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Dienstag, den 30. Mai 1893.

20. Jahrgang

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Wo ist der wahre Patriotismus?

* Es scheint jetzt Mode zu werden, daß nur Die­jenigen für patriotisch gelten, welche für die Militär- Vorlage eintreten, wie er längere Zeit Mode war, Diejenigen als reichsfeindlich hinzustellen, die nicht mit Bismarck durch dick und dünn gegangen find. SS ist daher wohl am Platze, für die Herren „Ober- Patrioten" Einiges aufzufrischen, woran sie vielleicht sehen können, was und wer patriotisch ist.

1. AlS das Centrum sich unter der Devise: Mit Gott für Wahrheit, Freiheit und Recht! gebildet hatte und seine erste Thätigkeit für die Freiheit der Kirche entfaltete, mußte er erleben, daß auf Grund der durch die liberale, kulturkämpferische und katholiken- feindliche Mehrheit entstandenen Gesetze (die man früher in Preußen nie kannte) Bischöfe und Priester einge­kerkert, die Sakramentspendung verwehrt, die Orden vertrieben und zum Theil verbannt und die muthigen selbstlosen Kämpfer selbst die Beschimpfung als Bäte r- landSlose und Reichsfeinde Jahre hindurch tragen mußten. War ihr Kampf nicht ein patriotischer? Galt er nicht der Stütze des Vaterlandes, der Religion, von der der selige Kaiser selbst erklärte, daß „sie dem Volke erhalten bleiben müsse!?"

2. WaS war eS anders als Patriotismus, wenn dar Centrum in aller Bedrängniß treu und unentwegt mitarbeitete an dm wirthschaftlichen u. sozialen Gesetzen und im ganzen katholischen Volke durch die vielen Jahre hindurch keinerlei Ausschreitungen vor« j tarnen, trotz der greifbaren Zurücksetzung, welche eS ' erfahren mußte, ohne jede eigene Schuld. Oder war f eS vielleicht patriotisch, direkt nach den Opfern des ä Krieges, welche die Katholiken fammt ihren Ordens- i leuten redlich getheilt haben, dieselbe ihre Minderheit ' im deutschen Reiche derart fühlen zu lassen, während sie in Preußen vorher unbehindert in ihrer Religion leben konnten?

3. AlS Anno 1887 der Reichstag in Folge Ab­lehnung deS SeptennatS aufgelöst wurde und sogar der hl. Vater veranlaßt wurde, den Katholiken die An- l nähme deS Septennates zu empfehlen, da blieb trotz z alledem dar Centrum bei seiner Ueberzeugung daß dar ' Septenrat eine Verkürzung der Volksrechte in sich \ barg. War das patriotisch und deutsch? Oder war eS , wohl patriotisch und deutsch, die Männer deS Cen- ■ trumS Jahre hindurch als Römlinge, Ultra- « montane und solche hinzustellm, die von Rom auch \ politischen Dingen ihre Befehle erwarten?

4. AlS Kaiser Wilhelm II. den Reichskanzler \ Fürst Bismarck verabschiedete, nahmen sich die Aeuße- ! rungen vieler „patriotischen" Zeitungen die großen > Kundgebungen und die Wallfahrten zu Fürst Bismarck i mindestens sonderbar aus in dem Augenblick, wo der ■ Kaiser von seinem unantastbaren Rechte Gebrauch ge- I macht hatte, und man konnte unter den obwaltenden i Verhältnissen diese Demonstrationen nicht als besonders kaiserfreundlich bezeichnen; patriotisch waren sie doch wohl nicht?

5. AlS die Militärvorlage in Behandlung kam, wurde von gewisser (jedenfalls „ober patriotischer") ;

I Seite sofort der Verdacht auSgesprochm, dar Centrum l werde um den Preis der Aufhebung der Jesuitengesetzes der Militärvorlage zustimmen, also er werde Schacherhandel treiben; gewiß ein patriotischer Borwurf! AlS eS sich aber gegen die Vorlage aussprach, da eS überhaupt von einem Schachern und allen unpatriotifchm Abmachungen nichts wissen wollte, — jetzt soll eS erst recht „unpatrio­tisch" sein.

DaS Centrum hat seit seinem Bestände unentwegt, ohne Rücksicht nach Oben, die Inter essen deS Volk eS auf religiösem, wirth- schaftlichem, sozialem und politischem Ge­biete vertheidigt und vertreten nach bestem Wissen und Gewisien; eS hat weder nach Ehre, noch nach Aemtern oder Gunst gestrebt, eS hat bald mit dieser, bald mit jener Partei gestimmt, so oft und so weit eS die Interessen deS Volkes in den betreffenden Anträgen vertreten sah. Freudig und willig ist es stets bei der Hand gewesen, wo eS nur möglich war, der Landwirthschaft, dem Handwerkerstande schützend zur Seite zu stehen und die Lage der Arbeiter zu regeln und die sozialen Zustände zu bessern. Es wird b-e Regierung in diesen Bestrebungen auch ferner unterstützen trctz der Abneigung der vielen „oberpatrio- tifchen" Großgrundbesitzer und Börsenmänner, sowie trotz den Sozialdemokraten. Oder ist es patriotisch, daß z. B. die Sonntagsruhe wegen der persönlichen Interesse gewisser Herren im Reiche immer noch nicht voll durchgeführt werden konnte?

