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Sonntag, den 21. Mai 1893.

Zum heik Pfingftfeste.

Su Geist, der Du von Ewigkeiten Beim Vater und Beim Sohne thronst, Der Du den Christen Kraft zum Streiten Verleihst und seinen Sieg belohnst, O komm herab — in PrüsungStagen, Halt' uns der Tugend stets getreu; Daß wir nicht fallen, nicht verzagen, Steh' Du mit Deiner Gnad' uns bei.

Du Geist der Weisheit, Geist der Stärke, Halt' uns von Sünd und Jrrthum rein, Laß unf're Worte, unf're Werke, Dir immer wohlgefällig fein!

Führ' uns durch'- Leben, Geist der Wahrheit, Bleib' stets uns Schutz und Führer Du, Und führ' uns Alle einst der Klarheit Des ew'gen Himmelreiche- zu.

Johanne- Kardinal von Geissel,

Mlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(20. Fortsetzung.)

Dann fuhr der Staatsanwalt, sich an den ihn be* gleitenden Arzt wendend fort:

„Haben Sie bei der Untersuchung der Wunde des Herrn Labrone feststellen können, von welcher Be­schaffenheit die Waffe war, deren man sich bedient hat?"

„O ja, es war ein Messer, dessen Spitze das Herz getroffen hat, so daß der Tod sofort eingetreten sein muß."

„Der Mörder wird den Stoß mit voller Wucht geführt haben; aber ein Umstand däucht unerklärlich."

„Und welcher?" frug der Untersuchungsrichter.

„Hören Sie: Johanna handelte, ohne zu fürchten, bei der Verübung ihres Verbrechens überrascht zu werden, denn sie wußte, daß Herr Labrone verreist war und erst nach zwei Tagen zurückkehrm sollte. Weshalb also war sie bewaffnet?"

„Der Herr Staatsanwalt glaubt noch immer an das Vorhandensein eine- Mitschuldigen?" meinte der Chef der Sicherheitspolizei.

„Ja — eine Frau scheint mir nicht fähig zu sein, «ine solche That allein zu vollbringen."

„Freilich, aber Johanna besitzt eine große Willens­kraft", warf der Kasstrer ein.

„Uebrigens", meinte der Untersuchungsrichter, „könnte sie sich sehr wohl des Messer- bedient haben, um den Geldschrank oder ein anderes Möbel zu sprengen. Ihre Flucht beweist außerdem ihre Schuld. . ."

„Schuldig ist sie freilich, aber möglicher Weise ist sie es nicht allein. Hatte Johanna irgend ein Ver- hältniß? Sie war Wittwe. ..."

Mehrere Personen, welche hierüber befragt wurden, antworteten verneinend.

Plötzlich erschien ei» Mechaniker in Begleitung einer Frau an dem Thore der Remise und verlangte die Beamten sprechen zu dürfen.

Der Mann war Fromant, der Zustirer.

„Ich bringe Ihnen den Beweis, Herr Richter," hob er an, „daß dar Verbrechen von langer Hand vor­bereitet war und Johanna einen Borrath von Petro- lmm besaß."

„Woher wissen Sie das?"

„Meine Frau hat hier mit Frau Francois ge­sprochen, der Krämerin von Alfortville, welche das Petroleum verkauft hat."

Der Richter gab sofort Befehl, Frau Francois zu holen.

Nach Verlauf einer halben Stunde erschien die Gerufene denn auch.

„Sie kennen die Wittwe Portier?" frug der Unter­suchungsrichter.

„Ja, sehr gut, er war Eine meiner Kunden."

„Sie erinnern sich, daß Sie ihr Petroleum ver­kauft haben!"

„Ganz genau: vor drei oder vier Tagen kam sie Nachmittags mit der Kanne, um vier Liter zu kaufen, Mas mir auffiel."

„Weshalb fiel es Ihnen auf?"

