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des hl.Krohnleichnamsfestes erscheint das nächste Blatt erst am Freitag.

(*) An die Wähler der Lentrumspartei.

Die jüngsten Vorgänge im Centrum, welche nach der Reichstagsauflösung zu Tage treten, sind auf den ersten Blick nicht geeignet, uns Katholiken in dem Ver­trauen zu bestärken, das wir seither auf unsere Partei und unsere Führer zu haben gewohnt waren. War schon durch die Abstimmung im Reichstage über die in daS Leben und Vermögen des Volkes tief ein­schneidende Militärvorlage ein R-ß in den Reihen unserer Abgeordneten entstanden, fo daß diejenigen, welche für die Vorlage gestimmt hatten, dadurch gleichsam aus der Partei austraten und theilweise ihre seitherigen Führerstellen und Mandate niederlegten, so wird die Arbeit zur Vernichtung unserer Partei auch jetzt noch fortgesetzt von ehemaligen Führern sogar, von denen man solches am wenigsten hätte erwarten sollen. Man kann und darf das nicht übersehen und auch nicht ver­heimlichen, man mutz es dem Volke sagen und es auf­klären, damit wenigstens das Volk weitz, woran eS ist und damit eS bei den bevorstehenden Wahlen darnach handelt. Das Centrum war nur groß geworden durch feine Einigkeit in allen wichtigen Fragen; jetzt möchte es fast scheinen, als sollte durch die Militär- frage das Centrum in feiner Stellung erschüttert und geschädigt werden. Alle Katholiken und Freunde deS Centrums werden gerade jetzt den unvergeßlichen Dr. Windthorst herbeiwünschen, der so oft in solchen an­scheinend schwierigen Verhältnissen stets das Rechte zu finden wußte; seine Klugheit und sein Rath hätte uns wohl auch über diese Klippe unversehrt ymweggefühn. Da wir aber feinen Rath nicht mehr haben können, so müsse» wir — das katholische Volk und seine Führer — stets und überall fest, treu und einig zu­sammen stehen, um durch Einigkeit unsere Sache zu fördern und unS selbst zu erhalten. Jeder, der hier­gegen handelt, ist ein Gegner deS CentrumS, weil er eS schwächt.

Darf die Militärfrage unsere Partei spalten und schädigen? Bei Beantwortung dieser Frage ist Rück­sicht zu nehmen: 1. auf das Wohl des Staates und 2. auf das Wohl des Volkes. Der Staat ver­langt zu den Soldaten, die er jetzt hat, noch jähr­lich 60,000 Mann und an Geld verlangt er noch jähr­lich gegen 50,000,000 Mk. Ob solche ungeheure Be­willigungen an Menschenleben und Geld ohne Schädi­gung des Volkes und des Staates erfolgen können und gerade jetzt erfolgen können, wo die Ernteoursichten bei uns so traurig stehen, das ist für die Abgeordneten, die gewählten Vertreter der Volkes, eine sehr schwere Gewissen-frage. Unsere CentrumSabgeordneten haben in ihrer größten Mehrzahl im Interesse des Volkes und deS Staates es abgelehnt, die ganzen ungeheueren Forderungen zu bewilligen und das Volk stimmt noch jetzt in zahlreichen Versammlungen dieser Abstimmung seiner Abgeordneten bei. Das katholische Volk will den Staat nicht wehrlos machen, es will aber auch nicht

