JWF 120 Sonntag, den 28. Mai 1893. 20. Jahrgang
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S-t. Gin großer Uebeistaud^
der sich im sozialen und politischen Leben der Gegenwart sehr bemerkbar macht, und wenn auch nicht gerade die unmittelbare Ursache vieler Mißverhilltnisse bildet, so doch wenigstens deren Beseitigung sehr erschwert, ist die Thatsache, daß sich ein großer Prozentsatz der Staatsbürger um die allgemeinen sozialm Zustände und die politischen Vorgänge i« Vaterlande so gut wie gar nicht kümmern. Diese Leute, die absolut nicht von der Wahrheit des Wortes: „Der Mensch ist als Theil der Allgemeinheit verpflichtet, für das Wohl der Allgemeinheit nach bestem Können zu wirken" durchdrungen sind, lassen, wie man zu sagen pflegt, Gotter Wasser über GotteS Land lausen; eS ist ihnen gleichgiltig, wie eS um die Vertretung der öffentlichen Interessen im Lande bestellt ist, ob zweckmäßige oder zwecklose oder die Allgemeinheit schädigende Gesetze zu Gunsten oder im Sinne einer Minderheit entgegen den Forderungen der Gerechtigkeit erlassen werden, sie gehen ruhig ihres Weges und markiren höchstens den „deutschen Michel", der hinter dem Bierkruge sitzt, Karten spielt, und wenn'S hoch kommt, über schlechtes Straßenpflaster und unzureichende Be- leuchtung raisonirt. Sich mit politischen und sozialen Tagesfragen zu beschäftige», fällt den würdigen nicht ein, denn — Politik verdirbt den Charakter und sie wollen ihren „Charakter" besonders ihre „Ruhe" unter allen Umständen — konserviren. Sie halten wohl Zeitungen, aber sie lesen nur Anzeigen, die provinziellen und vermischten Nachrichten, auch wohl das Feuilleton, wenn er „recht spannend" ist, aber die politischen Leitartikel „können ihnen gestohlen werden.
So wenig Werth wir nun auch auf sogenanntes „polittsches Kannegießern" Hinterm Bierkruge legen, so sehr müssen wir eS andererseits bedauern, daß dar Interesse für die die Allgemeinheit betreffenden Fragen bei manchen Staatsbürgern ein so außerordentlich geringes ist. DaS ist ein Uebelstand, der sehr verderblich wirkt, und den wir deshalb einmal zur Sprache zu bringen zu müssen glauben. CS unterliegt keinem Zweifel, daß Vieler ander- und besser in unserem Baterlande wäre, wenn sich alle bewußt wären, daß er eine heilige Pflicht deS Staatsbürgers ist, den Vorgängen im sozialen und politischen Leben die größtmögliche Aufmerksamkeit zu schenken und nach besten Kräften mit für daS Wohl der Allgemeinheit zu wirken. In dieser Beziehung ist aber vieles faul. Die Selbstsucht, die im Laufe der Zeit recht bedenkliche Fortschritte gemacht hat, hält Manche, namentlich gusituttre Leute ab, sich den Bestrebungen ihrer StandeSgenossen, wenn eS sich nur um Verbesserung der sozialen Lage derselben handelt, anzuschließen und solche wirksam zu unterstützen. Dieser Erscheinung begegnen wir ganz besonders auch im Handwerkerstände und im Stande der Gewerbtrribenden, und gerade sie trägt die Schuld daran, daß eL an der zur Erreichung großer Ziele so nothwendigen Einigkeit mangelt und in Folge dessen die Anstrengungen der sich ihrer Standes- und staatsbürgerlichen Pflichten bewußten, opferbereiten Männer nicht mit größerem Erfolge gekrönt werden. Die Egoisten wollen für ihre StandeSgenoffeu und Mitglieder keine „Kastanien aus dem Feuer holen", wie sie sagen, und deshalb halten sie sich von allen Vereinigungen fern, deren Bestrebungen sozialer oder politischer Natur sind. Für alle erdenklichen Vereine und Klubs, welche dem Sport oder dem Vergnügen dienen, können sie sich erwärmen, begeistern, können sie Zeit und Geld opfern, aber für die Standes- und staatsbürgerliche Jntereffen haben sie keinen Sinn, keine Zeit und kein Geld.
