Sonntag, bett 4. Juni 1893.
20. Jahrgang
JV 125
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PM- Erstes
Die Wahlbewrguug
ist nun seit 3 Wochen in Fluß. Der Wahltag ist bereits nahe gerückt. Die organisatorische Arbeit ist bei den Parteien meist beendet; die großen und kleinen Wahlkomitees sind gebildet, die Kandidaten ernannt und die Arbeit für sie kann beginnen oder hat schon begonnen. Nur in der CentrumSpartei scheint man hie und da etwas im Rückstände zu sei»; man scheint sich aus die alte, ost bewährte Methode verlassen zu haben, bei der Alles so ziemlich von selbst ging, und sieht sich nun unerwartet einigen Schwierigkeitey gegenüber, die eine bessere Organisation erfordern. Ueberall bemerkt man jedoch, daß dar Versäumte jetzt schleunigst nachgeholt wird. Für diesmal wird wohl kein besonderer Schaden entstehen, aber eine ernste Mahnung, nächstens vorsichtiger zu sein und früher aufzustehen, sind die kleinen Wirr- msse doch. Daß daS Centrum merkliche» Abbruch erleiden werde, glauben selbst die nicht recht, die eS wünschen. Am Bedenklichsten für die Partei erscheint zweifellos die Sezession einer TheilS der westfälischen Landwirthe unter Herrn von Schorlemer • Alst, und selbst dieser wagt nicht einmal die .Kreuzzeitung' einen Erfolg in Aussicht zu stellen. Im Uebri- gen glanben wir noch bei keiner ReichStagSwahl so wenig Muth zum Prophezeihen über den Ausgang beobachtet zu haben. Sonst wurde ost mit großer Sicherheit bis ins Einzelne hinein geweisiagt: so und so kommt'-; besonders Herr Richter war groß darin und tras eS vielfach auch ziemlich genau. Jetzt ist Alles still; nur den Sozialdemokraten verspricht man allgemein bedeutenden Erfolg. Ist daS nicht überaus kennzeichnend für die Lage und die ganze Politik? Mögen die übrigen Parteien sich gegenseitig em Dutzend oder mehr Mandate abjagen, für die große Frage der Bestandes von Staat und Gesellschaftsordnung ist daS von ganz nebensächlicher Bedeutung. Anders dagegen liegt eS beim Zuwachs der Sozialdemokratie. Ein Dutzend Mandate mehr wird ihnen zwar nicht die Herbeiführung deS großen Kladderadatsch ermöglichen, aber eS bezeugt ein gefährliches Anwachsen der Unzufriedenheit und der Um« sturzlust in den Massen. Dieses Anwachsen ist aber wesentlich verschuldet durch die Politik der Regierung, die eS an Eifer in der Fortführung der sozialen Reform gar sehr, an Eifer in einer größeren Belastung deS Volkes ganz und gar nicht vermissen läßt. Dreimal hat die Regierung nun den Reichstag aufgelöst, und jedeSmal war dabei die Absicht, der Bevölkeruna neue schwere Lasten aufzulegen. Im Jahre 1878 gab den Vorwand für die Auflösung daS Sozialistengesetz (jedenfalls kein Gesetz zur Erhöhung der Freiheit und zur Erleichterung deS Druckes), die wahre Absicht waren aber die Hunderte von Millionen Zöllen, ohne die man die Kosten der Heeresverwaltung nicht mehr aufzubringen vermochte. 1887 und fitzt bilden Militärforderungen in gewaltiger Höhe den Grund der Auflösung. Wie kommt es wohl, daß die Regierung noch nie Miene gemacht hat, an daS Volk zu appelliren, wenn eS sich um Vorlagen handelte, die der Masse des Volkes materielle Erleichterungen und Bortheile bringen sollten? Warum hat sie z. B. nie AuflösungSgelüste gezeigt, um einen R.-ichS- tag zu erhalten, mit dem eine Sozialreform im großen Stile durchzuführen wäre? Als das Arbeiterschutzgesetz zur Berathung ftand, hat sie sich von den wenig arbeitet- freundlichen Großindustriellen aus einer Position nach der anderen verdrängen lasten, so daß schließlich ein recht dürftiger Werk übria blieb. Das Geschrei der Großindustriellen hind rt jetzt auch noch die energische Durchführung des verstümmelten Werkes. Im preußi- scheu Landtage hat die Regierung die Verballhornung deS Berggesetzes ruhig hingenommen. Sobald eS sich um Militärvorlagen handelt, dann heißt es einmal über das andere: Hierdars nichts gestrichen werden, das ist ein Ganzes, besten Verstümmelung wir vor dem Vaterlande und unseren Gewissen nicht verantworten können. Warum nicht auch einmal dieselbe Festigkeit und Zähigkeit in den sozialreformerischen Fragen? In letzter Instanz ist doch eine durchgreifende Sozralreform für daS Wohl des Vaterlandes viel, viel wichtiger, als irgend eine der zärtlich vertheidigten Militärvorlagen gewesen ist. Eine RüchStagSauflösuug um einer gründlichen Sozialreform willen würde einen
so greifbaren wohlthätigen Eindruck machen, daß sie der Sozialdemokratie mindesten- ebensoviel Abbruch thäte, wie eine Auflösung in Absicht neuer schwerer Belastung deS Volkes ihr Vortheil verschafft. Sine solche Auflösung werden wir aber so bald nicht erleben.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Juni.
