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20. Jahrgang

Sonntag, den 21. Mai 1883.

JV 115

FiildaerKZeitimg

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. BiertetzLhrlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mart 50 Pfennig.

Hierzu eine Beilage.

Wegen des hohe« Pfingstfestes er- scheint Vas nächste Blatt erst am Dienstag.

S Zeitgemäße Betrachtungen am hl. Mngstseste.

Schade, daß es keinen Ausschank von Letha (Ber- gessenheitstrank) mehr gibt! Wenn wir wenigstens die zwei Pfingstfeiertage hindurch ganz vergessen könnten aus die verdrehten Zeitläufe dieser Welt, auf die uner­quicklichen Wahlhändel und die noch unerquicklichere Trockenheit. Wenn wir wenigstens diese zwei Tage uns loslösen könnten von dem Staub und Stank des TrbenlebenS, um in der reinen Lust der heiligen Idee die Lunge zu baden und einen Vorgeschmack zu be­kommen von jenem Leben im JmseitS, das ganz der Geist Gottes erfüllt ohne Zuthat irdischer Mängel und menschlicher Thorheiten!

ES geht nicht; Aerger und Sorgen kaffen sich nicht abschütteln; sie fitzen drin im Gemüthe, wie die Ba­cillen im Körpergewebe. DaS Butterbrod auf dem pfiagstsonntäglichen FrühstückStisch mahnt unS sofort wieder an die Gefahr für daS jährliche Brod, und ein Blick in die Zeitung oder ein Gespräch mit dem klugen Nachbarn versetzt unS wieder in daS Weltgetriebe. Wir können der Erde nicht entfliehen, auch in dem größten Luftballon mit dem leichtesten Gase nicht. DaS Ende vom hohen Flug ist der tiefe Fall.

Nun, wenn wir an der Erdenscholle kleben bleiben müssen, dann wollen wir Pfingsten als Fest des Trostes feiern- Der hl. Geist ist unS ja als Tröster verheißen. Und Trost haben wir wahrlich nöthig. Denn immer weiter verbreitet sich daS entmuthigende, läh­mende Gefühl: ES hilft doch Alles nichts! Trotz aller Mühen geht eS nicht vorwärts, sondern zurück! So im Leben des Einzelnen: wenn er mit mühsamem Fleiße sich etwas emporgearbeitet hat, dann kommt ein Mißwachs oder ein Krach im Handel und Gewerbe, und Alles ist wieder verloren. So auch im öffentlichen Leben: WaS haben wir nicht Aller erhofft vom neuen Kurse? Und nun ist das Ende vom Liede, daß der neue Kurs noch ärger auf Soldaten versessen ist, als der alte, und daß alles Andere hintenangesetzt wird von diesem krankhaften Heißhunger nach mehr Re- krutm! DaS 19. Jahrhundert fing an mit den entsetz­lichen Kriegen Napoleons, welche den Völkern daS Mark aus den morschen Knochen zapften und daS 19. Jahrhundert hört auf mit Kriegsrüstungen, die kein anderes Maß mehr kennen, als die äußerste Grenze der Leistungsfähigkeit, und die schon vor dem Aus­bruch des Krieges die Säfte der Völker auSzesogen haben. Wo bleibt da der Fortschritt, wo zeigt sich die Hoffnung auf den Triumph des guten Geistes?

Ja, eS ist begreiflich, wenn sich Enttäuschung und Ermattung einnisten wollen. Um fo mehr, als die Krankheit der Zeit auch in unseren CentrumSreihen ihre Opfer gefordert hat. Aber man soll sie sich nicht einnisten lassen. Denn wenn die Noth am Höchsten, ist GotteS Hilfe und der Umschlag zum Beffern am nächsten; nichts ist verloren, so lange der Muth nicht verloren ist. Die Weltgeschichte läuft wohl im Zickzack, aber sie geht nicht andauernd rückwärts, over sie müßte denn auf ein ganz miserables Geschlecht von kraftlosen Thoren stoßen.

