JM 127
20. Jahrgang
FiiIdaerWZkitniig
Mittwoch, den 7. IM 1893.
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A. Der „rothe Kruder" kommt!
In ganzen Schaaren werden die sozialdemokratischen Eintreiber und Wahlmacher « die Wahlkreise geschickt, wo sie nur irgend etwas zu erreichen hoffen, wie Honig fließt ihnen das Wort vom Munde, wenn sie darauf kommen, daß sie, und nur sie, die Rothen, allein die Freunde des Arbeiters sind; der Sozialdemokratie, der „Arbeiterpartei" muß man in Folge dessen die Stimmen geben, sie allein verheißt daS Heil. Wer glaubt'S?
Die sozialdemokratische Partei hat eine so wohlgefüllte — d. h. aus den Sparpfennigen von ihr de- thörter Arbeiter beschaffte — Parteikasse, wie keine andere auch mir annähernd, jedenfalls hat sie doch damit etwas zum Wohle der Arbeiter gethan? Vielleicht zahlreiche Kranken- und UnterstützungSkaffen gegründet? Nein, keine einzige. Oder unter der Hand bedürftigen Parteigenossen geholfen? Allerdings, wenn er Abgeordnete waren, die so famoS gewirthschaftet hatten, daß sie vor dem Bankerott standen und dann ihr Mandat niederlegen mußten, dann kam eS auf einige Tausend nicht an, um diesen ihre glänzenden Schaufenster in der Großstadt zu retten; auch wenn der Eintreiber auf Suche nach neuen „Genossen" geht, bekommt er sein gutes Geld, aber für den in Noth gerochenen Familienvater, für die arme Wittwe, für die elenden Waisen hat die Kaffe keinen Pfennig übrig, die werden an die Armenkasse der Gemeinde verwiesen, der Kranke, die Wittwe, die Waisen können ja nicht „agitiren", d. h. den Leuten die sozialdemokratischen Lustschlösser schildern und sie für die Partei einfangen, deshalb hat die Partei an ihnm kein Interesse. Und wie „menschenfreundlich" sie überhaupt find! Bei dem letzten tollen Kohlenarbeiter-AuSstande sollte die Frau eines wegen seiner Verhetzung der arbeitswilligen Bergleute verhafteten Bergmannes in Gelsenkirchen in die bitterste Noth gerathen sein. ES hätte das ja wahr sein können, aber eS wurde beigefügt, die Stadtbehörde habe der Frau die nöthigste Unterstützung verweigert. DaS Eine wie das Andere war unwahr und erlogen, wie die weitaus meisten Schauergeschichten in den sozialdemokratischm Blättern; die rothe ,Rhein.-Westf. Arbeiterztg/ in Dortmund mußte ihre Angaben widerrufen, sie that eS, indem sie sagte, das Behauptete sei „leider unwahr". Also das Blatt bedauerte eS, daß eine Familie nicht in Noth gerathen sei, weil der „schöne" Agitationsstoff dabei zum Henker ging! Später, als eS merkte, daß dies offene Gefländniß doch etwas zuviel Pfui-ArtigeS an sich hatte, erklärte eS, das sei ein „Druckfehler" gewesen! Wer nur in etwa in der Presse bewandert ist und weiß, was für Druckfehler vorkommen können, wird sagen müffen, diese Ausrede sei so lächerlich, als wenn man sagen wollte, auf einen sozialdemokratischen Agitator fiele beim Platzregen nie ein einziger Tropfen. Im Februar d. I. hatte eine sozialdemokrattsche Wittwe in Wolgast sich bitter beklagt, sie habe nach dem Tode ihre Mannes keine passenden Kleider, um zum evangelischen Abendmahl gehen zu können. DaS Geld für die Kleider wurde ihr beschafft, aber anstatt zum Abendmahl ging sie zum — Maskenball, um dort als „CirkuSkönigin"
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(32. Fortsetzung.)
