, ich habe deren genug."
für die junge Generation, die dieses Grab umstehe, einzige und Ehrenpflicht, an die er sie ausdrücklich erinnere, zur Erhaltung des Erworbenen beizutragen und nicht von klemlrchem Parter- gettiebe beeinflußt, Deutschlands Macht, Größe und Bestand zu gefährden. Der langen Rede kurzer Sinn war also: „Ihr, die Ihr am Grabe dieses Tobten steht, wählt eine« Mann, der für die Militärvorlage eintritt, wählt liberal." Es ist ttef bedauerlich, daß man den Fnedhof, die Stätte der Ruhe, die Jedem heilig ist, und aus der all' das wüste Getriebe des Alltagslebens verstummt, so entheiligt. Es erinnert dieser Vorgang an einen ähnlichen, der vor ca. 20 Jahren sich gleichfalls auf hiesigem Fncdhofe abspielte, wo gleichfalls ein protestantischer Pfarrer, Herr Roth, vor den M- seits der Berge herkommenden Raben warnen zu muffen glaubte. Doch ein solches Gebahren richtet sich von selbst. Nur erwähnt sei noch, daß ein Protestant, auch ein Liberaler, der die Rede anhörte, sich äußerte: „Aber das ist doch stark! Auch viele andere Protestanten waren über dieses Gebahren entrüstet.
* Stuttgart, 5. Juni. Heute Vormittag ist m Rottenburg der bebentenbe Kirchenhistoriker, Bischof v. Hefele gestorbm.
Ausland.
* Toulouse, 5. Juni. Constans hielt hier gestern eine Programmrebe, in welcher er Folgendes ausführte: Die Republik müsse jetzt in bie OrganisationS- periobe eintreten, bie Arbeiter müssen das Eigenthum mehren nicht zerstören. Ersparnisse seien nöthi» zur Grünbuug einer Arbeiterpensionskasse. Nach 1870 sei Frankreich burch bie Republik wieder aufgerichtet, aber Frankreich wolle sich seiner Kraft nur bedienen, um im Innern alle Wohlfahrt und nach außm ben Stieben zu sichern, unter völliger Wahrung seiner Rechte, welchen eS bei Allen unb überall Achtung verschaffen werde.
* Costa, 5. Juni. Ein auS Tirnovo botuteS Dekret des Fürsten Ferdinand ordnet die Wahlen für bie nächste ordentliche Gobranje auf den 18./30. Juli an.
* Madrid, 5. Juni. Der Ministerrath beschloß, anläßlich der Bndgetberathung die Vertrauensfrage zu stellen. Der Kriegsminister und der Marinemrmster brachten Vorlagen ein, wonach bie Präsenzstärke ber aktiven Lanbarrnee auf 80,000 unb diejenige ber Marine auf 7000 Mann festgesetzt werben soll.
* Chicago, 5. Juni. Die Ausstellung würbe gestern Sonntag wegen regnerischen Wetters nur von 60,000 zahleubeu Personen besucht. Die Ausstellungs- gebänbe vieler arnerikMischer Staaten nnb Englands waren geschlossen, bie Maschinen standen still und manche Ausstellungsobjekte waren verhängt.
Stadt, Provinz und Pachbargebiet.
Fulda, 6. Juni.
MP-> Der gejammten Auflage unseres heutigen Blattes ist ber Wahlaufruf der CeutrumSpartei unseres ReichStags-WahlkreffeS beigelegt.
Wir bitte« die Vertrauensmänner der Ce»tt««Spartei, ihren Bedarf a» Wahlzettel« W alsbald "WT bei dem Borfitzenden deS Wahl- k-mitee'S, Herrn Kaufmann Robert Kircher in Fnlda, anzeige« z« wollen.
* Unserem gestrigen Referat über bie am Sonntag inHilbers abgehaltene Wähler-Bersammlnng fügen wir einem nnS geäußerten persönlichen Wunsche ent» sprechet noch bie Mittheilung bei, daß der Ausdruck „Oberpatrioten" in ber Versammlung selbst nicht ge- braucht worben ist, weshalb wir benselben hiermit auf unsere eigene Rechnung übernehmen. Der betreffenbe Herr hat beiBesprechung beS Wahlaufrufes ber „Patriotischen" Wähler nur von unserem in ben Kultur- kampfs-Jahren geprüften unb bewährten PattiotiSmuS gesprochen, und wir lasten die diesbezüglichm weiteren
34.
