20. Jahrgang
Freitag, den 26. Mai 1893.
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+ Zum XIX. Jahrestage des Godes Hermann von Mallinckrodts.*)
Die Pfingstwoche des Jahres 1874 war für die deutschen Katholiken eine Woche tiefer Trauer. Am 24. Mai jenes Jahres starb Hermann von Mallinckrodt, eine tückische Krankheit hatte feinem Leben in wenigen Tagen ein Ende gemacht. Neunzehn Jahre find seitdem vergangen, ein neues Geschlecht wächst heran, welches den herben Schmerz nicht nachfühlen kann, der damals unser Gemüth ersüllte, als mitten in der Hitze des Kulturkampfes, da noch kein Ausbl'ck auf die Wiederkehr besserer Zeiten sich eröffnet hatte, unser Held, unser Führer, unser „Judas Malkabäus" fiel. Schon wird es der rasch lebenden Welt von heute schwer, sich die Zustände und Verhältnisse ins Gedächtniß zurückzurufen, bte für sein heldenhaftes Auftreten Hintergrund und Unterlage bildeten.
Bereits im Jahre 1852 wurde er in die preußische zweite Kammer gewählt und erwarb sich rasch den Ruf eines eben so schlagfertigen Redners, als kenntniß- reichen und unermüdlichen Arbeiters in den Kommissionen. Doch cs sollte eine Situation kommen, welche erst den Werth des Mannes in seiner vollen Giöße erscheinen ließ. ES brachte sie der Kampf gegen die katholische Kirche, welchen Fürst BiZmarck und die mit ihm verbündeten liberalen Parteien dem neuen deutschen Reiche als Morgengabe bescheerten, das sie gemeinsam begründet hatten. Nunmehr stand Mallinckrodt vor der eigentlichen Aufgabe seines Lebens, alles Vorausgegangene war nur Vorbereitung hierauf gewesen. In einer späteren Periode, als der Kampf zum Stehen gekommen war, als die bisherige kirchenfeindliche Parlament? Mehrheit abzubiöckeln begann und ein Umschlag der Stimmung in liberalen Kreisen Platz griff, bis endlich Fürst Bismarck selbst Hand anlegte, um wieder friedlichere Zustände herbeizuführen, da bedurfte die katholische Minorität eines Führers, welcher jeden Wechsel der Lage schnell zu er soffen, aus jeder vorübergehenden Kombination Nutzen zu ziehen, für eine jede das treffende Wo t zu finden wußte, eines Taktikers, dessen Weisungen die Partei jeden Augenblick zu folgen bereit war, ,im Vertrauen auf die Weite feines Bl'ckS nnd die Sicherheit seines Urtheils. Noch steht es in aller Erinnerung, in welch' unvergleichlicher Weise Wiudthorst dieser Aufgabe gerecht wurde. Damals aber,
*) Wegen Verhinderung unseres verehrten Herrn Mitarbeiters leider um einen Tag verspätet Das dürfte indeß dem hohen Interesse, mit welchem unsere Leser diesen schätzcnswerthen Artikel in der gegenwärtigen, politisch bedeutungsvollen Zeit aufnehmen werden, keinen Eintrag thun. D. R.
, zu Beginn der siebziger Jahre, war das Bedürfniß ein ! anderes. So lange keinerlei Aussicht auf Erfolg be- ' steht, wenn die brste Sache feindlicher Uebermacht zu ! unterliegen droht, und zugleich hochgradige Leidenschaft ! die Begriffe verwirrt und fälscht, da ist es allein schon : ein Großes und t‘ut cs vor Allem Roth, daß laut ' und unerschrocken und unermüdlich die Wahrheit vor ■ der Ö ffentlichkeit ausgesprochen werde. Darin lag die 1 provrdentielle Bedeutung bei Centrumsfraktstn nach dem i Jahre 1870, daß sie unberührt von der Verwirrung, ' welche die D-finttion der päpstlichen Unfehlbarkeit da ! und dort im katholischen Lager hervorgerufen hatte, \ und sofort von Protestanten, Juden und Ungläubigen ’ gemehrt und ausgebeutet wurde, ungeblrndct von bett kriegerischen und diplomatischen Erfolgen der Bismarck'- ! scheu Politik, int ungleichen Kampfe mit einer rück- ' sichtslosen Majorität wie mit einer Regierung, welche • zu den äußersten Schritten entschlossen schien, tagtäg» ■ lich verfolgt von den heftigsten Angriffen ober dem ! niedrigen Spotte der gesammten nichtkatholischen Pcffse, ‘ die kirchlichen Grundsätze immer aus's Neue von der i Tribüne des Reichstags und des preußischen Abge- * ordnetet Hauses verkündet. In Mallinckcodi's Reden fanden die Gesinnungen, welche in jenen hocherregten Tagen den gejammten KleruS und Tausende von katho- ; lischen Laien erfüllte, daS gtfünfte Rechtsgefühl und ! die zu allen Opfern bereite Ueberzeugungktreue ihren 1 vollsten Ausdruck. Der Eindruck freilich, den fie damals ’ hervorriefen, als sie gehalten wurden, und die gehaltenen I alsbald bis in die fernsten Winkel des katholischen - Deutschlands, wohin nur immer eine Zeitung drang, ’ von eifrigen Lesern verschlungen wurden, er läßt sich ' heute mit aller Kraft nicht mehr Hervorrufen.