Ovide wußte, daß der Kellner seinen Aufttag besorgt hatte und war auch überzeugt, daß der Passagier NamenS Paul Harmant, mochte er nun sein Vetter sein oder nicht, jedenfalls zu ihm kommen würde, um eine Unterredung mit ihm zu haben.
Er wartete also ruhig, bis Jakob kommen würde.
Als Letzterer erschien, ging er rasch auf ihn zu.
„Ah, Sie sind'S, mein Herr," sagte er dann leicht grüßend. „Ich danke Ihnen, daß Sie sich meinetwegen hierhin bemüht haben, umsomehr, als ich, sobald ich Sie sah — eS ist zwar schon lange her, daß ich Sie nicht mehr gesehen habe — ganz sicher zu sein glaubte, daß ich meinen Vetter Harmant vor mir habe, nicht wahr?"
„Allerdings", erwiderte Jakob, der es für das Ge- rath-nste hielt, nicht zu leugnen, denn daS Schiffrver- zeichniß enthielt die Namm und Vornamen, welche er sich beigelegt hatte, und eS war sehr leicht, der Sache auf den Grund zu kommen.
„Paul Harmant, aus Bongeot, dem herrlichsten : Weinlande Frankreichs! Sohn von Cäsar Harmant."
zu glänzm. Der Stettiner sozialdemokrattsche ,Volksbote' fand dar ganz in der Ordnung und meinte: „Schließlich kann man doch einer Wittwe es nicht verdenken, wenn sie sich einmal eine vergnügte Stunde machm will. Für das Kleid ist er doch egal, ob eS zum Abmdmahl oder zum Maskenball getragen ist." Also eine Portion Lügen ist auch nach sozialdemokratischem Begriffe ganz egal, wenn eS nur der Partei oder den „Genossen" von Nutzm ist. „Unsere Ziele gehen auf daS Allgemeine, um einzelne Personm kümmern wir unS nicht," hat Bebel int April 1892 geändert. Der Einzelne mag verkommm und vergehm, mit Recht oder mit Unrecht, daS ist einerlei, so lautet der eifrig befolgte sozialdemokratische Grundsatz.
Die sozialdemokratische „Arbeiterfreundlichkeit" ist geradezu rührend. In der Partei sitzm viele reiche Leute, sogar Millionäre, aber daß sie für wirklich wohl- thätige Zwecke auch nur einen Groschen hergegeben hätten, ist bisher nicht bekannt geworden. Auf welche Weise die Firma Gebrüder Singer am Werder'schm Markte in Berlin, welcher der sozialdemokrattsche jüdische Reichstagsabgeordnete Paul Singer angehörte, durch Ausbeutung der Arbttterinnm Vermögen erworben hat, ist allbekannt. Singer, der Millionär, ist natürlich auch ein „Proletarier", und recht standesgemäß fuhr er zum Erfurter Parteikongresse als „Vertreter der Armen" erster Klasse, mit ihm die von den Arbeiter- groschm gespeisten Herren Auer und Bamberger. Ist daS nicht selbstlos und muß der arme Arbeiter darin nicht einm Sporn finden, solchm „Proletariern" seine Stimme zu geben? In Leipzig kam Anfangs Dezember 1891 in einer sozialdemokratischen Versammlung der Fall zur Behandlung, daß ein „biederer Genosse", welcher Vertrauensmann der sozialdemokratischm Partei war, nachdem er Werkführer geworden, von den anderen Arbeitern und „Genossen" verlangte, sie sollten ihn als „Herrn" und natürlich mit „Sie" anreden; die Sache blieb unerledigt, well die Versammlung „nicht zuständig" war. DaS nennt man