20. Jahrgang
Sonntag, den 4. Juni 1893.
FilldaerMZeitiiiig
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IW- Zweites Blatt.
Der schweizerische Arbeitertag in Ktel trug in feiner Zusammensetzung und in seinem ganzen Verlaufe ein so seltsamer Gepräge, daß wir nicht umhin können, an der Hand der .Histor.-politifchen Blätter' darüber zu bericht«; zugleich sind wir der Ansicht, den Lesern der ,Fuldaer Zeitung' damit, weuigstens in ge» wisier Hinsicht, eine helle Freude zu bereiten.
Am Ostermontag d. I. versammelten sich dort 309 Delegirte, welche als Vertreter von 111,000 Arbeitern sich auSwiesen. Burschen, ans deren Lippen kaum der erste Flaum sich zeigte, saßen neben ergrauten, markigen Männern, durch bereu schwielige Hand bereits ein leichtes Zittern ging; wetterharte, gebräunte Gesichter, vollkrästige Männer und blasse kränkelnde Physiognomien, wie sie auS dem Bereiche der Fabrikluft hervorgehen, kurz Männer jeden Alters saß« in einträchtiger Arbeit beifammm. Bunter war noch daS Bild, wenn man die polttifche Farbenskala dieser Leute durchging, vom rothesten Roth bis zum dunkelsten Schwarz. Neben Seidel, dem Sozialdemokraten vom reinsten Wasser, dessen unruhig stechenden Äugen, von einem wilden schwarzen Haarbusch überschattet, in einer und derselben Sekunde den Saal bi- in alle Ecken hinaus durchschweiften, saß am Tisch der Sekretäre sein Gegner im eigenen Lager, der rührige und besonnene Redakteur Mestrer vom .Grütlianer' der in seinem ganzen Auftreten und Wesen, in seiner schlichten schwarzen Kleidung und mit seinem glattrasirten Gesichte fast den Eindruck einer geistlichen GymnasialprofesforS macht. Hier fehen wir den wohlgenährten Solothurner Fürsprech Fürholz, den Vertreter deS wüthendsten KulturkampfSradikaliSmuS, dort den feingeschnitten«, '.dealschönen Kopf eines Pfarrer Amberg (ein schweizerischer Hitze), deS wackeren Vertreters, der katholischen Geistlichkeit vom Lande. Und alle diese Männer, auf so verschiedenem Boden sie sonst im Leben stehe» wögen, rächet« und tagten, nur von einem Ideale, dem Wohle deS arbeitenden Volker geleitet, mit einem Ernste, einer Ruhe und Sachlichkeit, die jedem Parlamente zu: Eire gereicht hätte.
ArLeitersekretär Greulich sprach in seiner ruhigen klaren W-ise, dann und warm von einem Hauche warmer Begeisterung für die Unabhängigkeit unb Selbständigkeit deS Arbeiters durchweht, über die obligatorische Kranken- und Unfallversicherung. Bei der Krankenversicherung will er nichts davon wissen, daß die Beiträge an dieselbe von den Arberrgebrrn und den Arbeitern je zur Hälfte getragen weiden sollen. Der Arbeiter soll „selbst zahlen und selbst Meister sein und bleiben", und die Krankenkassen sollen ausschließlich unter der Selbstverwaltung der Versicherten stehen. Dagegeii stellt Greulich als Ausgleich das Verlangen, daß die Beiträge an die U n fallverficherung ausschlreß- lich von den Gewerdeinhabern getragen werden. Nach einer längeren, sehr interessanten Diskussion, die sich thnlwetse in Die Details des Versicherungswesens erging, tturben die Anträge von Greulich einstimmig angenommen.
