Fuldaer
JM 117
Donnerstag^den25^Mai 1893.
20. Jahrgang
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Deutsches Reich.
Berlin, 23. Mai.
* Durch die liberale Press; geht gegenwärt'g eine romanhaft aufg« putzte Geschichte über die Unterredung des Kaisers mit dem hl. Vater. Wir haben diese Mittheilungen unbeachtet gelassen, weil ihre Unzuverlässigkeit aus äußeren wie aus inneren Gründen leicht zu ersehen war. Nun kommt auch die .Nordd. Allgem. Ztg.' und erklärt offiziös, daß die Mittheilungen dieses Berichtes, sowohl was die angeblichen Vorverhandlungen über die Zusammenkunft, als auch, waS die Unterhaltung selbst betrifft, von Anfang bis Ende auf freier Erfindung beruhen.
* Die Pole» haben in der Militärfrage eine geradezu unvegre fliche Haltung eingenommen. Ein Theil der polnischen Abgeordneten war von vornherein dagegen, ein anderer, etwas größerer, „aus höheren Gründen" dafür, und da die polnische F aktion den unsittlichen und ungesetzlichen Fraktionszwang in ihren : Statuten hat, mußten alle für die Militärvorlage j stimmen. Daß die Frakiion dam-.t aber keineswegs die ! Stimmung ihrer Wähler getroffen hat, ergibt sich > aus zahlreichen Stimmen der polnischen Volkspnsse > und aus Versammlungen, in denen unabhängige pol- i Nische Kandidaturen vorgeschlagen werden. Anscheinend, ; um diese Mißstimmung des polnischen Volkes zu dämpfen, ' läßt nun die Fraktion verkündigen, daß Kardinal i LedochowSki und Erzbischof StablewSki die l Politik der Fraktion gebilligt hätten. Der letztere hat ! folgendes Telegramm an Dr. Kantecki gerichtet: „Ich theile dir mit, daß ich dem Abg. Komierowski und der polnischen Fraktion für bereit Haltung bei der Abstimmung über die Regierungs-Vorlage gedankt habe. \ Florian, Erzbischof." AuS Rom läßt sich der .Kuryer i Poznanski' „aus bester Quelle" berichten, daß der i Kardinal LedochowSki lebhaft mit den polnischen An- ' gelegenheiten sich beschäftigt und daß er auch die Politik i der Fraktion unterstützt, sowie daß diese Politik nicht ! weniger Anerkennung auch in noch höheren Kreisen . findet. Das T- legramm deS Erzbischofs schließt schon ' eine politische Beeinflussung in sich, wie wir keine andere der Art in den 45 Jahren des preußischen parla- i mentarischen Lebers von kirchlicher Seite kennen. Und nun will daS Organ der polnischen Fraktion auch gar I „noch höhere Kreise" in die Debatte ziehen?! Bereits j figurirt der hl. Vater in den Kreisblättern unter i der Ueberschrist: Der Papst für die Militärvorlage! Die Polen sollten doch solche Dummheiten der Kulturkämpfe, presse überlassen, welch; jetzt wie 1887 in die > Kutte zu schlüpfen zu gern bereit ist. Sind denn die >
Polen unfähig, sich auf einen rein fachlichen Standpunkt zu stellen?
* Herr vo« Egidy, Oberstlieutenant a. D., der sich als „selbstständiger Kandidat" um das Mandat des 1. Berliner Wahlkreises bewirbt, hat sich am Donnerstag seinen Wählern vorgesttllt. Er werde, so erklärte er, im Reichstage nicht bloß für den Gedanken des ewigen Friedens, sondern auch für das Wohlergehen aller Gesellschafts-Klaffen eintreten. Ob er für die Militär-Borlage stimmen werde, könne er schon deshalb nicht sagen, weil die Beschaffenheit der Vorlage noch gar nicht bekannt sei (!) und es auch seinen Grundsätzen widerspreche, bezüglich einer Frage eine Verpflichtung einzugchen. Ec stehe am nächsten der sozial- i demokratischen Part, i, er könne sich aber einem Partei- ■ Programm nicht unterwerfen. Im Uebrigen (!) stehe - er auf streng monarchischem Boden, fei aber der Mei- | nung, daß sich auch die Monarchie der immer mehr ' bahnbrechenden Weltanschauung werde anbcquemen ' müssen. Das war Alles, was auf die Anzapfungen von den verschiedensten Seiten über seine politische Stellung heraus tarn. Mittheilsamer war er über seine religiöse Stellung. Mit Unrecht halte man ihn für einen religiösen R formator. Er habe an die Vertreter ■ der Kirche einen Appell gerichtet, der aber kühl abge- i lehnt worden fei. Seit dieser Zeit gebe eS für ihn ■ keine Kirche mehr. (Stürmischer Beifall.) Er kenne ; nur noch eine Religion, die R ligiou der reinen Räch- ? stenliebe. Er verwer fe jedes Dogma und halte der halb : die Kirche für überflüssig. Diese Ausführungen behag- i ten feinen atheistischen Anhängern und den anwesenden i Sozialdemokraten natürlich sehr. Dagegen waren von ’ den politischen Darlegungen nur sehr wenige befriedigt, f Abgesehen von dem an allem Möglichen mit hemm- ' reformirenden SanitätSrath Dr. Küster trat nur noch der Vorsitzende des „Bundes der Boden - Reformer", ; Fabrikant Frehfe, für die Kandidatur Egity ein.