foziakdeuw- kratische „Gleichheit" und „Brüderlichkeit". Solcher Fälle ließen sich Dutzende erzählen, welche beweisen, daß btt dm Herren Agitatoren und Wanderrednern die ganze Thättgkeit nichts weiter ist, als ein Geschäft, Heranziehung von „Summen" und Ausbeutung derselben für die sozialdemokratischen Zwecke, speziell zum Stimmenfang und zur Schröpfung für die Parteikasse. Sobald das „Geschäft" aufhört, ist eS auch mit dem sozialdemokratischen Eifer zu Ende, daS hat selbst daS offizielle Parteiorgan indirekt zugestandm, der .Vorwärts', welcher am 27. November 1892 wörtlich Folgender schrieb:
Zur Referentenfrage. In letzter Zeit mußten wir die Erfahrung machen, daß eine Reche sich als Genossen gerirender Personen die in Versammlungen als Referenten auftraten, sich für die Borträge, die sie hielten, derartige hohe Honorare bezahlen ließen, daß man unwillkürlich gezwungen wird, eS sei diesen Herren weniger um das Interesse der Arbeiter, als um ihren eigenen Bortheil zu thun. Was soll man z. B. dazu sagen, wenn die Personen, die wir in'S Auge saßen, sich für einen Heinen 8 ertrag in einer Gewerkschaftsversammlung 10 Mark und darüber bezahlen lassen? Harmo- niren derartige Praktiken mit dem altbewährten Grundsatz, daß jeder Genosse in seiner Weise Opfer bringen soll? Uns dünkt, daß durch solche Leute unsere Sache nicht gefördert wird.
„Und von Desiree Klara Soliveau," ergänzte Jakob.
„Die eigene Schwester meines Vaters," sagte Soliveau.
„Woraus folgt, daß Sie mein Vetter Ovide Soliveau sind."
Die beiden Männer drückten sich die Hand, dann nahm Soliveau das Gespräch in der größten Gemächlichkeit wieder auf.
„Nun, wirklich ein Glück, hier einen nahen Verwandten zu finden, den ich tobt glaubte!"
„Todt!" wiederholte Jakob lächelnd. „Unter ungesagt, ich hege doch ttnigermaßm Zwefftt! Wer hat Dir dieS Alles erzählt?"
„Man erzählte er in der Gezmd, in welche ich mich vor fünf Jahren begeben habe; freilich wußte man es nicht sicher."
„Aber woher mochte denn dieses lächerliche Gerücht stammen?"
„Ein Gmfer Arbeiter, welcher sich vorübergehend in Dijon aufhittt, hatte eS meiner Mutter erzählt, mit dem Hinzufügen, daß Du dm letzten Smfzer im Hospital auSgehaucht habest. Die gute Frau wollte sich schriftlich erkundigen, aber sie starb selbst plötzlich am Schlage, ein Jahr nach Deinem Vater. Du weißt dies ja AlleS?"
Die Frage des .Vorwärts' machm wir ganz zu der unsttgm, mir möchten wir beifügen, daß die sozialdemokratischen Agitatoren durch die Bank von diesem Kaliber sind. Ihr ganzes Wirkm und Redm ist für sie Geschäft, und wmn der große Futtersack der Partei für sie zugemacht würde, fiel eS ihnen im Traume nicht ein, auch nur eilten Fintzer für die sozialdemokratische Sache zu rühren, von vereinzeltm Jdealistm, die nicht wissen, „wie eS gemacht wird", abgesehm. DaS ist der „rothe Bruder", wie er leibt und lebt. Wer hat Lust, ihm feinen — Stimmzettel zu verschreiben?
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Juni.
