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M 122 Mittwoch, beit 31. Mai 1893. 2«. Jahrgang

FiilimerMZeitimg

\ Herr Miquel kennt „keine deutschen Finanzminister, , welche in dec Bewilligung einmal unerläßlicher Aus­gaben für die Sicherung unserer Grenzen und unserer nationalen Wehrhaftigkeit eine Vergeudung de- Volks- vermögmS erblickten." Aber wir kennen einen, der sich alle solche Ausgaben energisch vom Leibe hält, aber sehr schön von der Militärvorlage spricht, wenn man daS Geld dem Steuerzahler aus einer au- deren Tasche nimmt, als er selbst sich für sein- finanziellen Operationen Vorbehalten hat.

„Aber werden die Richter auf meine Belhtuerung hören?"

„Wir wollen Gott bitten, daß er Aller zu Ihrem Besten lenkt, Anderer können wir jetzt nicht thun. Aber waS wolle» Sie vorläufig beginnen? Sollen Sie der Anklage zuvorkommen und den Richtern zurufen: Ich bin unschuldig, ich schwöre eS? Wird Ihr Eidschwur auf sie den nämlichen Eindruck machen tote auf wich? Ich weiß eS nicht, ich hoffe ek, ich will eS glauben, aber behaupten kann ich eS nicht. Sie dürfen, so meine ich, da Sie sich unschuldig wiffen, nicht zögern, der Gefahr zu trotzen, so groß sie auch fein mag. Was Sie zu thun haben, ist: nach Paris zu gehen und der Justiz zu sagen: Ich heiße Johanna Pottier, man klagt mich der Mordes und der Brandstiftung an und sucht mich; ich konnte mich verbergen, aber ich wollte eS nicht. Hier bin ich, um mtch mit Ihnen zu ver- binden zur Erforschung der Wahrheit!"

„Ader wenn ich mich selbst auSlieiere, so bedeutet dies nichts Anderes als das Gefängniß für mich," er­widerte Johanna. „Man wird mich von meinem Kinde trennen."

„Leider ist dies nicht zu vermeiden; übrigens haben Sie sich diese Strafe durch Ihre Flucht zugezogen. Fassen wir die Sachlage in's Auge. Ihr Signalement ist überall hin versandt, in Kurzem wird man Sie i

irgendwo verhaften und nach Paris adsühren, wo Sie dem Untersuchungsrichter Rede und Antwort zu stehen haben werden! Das ist ja allein ein vollständiger Leidensweg! Stellen Sie sich selbst der Behörde, ich werde Sie begleiten und Sie nicht verlaffen, ich werde selbst dem Staatsanwalt sagen, daß ich für Ihre Un­schuld bürge!"»

„Was soll ich thun, großer Gott!" stammelte Jo­hanna vor sich hm.

„Zögern Sie nicht, bedenken Sie, daß vielleicht schon in diesem Augenblicke die Polizei auf dem Wege hierhin ist."

29.

„Aber meine Kinder, meine Kinder!" rief dir Frau schluchzend ein über daS andere Mal auS.

Plötzlich wurde draußen heftig an der Schelle ge­rissen, während sich zugleich ein dumpfer Gemurmel von Stimmen vernehmen ließ.

„Ich habe ihr den Weg zum Pfarrhause gezeigt," sagte eine Stimme.

„Ich habe Sie i»S Pfarrhaus ein treten sihen, sie muß noch da sein, ganz sicher," sagte ein Anderer.

„Jedenfalls spricht man von mir draußen," sagte Johanna, an allen Gliedern zitternd, „jedenfalls sucht man mich!"

Brigitta hatte inzwischen das Gitterthor geöffnet;

Ftnauzmiuister Miquel über die Militär- Vorlage.

