V 116
Mittwoch, den 24. Mai 1893
über au stellen.
unseres erhabenen Dulderkaisers Friedrich ist unsere «anze Haltung seit der Gründung der Partei bestätigt Ohne gewissenhafte Achtung der Verfassung
GuvdcharakterS des Deutschen Reichs als eines Bundes st aates und an den von unsern ver« dienten Vorkämpfern mühsam errungenen Gerechtsamen des deutschen Volkes und seiner ver
los, ist jebe staatliche und gesellschaftliche Ordnung die mnere und die äußere Sicherheit des Reiches gefährdet. Auf diesem unerschütterlichen Grund muß unser RcchtS- und WirthschaftSlebm sich entwickeln. Dem gemäß halten wir insbesondere unverbrüchlich fest an der
„Das oberste Gesetz ist die Verfassung Sie vor Allem muß in der Ehrfurcht und in der Sitte der Nation sich befestigen; ihre Bestimmungen müssen
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(21. Fortsetzung.)
Die Papiere und die Banknoten waren zwar ein wenig feucht und zerknittert, aber schließlich machten sie immer ein Vermögen aus.
Ein teuflisches Lächeln umspielte die Lippen des Schurken.
Sorgfältig faltete er die Frucht seines Verbrechens zusammen, wickelte Alles in sein Taschentuch, erhob sich und schritt auf Paris zu.
Seine Müdigkeit war gänzlich geschwunden.
Sieben Uhr schlug eS, als er die Stadt betrat.
Seine nächste Sorge war eS, sich zunächst bei einem Straßen - Wichker seine Kleider und Schuhe gehörig reinigen zu lassen. Dann begab er sich in ein Kleidergeschäft, wo er Schuhzeug, Kleider, Wäsche und endlich einen kleinen Koffer kaufte, in welchen er all' die gekauften Sachen zusammerpackte. Dann nahm er ein Bad, wechselte die Kleider und war so vollständig umgewandelt.
Nur seine Gcsichtrzüge machten ihn allenfalls kenntlich; insbesondere konnte die ungewöhnliche Färbung seines Bartes und Haupthaares vielleicht einige Aufmerksamkeit erregen.
Er kaufte sich deshalb bei einem Koiffeur Färb- material, um auch diesem Uebelstande abzuhelsen.
Eine halbe Stunde später zeigten die Haare de- 1
allgemeinen, gleichen, unmittelbaren und ge- Hermen Wahlrechts und werden für den wirk- jSv4)m4» Sv.« <m t-t-t»- ri"-’
Erfahrungen nothwendig und unaufschieblich machen. Ohne Gewissensfreiheit keine bürgerliche, keine
S I Ä!°" m alte anbei«, Punkten und in
Nicht Augenblickes Nützlichkeit, Gerecht- lgkert ist Fundament der Reiche. Was der
werden gern bewilligen, wie wir dies auch jetzt gewollt, aller Zukunft was dazu innerhalb der gegenwärtigenFriedenspräfenz^ "" ' “
.^^dhung des Rekrutenkontingents, an Durch» < igi.cn in »funoament oer Reicke Ntki« 8-1-
L »*•**618
Mann, des dauernden Geldaufwands um jährlich 40 de« einmaligen um 32 Millionen Mark bedeuten und EäSE?» i ffi
Am Allerwenigsten konnten und können wir dem Aus-
gangkpunkt und Ziel der jüngsten Vorlage der ver- , vyilc gcwiiienoaTie umiunu oer «crfnff.tn.