* AuS Rache hat die Mehrheit des prmßischm Abgeordnetenhauses unter stiller Assistenz der Regierung am Mittwoch jeder Entgegenkommen gegen daS Centrum in der Wahlrechtsfrage abgelehnt. Wir haben leinen Augenblick daran gezweifelt, hättm aber nicht daran gedacht, daß man unverfroren genug fein würde, eS offen einzngestehm. Die steikouservaüve .Post' ist fo frei zu schreiben: „DaS Centrum, welcher anstatt der erhofften Herrschaft in dm rheinischen Städten nun weniger erreicht, als selbst die Regierungsvorlage bot, wirb sich sagen müssen, daß daS die natürliche Frucht seiner Stellung zur Reichspolitik unter der Leitung des Herrn Dr. Lieber ist. Wenn eS auf diesem Wege fortfährt, so dürste sich die Erfahrung, welche er bei diesem Anlaß zu machen hatte, noch recht ost wiederholm." Also Strafe für die Ablehnung der Militärvorlage und Drohung mit weiterer Strafe, wenn daS Centn« nicht artig Wird. Bon den Freikonservattvm wundert unS daS am Ende nicht, aber daß die ,Kreuzzttttmg' dazu sagt: „Wir tonnen der,Post' nicht Unrecht geben," gibt der Sache erst den richtig« Hintergrund. Die CmtrumSparttt und die CmtrumSfraktton werben ihre Entschließung danach soffen. Jedenfalls wird die Erfahrung bei dem Wahlgesetze und die offme Drohung dm Wählern ein neuer Ansporn sein, daS Cmtrum möglichst stark und feine kartellbrüderlichen Gegner möglichst fchwach zu machm. Bis jetzt hat eS auch noch nicht ben Anschein, als ob sie sich vergebens an* * strengen sollten. Das Interesse, wttcheS die Kartell- Mehrheit des Abgeordnetenhauses für ein gerechtes Wahlrecht bekundet hat, verdimtseitens der Wähler um so mehr Beachtung, als ja jetzt schon von einem hohen Beamten Petitionen von „unabhängigm" Bürgern und Arbeitern um „Abschaffung deS Reichs Wahlrechts an dm Kaiser ins Werk gefetzt werdm sollen. Die Wähler müssm verhüten, daß die Kartellbrüder daS Reichswahlrecht ebmso mißhandeln können, als wie daS Landtagswahlrecht. Namentlich werden sie gut thim, sich durch Mittelstands-Freundlichkeit der Konservativ«, die doch nur vorwiegend Maskerade ist, hinter der fich die Jntereffenpolittk der Großbesitzer versteckt, nicht verlocken zu lassen, ebmso wmig durch ihre Versicherungen, daß sie daS Wahlrecht nicht antasten wollen. Sie habm ja eben die Probe geliefert und sind im Uebrigen an das Um«
„Gewiß, gewiß," antwortete Jakob hocherfreut, daß er auf so angenehme Art und Weise von Allem unterrichtet wurde. „Ich habe eS damals erfahren; eS hat mir großen Kummer verursacht, der arme Vater!" setzte der Schurke hinzu, indem er fich stellte, als ob er eine Thräne aus dem Auge wische."
„Du bist gewiß in Deine Httmath gegangen," fuhr Ovide fort, „um Deine kleine Erbschaft in Empfang zu nehmen, wttche Deine Ettern Dir Hinterlasten batten? Zwar war eS nicht viel, aber immerhin genug, um eS mitzunehmen."
„Allerdings war eS nicht bedeutend," betätigte Jakob.
„Run, Du bist noch immer besser gefahren, als ich, der ich keinen Sou geerbt habe."
Du hast also auch Deine Eltern verlorm?"
*3a, vor zwei Jahren. Ich bin der einzige Soli- veau, welcher von der ganzen Familie übrig geblieben ift, wie Du von der Familie Harmant, keine Ahnm und keine Nachkommen! Wir sind also ungefähr wie Waisen — um so bester, daß wir uns wiebergefunben haben! Dmke Dir, ich habe Dich anfangs gar nicht wiebererkannt! Freilich sind eS sechs Jahre, daß wir uns nicht gesehen haben, Du Warst fünfundzwanzig und ich zwttnndzwanzig Jahre alt, Du hast Dich