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JV 119.

Samstag, den 27. Mai 1893.

20. Jahrgang

FiilduerWZeitliiig

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Deutsches Reich.

Berlin, 25. Mai.

* Vom Herrn Grafe» Ballestrem erhält die »Germania' folgende Zuschrift:

„In Nr. 117 lese ich die ans dem,Westf. Merk.' übernom­mene Nachricht, daß ich das Landtagsmandat für Meppen niedergelegt hätte. Dieses ist unrichtig. Ich habe dem Wahl­komitee in Meppen nur mitgetheilt, daß ich bei der Neuwahl zum Abgeordnetenhause, welche Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres stattfindet, nicht in der Lage sein würde, das Mandat wieder anzunehmen. Diese Erklärung habe ich schon jetzt ab­gegeben, damit die Herren in Meppen rechtzeittg eine andere Persönlichkeit zu chrem Abgeordneten in Aussicht nehmen und gewinnen könnten. Die Gründe, welche mich zu diesem Schritt veranlaßten, liegen auf einem ganz anderen Gebiet, als die, welche mich bei der gegenwärtigen Reichstagswahl verhindern ein Mandat anzunehmen. Diese Gründe habe ich den Herren in Meppen auseinandergesetzt; denselben ist von mir anheimgestellt, mein Schreiben in der ihnen angemessen erscheinenden Form und Paßlich erscheinenden Zeit zu veröffentlichen. Das Landtags­mandat für Meppen gedenke ich in dieser Legislaturperiode bis zu deren Ablauf weiter auszuüben."

Wie der,Äerm.' gleichzeitig aus Meppen geschrieben wird, heißt eS in dem oben erwähnten Schreiben des Abg. Graf Ballestrem an das dortige Wahlkomitee:

„Ich habe mich stets redlich bemüht, die zur Sprache ge­brachten Interessen des Wahlkreises und seiner Bewohner nach Kräften zu fördern; es war mir aber immer dabei ein höchst peinliches Gefühl, daß meine, trotz umfaßender schriftlicher In­formationen, ungenügende Kenntniß der betreffenden lokalen Ver­hältnisse mit hinderte, eine so wirksame Förderung der betreffen- den Angelegenheiten eintreten zu lassen, wie es sich gehört, und ich es gewünscht hätte"

Im Anschluß hieran heißt es in der aus Meppen an genanntes Blatt gerichteten Zuschrift: Wenn wir nun auch zugeben müssen, daß dieser U-belstand, um dessentwillen der Herr Graf von seiner Wieder­wahl im nächsten Herbste Abstand zu nehmen bittet, thatsächlich besteht, so können wir doch voll und ganz die Versicherung geben, daß der hochverehrte Herr tretz der obengenannten schwierigen Lage stets für die Angelegenheiten des Wahlkreises Meppen das­selbe Interesse an den Tag gelegt hat, wie der unvergeßliche Windthorst, und daß die Wähler sich ihres verehrten Abgeordneten immer dankbar erinnern werden. Wie theuer und lieb dem hochgeschätzten Grasen Ballestrem der ehemalige Wahlkreis WindhorstS geworden ist, das geht daraus hervor» daß Hochderfelbe für das Windthorstdenkmal in Meppen außer dem bereits früher gespendeten Beitrag von 300 Mk. die fürstliche Gabe von 3000 Mark uns hat über­weisen lassen. Gott vergelt'»!

* Zur Abstimmung der polnische« Fraktion des Reichstags über die Militärvorlage wird der ,Freis. Ztg.' auS Westpreußen Folgender mitgetheilt: Alle polnischen Abgeordneten auS Westpreußen haben sich gegen die Mllrtärvorlage ausgesprochen, mit alleiniger Ausnahme deS Abgeordneten für Stuhm-Marienwerder, v. DonimrSki aus Hintersee. Herr v. Rozycki war zwar verhindert durch Keankheit seiner Frau, an der Fraktionssitzung theilzunehmen, hatte jedoch sein Votum zuvor gegen die Vorlage abgegeben. Daß das ganze polnische Volk daS Verhalten der westpreußischen Abgeordneten billigt, beweisen die Wahlversammlungen.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(24. Fortsetzung.)