! Zu den beliebtesten Redewendungen am Minister- ! tisch, in den Reden der Majorität wie in den Spalten ! der offiziösen und der liberalen Presse gehörte bte Be- ' Häuptling, der Kampf sei der Regierung aufgezwungen ' und nur zur Abwehr von Uebergtiffett von diesen ■ unternommen worden. Mallinckrodt wurde nicht müde, 1 dieselbe zurückzuweisen und ihre vollkommene Haltlosig- ' leit aufzudecken. „Die Königliche Staatsregierung", ' sagte er am 27. November 1872, „proklamirt den 1 Kampf." Sie beschönigt ihn mit der Bemerkung, der ! Kampf sei ihr auf gezwungen, und der Herr Minister beruft sich zur Rechtfertigung dieses Ausdrucks ' darauf, daß derselbe schon von einer anderen maß- gebenden Seite gebraucht worden wäre (von Fürst - Bismarck). Nun, meine Herren, die Seite von der der Ausdruck gebraucht worden ist, ist für mich da, wo eS sich um Wahrheit ober Unrichtigkeit handelt, nichts weniger als eine Autorität. Ich läugne aus's entschiedenste; ich sage, d e Behauptung, daß der Kampf, den die Königliche Staatsregierung nach eigener Versicherung führt, von kirchlicher Seite ihr aufgezwungen wäre, ist thatsächlich unwahr. Die Regierung hat eine ■ feindliche Stellung eingenommen nicht gegen eine Partei, ' nicht gegen die Centrumspartei, nicht gegen die Ultra- ! montanen, nicht gegen die Bischöfe, nein — gegen die katholische Kirche."
In tiefster Erregung bezeichnete er am 29. Januar
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Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(23. Fortsetzung.)
Der Künstler stieg in sein gewohntes Zimmer hinauf, machte etwas Toilette und begab sich dann in den ; Garten zu dem Pfarrer, welcher ihn mit sich in eine kleine Laube zog, wo sie bald in ein eifriges Gespräch vertieft waren.
„Du wirst mir gewiß Vieles zu erzählen haben," hob der Geistliche an, „seit dem halben Jahre, in wel- , chem wir unS nicht gesehen haben."
„Nein, mein Leben ist ganz ruhig dahing> flössen." '
„Und wie stehr's mit der Arbeit?"
„Ich arbeite viel, mit Eifer und mit Freude."
„Und mit Erfolge?"
„In materieller Beziehung kann ich zufrieden sein, ich verkaufe ziemlich. Aber daS Geld ist cs nicht allein . . . ."
„Du möchtest auch Ehre und Ruhm ..."
„Nun, wenn auch gerade keinen Ruhm, ich möchte wenigstens einigermaßen bekannt werden."
„Aber Du bist ja bereits bekannt!"
„Noch nicht genug; ich möchte mit einem Male j großes Aufsehen erregen."
„Und was wäre dazu nöihig?"
„O, nur einen ausgezeichneten Stoff za finden, j und den dann meisterhaft auszuführen; allerdings gerade keine Kleinigkeit!" j
„Vielleicht findest Du eS hier?"
„Ich wünfche eS, ja ich hoffe es sogar, denn Ihre Freundschaft hat mir noch immer Glück ge» i bracht."
Der Abbee Lagier, ein in jeder Hinsicht wüster- | Hafter Geistlicher, wie wir bereits bemerkt haben, war 1 ein Sludiengenosse und sehr großer Freund des Vaters ■ des jungen MalerS gewesen; er hatte den Sohn heran- ! wachsen sehen und auf ,hn bie Liebe übertragen, welche ! er gegen den Vater gehegt hatte, und um so höher schätzte er Stephan, als er in ihm einen edlen jungen Mann kennen gelernt hatte, der stets auf der Bahn des Guten wandelte. I
Um elf Uhr also saßen unsere drei Personen im l Speisesaale zusammen und nahmen das einfache, trenn j auch gewählte Mahl ein. i
Da Stephan heute sich noch nicht an die Arbeit i machen wollte, so ging er mit dem Pfarrer nach , Tisch auS- und begleitete ihn zu den Armen und Kranken. ,
Erst zum Mittagsmahl kehrten Beide zurück und eine Schachpartie, bei welcher heftig um den Sieg ge- stritten wurde, schloß den Tag.