Die Selbstsucht ist das Bleigewicht, welches den Fortschritt zur Verbesserung der wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Lage des Handwerker- und deS Mittelstandes überhaupt hemmt, ja theilweise sogar unmöglich macht DaS schöne Wort: „Alle für Einen und Einer für Alle!" ist Bielen zur inhaltlosen Phrase geworden, und so lange in dieser Beziehung keine gründliche Besserung eintritt durch das Jnsichgehen weiter Kreise und daS Sichbewußtwerden der Pflicht, die der Einzelne gegenüber dem Stande, welchem er angehört, und der Allgemeinheit gegenüber hat, ist an eine gute und gedeihliche soziale Entwickelung, wie sie die Zeitverhältnffs- verlangen, nicht zu denken. Wir
möchten daher eindringlich betont wissen, daß ein jeder Staatsbürger, sei er, wer er immer sei, die Pflicht hat, sich um die sozialen und polstischen Vorgänge wohl zu kümmern und nach seinem besten Hörnten für die Wohlfahrt der Allgemeinheit in leiblicher und geistiger Beziehung zu wirken. Wer dar nicht thut, namentlich aus schnöder Selbstsucht nicht thut, der macht sich einer groben Pflichtverletzung schuldig und ladet eine schwere Verantwortung — besonders in solch ernsten Zeiten, wie die unseren eS leider find, — auf sich. Bor allem muß in dem Handwerker- und im Mittelstände überhaupt der sogen. Korpsgeist, daS Gefühl der Solidarität, der Zufarnrnengehörigkett wieder mehr Platz greifen und die Einzelnen zum gemeinsamen Wirken ansporven. DaS Gefühl der Solidarität ist eS, das wir in unserer Zeit dringend nothwendig haben, und wir würden uns aufrichtig freuen, wenn diese geilen etwas dazu beitrügen, daß auch die Gleichgültigen eingedenk würden der Wahrheit, daß jeder Mensch als Theil der Allgemeinheit (moralisch wenigstens) verpflichtet ist, für das Wohl der Allgemeinheit nach besten Kräften zu wirken und, wenn eS erforder- lich, auch persönliche Opfer zu bringen, und daß sie demgemäß handelten.
Deutsches Keich.
B erlitt, 26. Mai.
* Der Wahlaufruf deS CentrumS findet bei der gegnerischen Presse durchweg eine sehr abfällige Bmrtheilung. Er ist ja auch nicht dazu bestimmt, ihr Lob zu erringen, aber ein klein wenig mehr Höflichkeit hätte man doch erwarten dürfm. Die ,Kreuzztg.' erklärt frischweg: „Noch niemals ist unS ein ungeschickteres Machwerk vorgekommen." Die „ungläubliche" Länge deS AvfrufS sei „offenbar" dazu bestimmt, die Mafien der Wähler von hem gründlichen LesmMu- halten und fie so über die grenzenlose Verlegenheit hinwegzutäuschen, in die daS Centrum unter Lieber'- Führung gerathen sei. Die Versicherung deS CentrumS, daß eS den Wahnideen deS Liberalismus den Krieg erklären will, „acceptirt" daS Blatt mit dem Bemerken, es habe bisher befürchtet, daß eS mehrern Mitgliedern damit kein rechter Ernst fei. Die.Kreuzztg/ pflegte sonst zuweilen einige Neigung für daS Centtum zu verrathen; ist es sachlich begründet, jetzt auf ein Mal eine solche Sprache zu führen, bloß weil daS Centrum eine Vorlage nicht annehmen wollte, bereit heftigste Gegner vor ihrem zweimaligen Umfall die Konservativen gewesen sind? Die Kriegserklärung gegen bett Liberalismus, welche den Beifall ber .Kreuzztg.' hat, veranlaßt die ,Vofi. Ztg/ zur Aeußerung der Hoffnung, daß es keiner liberalen Wählerschaft beikommen werde, sich in Komplomifie mit CentrumStrählern einzulassen oder Kandidaten der CentrumS zum Siege zu verhelfen. Nun, wir müssen unS trösten; jedenfalls wird die Centrumspartei mindestens so gut ohne die Freisinnigen suSkommen können, wie diese ohne daS Centrum. Der .Vorwärts' sieht den Thurm des CentrumS bröckeln und den Sozialismus al- „lachenden Erben in feine Rechte treten" und „die katholische Arbeiterschaft und Kleinbürgerschaft unter fein unbeflecktes Banner rufen." Die ,Post' redet von dem Wahlaufrufe als von einem „langathmigen Opus", feiner „beängstigenden Breite" und „gespreizten Weitschweifigkeit", die auf den Abg. Dr. L-eber al- den Verfasser Hinweise. Am unwilligsten nimmt die ,Rat.