feer tJoHen Durchführung feer allgemeinen Wehrpflicht, wenn auch bei Einführung der zwei- lähngen Dienstzeit für die Fußtruppen. Hier schieden
s ge. Wir mußten Vor- । yuiiui wir insoe;onoere unvervrüchlich fest an der sä- «ÄftSSÄ । WMKk“ÄS lastung des Volkes nothwendig zur Folge hatten und auf die obwaltenden hochbedenklichen wirthschaft- lchen und Sozialzustände unseres Landes keine Rück- , uc» ueuiituen yoires uno ,einer h,r= WÄÄÄtaÄÄJ । «-»"d beb
dle uns dieselbe auferlegte. Wir thaten es aus eigenster bsster ^Ueberzeugung, fühlten.iui\,toi^en uns iedoch
m .Z«» dritten Mal seit fünfzehn Jahren ist der Reichstag aufgelöst, zum zweiten Mal aus Anlaß einer Heervorlage, zum ersten Mal um einer Frage willen von so grundsätzlicher Bedeutung wie die, welche nun zu deS Volks Entscheidung steht. Nicht um daS Dasein, die Ehre und die Zukunft des Vater- landS gegenüber seinen äußeren Feinden handelt sich'S. In der Erhaltung des Reichs und seiner Sicherheit nach außen gibt es in Deutschland keinerlei Parteiung. Streitig ist einzig, wie dar Reich am Besten erhalten, in sich gefestigt und vor innerem und äußerem Feind zugleich gesichert wird. Die Umwandlung des Reichs rn einen Militärstaat, ein stehendes Heerlager bereits m Frledenszeiten; die dauernde Heranziehung deS letzten halbwegs waffenfähigen Manns, die bleibende über» ««ßlge Belastung des nothleidenden NährstandS für den Wehrstand bis zur Erschöpfung vor dem Krieg: das ist s, worum der nun entfachte Kampf geht. Er war zu wichtig für die ganze Zukunft unsers Volks- und Berfassungslebens, als daß wir nicht schon darum ihn zur Entscheidung deS deutschen Voltes selber bringen ^"dten-.3» diesem Sinne wird der Widerspruch gegen me Militärvorlage Caprivi und dm, von den verbündeten Regierungm aufgenommenen, Antrag Huene im Vordergrund der jetzigen Wahlbewegung stehen, das Feldzeichen des Centrums in der Wahl- schlacht sein. ’
So nach wie vor sind wir bereit, für Heer und ^°"e .Alles, was zur Wehrhaftigkeit des Reichs erforderlich »st, zu bewilligen. Allein wir fordern auch Oie volle fesio vfi v V A,
tretung darüber, was zu dem Zweck in Wahrheit nöthig ist, wie die Verfassung sie gewährleistet. So nach wie vor halten wir ein starker, schlagfertiges Landheer und eine ausreichende Seemacht in der gegenwärtigen Zeit und angesichts der Lage Deutschlands in Europa für unentbehrlich. Allein wir können unser Auge nicht vor der gleich wichtigen Nothwendigkeit verschließen, die finanziellen und wirthschaft- lichen Verhältnisse deS Reichs, der Einzelstaaten und deS Volks, die sich zur Zeit in einem durchaus unbefriedigenden Zustande befinden, dabei aufs Sorglichste zu schonen und zu pflegen. So nach wie vor achten wir die Bestimmung der Verfassung heilig, daß jeder Deutsche wehrpflichtig. Allein nicht minder unbeugsam bekennen wir uns zu dm, unter Zustimmung der verbündeten Regierungen von nahezu dem ganzen Reichstag erst vor drei Jahren angenommenen Resolutionen Windthorst, nach bereit erster bie wirkliche Heranziehung aller wehrfähigen Mannschaften zum aktiven Dienst bem Deutschen Reich unb Volke gerabezu unerschwingliche Lasten auferlegen würbe. So nach wie vor erachten wir bte Einführung bet gesetzlichen zweijährigen Dienstzeit bei ben gesammten Fuß-
, ---------------------- 20. Jahrgang
iildakrWZeitiiiig
Sonn- und Feiertage ausgenommen.
gesellschaftliche, keine wahre Freiheit! Der sogenannte „Kulturkampf" ist auch heute noch nicht beendet. Seine Versumpfung unter schillernder Decke wohlmeinender Freundlichkeit würde bas Volksleben unheilvoller, als seine Wiederaufnahme in vollster Rückstchtslosigkeit, vergiften. Diese Wunde, die allergesährlichste, an welcher Deutschland blutet, bald und ganz zu schließen, die vollste Freiheit deS Gewissens und der Religion, Selbstständigkeit und freieste Bewegung, vertrauensvolle Achtung für die Kirche, die vollste Gleichberechtigung der anerkannten christlich en Bekennt nisse und ihrer Anhänger auf jeglichem Gebiet des öffentlichen Lebens endlich herbeizuführen, wird unser wichtigstes und patriotischestes Ziel sein. Vor Allem muß daS Ausnahmegesetz wider den Jesuiten- und die mit ihm angeblich verwandten Orden aufge- hoben werden. Wir werden diesen Antrag, auf besten Berathung wir zur Zeit bes Zeblitz'schen Schulgesetzentwurfs verzichtet hatten und welcher jetzt durch die ReichStagSauflösung von der Verhandlung ausgeschlossen Glückes betreten, um so mehr, als ihm ja gänzliche Straflosigkeit gisichert war.