* Der ,Nationallib. Korrespondenz' zu Folge ist die Eröffnung des Reichstages für den 4. Juli in Aussicht genommen.
* Nach den Mittheilungen der Abgeordneten auS verschiedenen Provinzen, die sich zur letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses eingcfunden hatten, scheinen die Chancen der Frennde der Militär-Vorlage in der Wahlbewegung sehr wenig günstig zu sein.
* Die heutige Frühjahrs-Parade des Garde- Korps verlief bei schönem Wetter sehr glänzend. Die Truppen waren in zwei Treffen aufgestellt. Dm Oberbefehl führte General-Lieutenant v. Winterfeld. Ein zweimaliger Vorbeimarsch fand statt, zuerst in Kompagnie-Front, dann in Regiments-Kolonnen. Beim Vorbeimarsch deS zweiten Garde-RegimmtS führte der Kaiser dasselbe an der Kaiserin vorbei. Unter dem glänzendm Gefolge befanden sich die Prinzm Leopold von Bayern, Friedrich August von Sachsen und Albrecht von Braunschweig, sowie der Herzog Albrecht von Würtemberg. Die Parade war um 11 Uhr beendet; an sie schloß sich eine längere Kritik des Kaisers an. Gegen 12 Uhr kehrte der Kaiser an der Spitze deS zweiten Garde-Regiments in die Stadt zurück.
* In dem Wahlaufruf, den Freiherr v. Schor- lemer-Alst an der Spitze von 125 Bauern erlassen hatte, war auch die Handwerkerfrage berührt, so daß er von vorn herein dm Eindruck machen mußte, daß Herr v. Schorlemer mit seinem kleinen Anhang von Landwirthen in seine Secession hinein auch ohne Weiterer, ohne bereu Befragung und Mitwirkung die Handwerker und Kleingewerbetreibenden hineinziehen möchte, die mit Grund fest und treu am Centrum hängen. Wie nun ein Telegramm aus Münster meldet, hat dort gestern eine große Versammlung Münster'scher Handwerker mit allen gegen eine difsentirende Stimme die Einladung SchorlemerS zur HeereSfolge als Beleidigung entschieden zurückgewiesen. Kein Handwerker, daS war der MeinungSauSdruck der Versammlung, werde vom Centrum abfallen, denn wie der Handwerkerstand dem Centrum für die kräftige Unterstützung in der Vergangenheit zu großem Danke verpflichtet sei, so dürfe man auch vom Cmtrum erwarten, daß es dem Handwerkerstände in Zukunft seine Hilfe und seine Fürsorge angedeihen lasse. Die Handwerker erklärten, daß sie mit westfälischer Festigkeit und Zähigkeit treu zum Centtum stehm und sich nicht auf ein leckes Schiff der Secession locken lassen, auch nicht von einem ehemaligen Führer. DaS Centtum werde von seinen Freunden im Westfalenland nicht verlassen werden. — Diese Absage der Handwerker an Frhrn. v. Schorlemer-Alst läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
* Breslau, 31. Mai. Der .Schlesischen Volkszeitung' ist eine Erklärung des Abgeordneten Freiherrn v. Huene zugegangen, in welcher derselbe hervorhebt, daß er hinsichtlich der ReichStagSwahl entschlossen gewesen sei, nicht wieder zu kandidiren; seine Zurückhaltung beruhte auf dem Wunsche, sich von der parla- rnentarischen Thätigkeit für immer zurückzuziehen. Da ober Der Wahlaufruf des CenttumS den Widerspruch gegen den von ihm auS voller Überzeugung gestellten Antrag als Feldzeichen des CenttumS in der Wahlschlacht hingestellt habe, erkläre er rffen, sich verpflichtet zu halten, eine etwa auf ihn fallende Wahl anzunehmen, nm im Reichstage für die Vorlage zu stimmen, deren Annahme er für daS Wohl des Vaterlandes unbedingt nothwendig erachte; anders handeln hieße gewissenlos handeln. Im Falle seiner Wahl würde er sich keiner Fraktion anschließen. er stehe fest zu dm christlich- konservativen Grundsätzen deS CenttumS.
* In Schlesien ist cs für daS Centtum mit einigen Schwierigkeiten verbunden, für die einzelnen Wahlkreise geeignete Kandidaten ausfindig zu machen, da die altbewährten Abgeordneten wegen ihres abweichenden Standpunktes in der Militärfrage kein Mandat mehr annehmen wollen. In den meisten Wahltteisen sind I jedoch die Schwierigkeiten bereits glücklich überwundm.