Ein zweites Referat hielt der weitbekannte National- rath Dr. DecurtinS, der auch bereits auf einigen deutschen Katholikenveriammlungen mit rühmlichen Erfolge ausgetreten ist, über die internationale Arbeiter- schutzgcsetzgcbung. Mit jener sprudelnden, hinreißenden Beredsamkeit, die diesem katholischen Sozialpolitiker in so hohem Grade eigen ist, zeichnete er die Nothwendig- leit einer internationalen Gesetzgebung über daS Verbot der Kinderarbeit, Beschränkung der Frauenarbeit in den Fabriken, die Bestimmung deS NormalarbeitS- tageS u. f. w. Seine Worte wurden mit großem Beifalle von der ganzen Versammlung auf genommen. Noch interessanter war die daranffolgende Diskussion.
DtcurtiuS hatte beantragt, die katholischen Arbeiterverbindungen sollen eingeladen werden, eine internationale Agitation zur Verwirklichung der Grundsätze, welche Leo XIII. in seiner Ercy'lcka über die Arbeiterfrage niebergelegt hat, zu entfalten. Dagegen erhob sich Fürsprech Fürholz von Solothurn, und was er beabsichtigte, aber al8 erster Redner noch nicht heraussagen wollte, besagte darauf ein gewisser Droz von Chavx-dc- Fonds, indem er der schweizerischen Arbeiterschaft heftig unb warnend „prenez garde!“ zurief. Nehmt euch in Acht vor den Ultramontanen! Doch dieser Mahnruf ward von der Versammlung sehr kühl aufgenommen unb der Redner zuerst von D-c^rtiuS in schneidiger
Erwiderung, unb bann von ben sozialdemokratischen Führer Wehn von Bern, Greulich unb Scherer von St. Gallen so glänzend heimgeschickt, daß sogar Seidel, der vorerst mit Lang von Zürich, dem eleganten Salon- Sozialisten, gegen den Antrag sich erhob, schließlich erklärte, es könne ihm recht sein, wenn die Resolution angenommen würde. Mit großer Mehrheit ward in der Schlußabstimmnng die vielbestritteue These in der von Scherer von St. Gallen vorgeschlagenen Form angenommen, nach welcher der „schweizerische Arbeitertag die Erwartung auSspricht, daß die katholischen Arbeitervereine für die Arbeiter postulate, die tu der Ercyklika Leo'S XIII. niedergelegt sind, nach Kräften einstehen."
Diefe Anerkennung der sozialpolitischen Thätigkeit unseres großen Papstes und die Thatsache, daß an einer Arbeiterversammlung, welche zu vier Fünfteln auS sozialdemokratischen und politisch-radikalen Elementm bestand, während einer ganzen Stunde über Papst Leo und seine Encyklika gesprochen werden konnte, ohne daß ein einziges verletzendes Wort gegen das Papstthum und katholische Institutionen fiel, ist, wie der Berichterstatter der ,Histor.-politischen Blätter' sagt, eine Ehre für die schweizerische Arbeiterschaft. Sie hat damit bewiesen, daß sie die Streitaxt deS Kulturkampfes begraben hat. ES weht ein neuer Wind durch die schweizerisch« Lande; möge er uns ben Frühling einer gefnnben, kräftig aus dem Boden des arbeitenden Volkes selbst herauSwachsendeu Entwickelung unserer sozialen Verhältnisse bringen! Der Jnbelpapst aber würde hocherfreut sein, wenn er von diefer Versammlung finnbe bekäme. ES hat sich ba bewahrheitet baS Wort, baS Rochefort, dieser Revolutionär von Beruf, beim Erscheinen der päpstlichen Srcyklika über die Arbeiter- frage, von London aus an den.Jnttansigeant' schrieb: „Die Arbeiter wenden sich zu dem weißgekleideten Herrn (1® monsieur en blanc) int Vatikan, weil die Regierungen nichts für sie thun."
