JM 112
den 18. Mai 1893.
20. Jahrgang
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M. T
Gaprivi gegen Caprivi.
* Bei den bevorstehenden Wahldebatten werden ohne Zweifel die Hauptgedanken gegen das Centrum sein, es wolle nicht das Nöthige und Mögliche für die „Sicherheit und Ehre" des Vaterlandes bewilligen und wollte sich dm „militärischen Autoritäten" nicht fügen. Daß es sich bei dem erstm Borwurf aber nur um ver- schiedme Auffassungen daS Röthigen und Möglichen handelt, darüber vergleiche man das Zeugniß deS Grafen Caprivi. Der verantwortliche Reichskanzler selber Graf Caprivi, äußerte in der Mtlitärkommisston, nach dem Schluß allgemeiner Berathung erster Lesung, nach dem Kommissionsbericht:
„Er zweifle bei keinem Mitglied der Kommission und deS Reichstags an dem Patriotismus, er zweifle auch nicht daran, datz alle bewilligen wollen, was erforderlich sei zur Erhaltung unseres Staatswesens: nur in Betreff des Ma atze s, was erforderlich sei, um dessen, was geleistet werden könne, seien die Ansichten verschieden".
Was den zweiten Borwurf wegen der „militärischen Autoritäten" angeht, so find dieseben bekanntlich so wmig einig, daß die einen sogar die Caprim'sche Vorlage für schädlich halten und nur darum nicht mehr hervortreten, weil der oberste Kriegsherr seine Stellung genommen hat, und dann der deutsche Soldat schweigt Graf Caprivi selbst aber hat seine „Autorität" dadurch untergrabm, daß er in seinen Grund- auschauungen betreffs der Zustander der Armee und des für sie Nörhigm total gewechselt hat. Am 24. 1890, bei Bewilligung der Vermehrung um 18,000 Mann, die damals Mühe genug machte, erklärte Caprivi im Reichstage:
„Ich halte es für wahrscheinlich, daß wenn in dem nächsten Jahre die verbündeten Regierungen mit militärischen Forder- uugen vor dieses hohe Haus treten sollten, diese mehr dahin gehen würden, daß das, was geschaffen ist, innerlich konsolidirt werbe im Sinne der Worte des Fürsten Bismarck, daß wir mehr auf gute Truppen, als aus viel Truppen werden Gewicht legen müssen".
Buch noch Ende 1891 verspottete Graf Caprivi die „Zahlenwuth" und die militärischen Schriftsteller, welche auch betreffs der Armee den „BeunruhigungS-Ba- cilluS" verbreiteten u. s. w. Seit einem Jahre aber sehen wir den Grafen für eine ganz andere Grund- aufchouung arbeiten! „Gibt daS Autoritär"?
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Mai.
* Wie man die Zahl der Wehrfähigen erhöht. Bekanntlich hat der KriegSminitter bei der zweiten Lesung der Militär Vorlage im Reichstag erklärt, im Falle der Einstellung der in der Vorlage geforderten 80,000 neuen Rekruten fei die Zahl der Wehrfähigen im Deutschen Reiche keineswegs erschöpft: nicht nur 80,000, sondern das Dreisache, 240,000 Mann, ständen zur Verfügung. Gar Mancher, der das las, mag über diese Aeußerung des Kriegsministers den Kopf geschüttelt und sich gefragt haben, wo der Herr Minister denn die weitere viertel Million dienst.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(17. Fortsetzung )
18.
Der Leser wird fragen, wie auf einmal Jakob Garand mitten unter den Rettungsmannschaften aufgetaucht sei? Es war ihm vor Allem darum zu thun, datz Johanna nicht ihre Stimme erheben, ihn anklagen — und vielleicht auch Glauben finden könne.
In wildem Lause war er, wie wir wissen, anfangs querfeldein geeilt, aber inzwischen hatte et seine Geistergegenwart und seine Besinnung einigermaßen wieder erlangt. Auch erinnerte er sich jetzt wieder des ver« hängnißvvllen Briests, dm er geschrieben hatte. Er wußte sehr wohl, daß ihm derselbe möglicherweise zum Verderben gereichen könne, und so wollte er sich um jeden Pre s wieder in dm Besitz desselben bringen.
Anstatt also seine Flucht weiter fortzusetzen, hatte er sich den Leuten angeschlossen, welche von allen Seiten unter dem Ruse: „Feuer, Feuer!" herbeieillen. Sein Plan war sehr einfach: bet dem vorhandenen Durchemander gedachte er mit leichter Mühe unbemerkt in die Loge zu dringen, den Brief nehmen und sich bann unter die Rettungsmannschaften mischen zu können.
