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JV 113

20. Jahrgang

Frettag, dw 19. Mai 1893.

FuldaerWZeitliiig

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* Der Streit im Kager der Anhänger der Mttitärvorlage.

Der Reichskanzler hat im Reichstage bekanntlich dm „Antrag Huerre" als Wahlparole ausgegebm, nachdem er am Tage vorher mit mehr Offenheit als diplomatischer Klugheit erklärt hatte, daß die Regie« rung im Falle von Neuwahlen sich Vorbehalte, von dm Konzessionen zum Antrag Hume auf ihre vollen Forderungen zurückzukehren. Für die Regierung soll also der Antrag Hume nur Wahlparole sein, nicht auch die Grenze ihrer Zu- geständniffe, nicht das Ziel ihrer Forderungen. Sollte der neue Reichstag, was hoffentlich nicht eintreffen wird, eine RegierungS • Mehrheit ergeben wie die Wahlen zum Kartellreichstag von 1887, dann wird auch die Regierung keinen Anstand nehmen, auf die volle Forderung der Militärvorlage zurückzugreifm, deren unbedingte Annahme der Kaiser bei seiner letzten Ansprache auf dem Tempelhofer gewünscht haben foll. Damit werden alle Wähler und alle Parteien zu rechnen haben.

Zn der konservativen Partei ist man ehrlich genug, offen zu erklären oder wenigstens anzudeuten, daß der Antrag Huene, z« dem die Konservativen sich erst nach einem zweimaligen „Umfall" bequemt haben, nicht daS Ziel ist, welches sie bei der Militärfrage an­streben; für die volle Wehrkraft unseres Volkes" einzutreten bezeichnet auch der gestern erschienene Wahl­aufruf der konservativen Fraktion als das Ziel der­selben; und neben der Erhöhung der Friedenspräsenz­stärke möchte die konservative Partei am liebsten auch die dreijährige Dienstzeit uneingeschränkt beibehalten wissen.

Auch für die Nationalliberalen bedeutet der Antrag Hume nicht das Ziel und die Grenze ihrer Forderungen. Auch sie sind zweimal „umgefollrn". Ihren ersten Standpunkt hat ihr Führer v. Bennigsen bei der ersten Lesung in der Militärkommission dar­gelegt, dann kam der erste Umfall durch eine Erhöhung des Bennigsm'schen Angebotes auf 45 000 Rekruten, unter der Bedingung, daß die zweijährige Dienstzeit gesetzlich so lange festgelegt werde, als die neue Friedenspräsenzstärke keine Herabminderung erfahren würde. Der Reichskanzler hat dieses nationalliberale Angebot für unannehmbar erklärt, und am Schlosse «rst erfolgte die Zustimmung der Nationalliberalen zu der im Antrag Hume vorgeschlagenen Präsenrz ffer. Werden nun die Nationalliberalm bei einer Wieder- einbringung der Militärvorlage auch darüber noch hinausgehen, um den Anschluß an die Konservativen Zu finden? Darüber schweigen sich die nationalliberalen Blätter ebenso auS wie der phrasenreiche national­liberale Wahlaufruf, während sie entsprechend dem Worte des Herrn v. Bennigsen, daß die zweijährige Dienstzeit „ungeheuer populär" ist, in ihren Wahl­artikeln die gesetzliche zweijährige Dienstzeit in den Vordergrund drängen. Nun wissen aber die nationalliberalen Blätter sehr gut, daß die Regierung

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(18. Fortsetzung.)

19.

Alle Löschversuche waren, wie wir bereits erwähnt haben, wegen der abgesonderten Lage der Fabrik ohne Erfolg geblieben.

Außer dem Stalle und dem Wagenhause waren nur mehr rauchende Trümmer vorhanden.

Inzwischen stand die gaffmde müßige Menge um­her und beschäftigte sich mit Den Urhebern dieses schreck­lichen Unglücks.

Die Ansicht der Meisten ging dahin, daß Johanna Portier die Schuldige sei.

Das Gewitter hatte sich mittlerweile verzogen und der Donner hatte aufgehört.

Der Wind wehte rndeß noch immer mit Heftigkeit fort und trieb die letzten Wolken vor sich her und lang­sam begann der Tag zu dämmern.

Johanna eilte oder lief vielmehr inzwischen auf'S Geradewohl über die Felder dahin, nur von dem einen Gedanken beseelt, so schnell als möglich aus dem Be­reiche der Fabrik zu kommen.

