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2KJahrgmig

Mittwoch, bett 17. Mai 1893,

JV 111

FuldaerMZeitiing

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(16. Fortietzung.)

Jakob Garand, welchen wir in dem Augenblicke verlassen haben, in welchem er in der Schreinerwerk« stätte ein brennendes Zündhölzchen in die aufgehäusten Holzabfälle geworfen hatte, hatte sich sogleich abermals z« dem Pavillon des Chefs znrückbegeben. Rasch hatte er die Kassette, welche er auf dem Boden des Haus- fiurs zurückgelassen hatte, geöffnet und dann ihren Inhalt, die Banknoten und Zeichnungen zu sich gesteckt. Gerade in diesem Augenblicke hatte Labrone den Hof betreten und hatte Johanna das Thor sich öffnen und alsdann wieder zuschließen hören.

Der Chef bemerkte mit Verwunderung, wie ein greller Schein aus den Werkstätten hervorleuchtete; raschen Schrittes eilte er auf dieselben zu.

In diesem Augenblicke war Jakob eben damit be­schäftigt, das Feuer an das Zimmer zu legen und warf die leere Kassette mitten in die Flammen.

Labrone sah die Thüre zum Pavillon offen stehen und eilte, Böses ahnend, auf dieselbe zu — im näm­lichen Augenblicke kam Jakob heraus. Beide Männer standen einander gegenüber!

Der erste Schritt war geschehen, jetzt durfte er vor

ö Körsen-Patriotismus.

Nun kann es nicht mehr schief gehen, die Börse will die Armee herauShauen! In einem großen und „gutgesinnten" Berliner Blatt steht diese Großthat folgendermaßen verzeichnet: „Um den Beweis zu er- bringen, daß die Börse für die Interessen des Vater« landeS einzutreten bereit ist, hat sich eine Anzahl hiest« ger Bankiers und Direktoren unserer ersten Firmen zu- sammengethan, um eine Bewegung in's Leben zu mfen, welche den Zweck hat, für die Militärvorlage zu agitiren." Wie wird Graf Caprivi aufathmen, wenn er erfährt, daß der Landsturm der Börsenritter zu seiner Unter­stützung heranrückt! Wer hätte gedacht, daß aus diesen Geldjägern Feldjäger werden könnten, daß die Börse von der Agiotage zur Agitation übergehen könnte. Und wie wollen diese Mammonsritter für den Militaris­mus agitiren? Wollen etwa die Bankiers als Redner in's Land hinausziehm, um dem mühsam schaffenden Volke klar zu machen, daß es noch mehr Soldaten zu stellen und noch mehr indirekte Steuern zu tragen hat? Oder wollen sie die 55 Millionen, welche die Durch­führung des Antrags Huene jährlich kosten soll, durch eine Subskription „unserer ersten Firmen" aufzubringen suchen? Ach nein, sie wollen uns mit ihrer Kurs­zettel-Beredsamkeit verschonen und auch den Altar des Vaterlandes nicht mit geopferten Millionen strapaziren. Aber mit Geld wollen sie doch arbeiten, weil das nun einmal ihr Handwerkszeug ist; freilich nur mit etwas Agitationsgeld. Sie wollen „Geldbeiträge" sammeln, um diejenigen Parteien zuzuführen, welche „voll" für die Militärvorlage eintreten.

Die Sache ist gar nicht so dumm, wie sie aussieht. Erstens kann man durch mäßige Agitationsbeiträge idnen „Patriotismus" recht billig leuchten lassen. und zweitens erwirbt man durch die reklamenhaften Opfer- groschm sich die Anwartschaft, von Steuerthalern ver­schont zu bleiben. Umsonst wird an der Börse nichts gethan, die Börse treibt bei jedem Athemzuge und jeder Hcmdbewegung Spekulation; denn das ist ihre Natur.

Kann „die Börse" patriotisch sein? Ja, was ist denn die Börse? Ein Markt, weiter nichts. Be­ansprucht der Fischmarkt den Ruhm der Patriotismus? Oder wirft sich der Biehhof als Retter des Vater­landes in die Brust? Die einzelnen Leute, die einen Markt besuchen, können gute oder schlechte Patrioten sein; der Markt selbst ist eine unpolitische Einrichtung.