„Wie so?" frug Jakob Garant».
„Ich stehe in Diensten bei einem amerikanischen Ingenieur Namens James Mortimer."
„James Mortimer!" wiederholte Jakob.
„Kennst Du ihn?" .
„Bon Ansehen ja; eS ist wohl der Herr mit ben grauen Haaren, iv dessen Begleitung sich das hübsche junge Mädchen befindet."
Ovide brach in ein Gelächter auS und klopfte bem falschen Paul Harmant kräftig auf bie Schulter.
„Nun," sagte er, „Du hast keinen schlechten Geschmack! Sie ist in ber That hübsch, noch hübscher als Pierrette, nicht wahr?"
„Pierrette ..." wieberholte Jakob nachsinnenb. „Ich weiß nicht . . ."
„Soliveau konnte eine Bewegung deS Erstaunens nicht unterdrücken.
„Wie, Du hast Pierrette vergessen?" sagte er. „Du warst doch sterblich in sie verliebt."
„Ja, ja," antwortete Jakob nachlässig, „eS ist schon so lange her, daß ich nicht mehr daran dachte."
„So lange?" dachte Ovide, als er diese Antwort vernahm. „Sonderbar, mau sollte fast sagen, daß er nichts mehr weiß, dieser Vetter; wenn man ihm von irgend Etwas spricht, so thut er, als ob er's nicht verstehe. Sonderbar, sehr sonderbar!"
Fortt, folgt.!
Bemerkungen gerne als Zuthat bet Berichterstattung gelten. Dieselbe finbet ihre Erklärung eben in bem Urnstanbe, baß sich unsere Wahlgegner als „patriotische" Wähler bezeichnen unb bannt ben Vorwurf gegen unS erheben, als ob bie CentrumSwähler keinen Patriotismus hätten. Der PastuS über bie japamsischeMili- tär-Borlage macht seit einigen Tagen die Runde durch die Zeitungen unb würbe auch nur scherzweise auS einer solchen vorgelesen.
• Die gestern Abend von ben Freunden der Milttärvorlage im Saale ber Giesel'schen Brauerei abgehaltene Versammlung, in welcher Herr Amtsrath Thal er von WeiherShof fein Programm entwickelte, war von etwa 100 Personen besucht, meist Beamte« von hier unb Oekonomen aus ber Umgegend. Von an- siissigen Fuldaer Bürgern waren nur verschwindenb wenige anwesend. Den Vorsitz führte Herr Postsekretär Kienzlet und außer diesem und Herrn Thaler sprach noch Herr Lehrer Weber, Vorstand des KriegervernnS. Von Seiten anderer Herren wurden einige Zeitungsartikel zum Vortrag gebracht. An der Versammlung nahm als Zuhörer auch Herr Lmdrath Fliedner Theil. Dieselbe bauerte ungefähr 2 Stunden unb enbigte mit einer für Wahlzwecke bestimmten Gelbsarnrnlung. Da wiederholt geäußert wurde, man könne ein recht guter Katholik sein Md doch für Herrn Thaler stimmen, so wollen auch wir nochmals bemerken, daß man von jedem deutschen Staatsbürger, ber Katholik ist, heutzutage bie Zugehörigkeit zur CeutrumSpartei ermatten darf, wenn auch Niemanb burch sein SlaubenSbekenntmß bazu verpflichtet ist. Von ben CentrumSwählern aber ist wiederum zu ermatten, baß sie nicht einen Gegner ihrer eigenen Partei in ben Reichstag senden wollen. Herr Thaler ist ein Freund der Militärvorlage und auS diesem Grunbe Gegner deS Centrums, welches von der kolossalen „Erleichterung deSVolkes", die Herr Thaler in ber Militärvorlage sieht, absolut nichts barin entdecken tarnt. Auch bet großen Mehrheit bet ReichStagSabgeotdneten war kein Berständniß für btefe „Erleichterung" beizubringen, weshalb man sie — nach Hause geschickt hat. Wenn nun baS deutsche Volk am 15. Juni sich selber nach Hause schickt, um die Schleppenträger deSMilitarismus nach Berlin zu senden, so möge sich später auch Niemand darüber beklagen, wenn die große „Erleichterung' über ihn hereinbricht. Wie man sich bettet, so liegt man, und auch vom deutschen Michel gilt daS Sprichwort: Jeder ist seines Schicksals Schmied. — Also lasse Dir, deutscher Wählet, kein X für em U vormachen, am allerwenigsten gerade diesmal! Sei mißtrauisch und unterschreibe keinen Wechsel auf die Militär-Vorlage!
