Beilage zu Nr. 120 der „Fuldaer Zeitung
Sonntag, den 28. Mai 1893.
hatte die Schwester de« Pfarrers geantwortet, um die DankeSergüsie der Frau abzuschneiden, „dann ruhen Sie stch gehörig aus. Sie haben wohl viel mar« fcfiirt?“
„Ja ja,“ ergriff der kleine Georg jetzt das Wort, „und dennoch hat Mama mich fast immer getragen?“
„Nun, fo kommt Beide“, gebot Frau Darier, „Brigitta hat euch bereits ein Bett zurecht gemacht.“
„Madame, darf ich mein Pferd mitnehmm?“ bat das Kind.
„Gewiß.“
Beide gingen jetzt mit Frau Däner auf das für sie bestimmte Zimmer.
„Schlaft wohl“, fagte Frau Darrer, „zum Frück« stück wird man euch wecken.“
Der Maler und der Pfarrer waren miteinander in ein eifriger Gespräch vertieft, als Frau Darier zu- rücktehrte.
„Sie sprechen gewiß von dieser armen Mutter und ihrem Kinde?“ frug die Letztere.
„Ja“, antwortete der Maler, „wir ergehen uns eben in allen möglichen Bermuthungen, welcher Zusammentreffen von allerlei Umständen die Frau, welche vor Hunger und Ermüdung gänzlich erschöpft zu sein schien, hierher geführt hat.“
„Die Geheimnisse der Elends, wie man oft fügt und fchreibt!“ versetzte der Pfarrer.
„Sie fcheint nicht hier aus der Gegend zu sein“, meinte Klariffa; „ihre Müdigkeit verräth, daß sie weit hergekommen ist.“ , ,
„Und sie scheint viel gelitten zu haben“, ergänzte der Pfarrer, „wenigstens tragen ihre GesichtSzüge dm Ausdruck großen Schmerzes“.
„Ein ausdrucksvolles Gesicht, das ich ^ebenfalls zeichnen werde“, rief der Maler aus. „Sollen wir sie nicht einmal des Näheren fragen? Die Frau hat etwas Unruhiges, Sorgenvolles in ihren Zügen; sollte sie sich nicht etwas vorzuwerfen haben?“
„Nun, ich werde sie fragen“, erwiderte der Pfarrer, indeß nur um ihr einen guten Rath zu geben. UrbrigenS glaube ich, wenn auch eine gewiffe Unruhe in ihren GesichtSzügen liegt, daß die Frau doch ehrenhaft ist. Wir werden'- ja sehen.“
Damit war die Unterredung über Johanna zu Ende; der Pfarrer griff zu seinem Brevier und der Maler nach seinem Pinsel, letzterer, um auf einem Blatt feiner Notizbuches auS dem Gedächtniß die Züge der Unbekannten zu zeichnen.
Die Klingel ertönte in diesem Augenblicke, und der Briefträger brachte die Briefe und Zeitungen.
Der Pfarrer überflog rasch die erste Seite der Zeitung und hielt dann auf der zweiten Seite bei einer großen in Fettschrift gedruckten auffallenden Ueberschrift inne, welche lautete: „Ein doppeltes Verbrechen.“
Immer aufmerksamer laS er und weiter; plötzlich stieß er einen Schrei aus, welcher Stephan veranlaßte, mit seiner Arbeit inne zu halten.
„Steht etwas Interessantes in der Zeitung?“ frug er daun aufblickend.
„Ja, aber eS ist eben so interessant auch für Sie; eine sonderbare, schreckliche Geschichte.“
„Nun, ich will'S Euch vorlesen“, sagte er daun und begann: , , .