unerschwingliche Opfer bringen, die leicht Volk und Staat ins Verderben stürzen. Tin Abgeordneter kann nach seiner eigenen Ueberzeugung handeln und stimmen; ist das aber richtig? Diese Frage ist im Großen und Ganzen zu verneinen; denn der Abgeordnete wird vom Volke gewählt, daß er auch die Jnter- effen des Volkes schütz; und wahre gegenüber übermäßigen Forderungen, von welcher Seite dieselben auch kommen mögen. Nun sagen zu wollen, die Ab­geordneten müßten für das Heer alle Forderungen be­willigen, welche eine Regierung vorlegt, ist ein falscher Standpunkt." Das könnte so geschehen, wenn es in der Verfassung hieße: „Bei Militärforderungen haben „die Abgeordneten nicht mitzusprechen, dieselben werdm „durch die Militärverwaltungen selbstständig geordnet." Da aber auch die Forderungen für das Militär dem Bewilligungsrechte des Volkes bezw. der Bolksvertteter unterliegen, so müssen auch die Abgeordneten ihre Stimme mit Rücksicht auf das Volk abgeben, das sie zu seinem Vertreter gewählt und abgesandt hat; einen Abgeordneten, der nur nach seiner Ueberzeugung und Meinung handelt und abstimmt, ist kein Volks­vertreter mehr und verwirkt sich das Recht eines Volksvertreters; ein solcher Abgeordneter wird bei einer Neuwahl sicher nicht wieder gewählt werden. Mit Rücksicht hierauf haben die CentrumSabgeordneten, welche gegen die Militärvorlage gestimmt haben, theil­weise auf ein neues Mandat verzichtet, theilweise wer- den von den betreffenden Lokalausschüssen andere Männer als Centrumskandidaten aufgestellk. Wie die hier und da schon obgehaltenen Versammlungen in Centrumswahlkreisen gezeigt haben, steht die Mehrzahl deS Volkes und seiner Führer noch unentwegt fest auf dem Standpunkte des CentrumS, alle Versammlungen haben bis jetzt ihre Zustimmung ausgesprochen zu der Abstimmung der CentrumSabgeordneten gegen die Mili­tärvorlage mit ihren hohen Forderungen. Um nun dem Lande zu zeigen, daß das katholische Volk noch übereinstimmt mit seinen Abgeordneten, welche in ihrer großen Mehrzahl gegen die Vorlage gestimmt haben, »st eS sehr nothwendig, daß überall C-ntrumSmänner gewählt werden, auch da, wo sie von vornherein nicht Aussicht haben sollten, gewählt werden zu können, eS sind also in allen Kreisen, wo Katholiken wohnen, die Stimmen für einen Centrumsmann abzugeben, damit die Stimmen dem Centrum nicht verloren gehen; erst im Falle einer Stichwahl ist dann für den besten Kan­didaten zu stimmen oder aber hat man sich der Wahl zu enthalten. Wenn das katholische Volk so bei dec nächsten Wahl handelt, dann wird es sich zeigen, ob das Centrum seinem Verfalle entgegen geht oder ob es noch seine altbewährte Anhänglichkeit im Volke besitzt. Möchten nur überall die katholischen Wähler sich über die Handlung unserer Abgeordneten genau unterrichten und sich die Sachlage klar machen, um war es sich im aufgelösten Reichstage handelte und im neuen Reichstage handeln wird. Dos katholisch« Volk ist nicht für Schwächung unserer Wehrkraft, aber es ist auch nicht für übermäßige Belastung deS Volkes. Hiernach gebe jeder katholische Wähler am Wahltage seine Stimme ob und das Centrum wird nicht verfallen.

Deutsches Keich.

Berlin, 30. Mai.

* Heber die Reise«Dispositionen des Kaisers für diesen Sommer sind, wie die »deutschen Nachrichten' aus bester Quelle erfahren, noch keine endgültigen Be­stimmungen getroffen. Zunächst wird im Laufe des Monats Juni eine längere Zeit mit Truppenbesich­tigungen vergehen, dann wird Se. Majestät jedenfalls nach Kiel reifen, um der dortigen großen Regatta beizuwohnen.

* Das Abgeordnetenhaus hielt heute wieder eine Plenarsitzung ab. Auf der Tagesordnung derselben stand zunächst die Interpellation des Abg. Grafen Douglas über die Maßnahmen der Regierung gegen die Cholera. Mit Rücksicht auf die Abwesenheit der Kultusministers wurde diese Interpellation von der Tagesordnung obgesetzt. Sodann ttat das Haus in die zweite Berathung de» Gesetzentwurfs betr. die im Geltungsbereiche der Rheinischen Rechts außerhalb der vormaligen Herzogthums Berg bestehenden Pfand- schäften sowie die Abänderung und Ergänzung des Gesetzes vom 12. April 1888 über dar Grundbuch­wesen und die Zwangsvollstreckung in das unbewegliche Vermögen im Geltungsbereich des Rhei­nischen Rechts. Der Gesetzentwurf wurde mit einigen Abänderungen ohne nennenwerthe Debatte angenommen. Morgen 11 Uhr Schlußabstimmung über daS Gesetz betr. die Aufhebung direkter Staatssteuern, dritte Lesung des Schulgesetzes, dritte Lesung der heute in zweiter Berathung erledigten Vorlage und Berathung des Wahlgesetzes.

* Die Vorbereitungen zur Einführung der Bestim­mungen über Sonntagsruhe bei Industrie und Handwerk werden bei den einzelnen Behörden nach Möglichkeit gefördett. So hat der preußische Handels- Minister, nachdem er schon einmal im Januar d. Js. die Bezirks - Regierungen zu Gutachten in der Frage der Sonntagsruhe aufgefordert hat, neuerdings noch­mals eine Untersuchung auf diesem Gebiete an­geordnet. Insbesondere sollen die Ausnahmen festge­stellt werden für Kunst- und Handelsgärtnereien, Wasser- Versorgungs-Anstalten, Konditoreien, Fleischereien, Bar­bier- und Friseurgewerbe, Badeanstalten, Buchdruckereien, photographische Anstalten, Molkereien, EiS-Fabrikatiov, Mineralwasser-Fabriken.