Wer sollte vorstehende Zeilen über den Arbeiter- tag in Biel nicht mjt lebhaftestem Interesse gelesen haben? —___________________________‘rn-
GmUie Wepler
Der Name dieser hesitschen Schriftstellerin, die vor wenigen Tagen die alterSmüden Augen schloß, wird wohl ben meisten unserer Leser bekannt fein. Zählte bie Verblichene in früheren Jahren doch selbst zu ben Mitarbeitern ber ,Fuld. Ztg'; deshalb glauben wir nur eine Pflicht der Pietät zu erfüllen, wenn wir heute ihrer gedenken und chre LebenSskizze kurz hier vorführen.
Emilie Wepler war geboren zu Kaffel am 8. Februar 1818. Sie war die Tochter eines angesehenen hessischen Juristen, des Landrichters Heinrich Georg Wepler, während ihre Mutter der berühmt« Künstlerfamilie Nahl entstammte. Kein Geringerer als ber geniale Bildhauer Joh. Ang. Nahl, ber Schöpfer deS Landgrafen - Friedrich - Denkmals zu Kassel war Emiliens Urgroßvater; ihr Großvater aber war der gleichfalls berühmte Historien- und Porträtmaler Joh. Ang. Nahl, der seiner Zeit dieMürde eines Direktors an der Kasseler Kunstakademie bekleidete und dessen Goethe lobend in seinen Werken gedenkt.
Es würde zu weit führen, wollten wir alle die Künstler, die auS diesem hochbegabten Hause hervorgangen sind, anführen, gewiß aber ist es, daß der Zug zum Idealen, der bei ber Tochter beS Landrichters Wepler so bestimmt hervortrat, ein Familienerbtheil von mütterlicher Seite war. Die für Poesie unb alles Schöne begeisterte Mutter förderte des begabten Kindes geistige Anlagen und ließ denselben eine gediegen: und sorgfältige Ausbildung augedeihen und so entwickelte sich Emilie in einem von feingeistigem Arom durchwehten Baterhause, wo lebhafte Beziehungen zu allen literarischen und künstlerischen Kreisen der Residenzstadt ihr eine Anregung zum eigenen dichterischen Schaffen wurden.
Aber in dieses glückliche Familienleben sollte unerwartet ein herbes Mißgeschick treten: ber Verlust des gelammten elterlichen Vermögens. Der Landrichter W-pler war nämlich neben seiner amtlichen Stellung auch Direktor des Kaffeler Leihhauses (Lombard) ge- wesen, dieses fallirte plötzlich unb der Sturz desselben beraubte ihn nicht nur des von seiner Güttin mitgebrachten beträchtlichen Vermögens, sondern zwang ihn sogar, einen Theil seines G-Haltes für geleistete Bürg- schäften zu opfern. Kummer und Roth treten an
Emilie heran, die sich erst durch die Munifizmz beS letzten Kurfürsten von Hessen vor bitterem Mangel geschützt sah. Der entthronte LanbeSfürst, zu besten treuesten Anhängern sie stets gezählt unb besten Biographie sie auch geschrieben, setzte von Prag auS ber verarmten Schriftstellerin ein JahreSgehalt von 2 ober 300 Thaler auS, das auch nach seinem Tode von sein« Kindern huldvoll weiter gewährt wurde.
So in stiller Zurückgezogenheit, aber doch von einem groß« Freundeskreise, der bie vortrefflichen Eigenschaften beS Geistes unb Herzens biefer eblen Frau voll zu würbigen wußte, umgeb«, lebte diese nur Gott und ihrem Ideal zustrebend, viele Jahre lang in ihrer schönen Vaterstadt, welche, nach ihren eigen« Worten, ja eine besondere Anziehungskraft für tiefere Gemüther hatte. Freilich jetzt, meinte sie, könne Niemand mehr em rechtes Verftändniß hab« für den eigenen poetischen Hauch, der gleichsam über dieser in besonderer Obhut ber hl. Elisabeth stehenben Stabt schwebe. — Wohl mag bie Greisin b« Umschwung ber Zeit bitter empfunden haben, und immer einsamer muß es um sie geworben sein, als eins nach dem anderen von d« Genossen schönerer Tage hinüberging. Ihre letzt« LebeuStage verbrachte sie im Elisabethenstist zu Kastel, wo sie bann auch am 24. Mai bieseS Jahres selig entschlummert ist.