Als er in dem Hole der Fabrik anlargte, sah er, wie die Loge Johanna's bereits in Hellen Flammen
fähigen Mannschaften herholen wolle. So nach und nach nun kommt die Aufklärung: die Musterungskommissionen habe«, wie der Abg. Richter schon in seiner Reichstagsrede hervorgehoben hat, „nur zu gut gearbeitet." Schon kürzlich wurde aus Aachen berichtet, daß dort bei der Aushebung ein hinkender Schneidergeselle tauglich erklärt worden sei. Jetzt wird unL vom Rhein mitgetheilt: „Bei dem diesjährigen Aushebungsgeschäft scheint man nicht überall hohe Anforderungen an die Tauglichkeit der zukünftigm Bater- landSvertheidiger gestellt zu habm. Aus dem Kreise Cochem wird berichtet, daß ein junger Mann für tauglich befunden worden, der früher einm Beinbruch erlitten hat und in Folge dessen von epilep- tischen Anfällen heimgesucht wurde, so daß ihm nach peinlichster Untersuchung eine Rente zugebilligt werden mußte. Kaum war der arme Mensch ein Jahr im Genüsse derselben, als er zum Militär angeschrieben wurde. Aus dem Kreise Adenau, Bürgermeisterei Bimeburg, ist ein junger Mann für tauglich erklärt worden, der bedeutend hinkt. Die Bekannten desselben hielten die Geschichte zunächst für einen schlechten Scherz, bis an der Wirklichkeit der Thatsache nicht mehr zu zweifeln war. Schade, daß diese be- dauernSwerthen zukünftigen Rekruten dem Reichstage vor der Abstimmung über die Militärvorlage nicht vorgestellt werden konnten. Wenn man aber halbe Krüppel für brauchbar erachtet, dann kann man die Präsenzziffer des Heeres getrost noch um einige Hunderttausende von Soldaten vermehren." — Ob man denn in militärischen Kreisen nicht fühlt, daß durch ein solches Borgehen einzelner Musterungskommissionen das Ansehen des deutschen Heeres und die Ueberzeng- ung von der Schlagfertigkeit desselben im Auslande mehr erschüttert werden könnte, als durch den der Reichstagsrnehrheit von verlogenen Osfiziösen fälschlich gewachten Vorwurf, daß sie „kein Verständniß für die Sicherheit ünb Wehrhäftmachung des Vaterlandes" habe?
* Auch die amtlichen Wahlbeeinflnffungen beginnen bereite. Wie wir der .Gelsenkirchener Zeitung' entnehmen, hat bei Gründung der Turnspielgenvssm- schaft der Lehrer des Kreises Gelsenkirchen der Kreis« schulinspektor Lindner ungefähr folgende Ansprache an die Lehrer gehalten: „Meine Herren, wir sind ja alle patriotische Männer. Ich hoffe, daß Sie dazu beitragen werden, den staats erhaltenden Parteien und der Regierung Sr. Majestät des Kaisers znm Siege zu verhelfen und daß Sie nicht das geheime Stimmrecht als Deckmantel benutzen werden, um gegenseitig za wirken." — Hier liegt ein Fall ausgesprochenster Wahlbeeir flussung vor, der die entschiedenste Berurtheilnng heraus fordert. Der Herr KreiLsckulin- spektor hat auf die Leistungen der Lehrrr in der Schule zu sehen, sich aber um deren politische Haltung nicht zu bekümmern, am allerwenigsten aber seine amtliche Stellung dazu zu benutzen, für Wahlen in diesem oder jenem Sinne Propaganda zu machen. Wir
stand. „Nun," sagte er, erleichtert aufaihmend, zu sich selbst, „mein Werk ist vollendet, ehe ich eS begonnen habe .... Dieser Fetzen Papier, der mich allensallS bloßstellen könnte, besteht nicht mehr ... Ich brauche jetzt nichts weiter zu thun, als eifrig mich an den Löscharbeiten zu betheiligen, dies wird die beste Antwort auf eine Anklage Johanna's sein, falls sie so thöricht wäre, mich anzuklagen!"
Im nämlichen Augenblicke, wo wir ihn rufen gehört haben: Reiten wir die Kasse! tauchte ein teuf« licher Gedanke in ihm auf.
Die Flammen, welche der rasende Orkan immer heftiger anfachte, loderten aus allen Oeffnungen des Pavillons hervor.
„Hier können wir nicht hinein!" meinte der Kas- firer, als er das Flammenmeer genährte.
„Lasten Sie mich nur machen," versetzte Jakob.
„Aber was wollen Sie denn eigentlich?"
„Sie werden es schon sehen."
Damit sprang er beherzt mitten durch eine Feuer- garb - in den Flur des Pav llons hinein, wo die Leiche Labrone's lag.
„Hier ist eine Leiche!" rief er entsetzt, während er dieselbe rasch auf feine Schulter lud und sie dann auf dem Pflaster des Hofes nieder legte.
„Das ist ja der Chef!" rief der Kassirer bestürzt auS. „Ermordet!"