-Ztg.' daS Aktenstück auf; sie widmet ihm sogar zwei Artikel. In dem ersten knüsirt sie es im Einzelnen. In dem entscheidenden Punkt sei eS „durchaus unwahr und geradezu armselig." Gleich die ersten Zeilen zeigten die Verlegenheit, den Mangel an stichhaltigen Gedanken durch Worte zu verdicken, welche doch nicht die geringste Prüsung vertragen könnten. Nur agitatorischen Zwecken könne eS dienen, wenn vom ; „Nährstande" und „Wehrstande", vom Bürger und Soldaten als von zwei ganz verschiedenen, ja gegensätzlichen „Ständen" geredet weide. Der Ausruf, so wird weiter aurgeführt, sei widerspruchsvoll, dürftig, ohne ! eigene Gedanken; ber Abschnitt über das reaktionäre ' Cmtrums-Programm sei wohl nur so breit ausgefallen, i um die Aufmerksamkeit des Lesers von der inhaltlichen i Dürftigkeit des ersten entscheidenden TheilS adzulenken ! und nach Möglichkeit verwirrend zu wirken. Zum i Schluß ist das Blatt „begierig", ob die Mitglieder des CentrumS, welche für die MMärvorlage sind, blS zu dem Grade der Selbstverleugnung gehen werden, daß ! sie, um eine unfähige Parteileitung aus de: B.rlege»-
hett zu ziehen, auch ferner mit ber Mehrheit gingen- In einem zweiten Artikel führt baS Blatt au-, daß ber Bruch im Centtum nunmehr offenkundig fei, wenn er sich auch anders vollziehe als bei den Freisinnigen. Ma» suche ihn nur noch durch allerlei kleinliche Winkelzüge thells zu verzögern, thells zu vertuschen, die aber obenein so ungeschickt unternommen seien, wie eS von der heutigen Parteileitung sich erwarten ließ. Dam geht eS wieder über den „partikularistischen Demokraten" Lieber her, der eS in der Ungnade bei den National- Liberalen fast ganz so weit gebracht hat wie der „Welse" Windthorst. Die CenttumSpartei sei jetzt offiziell m eine demokratisch-partikularistische Partei umgewandelt. Bei dem Bruch handele eS sich um die „Scheidung katholischer Männer, welche preußisches Staatsgefühl und »ine speziell aus diesem erwachsene Reichsgesimmg hegen, von den Elementen, deren geeignetster Führer in der That ber „Mußpreuße" Lieber ist". Die.Rat.- Ztg.' würbe vielleicht etwas weniger phantasiren, wem sie sich ein Mal die Mühe gäbe, die Name» unter dem Wahlaufruf zu lese». Die ,Kreuzzeitung' hat sie ge- lese«; wmn sie sich gleichwohl nicht entWöbet, von bett Unterzeichnern zu behaupten, sie hätten ihre Unterschrift zu den „wiberspruchSvollen Sätzen" nur herge- gegeben, um die Mafien ber Wähler zu täuschen, waS soll man da von einem Blatte wie ber ,Nat.-Ztg.' erwarten? Kann benn ein Politiker mit anderen Ansichten kein verständiger und ehrlicher Mensch mehr
sein? ~ ,
♦ Ueber daS schon erwähntt Huftreten deS Frhr». v. Schorlemer-Alst in Münster schreibt die Kölnische Volkszeitung':