* Herr Baumbach wird nun bald in Frankreich ein bekannter Mann fein, da fein R rcontre mit Herrn ■ Herbette sogar den Gegenstand einer Inter p-llatiou \ in der französischen Kammer bildet. Wie eS scheint, ist i die Reise deS Botschafters, der sich mit Urlaub für ; einige Zeit nach ParrS begeben hat, mit dieser Ange- ! legenheit in Verbindung zu br ngen. Soll doch sogar I daS deutsche auswärtige Amt dieserwegen in Ansprrch genommen worden sein, denn, der ,Frkf. Ztg.' zufolge, i ist der Veröffentlichung in der ,Nordd. Allg. Ztg.' eine ! längere Unterredung deS Botschafters Herbette im Aus- i wärtigen Amt vorausgegangen. Herr Baumbach hat ; sich durch seine Taktlosigkeit auf dem Diner beim Reichs- i kanzür, bei dem er den französischen Botschafter nach der Art eines amerikanischen Interviewers ausholen ; wollte, noch mehr blamirt als durch seine unkluge Be- ' merkung in der Wahl-Versammlung. Das ist sicher: - Vic,Präsident des Deutschen Reichstages wird Herr i Baumbach unter keinen Umständen wieder.
* Die ,Nordd. Allg. Ztg.' schreibt: Mit Bezug auf 5 unsere Mlttheilungen über die Erstürmung von ; Hornkranz schreibt die,Franks. Zeitung', daß wir uns ' ein Verdienst erwerben würden, wenn wir ihr folgende ' Frage beantworten wollten: Ist eS wahr, daß unter i
den im Ganzen 80 Gefallenen sich 70 Frauen befinden, und ist eS wahr, daß in dem amtlichen Bericht über das Gefecht Bedauern über dieses auffällige Riß« verhältniß zwischen getödteten bewaffneten Männern und wehrlosen Frauen auSgedrückt wird? Wir find in die Lage gesetzt, die beiden Fragen mit „Nein" zu beantworten.
* Neuß, 21. Mai. Landrath v. Schorlemer, Sohn deS Frhrn. von Schorlemer-Alst, wird als Gegenkandidat der Kandidaten der Centrumspartei (Rittergutsbesitzer Weidenfeld) aufgestellt. Derselbe hat sich bereits im Jahre 1887 dazu hergegeben, sich als SeptennatSkandidat gegen den Centiumskandidaten aufstellen zu lassen, und dabei sich eine gewaltige Niederlage zugezozen, die ihm natürlich auch dieses Mal sicher ist.
* Ueber das Centrum und die Landwirthschaft wird auS Bayern geschrieben: Für daS Centrum ist am 5. Mai in Augsburg selbst der Generalvertreter des deutschen Bauernbundes für Bayern, Herr Lutz, der prot. konservative Reichstags- und LandtagS-Abge- ordnete eingttreten. Schon mehrere Male hat er in öffentlichen Bauernversammlungen die Verdienste der CentrumS um die Landwirthschaft anerkannt. Auf der Würzburger Bauernversammlung am 23. April sagte Lutz ausdrücklich, die Centruwspartet sei entschieden schutzzöllnerisch. In Augsburg kon« ftat’rie er am 5. Mai der Wahrheit gemäß, daß der CentrumS-Abgeordnete Denringer im letzten Landtage sehr warm und eindringlich auf die Nothlage der Land- wirthfchaft hingewiesen habe. Er hätte auch noch eine R ihe anderer Redner ouS dem Centrum nennen kömen, welche in der Kammer sehr energisch die Interessen der Landwirthschaft wahrnahmen, in allererster Linie Frhrn. v. Soden, bann bet Abg. Zoll rc. Lutz hat auch in Augsburg im schroffen Gegensätze zu gewissen Hetzereien gesagt: „Wer bisher CentrumS-Abgeorbnete gewählt, ber mag sie wieber wählen, nur muffen wir verlangen, daß bie Herren eintreten für bie landwirth« schaftlichen Inter-ssen." Ein neuer Zeuge für bie Ser» bienfte beS Centrums um bie Landwirthschaft ist jetzt in Unterfranken hervorgetreten, und zwar einer, von dem man eS nach feinem Auftreten in ber letzten Zeit nicht hätte erwarten sollen. Freiherr von Thängen- Roßbach, ber prot. Bismarck-Anbeter unb Schöpfer bes Fränkischen Bauernbundes, hat sich in einer an daS .Fränkische Volksblatt' gesandten Erklärung feierlich dagegen verwahrt, daß in den Versammlungen deS Bundes dem Centrum Vorwürfe gemacht worden feien. Freiherr v. Thüngen schreibt wörtlich: „In bett meisten (Versammlungen) wurde deS CentrumS gar keine Erwähnung gethan, und wo eS geschah, da wurde seine Thätigkeit für bie Lanbwirthschaft und bett Sau er n ft anb gerühmt."