DaS Centrum hat nicht aus Opposition gegen die Militär-Borlage gestimmt, sondern in der Ueberzeugung, daß diese Fordemngen eine Schraube ohne Ende sind, daß diese HeereSverstärkungen unsere Nachbarn gleichfalls zu weiteren Verstärkungen reizen und so eher eine Gefahr für den Frieden, als eine Garantie da­für bilden und weil daS Centrum überzeugt ist, daß f das Volk, besonders in jetzigen Zeit, schwer unter dieser j Belastung leidet und in der Folge keine verfügbaren - Mittel für Industrie, Landwirthschaft, Handwerk, soziale ' Gesetzgebung, für Kunst und ideale Zwecke übrig sein ; werden, wie solche ja hierfür zum Theile jetzt schon i mangeln.

Die Wehrhaftigkeit deS Vaterlandes nicht außer Acht • lassend (wie durch die Bewilligung der jetzt dreifachen : Truppenstärke seit 1870 bewiesen) darf daS Centrum j diese nicht als daS Höchste und Einzige in'S Un- « endliche vermehren helfen, sondern muß die Wohl- ! fahrt desBolkes nach jederRichtung hin zu ' retten, zu pflegen und «zu heben suchen und . darf diese nicht durch jene unterbinden. Scit 20 Iah- । ren hat das Centrum alle Beschimpfungen und Ver­dächtigungen derart zu Schanden gemacht, daß selbst ° ein Bismarck „den unüberwindlichen Thurm" und z die „staatserhaltendePartei" anerkennen mußte, i Das Centrum ist sich bewußt, daß eS Fälle geben kann, ! wo der wahre Patriotismus nicht im Bewilligen, son- i dern im Verweigern sich äußern muß. Nun, Ihr Her- ! ren Oberpatrioten, erforschet Euer Gew ffen, ob Euer \ Patriotismus so teilt, selbstlos und wahrhaftig ist, wie derjenige der CentrumSmänner; wenn Ihr dann findet,

daß man daS Wort Patriotismus nicht als Phrase gebrauchen darf, so sind wir zuftieden.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Mai.

* Am 30. Mai tritt das Abgeordnetenhaus wieder zusammen und eS wird dann zu beschließen haben, ob dar Wahlgesetz auf die Tagesordnung des folgenden Tages zu sitzen ist. Außerdem wird am Dienstag selbst nach Wegfall der Interpellation DouglaS über die Cholera­gefahr über einen Gesetzentwurf verhandelt, betr. die im Geltungsbereiche des Rheinischen Rechts außer­halb des vormaligen HerzogihumS Berg bestehenden Pfandschaften, sowie die Abänderung und Ergän­zung deS GesitzeS vom 12. April 1888 über das Grundbuchwesen unddieZwangSvollstreckung in daS unbewegliche Vermögen im Geltungsbereiche des Rheinischen Recht?. Betreffs diesesG«sitzentwurfS wer­den einige Abgeordnete des Centrums einen wichtigen AbänderungS-Antrag einbringen. Die Verhandlungen über das Wahlgesetz sind so wichtig, daß wohl kein Mitglied des Centrums fehlen wird.

* DieBörseu-UutersuchungS-Kommisfio« wird die Ergebnisie ihrer Bcrathungen nunmehr in einem Bericht an den Reichskanzler zusammenfassen, zu welchem Zwecke für die einzelnen Theile desselben aus der Zahl der Mitglieder der Kommission besondere Referenten bestellt worden sind.