Wie ein Donnerschlag hatte die Depesche, welche der Kasstrer abgesch'ckt hatte, auf Frau Berlin gewirkt.

Obgleich dar Telegramm sehr kurz war, so war eS leider doch nur allzu deutlich.

ES war klar, daß sie ohne Zögern nach Alfort- ville abreisen mußte; was sie aber in einige Verlegen­heit brachte, war, daß sie ihren geliebten Neffen, welcher sich eben auf der Bessrung befand, nicht mitnehmen konnte. Nicht ohne viele Schwierigkeiten fand sie end­lich eine Bauervfcau. welche für die Zeit ihrer Ab­wesenheit in ihrem Hause wohnen und die Sorge für den genesenden Kleinen übernehmen wollte.

Fast wäre Frau Berlin in Ohnmacht gefallen, als sie in Alfortville anlangte und das schreckliche Schau­spiel erblickte, das sich ihren Augen darbot. Noch am Tage vorher war ihr Bruder bei ihr gewesen, frisch und munter, und fitzt eine Leiche, dazu unter so traurigen Umständen!

Der Kassirer, welcher sich, so zu sagen, als stän­diger Wächter auf der Unglücksstätte befand, war auch dort, als Frau Bertin anlangte.

Er richtete einige nichtssagende Trostworte an die

So haben sich in vergangener Woche zahlreich besuchte Versammlungen in Löbau und Neumark einstimmig gegen die Militärvorlage resp. den Antrag Huene ausgesprochen und zugleich ihren bisherigen Abgeordneten Dr. Rzepnikowski gewissermaßen ver­pflichtet, dieser ihrer Ansicht im Falle einer Wieder­wahl Geltung zu verschaffen.

* Der heutigen Sitzung des Herrenhauses wohnten bei: Der Präsident des StaatSministertumS, Minister des Innern Graf zu Eulenburg, Justizminister Dr. v. Schelling, Handelsminister Freiherr v. Berlepsch und der Minister für Landwirthschaft v. Heyden rc. Die Vorlage, betr. die Ausdehnung des Gesetzes vom 19. Mai 1891 auf das Gebiet der Bolma und ihrer Nebenflüsse, wird genehmigt; ebenso in zweiter Ab­stimmung mit großer Mehrheit der Gesetzentwurf, betr. Aeuderung des Wahlverfahrens; nach der Geschäfts­ordnung fand eine Debatte nicht mehr statt. Darauf folgten Petitionen. Die Petitionen von Landgemeinde- Empfängern wegm Pensionsberechtigung werden der Regierung als Material überwiesen; Petttionen der BerwaltungSsekretäre der Rheinprovinz wegm Regelung ihrer AnstellungS- und Pensionsverhältnisse werden durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt, ebenso die Petttionen deS Landesvereins geprüfter Zeichenlehrer höherer Lehranstalten wegm Verleihung eines ange­messenen offiziellen Titels für Zeichenlehrer und die Petition des Weichenstellers Welge wegen Nachzahlung von Pension. Die Peütion des Provinzialverems für Posen wegen Herabsetzung des Frachtsatzes für Kali­rohsalze zum Düngen wird der Regierung als Material überwiesen. Nächste Sitzung morgen (geschäftliche Be­handlung der Steuergesetze).

* Die Generalversammlung des „Deutsche« Bauern­bundes", in der die endgiltige Beschlußfassung über die Auflösung des Bundes und den Anschluß an den „Bund der Landwirthe" erfolgen foll, ist nunmehr auf den 17. Juni d. I. festgesetzt worden.