* Freiburg i. Br., 21. Mai. Nach ber .Franks. Ztg.' „wirb bringenden, auS dem achten Wahlbezirk laut gewordenen Wünschen entsprechend, gegen Lender trotzdem ein Centrums-Kandidat aufgestellt." Die Stimmung ber Wähler fei ber Wiederwahl Lender'S wenig günstig.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(22. Forrjesung.)
Wir bitten unsere Leser, nnS zum Pfarrhaus; von Cl.oory zu begleiten, 24 Stunden vorher, genau an jenem Morgen, wo nach dem nächtlichen Gewitter sich bie Morgensonne strahlenb über bie rauchenden Trümmer brr in Branb gesteckten Fabrik erhob unb wo Johanna nebst ihrem Sohne im Walde eingeschlafen war.
ES war 8'/, Uhr.
Ein junger Mann von 23 Jahren verließ eben den Zug, welcher in Paris gegen 7 Uhr abfährt unb zu Brie-Comte-Robert um 8 Uhr eintr.fft.
Der junge Mann, welcher m t dem vollstänbigen Inventar eines Landschaftsmalers — Farbenkasten, zu« fammenlegbaren Gestell unb Regenschirm — versehen war, ging fröhlich unb schnellen Schrittes bie von großen Bäumen beschattete Straße dahin, welche nach Choory führte. Es war ein junger Mann mit feinen, regelmäßigen GesichtSzügen unb einem geistreichen, angenehmen Ausdruck. Seine Augen verriethen zugleich ebenso sehr große GeisteSftische als eine ungewöhnliche Willenskraft.
Ein weicher Filzhut faß kick, etwas nach rechts ge-
! neigt, auf einem natürlichen schön gewellten Haupthaar.
! Dieser junge Maler hieß Stephan Saftet
Seine Mutter hatte er nie gekannt; sein Vater, ein : Kaufmann auS bem Slabttheil Montmartre, war vor | vier Jahren gestorben, Stephan ein kleines Verwögen hinterlassend, w lches ihm gestattete, bie künstlerische i Laufbahn einzuschlagen, welche, wie er hoffte, ihm Ehre ! unb Br ob bringen sollte.
24.
Stephan Castel besaß wirklich einen Beruf zur Kunst, unb burch feine ausdauernde Willenskraft, durch ernsthafte Studien und emsigen Fleiß hatte er bereits : die Aufmerksamkeit von Kennern cuf seine Leistungen zu ziehen gewußt.
Boll Bewunderung betrachtete Stephan, während er seines Weges dahinzog, die eigenthümliche Färbung, in Welche der Herbst die Natur kleidet.
Als er das Dorf betrat, grüßten ihn einige vor« beikommende Bauern anscheinend als einen alten Bekannten.
Am Pfarrhause blieb er einen Augenblick stehen, klingelte, schritt dann durch ein Gitterthor, welches einen kleinen Vorgarten von dem Pfarrhause trennte, ging durch den Borgarten selbst um das Haus herum und stand jetzt im Gemüsegarten, in welchem der Pfarrer, I
eine Harke in der Hand, mit Gärtnerarbeit beschäftigt war.
Aus daS Geräusch ber Tritte hin blickte ber Geistliche empor unb eilte bann, als er Stephan gewahrte, mit einem Ruf ber Freude dem jungen Manne entgegen.
„Ah, willkommen, thenerer Sohn!" rief der Pfarrer aus, dem Ankömmling herzlich bie Hanb drückeub. „Eine angenehme Ueberraschung!"
„Sie verzeihen mir also, Herr ßangier," erwiderte der junge Mann, „daß ich bei Ihnen so unvermuthet in'S HauS hereirffalle?"
„Recht gerne, wofern Du mir versprichst, baß Dein Besuch ein langer sein wirb."
„Acht Tage kann ich bleiben."
„Nicht mehr? DaS ist wenig."
„Es ist mir unmöglich, länger zu verweilen."
„Dann werben wir wenigstens noch einige Ausflüge unb Promenaben machen können . . ."
„Unb einige Schachpartieen . . .“
„Nun, wir wollen sehen, ob Du stärker geworben bist als vergangenes Jahr."
„Ich fürchte, baß ich nur geringe Fortschritte gemacht habe."
„Aber Du bist gewiß müde."
„Nicht im Mindesten."
„Nun, lege diesen ganzen Apparat zur Seite und