„In der Nacht von vorgestern auf gestern ist m Alfortville ein doppeltes Verbrechen, offenbar von langer Hand her vorbereitet, mit entsetzlicher Kaltblütigkeit verübt worden. Die große Fabrik deS Ingenieurs Labroue, welche fern von jeder Wohnung m der Ebene von Alfortville liegt, ist nicht mehr. Eine ruchlose Hand hat Feuer an dieselbe gelegt, unb nut noch Trümmer sind übrig. Der Fabrikbesitzer selbst, welcher mitten in der Nacht unerwartet von einer Reise zurückkehrte, ist von dem BrandMer, welcher sich beim Diebstahl überrascht sah, ermordert worden. Außerdem hat der Werkmeister Jakob Garand als em Opfer seines HeldenmutheS seinen Tod mitten in den Flammen gefunden, als er die Kaffe zu retten suchte. Die Fabrik wurde bei Nacht von einer Frau, Namens Johanna Portier, bewacht. Alles deutet darauf hin, daß diese Frau das Doppelverbrechen begangen hat, um sich wegen ihrer Entlassung zu rächen, welche ihr Herr Labroue zwei Tage vorher gegeben hatte. Die elende Kreatur hat mit ihrem Kinde die Flucht ergriffen, während inzwischen daS von ihr mittels Petro- leum angezündete Feuer sein Zerstörimgswerk vollendete. Die Polizei hat alle nöthigen Maßregeln ergriffen, daß Johanna Portier der verdienten Strafe nicht ent- gehe. Ihr Signalement ist nach allen Seiten abge- schickt worden; eS lautet: sechs und zwanzig Jahre Mt, etwas über mittelgroße Statur , wohlgebaut , reicher blonder Haarwuchs, regelmäßige GesichtSzüge, tiefblaue Augen, entschiedenes Auftreten. Johcmna Por- tier hat ein Kind von zwei und einem halben Jahre 6e‘ ^Aber daS ist ja bis in'S Kleinste daS Bild der
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(25. Fortletzung.)
„Aber was soll Johanna haben fürchten können, wenn sie unschuldig war? UebrigenS beweisen ihre Petroleumeinkäufe nicht allein daS Verbrechen, sondern auch den Vorbedacht.“
„Welche Beweggründe soll die Frau gehabt haben?“ „Zunächst die Rache, auch vielleicht die Geldgier.“ „Hat sie denn auch gestohlen?"
„Bewiesen ist eS noch nicht, aber mehr als wahr- scheinlich, Herr Labrone ist getödtet worden in dem zu seinem Kabinet führenden Gange, hier hat man seine Leiche gefunden. Weshalb war die Mörderin an diesem Orte anwesend, wenn nicht, um den großen Betrag zu stehlen, der, wie sie wußte, in der Kasse enchalten war?“
„Dies ist doch wohl nur eine Bermuthung.“
„Dieselbe wird aber zur Gewißheit werden, sobald wir die Trümmer genau untersucht haben werden; ist kein Diebstahl begangen, so müssen stch noch Ueberreste von Gold vorfinden.“
„Sie hegm also nur gegen Johanna Portier den Verdacht?“
Verwundert blickte der Richter die Frau an.
„Wir sind auf Niemand anders aufmerksam gemacht worden — sollten Sie sonst gegen Jemand Verdacht hegen?“
„Ich muß Ihnen Alles sagen, war ich weiß und sogar waS ich denke. An dem Tage, wo mein Bruder seinen kranken Sohn besuchte, hatte ich eine lange Unterredung mit ihm. Sie wissen, daß er eine Art Erfinder war, der stets allerlei Neuerungen in der industriellen Mechanik zu entdecken sich bemühte. ... Nun hat mein Bruder mir eine vertrauliche Mittheilung gemacht, daß er nämlich soeben eine neue Guillochir- maschine erfunden habe, mittels deren man gekrümmte Flächen guillochiren könne. Er versprach sich großen Erfolg von seiner Erfindung, deren Pläne er im größten Geheimniß fertig gemacht hatte und die er auszuführen im Begriffe stand. DaS heißt, wenn ich sage im größten Geheimniß, so spreche ich nicht ganz genau: er hatte seine Pläne Jemandem mitgetheilt, welcher möglicherweise den Gedanken haben konnte, zu seinem eigenen Bortheil sich dieser Erfindung zu bemächtigen und sie auSzubreiteu, sich also zum Schaben deS Erfinders zu bereichern. Unter dieser Voraussetzung würde sich der Diebstahl, die Brandstiftung und der Mord erklären, denn daß eine Frau, so groß auch sonst chre Energie und ihr Haß sein mag, solche Verbrechen verübe, halte ich für unmöglich.“
„Wem soll bemt Herr Labrone bieseS Geheimniß anvertraut haben?“ frug ber Richter nachdenklich.