* Der Abfall des Frhr«. v. Schorlemer-Alst vom Centrum wird jetzt fchon von der centrumS- feindlichen Presse, die diesen Abfall zuerst mit großem Jubel und mit weitgehenden Hoffnungen begrüßt hatte, von kühleren Gesichtspunkten auS betrachtet. Die .Kreuzztg.' hegt im Stillen noch immer die Hoffnung, es möchten die Grafen Ballestrem, Frhr. v. Huene u. s. w. sich der Gefolgschaft deS Frhr. v. Schorlemer- Alst anschließen. Diese Hoffnung ist jedoch mehr als eitel, da diese Herren den Freiherrn von Schorlemer- Alst genau kennen und vielleicht auch Zeugender Be­merkung der verstorbenen Frhrn. v. u. z. Franckenstein waren: „er begreife nicht wie bie C-ntrumSsraktion des Landtags es sich gefallen lassen könne, v. Schor- lemer (dem früheren Vorsitzenden) so terrorisirt

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(28. Fortsetzung.)

»Ja's Waisenhaus, mein Kind!" stotterte Johanna erbleichend. „Nein, nein, dies werden Sie nicht thun "!

„Bleib', bleib’," wiederholte der kleine Georg.

„Ich will nicht, daß man mich von meinem Kinde trennt," sagte die Frau, welche die GenSdarmen fortzu­ziehen suchten. Dann streckte sie die gefesselten Hände dem Pfarrer entgegen und rief ihm mit bittender Stimme zu:

„Herr Pfarrer, ich bitte, legen Sie für mich ein Wort ein . . . Sagen Sie den Männern, daß eS un­möglich ist, . . . daß man mich nicht von meinem Sohne trennen darf!"

„Gehorchen Sie dem Gesetze, arme Frau," wieder­holte der Pfarrer. "Furchten Sie nichts für Jtzc Kind es wird nicht iu's Waisenhaus kommen, ich werde es bei mir behalten, Sie können also ruhig sein, es ist ia in guten Händen. Wenn Sie, was ich hoff-, ihre chre Unschuld beweisen können, so können Sie eS hier wieder abholen. Wenn Sie aber verurtheilt werden sollten so gebe ich Ihnen die heilig« Versicherung, daß ich Ihren kleinen Georg nicht verlassen werde!"

„Weinen Sie nicht, liebe Frau," sagte jetzt die Schwester des Pfarrers zu Johanna herantretend, „Ihr Kind wird hier eine Mutter finden, ich nehme es an Kindesstatt an. Auch ich hatte einen Sohn in demselben Alter, Gott hat ihn zu sich genommen; es scheint, daß Gott ihn mir wiedergeden will."

„Ihn nickt Wiedersehen — nein, das übersteigt meine Kräfte!" stammelte Johanna schluchzend.

„Geh' nicht, geh' nicht, Mutter!" ritf der kleine Georg seinerseits dazwischen.

„Deine Mutter muß gehen, aber ft« wird wieder- kommm," sagte Frau Darier dem Kleinen, ihn auf ihre Aime nehmend.

„Sicher?" frug das Kind. „Ja, ganz sicher."

„Wann denn?"

„Bald. . . Bis dahin willst Du gewiß bei uns bleiben?"

„Ja, ja, ich will bei Ihnen bleiben, wenn Mama mir verspricht, daß sie bald wiednkommen will "

„Nun, nehmen Sie ihn!< stammelte Johanna uer» zweifluggSooll. „Lieben S«e ihn und sprechen Sie mit ihm von feiner Mutter! Ja, mein theureS Kind, bleck' bei der lieben Dame und dem Herrn Pfarrer — sie werden Dir sogen, daß Deine Mutter unschuldig ist und daß sie Dich liebt. . ."

Inzwischen stand Brigitta etwas abseits und sagte schluchzend: „Die arme Fcau! Die arme Frau!'

Johanna sagte dann, den Kleinen mit Küssen be­deckend :

„Nehmen Sie ihn, Madame — wenn ich ihn auch nicht mehr, sehen werde!"

Dann wandte sie sich zu den Gensdarmen und sagte:

„Ich bin bereit!“

Damit schritt sie auf daS Gitterthor zu, während daS Kind ein herzzerreißendes Geschrei ouSstieß. Frau Darier nahm es und trug es in’» HauS.

Der Pfarrer begleitete den Bürgermeister und Jo­hanna brs an die Thüre und fagte mit bewegter Stimme, die Hände über die Frau auSbreitend:

„Im Namen deS Gottes der Gerechtigkeit und der Güt-, segne ich Sie, mein Kind! Möge die Gerechtig­keit der Menschen nicht blind sein — der Schein spricht gegen Sie, aber ich glaube an Ihre Unschuld!"

Entblößten Hauptes standen inzwischen die An­wesenden do.

„Geben Sie, mein Kind! setzte der Pfarrer hinzu, als die Frau sich schon auf der Straße befand „feien Sie stark und fetzen Sie ihre Hoffnung auf Gott!"

„Nur Gott und Sie bleiben mir!“ erwiderte Jo­hanna, noch einmal umblickend.