Warum denn verzagen? Wollen wir uns für schwächer erklären, als unsere Vorfahren, die viel schwerere Prüfungen ausgehalten hab,n? Die wirthschaft- lichen Zustände find unbehaglich und können wohl noch unbehaglicher werden; aber WaS ist das Aller im Ver­gleich mit den Hungerjahren vor fast einem halben Jahrhundert. Mtt der Noth um'S Brod ging die politische Erschütterung damals Hand in Hand; Sorge und Unsicherheit waren so arg, wie sie schlimmer kaum zu denken sind. Und doch behielten die Leute den Kopf oben; ja eS ging ein idealer, schwärmerischer, hoff« nungSselizer Zug durch die Massen. Sollen wir den Kopf hängen lassen, obschon unS nicht ein Zehntel jener Prüfungen descheert ift?

Ein Blick auf unsere Brüder im Ausland wirkt ; auch ermunternd?! Mit welchen inner» und äußeren \ Schwierigkeiten haben die Katholiken in Oesterreich und i in Frankreich zu kämpfen? Wie beneiden sie uns um . die kraftvolle Centrumsfraktion? Und die armen Iren

| — welch ein betäubender Schicksalsschlag traf sie, als in Folge von Privatsünden einer Führers plötzlich die Einheit ihrer parlamentarischen Vertretung vollständig durchbrochm wurde und der wildeste häusliche Streit entbrannte? Sie haben doch den Muth nicht verloren und sehen ihr Vertrauen belohnt durch den Glad- stone'schen Entwurf, der ihnen die Freiheit und Selbst­verwaltung wiedergeben soll. Wie geringfügig erscheint gegenüber dem lüach in der irischen Fraktion der Zwischenfall in unserem Centrum, wo ein Dutzend von mehr als hundert Mitgliedern sich zu einem höheren Maß von Militärbewilligung entschlossen? Können wir diese kleine Schwierigkeit nicht überwinden — dann müffen wir uns wirklich für verwöhnte Schwächlinge erklären?!

In der Thal hat ein gütiges Geschick uns etwas verwöhnt. Wir hatten den tüchtigsten Führer auf unserer Seite und die Gegner machten eine Dummheit auf die andere. Es konnte aber nicht immer so günstig für unS bleiben: die Feinde wurden durch Erfahrung allmählich klüger und unser greiser Führer mußte dem Tod feinen Tribut zahlen. Seit dem heißt eS, alle Kraft tüchtig zusammennehmen. DaS muß ein schlechter Seemann sein, der gleich verzweifelnd die Hände ringt, wenn der Wind sich einmal dreht und ihm widerwärtig in die Nase weht. —

Am Pfingstmorgen saßen die Apostel und Jünger wahrlich nicht in einer ruhigen Lage da, der Herr war von ihnen gegangen und hatte sie, die schwachen Men­schenkinder, zurückgelassen mit der ungeheuren Aufgabe, den Erdkreis zum Kreuze zu bekehren. Aber wenn sie auch zagten, so verzagten sie doch nicht; sie hofften auf den Tröster und Lehrer, der ihnen verheißen war, und er kam zur rechten Zeit. Gott verläßt die Seinen nicht; er gibt zu dem guten Wollen auch das gute Vollbringen.