Bon großer prinzipieller Tragwerte war Die von Herrn v. Schorlemer-Alst aufgeworfene Frage betreffend die Bertretung der Kandwirthschäft im Centrum. Der Präsident deS Westfälischen Bauernvereins verlangte, die Versammlung solle auS- sprechen, daß vier landwirthschaftliche Abgeordnete nöthig seien. Die Versammlung ist über diesen Antrag zur Tagesordnung übergegangen; die Gründe dafür sind in überzeugender Weise von den verschiedensten Seiten in der Versammlung dargelegt worden, auch von solchen Mitgliedern, welche der Land- wirthschaft sehr nahe stehen, wie namentlich von dem Abg. Frhrn. v. Heereman. - Es ist schwer verständlich, daß ein Mann wie Frhr. v. Schorlemer-Alst einen solchen Antrag stellen konnte, der in seiner Konsequenz zur Auflösung des Parlaments und insbesondere auch der Fraktton des CenttumS in Interessengruppen führen müßte. Dem Parlament liegt die gleichmäßige Fürsorge für alle Stände ob, und das Centrum hat die gleichmäßige Fürsorge für alle Bolksklaffeu ausdrücklich in sein Programm geschrieben. Aber ein ziffernmäßiger Anspruch eines einzelnen Standes auf Vertretung im Parlament läßt sich daraus nicht herleiten. Wohin sollte das führen? fragte mit Recht ein dem Arbeiterstande angehöriges Mitglied der Versammlung. Ein solcher Antrag ist nur geeignet, den Schein zu erwecken, als seien die landwitthschaftlichcn Interessen im Centrum bisher nicht ausreichend vertreten, und dieser Schein ist ein falscher. Keine Interessengruppe hat verhaltniß- mäßig so viele Vertreter in der Centrums-Frattwn als die Landwirthschast. Niemand denkt daran, sie zurückzudrängen; in der Rheinprovinz sind z. B. jüngst ohne jeden Widerspruch mehrere Gutsbesitzer neu aufgestellt worden. Aber zu sagen: so und so viel Landwirthe sind für die eine oder andere Provinz nothwendig - das geht nicht an. Frhr. v Schorlemer-Alst hat durch sein Auftreten in Münster und seine daran sich anschließenden Schritte höchstwahrscheinlich den förmlichen Bruch mit der Centrumspartei eingeleitet. Diese Thatsache, so bedauerlich sie ist, kann nicht überraschen. Wer den Entwicke- lungsgang des fcühern Vorsitzenden der Centrums-Fraktion des preußischen Abgeordnetenhauses verfolgt hat, konnte schließlich nicht im Zweifel sein, daß Frhr. v. Schorlemer-Alst früher oder später, seine eigenen Wege einschlagen würde. Das ist letzt sm Jedermann deutlich geworden, und der Vorsitzende deS Westfälischen Bauernvereins hat auch sofort die praktische Folgerimg aus seinem Vorgehen gezogen. Ein Drahlbericht aus Münster meldet Nachstehendes: „Eine Anzahl von Landwirthen West- falens, an der Spitze Frhr. v. Schorlemer-Alst, erlassen einen Wahlaufruf, welcher die Ausstellung besonderer Kandidaten für die Reichstagswahl aukündigt. Im Programm wird gefordert: Sicherstellung des Friedens durch Erhaltung eines für die Vertheidigung unserer Grenzen und den Schutz des Vaterlandes hinreichend starken Heeres." — Nur mit aufrichtigem Schmerze kann man von der so sich verschärfenden Scheidung Akt nehmen. Die großen Verdienste Herrn v. Schorlemer S um die Sache der deutschen Katholiken und die Sache des CentrumS bleiben in vollen Ehren, und wir hoffen, daß niemals em Organ der Centrumspartei sie bei der Auseinandersetzung mit demselben außer Acht läßt; aber die polttische Centrumspartel wird den ftühern Führer kaum mehr zu den Ihrigen zählen können.
* Das Herrenhaus birieth heute bie Steuer- reform-Gesetze soweit bieselben vom Abgeordntteu- Hause bereits ges tzgederisch öerabfdgebet toorben find. In der kurzen Debatte, in welcher Graf Freb Franken- berg sich gegen bie ganze Steuerreform, besonberS gegen die Vermögenssteuer erklärte, währenb bie (Stofen Klinkowstiöm und v. d. Schulenburg - Butzendorf bie Steuer-Reform befürworteten, unb Oberbürgermeister Becker-Köln nur wegen der Ergänzungssteuer Bebenke» ! erhob, »ahm schließlich Finanzminister Miquel daS