Die .Hessisch« Blätter', die ihrer ftüher« „eifrig« und geistvoll« Mitarbeiterin" einen warmen Nekrolog widmeten, spenden ihr das Lob, daß mit ihr eines ber treuesten unb tapfersten Hessenherzen, bie je gelebt, ba- hin gegangen sei. Auch wir ehren biefe echte Hessen-- treue als einen golbmen Charakterzug; WoB unS aber die Geschiebene noch näher bringt, baS war ihre innige unb begeisterte Hingabe an bie katholische Kirche, zu ber sie einst mit dem Muthe der Ueberzengung übergetreten war. Leider können wir daS Jahr ihrer Konversion nicht angeb«, wir vermuthm aber, daß es in jener Zeit war, als ber spätere hochw. BisthumSver- Weser Hahne noch als Dechant in Kastel wirkte (1849 bis 1866). Ist UNS doch bekannt, baß sehr freundschaftliche Beziehung« zwischm diesem hochangesehmm geistlich« Würdenträger und der begabten Schrift- stellerin bestanden hab«. Auch hier in Fulda hat sie ihn später besucht und noch vor seinem Ende gab er ihr mit zitternder Hand von seinem Krankenlager schriftliche Auskunft über sein Befind«, wie sie ja selbst in dem Erinnerungsblatt „Konrad Hahne" erzählte, baS nach seinem Hinscheiden die .Hessischen Blätter' veröffmt- licht« und daS auch die .Fuld. Ztg.' s. Z. gebracht hat. Und als dann am 5. November 1880 seine sterblichen Ueberreste auf unfern vorstädtischm Friedhof ge- bracht wurden, da folgte unter den unzähligen Leidtragenden auch Emilie Wepler dem blumenbedeckten Sarg zu der Stätte, bie er ihr schon vor Jahren als bie de- zeichnete, wo er einst neben seinen Eltern ruhen wolle.
Die literarische Thätigkeit ber Heimgegangenen umfaßte baS Gebiet der hessischen Geschichte, Belletristik und lyrischen Dichtung. Außer ben Aufsätzen unb Gedichten, die sie in Zeitschriften veröffentlich hat, er- schien« in Buchform: „Plato und seine Zeit" (1866), „G.schichte vonWilhelmShöhe" (2. Anfl. 1870), „Km- fürst Friedrich Wilhelm" (1875), „Hessische Erzählungen und Gedichte" (1882).
Möge die Fran mit dem treuen und tapferen Hesten- herzen sanft ruh« in der geliebt« vaterländifchen Erde, ihre lichtsuchende Seele ober in den Wohnungen beS ewigen Friedens eine Stätte gefunden haben I 4.6.
. Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(30. Fortsetzung.)
31. . . u
Johanna, welche ihre frühere Muthlofigkeit wieder befiel, rang die Hände.
„Was Sie mir da fügen," stammelte sie, habe ich mir zwanzig Mal gejagt. Die Beweise fehlen mir, ich weiß dies sehr wohl. Wenn die überzeugende Kraft der Wahrheit Sie nicht rührt, dann bin ich verloren.
„Versuchen Sie das Gericht von Ihrer Unschuld zu ^bch^ann meine Hoffnung nur mehr aus Gott setz«."
"Anstatt hartnäckig bei diesem Lügensystem zu bleiben, sollten Sie lieber Ihre Schuld emgestehm: eS würde daS Ihnen sehr zu Statt« kommen."
„Ich habe nichts einzugestehm."
„Sie hab« nichts mehr hinzuzufügen?"