Am Pfingstfeste wird am Altar roth getragen, die Farbe der Liebe und des Blutes. Der Geist der Liebe, der am Pfingstfest niederstieg, war zugleich ein Geist des Kampfes und der Opfers. WaS die Apostel und ihre Nachfolger lehrten, hatten sie mit ihrem Blute zu besiegeln. Wenn Gott den Finger seiner Allmacht hätte heben wollen, so wären alle Gegner deS Kreuzes zerschmettert worden, ehe sie den Guten ein Haar zu krümmen vermocht. Aber er wollte in dar Spiel der menschlichen Kräfte nicht weiter eingreifen, als mit der inneren Wirksamkeit seiner Gnade und seines Geistes, und so währt denn der Ringkampf noch heute fort zwischen dem Christen und dem Antichristen. Die Gegner Christi erscheinen zumeist nicht mehr in der Gestalt blutgieriger Henker; dafür haben aber die Anhänger Ehristi zumeist den erhabenen Opfergeist eingebüßt, der die Märtyrer der Verfolgungszeit so übermenschlich erscheinen läßt. Die Welt ist „civili- sirter" geworden; ob auch besser, das ist eine andere Frage. Jedenfalls haben wir allen Grund, beschämt und zerknirscht an unsere Brust zu schlagen, wenn wir zurückblicken auf den hohen Geist und die herrliche Tugend der ersten Christen. Sie widerstand dem dreihundertjährigen grimmen Verfolgern und gewann dabei fortwährend Terrain für da? Kreuz. Wir thun uns schon ungeheuer viel darauf zu Gute, daß wir etliche Jahre den kleinen preußischen Kulturkampf ans- gehalten haben, und nachdem er kaum den Kopf aus der Schlinge haben, werden wir schon wieder leicht­sinnig, selbstsüchtig, uneinig, zerfahren.

Roth muß die Farbe sein, das Roth der uner­schrockenen, opferwilligen, sich selbst verleugnenden Liebe. Unser Dichter stellt bekanntlich in einem Verse „deS Gedankens Bläffe" der „frischen Farbe der Ent­schließung" gegenüber. Ja, wir haben zu viel geistige Bläffe unter uns, die über alle Wenn und Aber sich ihre tiefen Gedanken macht und vor lauter Wägen Nicht zum Wagen kommt. Die frischfarbige Entschließung, daS resolute Wollen, die kühne Thatkraft thut uns noth. Die Helden sind in der Welt verzweifelt dünn gesäet und die Diplomaten treten sich einander auf die Hacken. Alles will den Diplomaten spielen und sein bischen Geisteslicht leuchten lassen in der Erwägung, ob man auf schiefen Wegen weiter kommen könne, als auf geraden, und ob nicht die Liebedienerei profitabler sei, als ein steifes Rückgrat und unbequeme Grundsätze. Man wagt nicht zuerst zu fragen: WaS will ich? — sondern erkundigt sich zunächst angelegentlich, waS die Anderen wollen, was sie für Aussichten haben, was sie ihren Gegnern UebleS und ihren Gehilfen Gutes thuu könnten. Darnach arbeitet man sich dann feine

eigene opportunistische Ansicht zurecht, d. h. man fällt auf die Zweckmäßigkeitsfeile. Vor zwanzig Jahren suchte und fand man solche Kompromiß- und Umfall-Naturen nur bei den Nationalliberalen; leider haben die Zweck­mäßigkeitskünstler inzwischen Schule gemacht und weit über ihre Parteigrenzen hinaus die guten Sitten der Selbstständigkeit und des Männerstolzes gebrochen. Das Ende deS Jahrhunderts steht unter dem Zeichen der WribeS; wo einmal ein rechter steifnackiger Mann mit breitem Fuße auftritt, da gibt eS allgemeines Aufsehen und das Gewisper geht ringsum: Der wird eS nicht weit bringen! Wie kann man nur so ungeschickt sein! — Ach, was find denn die Augenblicksvortheilchen werth, die sich die Opportuniiätsritter unter Preisgabe ihrer Würde ergattern? Wie gewonnen, so zerronnen. Aber der starke Mann, der nicht bettelt, sondern fordert, der sein Haar nicht scheeren läßt, wie ein überlisteter Gimson, sondern die Duelle seiner Kraft unversehrt bewahrt für alle Zukunft, der nichts fürchtet auf der Welt, als den lieben Gott, und deshalb un­überwindlich ist, so lange nicht Gott seine Hand von ihm abzieht — er bringt es weiter, als die Mäntel­träger und Gnadenjäger, wenn auch seine Frucht manch­mal langsamer reift. Thue Recht und scheue Niemand! Der Spruch kommt unS heute etwas altväterlich vor; moderner wäre es zu sagen: Thue, was dir nicht schaden kann, und scheue alle Leute, die Macht babeu. Halten wir es lieber mit dem alten Spruch: Folgen wir unserer Ueberzengung, haben wir den Muth unserer Meinung und die nöthige Unerschrockenheit, um uns selber treu zu bleiben Wenn daS augenblicklich keinen materiellen Profit verspricht, so doch wenigstens ben Bortheil, daß wir den Respekt der Andern unS sichern.