„Weil sie am vorhergehenden Tage ebenfalls drei "Liter bei mir geholt hatte. Ich habe sie darum befragt, und sie hat mir geantwortet, daß ihr Kind beim Spielen die Kanne umgestoßen habe. Ich sagte ihr dann, daß das Kind sehr leicht einen Brand hätte ver­ursachen können."

„Was halten Sie von der Wittwe Portier?"

„Ich halte sie für etwa- ehrgeizig."

„Was veranlaßt Sie zu dieser Meinung?"

Die Frau wiederholte jetzt fast wörtlich die Unter­redung, die sie mit Johanna gehabt hatte und die der Leser bereits kennt. Da sie sonst nichts zu sagen hatte, wurde sie entlassen.

Sogleich wurde gegen Johanna Portier ein Haft­befehl ausgefertigt und nach den Angaben der Zeugen em Signalement ausgestellt, das sofort an alle Gen­darmerieposten der SeinedepartementS abgeschickt werden sollte.

„Wenn der Herr Doktor sein Protokoll nieder­geschrieben haben wird," sagte hierauf der Staats- anwalt zum Kasstrer, „so kann die Leiche beerdigt werden. In diesem Punkte werden Sie sich mit Frau Berlin benehmen, welche jedenfalls bald eintreffen wird. Ich bitte Sie, mich von ihrer Ankunft in Kenntniß zu setzen."

Die Gerichtsbeamten packten hierauf ihre Sachen zusammen und verließen die UnglückSstätte, zu deren Bewachung zwei Agenten beordert wurden.

22.

Am nämlichen Tage gegen drei Uhr Nachmittags stieg ein durchaus elegant gekleideter junger Mann, welcher um die Schultern emen Reisesack und in der Hand einen kleinen Koffer trug, im Vorhofe der Bahn­hofes Saint-Lazare aus einem Wagen.

Er machte ganz den Eindruck eines reichen Indu­striellen oder einer wohlhabenden Kaufmannes.

Die blendend weiße Wäsche, sein elegante- Schuh­zeug, seine offenbar nagelneuen dreiköpfigen schwe­dischen Handschuhe deuteten darauf hin, daß er auf seine Person sehr große Sorgfalt zu verwenden pflegte.

Seine Haare waren mattschwarz und sein Gesicht sorgfälttg rasirt.

Diese Persönlichkeit schritt auf da- Schalter zu, welcher die Aufschrift trug: „Paris—Havre". Da- Schalter wurde soeben geschlossen.

„Fährt jetzt nicht der Schnellzug nach Havre?" frug der Reisende einen Beamten.

„Allerdings, aber er werden keine Billete mehr auSgegeben, denn der Zug setzt sich eben in Bewegung."

„Um welche Stunde fährt der nächste Zug nach Havre?" frug der Reisende sichtlich etwas enttäuscht."

„Um sechs Uhr dreißig Minutm."

„Und wann kommt er dort an?"

„Um elf Uhr fünf Minuten."

„Danke besten-!"

Langsam verließ der Reisende jetzt den Bahnhof nnd betrat die Rue d'Amsterdam.

„Dachte mir's wohl, daß ich den Zug verfehlte!" murmelt er vor sich. „Besser wäre ich bei Tage ge­reist, hätte dann wenigstens etwas von der Welt ge­sehen! Nun, ich will wenigstens diese unfreiwillige Verspätung benutzen, um etwas zu genießen, denn mein Magen knurrt gewaltig."

Er betrat eine dem Eingänge des Bahnhofs in der Rue d'Amsterdam nahe belegens, meist von Engländern und Amerikanern besuchte Restauration, wo ihm sogleich ein Kellner mit der Frage entgegenkam:

„Der Herr will zu Mittag speisen?"

„Ja, geben Sie mir die Karte, den Eisenbahnfahr­plan und Schreibmaterialien."

Der Reisende nahm an einem einzelstehenden Tische Platz, wohin ihm der Kellner das Gewünschte brachte.

„Während man mir mein Mahl zurecht macht, möchte ich eine Depesche wegschicken," sagte er.