Ungefähr eine volle Stunde lang war sie in dieser Weise geradeaus weiter gelaufen, ohne zu wissen wo­hin, über Wege, Hecken und Zäune einher.

von einer gefetzlichm zweijährigen Dienstzeit selbst in der milden Form des Antrags Bennigsen nichts wiffen will und die Konservativen ebenfalls nicht; denn an dieser Frage fttib doch die letzten Kommissionsverhand- lungen, die sich an die Namen Prinz Carolath und Rödicke knüpfen, unmittelbar vor der Auflösung des Reichstags gescheitert, und eS ist, wenn nicht sicher, so doch sehr wahrscheinlich, daß die Regierung die ge­setzliche Festlegung zweijährigen Dienstzeit nach dem Anträge Bennigsen auch im neugewählten Reichstage abermals ablehnen wird. Ist denn das ehrlich, oder ist es nicht vielmehr geradezu Bauernfängerei, wenn die nationalliberalen Blätter geflissentlich den Gedankm in den Vordergrund schieben, eS handle sich bei der Neuwahl zum Reichstage hauptsächlich um die zweijährige Dienstzeit?

Auch inBetreff der Deckung der Mehrkosten der Militär-Vorlage gehen die Konservativen und die Nationalliberalen weit auseinander, und doch hätten gerade diejenigen Parteien, welche die Militär-Borlage anzunehmen gewillt sind, auch die Pflicht, über die Aufbringung der Mehrkosten sich zu einigen. Die ,Nat.-Ztg' hat früher einmal vorgeschlagen, das 40 Millionen-Geschenk, die sogenannte Liebesgabe an die Branntweinbrenner, müsse aufgehoben werden, aber die ,Kreuzztg.' will davon selbstverständlich nichts wissen. Der Wahlaufruf der Konservativen besagt, daß die neuen Lasten nicht den Unbemittelten, den Mittelstand oder die Landwirthschaft drücken dürften — er verwirft also die Steuer-Projekte der Regierung mit Ausnahme der Börsensteuer, und von der Börsensteuer wollen wiederum die Nationalliberalen nichts wissen. Wie sollen denn nun die neuen Steuern aufgebracht werden?

Nun hat noch die ,Nat.-Ztg.' etwas vorschnell ver- rathen, daß für die Nationalliberalen das eigent­liche Ziel der Wahlbewegung die Sorge für eine ausreichende Machtstellung des Liberalismus im deutschen öffentlichen Leben sei. Selbstverständlich und nicht mit Unrecht ist auch darüber die ,Kreuzztg.' ebenso ungehalten, wie eS die.Nationalzeitung' mit den agrarischen Forderungen des konservativen Wahlaufrufs: Ablehnung der Handels-Verträge und Einführung der Doppelwährung ist.

Man kann gespannt darauf sein, wie sich dieser Zwiespalt im Lager der Anhänger der Militär-Vorlage noch weiter entwickelt.

Deutsches Keich.

Berlin, 17. Mai.

* Zu dem viel besprochenen Schreiben des Prinz- Regente» von Braunschweig meint die dem Fürsten Bismarck nahestehende ,Münch. Allgem. Ztq.', in allen Kreisen, welchen die Persönlichkeit des Prinzen bekannt ist, gelte der Brief als echt; als muthmaßlichen Adressaten höre man den Reichskanzler Grafen Caprivi und den General v. Winterfeld nennen. „Ich möchte mich," heißt es dann weiter, „für die letztere Adresse entscheiden. General v. Winterfell) hat dem

Endlich merkte sie, daß ihre Beine sie nicht weiter tragen würden und so ließ sie sich denn erschöpft auf den Rand eines Grabens fallen.

Erst j tzt wagte sie eS, rückwärts zu blicken, aber sie gewahrte nichts weiter als fern am Horizonte einen unermeßlich rochen Schein, einem prächtigen Nordlicht ähnlich.

In diesem Augenblicks wurde Georg, den sie fest on sich gedrückt hielt, munter und öffnete die Augen.

„Mutter, mich friert!" klagte das Kind, dessen Kleider völlig durchnäßt waren.

„Ja, ja, wir müssen noch etwas gehen," antwor­tete Johanna, „dann wirst Du warm werden."

Sie stellte den Kleinen aufrecht und erhob sich dann auch selbst. Eine lange, breite Straße zog sich wie ein weißer Streifen in der dunklen Nacht dahin.

„Aber wohin?" frug sich die arme Mutier ver- zweifelnb. „Wohin — was soll aus uns werden? Ich habe die Flucht ergriffen — weshalb? Konnte man mich wirklich ernsthafter Weise anklagen oder sollte man wirklich meinen Aussagen keinen Glauben geschenkt haben?"

Sie schauderte zulammen, denn sie erinnerte sich der Worte Jakobs.

„Ich habe Alles darnach eingerichtet," hatte der Elende zu ihr gesagt, „daß Alles gegen Dich spricht!"