1874 das gesetzgeberische Vorgehen als einen Vergiftung? Prozeß. „DaS ist Tendenz." Dieser Vergift- uugsprozeß kennzeichnet sich in der ganzen Gesetzgebung, wie wir sie in den Maigesetzen erhalten haben. Es ist der geheime Gedanke, der lediglich darauf hinausgeht, durch eine Beeil flassung der Kirche in allen ihren Organen und allen ihren Lebensäußerungen ihr einen anderen Geist zu infiltriren, als den, bei ihr eigen ist, und sie dadurch ihrem Wesen nach umzugestalten zu dem Dinge, das der Abgeordnete Petri als daS WünschenSwerthkste hingestellt hat, zu einer Nationalkirche und als weitere Instanz zu der unsichtbaren Kirche für alle. Wenn Sie an dem Ziele der unsichtbaren Kirche angekommen sind, bann wird wohl Niemand mehr behaupten, daß es sich um die katholische Kirche handelt."
Wenige Tage später, am 7. Februar stand das Gesetz über die Verwaltung erledigter Bisthümer zur ersten Berathung. Damals war es, wo Malluckcodt an die Regierung die Frage richtete, ob es denn in ihrem Interesse liegen könne, „ein Volk in einem großen Theile seiner Angehörigen bis auf die tiefsten Tiefen des Herzens aufzuregen? Glauben Sie, daß eine Äe- völkerung, die sich in Beziehung auf das, was ihr als das Heiligste gilt, so klar geworden ist, wie ich eben ausgesprochen habe, ohne die Empfindung der aller tiefsten Empörung, ohne Knirschen des ganzen inneren Meu-schen solche Zustände sehen kann?" Auch heute noch wird man die weiteren Ausführungen seiner Rede nicht ohne Bewegung lesen. „Man kann fragen darnach, meine Herren", tagte er im Verlaufe derselben, „war ist denn unsere Hoffnung? Nun, ich sage, vom gewöhnlich menschlichen Standpunkte ausgesprochen, da wäre die Aussicht, mit Ehren zu fallen, und daS ist besser, als mit Schanden den Nacken der Tyrannei beugen! Vom christlichen Standpunkte aus aber sage ich: Wir beten und wir rechnen fest auf den allmächtigen Gott."
Mit berechtigtem Stolze und in fast prophetischen Worten konnte er noch in einer letzten Rede der Regierung und der gegnerischen Parteien vorhalten, daß sie sich verrechnet hätten: „Sie haben gemeint, Sie bekämpften nur Bischöfe, wankelmüthige, schwache Bischöfe, Sie haben gerechnet auf den Zulauf des Klerus in Hellen Haufen. Sie haben sich verrechnet, meine Herren. Die Erfahrung hat >s schon heute koustatirt, daß der Klerus feststeht zu seinen Führern. Sie haben ferner gesagt und gedacht, Sie hätten eS nur mit Geistlichen zu thun — nein, meine Herren, Sie haben es genau eben so sehr mit den Laien zu thun, und wer Augen hat und will sie brauchen, um zu sehen, der hätte schon heute Gelegenheit genug, sich davon zu überzeugen. Sie sehen in unseren westlichen Gegenden die Entschlossenheit, die ruhige Haltung, den festen Willen, mit dem viele Tausende von Menschen auf die leiseste Anregung sich in Bewegung setzen, um angesichts des Kerkers, der ihres geistlichen Hirten wartet, ihm ein Lebewohl zu sagen, ihm die beruhigende Versicherung zu geben, daß er auch, wenn er seinen Hirtenstab nicht mehr in der Hand halten kann, beruhigt sein
Am folgenden Morgen erhob sich Söphan frühzeitig, machte feine Palette zurecht und ging dann in den Garten, wo er rasch eine Skizze der in der ersten Morgendämmerung erwachenden Landschaft auf die Leinwand warf.
Als der Pfarrer rach sieben Uhr aus der Kirche kam, fand er Stephan bereits bei der Arbeit.
„Nun, fo ist's recht!" sagte er zu ihm. „Ich bin zwar kein Kenner, aber ich glaube, daß diese Skizze gut ist. Ich glaube, daß Du ein gutes Auge hast und daß Du das Gesehene ebenso gut auf der Lern- wand wiedergibst."
„Sie schmeicheln mir wenigstens ebenso gut.
„DaS heißt, was ich sage, ist mir so gemeint. Fahre so fort." Der Abbee ließ sich unter einem bet großen Kastanienbäume nieder, von wo er die Arbeit deS MalerS übersetzen und allenfalls auch einige Worte mit ibm wechseln konnte, während Frau Datier bnnnen sich mit den häuslichen Arbeiten beschäftigte und Bn- gitta den Kaninchen und dem Federvieh daS Futter reichte.
Zehn Minuten später klingelte es.
„Ein Besuch", meinte Stephan.
„Die Thüre steht offen" , sagte der Abbee, „die Leute, die zu mir kommen, kennen die Gewohnheitm