• Der allen Freunden der Missionsthätigkeit in Afrika bekannte Missionär P. Wieder schreibt auS Cabinda im portugiesischen Theil des Kongostaates, daß durch die Zurückhaltung der portugiesischen Regier­ung eS der Mission kaum möglich sei, die zwei PatteS, 2 Brüder, 3 Schwestern und 30 Kinder zu unterhalten. Bon der „Verbreitung des Glaubens" erhalte die Station 3000 Frc.; düs ist ihre einzige Bezugsquelle, weshalb sie um milde Gaben bitten. Wolle, fügt der hochw. Herr bei, Jemand statt Geld, Leinen oder sonstiges schicken, sei dies leicht thunlich durch die Firma Woermann in Hamburg. Nur müßte man ihm vorher die Sendung anmelden.

* Bamberg, 21. Mai. Eine glänzend verlaufene Versammlung des „BolksvereinS für daS katholifche Deutschland" wurde letzten Sonntag in dem geräumigen Centralsaale, dem größten Saale der Stadt, abgehalten, eS waren an 2000 Männer anwesend. Herr Graf | von Montjoye eröffnete die Versammlung; erwies darauf hin, daß seit etwa einem halben Jahre der BolkSverein auch in unserer Erzdiözese ganz respettabel sich vergrößert habe (er zählt cnca 900 Mitglieder).

Herr Domvikar und seitheriger Reichstags-Abgeordneter Wenzel legte dann in dreiviertelstündiger Rede die unredliche Kampfesweise der Sozialdemokratie, gegen welche bekanntlich der BolkSverein zunächst Front macht, dar. Oesters'von Beifall unterbrochen, wirkte der Bor- trag durch eingestreute Episoden, namentlich aus der bekannten Sozial,stenschlacht im Reichstag, auch recht erhefternd. Mit jubelndem Beifall begrüßt, nahm bann der um die katholische Sache hochverdiente Parlamm- tarier Dr. Lieber das Wort und legte in herrlicher Rede die Berechtigung und Ziele des Volksvereins dar. Jntereffant war namentlich die geistreich und schUf- sinnig durchgeführte Parallele zwischen Centtum IMd BolkSverein, wobei der Redner nachdrücklich betonte, daß daS Centrum eine politische, nicht eine kon­fessionelle Partei darstelle, während der BolkSverein über diesen Rahmen hinauSgreife. Ein wahrer Beifalls­sturm lohnte den begeisterten wie begeisternden Anwast deS Volksvereins. Der Vorsitzende, Graf v. M o n t j o y e, schloß mit einem Hoch auf den hl. Vater, Prinzregmtm und Kaiser, sowie mit einer Ovation auf Herrn Dr. Lieber die ohne jede Störung verlaufene Berfammlung. Die Sozialdemokraten, welchen, der ,AugSb. Postztg/ zufolge, einer ihrer Führer angerathen hatte, zu „demou- strattren", zogen eS klüglich vor, ben Anstand zu wahren.

* Detmold, 22. Mai. Am Hermanns-Denkmale fand heute die schon vor längerer Zeit beschlossene „Allgemeine Zusammenkunft der Anti-Se­miten Deutschlands" statt. ES hatten sich dazu an 600 Personen, darunter auch einige Ausländer, ein« gefunden. Bei dem Mangel an größern Gebäulichkeit« auf der fogen. Grotenburg, dem Standpunfte des Denk­mals, waren in unmittelbarer Nähe desselben auf einem freien Plötze zwei große Zelte aufgeschlagen, ähnlich wie man sie bei ländlichen Schützenfesten sieht. Die Zusammenkunft wurde Vormittags kurz nach 11 Uhr mit dem Choral „Thürmerlied" von Geibel eröffnet, worauf Musikvorträge der Kapelle des 55. Infanterie- SimentS, gemeinschaftliche Lieder, Trinksprüche und

en miteinander abwechselten. ES redeten n. A. die Herrn Liebermann v. Sonnenberg, Dr. P. Förster, welcher mit einem Hoch auf daS deutsche Vaterland schloß, Rechtsanwalt Dr. Müller aus Bremen, der ein Hoch auf die deutschen Frauen ausbrachte, und Schrift­steller Leuß aus Hannover. Die ganze Feier endete gegen 3 Uhr, worauf die Gesellschaft sich schnell ver- tijeilte, um auch die übrigen sehenSwerthen Punkte des Teutoburger WaldeS in Augenschein zu nehmen.