„Ja," murmelte sie vor sich hin, „er hatte Recht!

i Prinzen bis zu der eben erfolgten Berufung an das i Gardekorps als Chef des Stabes der I. Armee - Jn- i spektion persönlich nahe gestanden. Auch ist im Ein- [ gang des Briefes von einer demnächstigm Anwesenheit j des Adressaten in Blankenburg die Rede, war ja wohl für den Grafen Caprivi nicht zutreffen würde .... Die Einladungs-Frage hat in Görlitz thatsächlich ge­spielt. Man hätte den Fürsten um so unbesorgter ein­laden können, als der alte Kanzler gar nicht darau denkt, FriedrichSruh zu DekorationSzweckev zu verlaffen und sich die für seine hohen Jahre doppelt unbequeme Reise nach Görlitz aufzuerlegen..... Daß Prinz

• Albrecht dem Fürsten sympathievolle Gesinnungen be- ! wahrt hat, ist bekannt. Er ist dar einzige Mitglied des Königshauses und des deutschen Fürstenkreises über- Haupt, das seit dem Rücktritt des Kanzlers mit chm eine Begegnung gehabt hat, die im August 1891 auf der Station Hammermühle in Pommern gelegentlich einer Jnspektionsreife des Prinzen erfolgte. Menu übrigens der .Vorwärts' behauptet, daß Fürst Bismarck „sich schon im Frühjahr 1890 nach einem General für die Straßenschlacht umaesehen habe", so ist das eine plumpe Fälschung. Nicht Fürst Bismarck war es, der damals „eine Straßeffcblacht" ins Auge faßte, wohl aber rieth er, für den Fall, daß eS zu einer solchen kommen sollte, die oberste Staatsleitung in Preußen, daS Minister Präsidium, in die Hand eines tüchtigen Generals zu legen, damit sich nicht die Vor- gange vom 19. März 1848 wiederholten." Schließlich meint auch das Münchener Blatt, eS sei doch ein in hohem Grade auffälliger Umstand, daß ein am 9. Mai vom Prinzen Albrecht in Blankenburg geschrie-

; bener Brief bereits cm 12. Mai in den Händen der : Redaktion des sozialdemokratischen Blattes war. „Und i zwar scheint eS, als sei die JndiSccetion in Blankeu- i bürg vor der Abfindung begangen worden, sonst • würde der .Vorwärts' den Adressaten-»«men?- Di« i Veröffentlichung im .Vorwärts' ist daS bedeutsamste i Moment in der ganzen Affaire. Ein sozialistischer i Arbeiter hat den Brief sicherlich nicht in die Hand ! bekommen. Man muß den sozialistischen Geist schon i bedeutend höher suchen, und — das gibt zu denken.

* Die ,Nordd. Allg. Ztg.', das bekannte osfi- \ ziöse Organ des alten wie des neuen Kurses, bringt eine längere Rezension über die Broschüre eines Ber­liner Oberlehrers, betitelt: „Ein einiges Christen- thnm und eine einige christlich-deutsche Kirche", in welcher es wörtlich heißt:

„Es ist ein schöner Idealismus, der diese kleine Schrift diktirt hat. Der Verfasser hat erkannt, daß die nothwendige soziale Versöhnungsarbeit unserer Zeit nur gethan werden kann

1 durch das Christenthum. Allein er kommt zu dem Resultat, daß die Konkurrenz der Kirchen, der Kampf der verschiedene»

i Richtungen und nicht zuletzt die herrschende starre dogmatisch« ! Form die ernstesten Hindernisse bilden für eine wahre Wirksaw- i keit der Religion geht. Er ist der Meinung — und darin wird i man ihm unbediMt Recht geben müssen — daß „undog- - matisches Christenthum" die Losung der Zukunft sei« , muß. Freilich werden ferne Ideale noch für Jahrhunderte i« i unerreichbarer Ferne schweben. Sowohl die katholische wie die j protestantische Geistlichkeit betont in neuerer Zeit ihre Dogmen fortwährend als das eigentlich Wesentliche und ist nicht im Ge-

! Man wird m ch beschuldigen.....Man wird die

i leeren Petroleumflaschen finden, man wird sich der i Worte erinnern, welche ich unvorsichtiger Weise au8« ■ gestoßen habe, in denen scheinbar eine Drohung gegen : Labrone lag. Diese Worte sind mein Unglück — ich ! bin verloren, weiter, immer weiter muß ich!"

Mein Pferd!" sagte das Kind, als Johanna sich ■ zum Weitergehsn anschckte.

| Johanna hob daö Pferd von der Erde auf, wo der ; Kleine es niedergesetzt hatte und nahm ihn dann bei i der Hand. »

„Wohin gehen wir, Mama?" frug Georg.

„Ich weiß es nicht, mein Engel."

„Du weißt es nicht?" frug daS Kind abermals ! verwundert.

„Nein, ich weiß es nicht." ‘ Schweigend gingen Beide weiter.

„Wohin, wohin?" frug sich Johanna inzwischen, I Während sich ihre Augen mit Thronen füllten.

Allmählich war der Tag angebrochen.

i Golden und fröhlich erhob sich die Sonne am Hon- । jont, wie um die Menschen zu trösten für das >ächt- ! liche Ungewitter. . ... .

! Die Straße lag noch immer teer und öde da.

Gedankenlos blickte Johanna vor sich hm, die enb« f los scheinenbe Straße entlang, als sich plötzlich in einem 1 neben ber Straße sich hinziehenben Gebüsche ein Ge-