Jakob war zum zweiten Male, ohne auf die Worte
haben fo viel Vertrauen zu den Erziehern unserer Jugend und dec nachwachsenden Generationen, daß sie trotz der Wahlrede des Herrn KreiSschnlinspektorS ihrer eigenen Ueberzeugnng folgen werden als echte Männer.
* Die verbündeten Regierungen haben dem jetzt aufgelösten Reichstage 33 Gesetzentwürfe vorgelegt. Von diesen sind 18 erledigt und 15 unerledigt geblieben. Zu den letzteren gehören, abgeschen von der Militärvorlage und den damit zusammenhängenden drei Steuervorlagen, betr. Bier-, Branntwein- und Börsensteuer folgende Entwürfe: betr. Kontrole deS Reichs« hauShaltS und deS LandeShauShaltS für Elsaß-Loth- ringen für daS EtatSjabr 1892/93; Abänderung deS Gesetzes vom 23 Mai 1873 über die Gründzüge der Verwaltung des Reichs-Jndalidenfonds; den Ausschluß der Oeffentlichkeit bei Gerichtsverhandlungen rc. (lex Heinze); das Gesetz über das Auswanderungswesen; über dm Unterstützungswohnsitz; über Waarmbezeich- nungm; über Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten (Seuchengesetz); Abänderung des Viehseuchengesetzes und sechs allgemeine Rechnuvgm. Diese unerledigten Gegenstände würden allein ausreichen, um eine ganze Reichstagssession zu beschäftigen. Sie werden in ihrer Mehrzahl bis zum Herbst vertagt bleiben. Der neue Reichstag wird nach bestimmtm Versicherungen auS Regierungskreisen außer dem serbischen Handelsverträge nur mit der Militärvorlage befaßt werden.
* Sine Frechheit sondergleichen erlaubt sich die sozialdemokratische .BolkSstimme' in Mannheim nachzudrvcken. Sie bringt folgend; Notiz: „Durch Bittgebete will der Münchener Erzbischof den Sauern helfen. Ec hat die Seelsorgervorstände ermächtigt, zur Eiflehung des Gedeihens der Feldftüchte öffentliche Andachten zu veranstalten. [Äämtitb die herkömmlichen Andachten in der Bittwoche. D. R.f Das ist vergebliche Mühe. Mehr Boden, verbesserte Ackerwerkzeuge, mehr und besserer Dünger, mit eimmWorte eine dem heutigen Stande der Technik und Chemie entsprechende Bodenbebauung, das allein ist's, wodurch bessere Erntm erzeugt und dem Bauer geholfen werden kann. Verlaßt sich der Bauer auf überirdische Hilfe, so ist er verlassen. Selbst muß er sich helfen in Verbindung mit der Sozialdemokratie." Wir glauben durch die einfache Mut Heilung dieser unverschämten Lästerungen zur Kennzeichnung der Sozialdemokratie beantragen.
• Der Papst empfing am Montag die polnischen Pilger aus der Provinz Posen, ungefähr 120 an der Zahl. Der Erzbischof von Gnesen und Posen, von Stablewski, verlas eine Adresse in lateinischer Sprache, welche der Papst lateinisch beantwortete. Die Pilger überreichten in einer Kassette von Bergkiystall einm PeterSpfennig im Betrage von 50,000 Mark in Gold. Der Audienz wohnte der Kardinal LedochowSki bei. Unter den empfangenen Pilgern befanden sich zahlreiche Vertreter der polnischen Adels. Der .Köl. Vztg.' werden über Die Audienz noch folgende Einzelheitm
deS Kassirers zu achten, in die Flammen hineinge« sprungen, in welchen er verschwand.
Zwei Sekunden verflossen, dann vernahm man drinnen seine Stimme, aber nur leise und fast unkenntlich :
„Ich st finde mich in dem Kabinet .... bei der Kasse . . . ." sagte die Stimme. „Ich ersticke. . . ich sterbe . . . Hülfe. . . Hüffe ..."
Die Leute wollten ihm zu Hülse eilen, aber eine vollständige Wand von Feuer hatte sich inzwischen zwischm die RettungSmannschastm und dem Eingang zu dem Flur emporgerichtet.
Plötzlich ließ sich ein gewaltiges, donnerähnliches Krachen vernehmen.
DaS Dach der Fabrik stürzte aus die erste Eiage hinunter, die bann ihrerseits bis ins Erdgeschoß nieder« prasselte. „ L „
Jakob ist sicher unter den flammenden Trümmern begraben! Er ist verloren!" rufen einige Stirn« men. „ ,
Gleichwohl versuchte man nochmals in Die Fabrik ein zudrir gm, aber das gewaltige Feuer men machte jeden Versuch von vornsterein unmöglich.
Schon stürzten die Mauern selbst zusamwm.
In diesem Augenblick erfchiknen die Brandspritzen von Maison - Alfort und Charenton, natürlich viel zu spät.