„Das Telegraphenamt ist ganz in der Nähe," ant­wortete der Kellner. „Wenn der Herr eS wünschen, wird ein Angestellter des Hotels sie dahin bringen."

„Gut, ich will sie sogleich schreiben."

Der Kellner ging, worauf der Reisende da- Eisen­bahnkursbuch aufschlug und die Anzeigen hinter der Abtheilung „Westbahnen" nachsah.

Er musterte die Hotels der Stadt Havre, welche hier angezeigt waren.

„Nun, bleibt sich gleich, welche?," murmelte er vor sich hin, „die Hauptsache ist, daß man nicht zu suchen braucht, wenn man dort einttifft und daß man nicht aussieht, wie Jemand, der nicht weiß, wohin er geht! UebrigenS will ich auch nicht lange in Havre bleiben, obgleich ich ja nicht das Geringste zu befürchten habe, und obgleich mich alle Welt unter den Trümmern be­graben glaubt, so ist es doch sehr weise, nicht länger als nöthig in Frankreich zu bleiben, wenn ich auch vollständig unkenntlich bin."

„Hotel zur Admiralität und zur Stadt Paris, Semei, Besitzer," las er dann oben zuerst in der Reihe der vielen sich empfehlenden Hotels.

„Run, cs wird schon gut sein," dachte er bei sich selbst, „um so mehr, als es gegenüber dem Landungs­plätze der Schiffe nach Southhampton liegt; ich brauche auf diese Weife um so weniger in der Stadt sichtbar zu werden. Das erste Schiff wird mich nach England bringen, und dann so schnell als möglich nach Amerika hinüber." M s»

Ec klappte daS Eisenbahnkursbuch zu, nahm ein Blatt Papier und schrieb dann:

„Hotel zur Admiralität, Semei, Havre.

Werde heute Abend mit dem Zuge ll05 eintreffen. Bitte mir ein bequemes Zimmer zu reserviren.

Paul Harmant."

Dann rief er den Kellner herbei.

„Hier ist die Depesche," sagte er zu ihm, ihm daS Papier überreichend.

„Wird sogleich besorgt werden."

„Gut, bringen Sie mir jetzt mein Mahl."

Emrge Minuten später begann unser Reisende sein Mittagsmahl einzunehmen, mit einem Eifer, welcher bei ihm ans einen ebenfo guten Appetit als ein ruhiges Gewissen schließen ließ.

Nachdem er daS Mahl beendet hatte, blieb er fitzen, la- verschiedene Zeitungen, trank einige Gläser Pale- Ale, rauchte einige Cigarren und schlenderte endlich, al- es allgemach Zeit wurde, langsam dem Bahnhofe zu, wo er ein Billet erster Klaffe nach Havre löste.

Um 6 Uhr 30 Minuten fuhr der Zug ab.

Bis Nantes fuhr noch ein zweiter Reifender mit ihm im nämlichen Koupee, von da ab befand er sich allein, worüber er keineswegs traurig zu sein schien; denn gemächlich öffnete er jetzt sein Handköfferchen, welchem er verschiedene Papiere entnahm, die er fehr aufmerksam studirte.

E- waren dies die Pläne einer Maschine, deren Ganzer sowohl als die einzelnen Theile auf'S Genaueste gezeichnet waren.

Der Sefer hat in unserem Reisenden ganz gewiß trotz der Veränderung und der Färbung der Haupt­haares bereits den Werkmeister der Fabrik wiederer­kannt — Jakob Garand, den Brandstifter und Mörder seine» Chefs.

Jakob hatte, wie wir wiffen, gerufen: „Hülfe, ich sterbe!", nachdem er in den brennenden Pavillon ge­drungen war, um, wie wenigstens Alle glaubten, mit einem Akte des HeldenmutheS zu versuchen, die Kaffe und die Papiere Herrn Sabrone'S zu rette».

Der Werkmeister war ein kühner, geriebener Schurke, welcher Alles auf'- Spiel setzte und sich nicht scheute, sein Seben zu wagen, um seine Zukunft zu sichern.