* Das jährliche Kontingent der wehrfähige« Re­kruten, welches nach der vom KriegSmimster im Reichstag entwickelten Ansicht mit Leichtigkeit auf 240,000 Mann zu steigern wäre, ist durch inzwischen bekamt gewordene Fälle einer recht sonderbaren AuS- hebungSproxiS, von denen auch wir einige, bis jetzt nicht widerlegte, registrirten, in eine eigenthümliche Beleuchtung gerathen. Dar scheint man auch an zu­ständiger Stelle gefühlt zu haben, und deshalb mußte die offiziöse .Norddeutsche Allg. Zeitung' den Versuch machen, die vom KriegSminifter etwas urvorsichtig, ober sagen wir lieber: gar zu offenherzig behandelte Frage möglichst harmlos zu erklären; sie behauptete nämlich, „daß die Bestimmungen über die Beurtheilung der Körperbeschaffenheit der Militär pflichtigen in keiner Richtung einen Nachlaß der an die Tauglichkeit zu stellenden Anforderungen gegen ftüher enthalten". Dieser offiziöse Erklärungsversuch muß aber als ein ebenso verfehlter und mißlungener erscheinen, wie dar Bestreben des KriegSmimsters, der dem Reichstag die Ueberzeugung beibringen wollte, daß daS deutsche Reich eine noch wett größere Zahl wehrpflichtiger Mannschaft« n aufbrirgen könne, resp. thatsächlich auf­dringe, als die Militär Vorlage der Regierung fordere. Daß die Bestimmungen über die Beurtheilung der Wehrfähigkeit der Militärpflichtigen nicht geändert sind, hätte die Norddeutsche um so wenig«! za betonen brauchen, als Niemand dies behauptet hatte. Den Kernpunkt der Frage aber hat das offiziöse Blatt vollständig unberührt gelassen: die Thatsache nämlich: daß die Klasse der Bedingttauglichen, aus deren Reihen früher nur ganz vereinzelt Einstellungen

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(26. Fortießung.)

Der Pfarrer, der Maler und die Frau Darier begaben sich in den Garten; der Maler zog daS Notiz­buch hervor, in welches er aus dem Gidächtniß daS Bildniß der Unbekannten zu zeichnen begonnen hatte.

Brigitta brachte die Frau herbei, hinter welcher der kleine Georg stets mit seinem hölzernen Pferde einher trippelte.

_ Rasch musterte der Pfarrer die Züge der Frau, während Kiariffr unwillkürlich mit ihrem Stuhle etwas vom Tische abrückte.

„Kommen Sie her, Frau, und sitzen Sie sich," hob der Pfarrer an, indem er auf einen Stuhl deutete. „Der Kaff e wird Sre e'glücken."

Schüchtern trat Johanna näher.

„Stzm Sie sich," wiederholte der Pfarrer.

D«e junge Frau gehorchte.

Der kleine Georg trat an den Geistlichen heran und frug:

„Darf ich etwa? im (Setten spielen? Ich werde keine Blume anrühren."

„Gewiß, gewiß!"

Dos Kmd eilte von bannen unb ließ sein Pferd auf dem feinen Sande der Wege fahren.

Inzwischen vollendete Stephan mit dem Bleistift ; in der Hand das Bild Johanna'S, welche, ohne es zu ahnen, ihm dazu saß. ■

„Nun, Sie befinden sich jetzt besser, nicht wahr?" frug der Geistliche die junge Frau.

„O ja, durch Ihre Güte! Ich habe jetzt wieder f meine Kräfte."

„Vollständig?"

„Ja,"

„Auch so weit, daß Sie Ihre Reise fortsetzen könnten?" <

Johanna erröthete und zögerte mit der Antwort.

Dem Geistlichen entging daS Zögern nicht.

„Chemy ist wohl nicht das Ziel Ihrer Reise? Sie gedenken wohl nicht hier in diesem Dorfe zu bleiben?" sagte er dann.

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„Ich wünschte, daß ich hier bleiben und am Z'ele meiner Reise sein körnte," erwiderte Joha-ma schüchtern.

„W:e so?"

„Als ich vor Müdigkeit erschöpft, sozusagen sterbend bei Ihnen klingelte, wollte ich Sie um Ihre Hilfe bitten."

„Sie kommen zu mit!" rief der Geistliche er­nt aus.

„Ja, man hatte mir Ihre Wohnung gezeigt"

„Um was wollten Sie mich bitten?"

„Daß Sie mir helfen möchten, hier Arbeit, irgend eine Beschäftigung zu fi «den, damit ich meine zwei Kinder ernähren »kann."

„Sie haben also zwei Kindtr," sagte der Pfarrer, die flngtrebite kurz unterbrechend.

„Ja ... ein kleines Mädchen von sieben Monatm, das bei einer Amme ist und meinen kleinen Georg, welcher zwei und ein halbes Jahr alt ist."

„Und der Vater dieser Kinder?"

„Er ist tobt! antwortete Johanna, sich eine Thräne auS dem Auge trocknend.

„Sie sind also Wittwe . . . Weshalb kommen Sie gerade nach Chsory Arbeit suchen. Cleo y ist nur ein kleines Dörfchen, und eS ist hier schwerer Arbeit zu finden als in einem größeren Fl« cken. Haben Sie nicht, ehe Sie hierhin kamen, in einer Stadt gewrhnt mb hatten Sie bort nicht irgenb eine Beschädigung?"

»Doch."

„Unb Sie haben dieselbe auf gegeben?"

„Wibcr Willen . . . man hat mich entlassen, ledig­lich deshalb, weil ich gewisse Eigenschaften nicht besaß.