Wo soll denn männliche Würde, Irene und That­kraft überhaupt noch zu finben fein, wenn nicht bei den Christen! Wenn daS Bewußtsein der göttlichen Offen­barung und der göttlichen Hilfe imS nicht sicher, rnuthig, treu und stark rnachm könnte, dann wäre wahrlich Hopfen und Malz an unferm Charakter verloren.

Lasten wir zu Pfingsten den Geist der Stärke in unS einziehen. Er möge unS zu unerschrockenen, handfesten Männer machen nicht bloß in den engeren religiös-sittlichen Angelegenheiten, sondern in unserem ganzen Anstteten im öffentlichen Leben. Weg mit der Angstmeierei und Zaghafttgkeit wegen einzelner Schwierig- leiten ober Mißschläge; weg mit ber Rücksichtsmeierei unb Profitschleicherei, bie unser Selbstgefühl unb unsere Zukunft untergraben!

ES wirb immer Leute geben, bie uns hassen; baS können wir beim besten Willen nicht ändern. Aber eS barf keine Leute geben, bie unS verachten; dafür tönneit wir sorgen, und wenn nicht Alles täuscht, so reckt der alte Löwe schon seine Glieder, um die vor­eiligen Spötter mit einem heilsamen Schrecken heim­zuschicken.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Mai.

* Kaiser Wilhelm hat sich nunmehr zum zweiten Male über die Militär-Vorlage und die Auf­lösung des Reichstages geäußert. Wie nämlich das offiziöse Wolff'sche Bureau anS Görlitz berichtet, brachte Se. Majestät bei dem dort nach ber Enthüllung des Denkmals stattgehabtm Festesten auf bie Ansprache der Grafen Fürstenstein folgenben Trinkspruch aus:

„Eine erhebende Feier hat soeben ihren würdigen Abschluß gefunden. In schöner Vollendung steht das ragende Bildniß Kaiser Wilhelms I. vor uns. Die Anregung, welche dieses Denk­mal, sowie so manche andere, die bereits stehen oder in der Vollendung begriffen sind, in's Leben rief, ist das Gefühl der Dankbarkeit gegen den hohen Dahingegangenen. Der Lausitz gilt mein Dank für die herrliche Weise, in welcher sie ihrem Gefühle der Treue und Anhänglichkeit zu Meinem Großvater und Meinem Hause Ausdruck verliehen. Herzlichen Dank auch für Ihre war­men Worte, mein lieber Graf Fürstenstein. Sie haben gesprochen im Namen der Lausitzer, Ihre Worte werden Widerhall finden in den Herzen aller Meiner Unterthanen. Dann auch innigsten Dank dieser Stadt für den schönen Empfang, den ste Mir bereitet. I» eine ernste Zeit ist unser Fest gefallen. Daher sei daS Denk­mal eine Mahnung an uns Alle. Doppelt ernst )et sie, wenn wir uns im Geiste erinnern, wie einst der Hohe Herr in dieser Stadt in eigener Person zu Ihnen gesprochen hat: Fest­zuhalten gilt es, was Kaiser Wilhelm einst geschaffen und gewollt, sicher zu stellen gilt es die Zukunst unseres gelammten deutschen Vaterlandes. Dazu bedarf unsere Wehrkraft eine erhebliche Ver­stärkung. Die Nation habe Ich aufgefordert, uns dazu die Mit­tel zu bewilligen. Hinter dieser Frage stehen alle anderen Fragen und Rücksichten für den Augenblick zurück. Zur Lösung dieser die Lebensexistenz Deutschlands bedingenden Frage bedarf es der vollkommenen Einheit. Was uns Deutsche privattm auch trennen