„Einem Werkmeister der Fabrik.“
„Unb wem?“
„Jakob Garanb.“
Der Kassirer schnellte von seinem Sitze empor — der Richter sah die Frau halb mitleidig, halb spöttisch an.
„Sie irren, Madame,“ sagte er bann, „wenn Jemand über allen Verdacht erhaben ist, so ist eS dieser Mann.“
„Weshalb?“
„Weil er tobt ist!“
„Tobt!“ rief Frau Vertin auS.
„Ja, gestorben als ein Opfer feines HeldenmutheS, mit welchem er sich mitten in die Flammen stürzte, um die Papiere unb die Kaffe Labrone'S zu retten!“
„So ist es,“ bestätigte Ricoux, „mit meinen eigenen Augen habe ich gesehen, daß daS Dach des Pavillons über feinem Haupte zusammenbrach und Alles in einen unermeßlichen Feuerherd verwandelte, so daß wir wahrscheinlich seine Leiche nicht mehr wiederfinden werden. Garand ist ein Märtyrer seiner Pflicht geworden. Ehre feinem Andenken!“
„Ja, ja, Sie haben Recht,“ fagte Frau Berlin, „ich fehe ein, daß ich mich irrte, ich hatte von dem traurigen Schicksale dieses wackeren Mannes keine Ahnung.“
„Nun, Sie suchten einen Schuldigen, daS ist sehr natürlich. Glauben Sie mir, der wahre, einzige Schuldige ist diese elende Kreatur, gegen welche Alles spricht, Johanna Portier. Andere Mittheilungen haben Sie nur nicht zu machen?“
„Nein.“
„Gut, wenn ich also Ihrer bedarf, fo werbe ich Ihnen Mittheilung machen.“
Frau Berttn und Ricoux verließen hieraus daS Kabinet deS Untersuch ungSrichterS.
*
Johanna hatte mit ihrem Sohne, wie wir wissen, im Pfarrhause von Cheory die erste Pflege gefunden.
„Sott wird Sie für Ihre Güte belohnen!“ hatte Johanna gesagt, als sie wieder in etwa zu sich gekommen war. „WaS würde ohne Sie ans mir unb meinem armen Kinbe geworben sein?“
„Nun, gleich werben Sie ordentlich frühstücken“,
i Literarisches.
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Der Postdampfer „Pennland“ der ,Red Star Linie' in Antwerpen ist laut Telegramm am 21. Mai wohlbehalten in Newyork angekommen.
Fran, die unter nuferem Dache weilt! Auch dar Kmd von zwei unb einem halben Jahre . . . Die Unglückliche ist vom Schauplatze ihrer Verbrechen entflohen!“
„Gemach, Schwester“, sagte ber Pfarrer, „diese Frau btfiabet sich hier unter meinem Dache; beeilen Wir uns also nicht allzu sehr, sie anzuklagm. Wenn sie schuldig ist, werden wir es schon erfahren.
„Und wirst Du dann die Sache ber Polizei an« zeigen?“
„Die Polizei mag sie suchen.“
Brigitta erschien in diesem Augenblicke, um anzu- kündigen, daß das Frühstück aufgetragen fei.
„Wie steht's mit der Fran und dem Kinde?“ frug der Pfarrer. . .
„Ich habe sie geweckt unb für sie tn ber Küche bei mir gedeckt“, gab die Magd zur Antwort.
„Gat; nach dem Frühstück mögen sie zu mir kommen.“
Der Pfarrer vermied es, während deS MahleS von Johanna zu sprechen.