* Laut dem .Frankfurter Generalanzeiger' erklärte der Finanzminister Miquel bei einer Unterredung, daß die für die Militärvorlage erforderlichen Mehrausgaben die wirthschaftlichen Kräfte der Nation „nicht über- steigen" würdm. Die nochmalige Ablehnung der Militärvorlage würde uns in „schwere innere Kämpfe werfen, den Respekt vor unserer Macht verringern und damit die Kriegsgefahr erhöhen." Für ein ftiedlieben- deS Volk, welches sicher sei, daß auch eine verstärkte Armee niemals eine Versuchung zu kriegerischen Aben­teuern in der Hand deS Kaisers fein werde, könne die Wahl nicht schwer sein. Daß Finanzminister Miquel so sprechen, und daß daS offiziöse Wolff'iche Bureau so telegrophiren muß, ist selbstverständlich. Beides aber hat zur Beurtheilung der Mrlitärvorlage gar keinen Werth. Wenn der Herr Finanzminister ferner in Abrede gestellt hat, daß zu Gunsten der Armee Kul­turaufgaben vernachlässigt wurden, so hat er offenbar nicht daran gedacht, daß fein Kollege, Mi- nifter v. Berlepsch, noch am 26. Februar im preußischen Abgeordnetenhaus- ausdrücklich erklärte, das Handels- Ministerium btfittbe sich dem gewerblichen Schulwesen gegenüber in einer verzweifelten Lage. Er er- kenne die Nothwendigkeit einer Vervollkommnung deS Unterrichts durchaus an, habe aber nicht die finanziellen Mittel dazu. Und doch fei gerade hier eine Förderung durchaus röt big. Er scheue sich nicht, eS auszusprechen, daß. wenn der Staat genöthigt sei, dieser Aufgabe gegenüber so zurück zu bleiben wie in diesem Jahre, damit eine erhebliche Schädigung der Staatsinteressen verbunden wäre. Daneben fei nur noch an eine Verkürzung der Zuschüsse für die Fort- bildungSschulen, an die immer noch erst zum kleinen Theile gehobene Richternoth in Preußen und viele ähnliche Mißstände erinnert. Gehört eine geordnete Rechtspflege nicht zu den wichtigsten Kulturaufgaben? Daß für Landesmeliorationen nicht entfernt genug ge­schieht, ist eine bekannte Thatsache. Im Eisenbahn­wesen herrscht Stillstand und Rückschritt. Für das Verkehrswesen geschieht nicht, was tm wirthschaftlichen Interesse dringend notwendig ist. Auch eine Auf- besserung dec Beamtengehälter in zahlreichen, nament­lich den unteren Kategorien betrachten wir als eine Kulturaufgabe, schon weil viele Tausende von Beamten sonst der Sozialdemokratie anheimfallen. „Sparsamkeit am unrechten Orte kann verderbliche Verschwendung werden", sagt Herr Miquel. Das meinen wir eben­falls. Verschlänge der Militarismus nicht soviel, so würden die Mittel vorhanden sein, die d r i n g e n d st - n Aufgaben zu lösen und eine gefährliche Sparsam­keit zu vermeiden. Herr Miquel freilich sieht auch keinen Militarismus. Und warum nicht? Weil wir die zweijährige Dienstzeit haben einsühren wollen, während die unS umgebenden Großstaaten eine längere haben!

Aber, Herr Minister, sollen wir so etwas wirklich ernst n- hrnen?

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(27. Fortsetzung.)

„Ein- Mutter, welch- bei dem Haupte ihrer Kinde« schwört, lügt nicht," sagte der Pfarrer, „ich glaube Ihnen also. Aber wie kommt es denn, daß dieser Jakob Garand als ein Opfer seines Heldenmuthes, wie man sagt, seinen Tod in den Flammen gefunden hat?"

„Er tobt?“ rief Johanna bestürzt aus.

„Ja, die Zeitung sagt es klar und deutlich."

„Dann ist meine Bermtheilung sicher," murmelte die junge Frau, „wenn Garand tobt ist, dann ist keine Macht der Welt im Stande, mir zu helfen; nur die «njige Hoffnung hegte ich, daß der Elende mir gegen- über seine Lüge aufrecht zu halten wagen würde. Die Hoffnung ist jetzt verschwunden."

„Nun, beruhigen Sie sich. Sie sind insofern schul- drg, als Sie denPosten verlassen haben, welcherJhnen anvertranl war. Man hätte Sie auf der Unglücksstätte widen müssen, bereit, auf alle Fragen zu antworten. <thre Flucht war eine große Unvorsichtigkeit, wenn auch «'n Verbrechen. Im Uebrigen sind Sie gänzlich un- Mldig; rs scheint allerdings, daß eine sonderbare Ver- «vung von falschen Wahrscheinlichkeiten vorhanden ist »nd sich gegen Sie vereinigt."

sichrer verdrängen konnte. Im Centrum selbst warm die Aspirationen Schorlemer'S nicht unbekannt, seine Stellung im Cmtrum selbst unhaltbar geworden. Daher die Ablehnung des „westfälischen BauernkönigS", wieder an den parlammtarischen Arbeiten mit dem Centrum Theil zu nehmen."

* Die nationalliberale Sehnsucht nach einer A«»- söhnung zwischen dem Kaiser und dem Fürst« Bismarck ist nachgerade so groß, daß man unge­duldig zu »erben beginnt. Ein „hervorragender alter Parlammtarier" schreibt der,Nat.-Ztg.', die herrschende große Verstimmung könne nur durch die Aussöhnung beseitigt werden, toenn auch die Rückkehr Bismarck'S inS Amt nicht mehr in Frage komme. DaS „ganze Volk" erwarte die hochherzige, «lösende Thal mit Spannung. Am Ende werden die Nationalliberalen ihre Zustimmung zu der Militärvorlage noch von der Versöhnung abhängig machen. Wird doch von dem „hervorragenden alten Parlammtarier“ empfohlen, in der Wahlschlacht überall den Ruf „Versöhnung" er­klingen zu lassen, biS er Erfüllung gefunden habe.

* Der deutsch-soziale Parteitag, der amDienS« tag in Hannover tagte, hat das Tischtuch zwischm dm Deutschsozialm und Ahlwardt gänzlich durqgefchnitten, indem et nach lebhafter Debatte mit allm gegen 7 Stimmen (von 250) eine Resolution annahm, worin er jede Verantwortung für die polittsche Thättgkeit deS Herrn Ahlwardt ablehnr.