Es war ihm darum zu thun, daß Niemand an seinem Tode zweifeln konnte, daß Niemand auf die Stimme Johanna'- hören sollte, fall- sie ihn anklagte, daß man c- höchsten- für infame Süge und schmähliche Verleumdung halten mußte.

Jakob kannte die Ortsverhältnisse des Pavillon- ganz genau.

Er wußte, daß ein Fenster, welches sich an der Treppe, die zu der Wohnung Sabcone's hinaufführte, befand, auf das Feld hinter der Fabrik ging.

Hierauf hatte er seinen Plan gebaut.

Während er sich anscheinend unter Todesverachtung in die Flammen stürzte, krachte eS neben, unter und über ihm.

Anstatt sich jedoch in das Kabinet zu begeben, er­stieg er in einigen mächtigen Sätzen die brennenden Stufen der Treppe, erreichte da- Fenster, dessen Scheiben von der gewaltigen Hitze geborsten waren, stieß seine Hülfernfe ans, welche alle so sehr erschreckt hatten, und schwang sich dann halb geblendet und be­sinnungslos durch das Fenster ins Freie.

Genau in diesem Augenblicke ließ sich ein donner­ähnliches Krachen vernehmen, und da- Dach und da- erste Stockwerk des Pavillons prasselten mit einem ohrenbe­täubendem Getöse zusammen.

„Ha, noch einen einzigen Augenblick, und ich wäre ein Mann des Todes gewesen," murmelte der Werk­meister vor sich hin.

Während man allgemein glaubte, er läge unter den rauchenden Trümmern begraben, befand er sich wohlbehalten draußen im freien Felde und lief was er konnte, querfeldein, um eine sichere Straße zu er­reichen.

Eine Stunde später ließ er sich, vor Müdigkeit er­schöpft, in einem Winkel des Bincenner Gehölzes zu Boden fallen.

„Endlich bin ich gerettet!" sagte er zu sich selbst.

Erleichtert athmete er auf und wartete, da er sicher war, nicht verfolgt zu werden, den Anbruch des Tages ab.

Sobald der Tag graute, schob er seine Kleider aus­einander, nahm die Banknoten und die Papiere und barg sie in ein kleines Kästchen, welches er auf dem bloßen Seibe trug. (Forts, folgt)

Literarisches.

P. C. Die Auflösung des Reichstages ist nicht nur für die Wahl - Komitee's der verschiedenen Parteien das Signal zu einer fieberhaften Thätigkeit geworden, sie wurde auch daS Zeichen zu sofortiger Mobilmachung für den Generalstab der vor 3 Jah­ren unter schwarz-weiß-rother Fahne aufmarschirenden und nach mehreren Hunderttgusenden zählenden Armee Kürschner'scher Reichstagsbücher. Kürschner hatte längst daS Nöthige für de» Feldzug vorbereitet und mit dem Eintreffen des die Auflösung meldenden Telegramms vollzog sich sofort programmmäßig Alles, was zunächst für einen neue Auflage des mit Recht vom .Deut­schen Reichsanzeiger' als „Unikum" bezeichneten WerkchenS ge­schehen konnte. Bei der tadellosen, auf Grund reicher Erfahrun­gen von 1890 aufgebauten Organisation wird voraussichtlich dies­mal die Ausgabe des für jeden Deutschen unentbehrlichen Buche» (Verlag der Deutschen Verlag- - Anstalt in Stuttgart) dem Ab­schluß der Stichwahlen möglichst umgehend auf dem Fuße folge». Mitglieder der einzelnen Wahl-Komitee's und Andere werden den Herausgeber im Interesse schnellsten Erscheinens seines Buche- besonders dankbar verpflichten, wenn sie ihm Porträt und bio- graphische Daten von solchen Abgeordneten schnellstens zukommen Ionen, die dem Reichstag der letzten Legislatur-Periode nicht an- gehörten. Die Adresse deS Herausgebers ist: Geh. Hofrach Joseph Kürschner in Eisenach.