Nach beendigter Mahlzeit sagte er dann zu der Magd:
„Sie serviren uns den Kaffee im Garten, bringen eine Tasse für die Fremde mit und bringen die Frau bann herbei.“
„Gut.“
„Nach Tisch sollen Sie mit bem Herrn Pfarrer im Garten Kaffee trinken, hat er mir gesagt“, sagte Brigitta zu Johanna, als sie mit ihr zu Tische saß, „bann können Sie ihm Ihr Anliegen vortragen. Er ist em guter Manu, ber nur Gutes thut. Wenn er kann, wirb er Ihnen jebenfalls eine passende Beschäftigung besorgen.“
„Soll der allgütige Gott sich endlich memer erbarmt und mich zu meinem Heile hierhin geführt haben?“ dachte Johanna bei sich. . ,
Ein Glockenzeichen benachrichtigte Brigitta, daß sie den Kaffee auftragen könne.
(Forts, folgt.!
Vermischtes.
* St. Johann, 24. Mai. Die Pulverfabrik zu St. Ingbert in der Pfalz ist gestern Abend um halb acht Uhr in die Luft g -flogen. Bis jetzt zählt man zehn Todte und viele S$erI*6t(@r66te Schnellpresse der Welt.) Bei der Herstellung des New-York „Herald" wirkt gegenwärtig die sechsfache Schnell- preffe von Hoe & Co. in New-York, welche tn einer Stunde 90,000 Exemplare von je sechs Seiten des „Herald liefert. 90,000 in der Stunde bedeutet 1500 in der Minute und 25 in der Sekunde, das heißt, die Presse wirft 25 gedruckte, beschnittene, gefalzte und gezählte Zeitungen in einem Zeiträume auS, der dem Mensch kaum genügt, bis aus 3 zu zählen.
♦ (Das Ende des Hungerküustlers.) Ein Telegramm aus London meldet, daß dort Dr. Tanner durch Selbstmord geendet hat. Dr. TannerS Name ist vor einigen Jahren viel genannt worden, er hat einen freiwilligen Sport in Mode gebracht, welcher bisher nur unfreiwillig geübt worden war, der Hungersport. Dr. Tanner war der erste Fastenkünstler von Beruf. Die Er- folge, welche er aufzuweisen hatte, „begeisterte zwar zahlreiche Nachahmer, aber keiner, auch nicht der Italiener Succl, hat es zu jener „Vervollkommnung" gebracht, deren stch der ntogerc, blasse, wortkarge Engländer rühmen konnte. Tanner hat es bis zu vierzig Tagen Fastenzeit gebracht, während welcher er mchtS zu sich nahm als eine milchähnliche Flüisigkeit, deren Zusammensetzung er als sein Geheimniß bewahrte.
* (Farbenphotographien.) Einer aus Pans kommenden Meldung zufolge hätte das Problem der photopraphifchen Wie- Vergabe der Farben einen entfcheidenden Fortschritt zur practt- schen Lösung gemacht. Ein Lyoner, Herr Loms Lunnöre, hat dem Parsser „Photo-Club" einige Platten übersandt, die mittels Projecten tadellos die aufgenommenen Gegenstände ,n ihren natürlichen Farben zeigten: Streichhohichachteln, Stoffe, Manische Schirme, Blumensträuße und schließlich auch Landschaftsbilder, die an Lebhaftigkeit der Färbung mit Aquarellbildern wetteifern konnten. Die eigens präparitten Platten werden etwa '/, Stunde ausgesetzt. Der Verein nahm die Demostratton mit stürmischem Beifall auf. „ ...
* Etwa 15 Millionen Nähmaschinen stehen gegenwärtig in Gebrauch. Die Jahresproduktion beträgt beiläufig 1,”50,000 Stück. Obgleich die ersten Versuche mit dem Bau von Nähmaschinen bis in das vorige Jahrhundert zurückreichen, ist dieselbe doch erst seit 50 Jahren in praktische Verwendung gekommen. Aus der Londoner Ausstellung 1851 waren nur drei Nähmaschinen ausgestellt. ____