* Auf Veranlassung deS Kaisers sind nicht nur die EinberufungS-OrdreS, welche an die Landwehrmänner ergangen find, die zu den zu bildenden Landwehr- Bataillonen einberufen waren, zurückgezogen, sondern auch olle übrigen Ordres von Landwehrmänner (Mann­schaften, Unteroffiziere und Offiziere) zurückgenommm, die W den Linien-Regimentern eingezogen »orten. Diese Hebungen sind einfach Aufgeboten. Dagegen sind die an Landwehrmännern (Offiziere rc.) ergangenen Ein­berufungen auf einen spälerm Termin nach denReichS- tagswahlm verlegt worden. GrößtentheilS sind diese OrdreS am (Samstag den Betheiligten behändigt wor­den. Einberufungen, welche vor dem Tage der Wahl erledigt werden, hat man ruhig Folge geben lasten.

* Eine Revision der in Preußen in den ver­schiedenen LandeStheilen über die kirchliche Heilig­haltung der Sonn- «nd Festtage geltenden nach verschiedenen Poliz-iv-rordnungen wird von amtlicher Seite als bevorstehend vezeichnet.

* Das Reichseisenbahn-Amt gab die Beschaffenheit tes Papiers für Frachtbrief-Duplikate frei und hob die betreffende Bestimmung vom 13. Oktober 1893 auf.

* Daß Emin Pascha tobt fei, wird leider immer wahrscheinlicher. Die Brüsseler ,Jndep. beige“ veröffent­licht ein« Brief ovm Kongo, worin mitgetheilt wird, daß Emin Pascha auf der Reise von KerondS nach Wadelai auf Said ben Abad gestoßen und von diesem angegriffen worden sei. Nach einem heftigen, zwei Tage dauernden Kampfe, zog sich Emin mit starkem Verluste zurück. TagS darauf sei Emin von Neuem angegriffen, gefangen genommm und summt seinen Leuten g-tödtet wordm.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Mai.

• Der Versuch der Herrn Dr. Frhr. v. Schor- lemer-Alst, durch Aufstellung eigener Kandidaturen aus den Kreisen der Landwirthschaft einen Keil ins Centrum zu treiben, steht tm Vordergrund des Inter- esteS. Die gegnerische Presse jubelt über die Seccession v. SchorlemerS und verspricht sich dann in langen Leitartikeln die endliche Zertrümmerung deS festen CentrumsthurmeS. Unsere Gegner und Hr. v. Schorlemer stellen unseres Erachtens Rechnungen auf, ohne ben maßgebendsten Faktor, das katholische Volk in Westfalen, zu berücksichtigen. Der Einfluß deS Gründers und Vorsitzenden deS „westfälischen Bauernvereins" ist groß, aber nach unserer Kenntniß von Land und Leuten ist er nicht so groß, daß sich die katholisch« Bauern zum Abfall von ihrer alten und bewährten Partei und zum Uebergang in's militärisch-konservutiv- goutiernementale Lager verleiten ließen. Freiherr v. Schorlemer spielt ein Babanqne-Spiel. Wir fürchten für keinen westfälischen Centrumssitz, auch nicht einmal ür Steinfurt-Ahauser, wo ein Viertel der Bevölkerung irotestantisch ist. Aber wir fürchten, daß das unglück- elige Auftreten des so hochverdienten Frhru. v. Schor- emer im westfälischen Bauernverein schädlich wirkt, so chreibt man der .Niederr. Bolksztg.', Germania' und ,Tremonia' unterziehen die Entwickelung v. SchorlemerS bis zu dem jetzigen Secefsionsversuche einer schürfen Kritik, der wir unS nicht in allen Theilm anschließen, aber Nachstehendes daraus entnehmen möchten, „lieber Frhr. v. Schorlemer einst und jetzt läßt sich ein langes Kapitel schreiben, dessen letzter Titel leider nicht zu feinen Gunsten avsiällt. Sein langjähriges Fern­bleiben von dem politischen Leben bezw. seine Verzicht­leistung auf eine CeutrumSkanditatur hat ihre guten Gründe. Dem guten Windthorst hat et in den letzten Jahren seines Lebens recht schwere Stunden bereitet: an gewisser Stelle hat man den WandlungS- Prozeß, den Frhr. v. Schorlemer-Alst durchmachte, ge­nau verfolgt und alles war darauf angelegt, Windt- horst's Einfluß zu vernichten und Frhr. v. Schorlemer zum Ches des CentrumS zu machen, um mit ihm und durch ihn das Centrum in daS konservativ - gouveme« mentale Lager hinüberzuführen. Es gelang nicht; Windthorst's Ans-.Heu innerhalb der Centmmsfraktwn war zu sehr gefestigt. Di- Liebe und Verehrung, die W-ndtdorft im katholischen Volke genoß, war zu groß, atS daß er diesen gefeierten und gebotenen CentrumS-