Im allgemeinm ist die Wahlstimmung in allen schlesischen Centtums-Wahlkreisev sehr gedrückt; nachdem die bisher anerkanntm Führer der schlesischen CenttumS- Partei vom Schauplatze abgettetm find, fehlt es an einer einheitlichen, autoritativen Führung. Die Mehr- heit der CmtrumSwähler ist gegen die Militärvorlage bezw. den Anttag Huene, und von der Minderheit find ganz sicher sehr viele nur deshalb dafür, weil die bisher als CenttumS - Autoritätm verehrten Herrm Ballestrem, Huene, Porsch, dafür sind. Aber die Gegner der Militärvorlage haben keine Persönlichkeit in ihrm Reihen (wmigstmS ist eine solche bis jetzt nicht hervor- getreten), die eine eigentliche führende Rolle über- nehmm könnte. — Die .Schles. Bolksztg.', welche bekanntlich bis zum Erscheinen des Wahlaufrufs der CenttumS-Fraktion eine begeisterte Anhängerin deS Anttags Huene war, betont nun auch, daß die auf den Antrag Huene gewähltm katholischen Abgeordneten in der Centrumsfraktion keine Aufnahme finden können. In gleicher Weise verurtheilt die ,Schl. Bolksztg.' daS Borgehm desFrhrn. v. Schorlemer-Alst auf das Entschiedenste. Dieser Umschwung in der Haltung des bedeutendsten katholischm Blattes der Provinz Schlesien läßt für den Ausfall der Wahlen das Beste hoffm.
* Hagen, 31. Mai. Hier hatten sich gestem 80 Vertrauensmänner und sonstige Mitglieder der Cen- ttumspartei auS dem Wahlkreise ArnSberg-Olpe-Meschede versammelt. Diese stellten einstimmig Rechtsanwatt Scheele in Arnsberg zum ReichStagS-Kandidatm auf. In einer vorgestern hier abgehaltenen Versammlung von CentrumSwählern wurde der bisherige ReichStagS-Ab- geordnete Redakteur FuSangel wieder aufgestellt.
* München, 1. Sunt. DaS Münchener Fremden- blatt' schreibt: „So ist eS denn eingetreten, waS alle Eingeweihten schon längst kommen sahen: Freiherr von Schorlemer-Alst tritt gegen das Centrum auf! AlS er noch ein junger Parlamentarier war und die Führer Hermann v. Mallinckrodt und Dr. Windt« horst häufig genug seine parlamentarischen Fehler wieder gut machen mußten, da war er Bielen zu scharf, zu extrem, das katholische Volk aber hatte seine Freude an dem rücksichtslosen Vorgehen deS Frhrn. v. Schorlemer. Nach dem Tode Hermann v. Mallinckrodts begannen schon die Schwierigkeiten, der selbstbewußte Frhr. v. Schorlemer wollte sich nur ungern der Führung WindthorstS fügen. ES gab schwere innere Kämpfe, verschärft durch daS herrische Auftreteu SchorlemerS, so daß Frhr. zu Franckeustein mehr wie einmal sagte, er sei froh, daß er nicht der preußischen Landtagsfraktion deS CentrumS angehöre, bereu Borsitzenber Schorlemer war; beim beffen Tyrannei fei nicht zum Aushalten. Wenn Schorlemer alle Welt vor den Kopf gestoßen hatte, dann ent« schuldigte er sich mit seinem Herzleiden und er galt als entschuldigt. Aber die Kämpfe gingen weiter, mit Windthorst war Schorlemer zuletzt ganz und gar zerfallen. Wenn Windthorst sprach, konnte man die bissigsten Bemerkungen SchorlemerS hören, gleichviel, ob's im Parlament oder bei einem GeburtStagSdiner Windt- horsts war. Bald nahm Schorlemer ein Mandat an, bald legte er eS nieder. Zum offenen Bruch ist eS nie gekommen, dazu stand die Autorität WindthorstS zu hoch. Daß er ober einmal kommen würde, war vor« auSzusehm, denn Freiherr von Schorlemer, der einstige Sturmläufer gegen das preußische Regime, gegen Bismarck, war ein ganzer Regierungsmann geworden, das Gegentheil von ehedem. Kaum hatte Windt« horst öie müden Augen geschlossen, da erschien Frhr. v. Schorlemer-Alst wieder im Vordergrund, auf dem Katholikentag in Danzig 1891 wollte er em Pro- nunciamento erlassen» sich an die Spitze der deutschen Katboltken stellen, aber es wurde vereitelt."
* München, 31. Mai. .Fremdenblatt und .Kurier' erscheinen von beute ob vereinigt unter beut gemeinsamen Titel .Bayerischer Kurier' als HaupttM unb .Münchener Fremdenblatt' als Untertitel. Die Redaktions-Verhältnisse sind noch unklar; Degenhart tritt wieder in die Redaktion ein. Als verantwortlich zeichnet der Kurier-Rebakteur Placht.
Ausland.
• Wien, 1. Juni. Die auswärtige polittsche Situation ist gegenwärtig eine ziemlich ruhige unb bet Weltfrieden erscheint nicht bebroht, weil die einzelnen Staaten Europas jetzt selbst viel zu viel mit ihrm inneren Angelegenheiten zu ihn» haben. Im deutsche»