Wir haben Johanna Portier in dem Augenblicke verlassen, in welchem sie, nachdem sie in dem nahen Dorfe einige Einkäufe für daS Frühstück gemacht, neben ihrem Kinde eingeschlafen war.
AlS sie erwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel, während der kleine Georg noch immer mit seinem hölzernen Pferde unter dem Arme da lag und schlummerte.
Lange betrachtete Johanna wehmüthig den schlafenden Kleinen, während ihr die Thränen in die Augen traten.
Dann sagte sie zu sich selbst, während sie sich bemühte, die trüben Gedanken zu verscheuchen:
„Muth! Muth! Ich darf nicht meinen . . . Wozu soll es auch nützen? Ich muß an mein Kind, an meine Zukunft denken l —
„Zukunft!" wiederholte sie erschrocken nach einer Pause Ich besitze nichts als die Kleider auf dem Leibe und in ben Kleibern keinen einzigen Sou! Wie heute Abend Nahrung beschaffen für Georg? Nun, ich will arbeiten — ich werbe wohl welche finben Weiter, immer weiter von Paris weg, wo möglich will ich die Nacht durchmarschiren. Morgen klopfe ich am ersten Hause im nächsten Dorfe, daS ich antreffe, an unb bitte um Arbeit unb um Brod für mein Kinb. Sollte man mir daS verweigern?"
Berlin entfenbet, unb treu ben Ueberlieferungen unserer Vergangenheit unb ben Verheißungen unseres Parteiprogramms wie aller unserer früheren Ansprachen an unsere Wähler. Wir werben ben bar in beschlossenen Grunbsätzen auch ferner treu bleiben; mir wollen bie Resolutionen Windthorst, welche biejenigen des aufgelösten Reichstags finb, als Richtschnur aller künftigen Behandlung von HeereS- frogen in den neuen Reichstag hinüber tragen und wiederholen in diesem Sinn, was unser Wahlaufruf von 1884 ausgesprochen: „Wir wollen des Vaterlandes volle Wehrkraft, aber auch die Steuerkraft deS Volkes und das Budget recht deS Reichstags nicht geschädigt sehen und fönnen für jene erste nur bewilligen, was mit den beiden letzten sich vereinigen läßt."
Im Uebrigen hat die Fraktion nicht noth, ihr alter Programm, für das in achtmaliger Wahl Millionen Wähler ihre Stimmen abgegeben, neu zu entwickeln und zu empfehlen. Wie eS sich in die Herzen der Partei hinein gelebt, so bürgt b.e Treue, womit die Fraktion in schweren Stunden sich zu einem wesentlichen Satz dieses Programms bekannt hat, auch für
Werkmeisters das schönste Schwarz unb er war so unkenntlich, baß er sich fast selbst nicht mehr erkannt hätte.
23.
Jakob Garand wachte, nachdem er in der beschriebenen Weise den äußeren Menschen vollständig um gestaltet und unkenntlich gemacht hatte, noch einige Einkäufe für die Reise und begab sich dann zu Wagen nach dem Bahnhofe Saint Lazare, wo wir ihn berests gefunden haben.
ES war nicht etwa zufällig, daß er die nach Havre abgeschickte Depesche mit „Paul Harmant" unterzeichnet hatte.
Dieser Paul Harmant hatte in der That existirt.
ES war ein Mechaniker, ein ehemaliger Genosse unb Äamerab JakobS von Genf her, wo er gestorben war.
Der Werkmeister hatte bas Arbeitsbuch seines Freundes, welches Letzterer ihm anvertraut hatte, avfoewahrt unb hütete diesen Schctz um so sorgfältiger, als bieseS Buch ihm große Dienste erweisen konnte, wenn er einstens mit Johanna, wie er stets geplant hatte, Frankreich verlassen würde.
DaS Signalement Paul Harmant'S, welches auf der ersten Seite deS Arbeitsbuches angegeben war, entsprach mit Ausnahme deS Bart- und Haupthaares bem Aeußeren JakobS so ziemlich.
Der Werkmeister hatte seine Sehnlichkeit mit Paul Harmant noch badurch vervollständigt, daß er sich hatte raftren und daS Haar färben lassen.
Frei und frank konnte er also j tzt ben Weg deS I