» Ci« bezahlter Angstmacher fragt in einer von den zahllosen Flugschriften, die anläßlich ber bevorstehenden Reichstagswahl verbreitet werden: „Wer kommt zuerst an's Messet?", wenn eS nämlich Ärieg gibt. Und et antwortet: „Der Bauet, daS platte Land, das vereinzelte Gehöfte, dos unge» schützte Dorf." Da sieht man, waS die Angstmaiet verstehen! Nicht einmal Angst können sie auf vernünf- tige Weise machen. ES ist gar nicht wahr, daß bet Bauet rc. zuerst an daS Meffer kommt. Ja, im Mittel- alter war eS vielleicht so, wo bie Städte noch alte Festungen waren; aber heutzutage ist eS anders. Da geht Alles hübsch rasch per Eisenbahn auf die großen Stationen zu, und das sind die Städte, wo etwas beisammen zu finden ist. Die Feinde wären rechte Narren, wenn ste mit solchen Kleinigkeiten, wie Bauernschinderei sich abgeben, zerstreuen und aufhalten würden. So gelegentlich und nebenbei werden sie wohl auch ein Dorf mitnehmen, oder auch hintenach, wenn sonst nichts mehr zu holen ist; aber zuerst kommen an's Messet die Städte. UebtigenS sitzt da? Messet ihnen noch nicht an ber Kehle, hängt auch noch nicht über ihnen an einem Härchen, sondern steht bloS auf dem schlechten Papier einet Angstmacherei, das ben Stempel ber Einfältigkeit unb Lächerlichkeit auf jtber Seite trägt. ES gibt keinen Krieg. Angst macht bumm! —
* Der Schlußtermin zur Erneuerung ber Loose zur Ziehung ber ersten Klaffe der 189. preußische« Klaffe«lotterie ist aus ben 16. Juni Abends 6 Uhr festgesetzt. Die Auszahlung ber Gewinne ber 4. Klaffe bet verflossenen 188. Klaffenlotterie finbet vom 8. Juni ab statt. Mit ber 189. Klaffenlotterie sinb be- kanntlich bie früher abgegebenen 160,000 Stammloose unb 30,000 Freiloofe, bie bis zur Ausgabe für Rech- nung bet Lotterie-Kaffe mitspielen, mit 95,000 Gewinne auf 190,000 Stammloose unb 35,620 Freiloose mit 112,935 Gewinne erhöht worden. Der Hauptgewinn beträgt von jetzt an, statt ber früheren M. 600,000, nur noch M. 500,000. Die beiden nächsten Gewinne betragen jetzt nicht mehr je M. 300,000, sondern M. 200,000. Die Gewinne von M. 150,000 bis herunter zu M. 10,000 bleiben in gleicher Anzahl. Dagegen erhöht sich die Anzahl der Gewmne zu M. 5000 von 100 auf 110, zu M. 3000 von 1050 auf 1455, zu M 1500 von 1100 auf 1555, zu M. 900 von 1255 auf 1694, zu M. 300 von 1459 auf 1709, zu M. 210 von 59,938 auf 70,694. Die Ziehung der ersten Klasse erfolgt am 9. Juli, der zweiten am 7. August, ber brüten am 11. Septemoer, der vierten am 18. Oktober.