* Münster, 24. Mai. Etwa 350 Vertrauens­männer der westfälischen Centrumspartei waren heute hier versammelt. Ein besonderer Zusatz zum Auf­ruf der deutfchen CentrumS-Fraktion wurde beschloss«. Ein Anttag deS Justizraths Schultz-Hamm, in Bezug auf die Militär-Vorlage den Abgeordneten freie Ent­schließung zu gewähren, erhielt nur 60 Stimmen, unter denen sich diejenige von Freiherrn v. Schorlemer- Alst befand, lieber einen Antrag Schorlemer's, eS für nothwendig zu erklären, daß von den westfälischen CentrumS-Wahlkreisen 4 an BerufS-Landwirthe über«

Frau und sagte ihr dann, daß er über einige geschäft­liche Angelegenheiten mit ihr reden müsse, da eS sich vorläufig darum handele, die Jntereffen der Waise zu wahren.

Sodann berichtete er der Frau weitläufig über die Einzelheiten deS Unglückes und insbesondere, daß aller ; Wahrscheinlichkeit nach Johanna Portier die Haupt- i schuld treffe.

„Also diese Frau," rief Frau Bertin aus, „diefe Frau, welche mein Bruder zu mir in'S HauS thun ! wollte, um ihr und ihrem Sohne eine Zukunft zu sichern, sie hat den schrecklichen Plan ersonnen, ihren ■ Wohlthäter zu tobten! Kaum glaublich! Sollen Sie sich nicht in einem Jrrthum befinden? Bisweilen ver­folgt auch die Justiz eine falsche Fährte.....Ich

! meine, bei all diesen Verbrechen könne nur ein Mann die Hand im Spiele gehabt haben?"

„Die niederschmetterndsten Beweise liegen gegen 1 Johanna Portier vor," antwortete Ricovx pathetisch. „Daran kann kein Zweifel fein. Der Untersuchungs­richter sagt dasselbe wie ich "

i Frau Berlin schwieg, obschon sie noch nicht ganz überzeugt war;

„Der Untersuchungsrichter", fuhr Mcovx fort, „bittet Sie durch mich, sobald als möglich zu «hm zu kommen; ich werde Ihnen seinen Namen ausschreiben."

„Gut."

„Sprechen wir jetzt von den geschäftlichen Ange­legenheiten nuferes armen Chefs. Er hat mir fein volles Verträum geschenkt, und ich darf wohl sagen, daß ich eS verdiente. Meine Bücher waren stets in

bester Ordnung."

„Sind dieselben vom Feuer zerstört?"

„Gänzlich, aber ich glaube, daß ich dieselben aus dem Gedächtniß so ungefähr wieder Herrichten kann."

„Hatte mein Bruder, als der Brand ausbrach, Geld in seiner,Kaffe?"

„Ja, eine ziemlich große Summe."

„Und Alles ist verloren?"

„Selber.“

„Dann stehen wir also einem großen Schuldposten gegenüber."

„Allerdings, etwa Zweihundert Tausend Franken."

„Zweihundcrttausenv Franken!" wiederholte Frau Berlin erschrocken. „Wie soll diese Summe bezahlt werden? Ich habe kein Vermögen, und der Name meines Bruders wird genug geschmäht werden!"

„Wer soll dies thun? Ich glaube nicht, daß dies zu befürchten ist."

„Diejenigen werden kS thun, welche durch den Tod meines Bruders ihr Geld verlieren."

„Sie werden nicht so ungerecht sein! Jedermann