Nun versteht man unter „Börse" häufig die „hohe Finanz", die Gesammtheit der Riesen-Portemonnaies, der Gädgeschäste, bei denen die 1000 Mk.-Scheine zur Scheidemünze gehören. Mit dieser Geldbörsen-Börse hat freilich das „Vaterland" manchmal etwas zn thun. Wenn das Vaterland Anleihen aufnehmen will, so vermitteln diese großen Geldmenschen das Geschäft; aber nicht etwa aus opferwilligem Patriotismus, fon« dein gegen den gehörigen Profit. Bricht ein Krieg ans, fo braucht das Vaterland verzweifelt viel Geld, and es wäre ihm dann fehr lieb, wenn die Riesen­börsen sich dann aus Patriotismus sperrangelweit öff­neten. Aber 1870, als die ernste Probe auf den sog.

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Patriotismus der Börse gemacht wurde, da war das Ergebuiß kaum befriedigend. Wenn unsere Armee nicht so schnell und so gründlich gesiegt hätte, so wäre die MUitärkasse auf das Trockene gekommen. Kriegs­anleihen von Hunderten oder tausenden Millionen zeichnen — das ist die rechte Bekundung eines Börsen« Patriotismus; aber mit AgitattonS«Sammelbüchsen klappern — das ist Humbug.

Vor neun Jahren bildete sich ein Verein, der die Interessen der Börsenleute int öffentlichen Leben und auch in der Polittk verfechten wollte. Man nannte ihn im höflichen Stil den „Verein mit dem langen Namen" und sonst die Couponschneider-Junung. Ob der Verein schon begraben worden ist, weiß ich nicht; aber tobt gegangen ist er. Soll er vielleicht aufer­stehen unter dem verbesserten Namen: „Mflitär- und Couponschneider-Jnnung" ? Da der wackere Abgeord­nete Ahlwardt für den Antrag Huene geftimmt hat, so könnte der neue militärfanatische Börsenverein sich recht gut mit ihm associireu. Jedenfalls gehört die Ahlwardt-Pickenbach'sche Antisemiten-Partei zu den Auserwählten, für die das agitatorische Sammelgeld der Börse bestimmt ist. Man sollte ihnen recht viel geben, dann sieht vielleicht Ahlwardt ein, daß die Börse doch besser ist, als er nach seinen „Akten" bisher geglaubt hat. Wenn er auch die Judmflinten so fürchterlich schlecht gemacht hat, so ist er doch am Ende für das Pulver erkenntlich, wenn es auch von „reichen Börsenjuden" kommt.

Man theilt von Alters her dar Volk in drei große Stände: Nährstand, Lehrstand und Wehrstand. Wo­hin gehört die Börse? Zum Nährstand gewiß nicht, zum Lehrstand auch nicht Wenn-sie sich jetzt an den Wehrstand heranschmeißt, so hat sie doch wenigstens ein Unterkommen. Bisher brachten die „verdienten" Börsianer es höchstens zum gewöhnlichen oder geheimen „Kommerzienrath". Die neueste Wendung eröffnet ihnen den Anspruch auf feen Titel „Kciegsrath". Zur Vermittelung dieser Auszeichnung würde sich wiederum der genannte Ahlwardt empsehlen, der in diesem Betriebszweige bekanntlich schon Manchs.Proben ab­gelegt hat.

Ach, die Zeiten sind so schauderhaft ernst, daß man wirklich Jedem um den Hals fallen möchte, der auf der traurigen Weltbühne einige Bajazzo - Streiche macht. Hoffentlich zeitigt die Wahlbewegung noch mehr politische Clowns. In dürren Zeiten wirkt auch der gepreßte Humor erfrischend, und ein schlechter Witz ist bekanntlich immer gut.

Welch' ein erquicklicher Trost ist es z. B. für uns arme Leute, denen man den Patriotismus ratzm- kahl abspricht, wenn wir den „nationalen" Phari« säern antworten können: „Sie reisen wohl als be­soldeter Kommis des BörsenpatiotiSmus? Bedauere sehr, wir sind versehen!"

Auf die Auflösung braucht keine Ausregung zu folgen. Ich bin dafür, die Wahlkämpfe, die uns bevorstehen, nicht so sehr mit Entrüstung, als vielmehr mit spöttischer Gelaffenheit zu behandeln. Alle diese Verdächtigungen und Hetzereien haben kurze Beine. Weiteren nicht zurückschrecken. Jakob wollte, wenn nöthig, zum Aeußerstm schreiten.

Blitzschnell riß er ein katatonisches Messer aus der Tasche und öffnete es.

In diesem Augenblicke hatte der Chef um Hilfe gerufen.

Aber bereits hatte sich Jakob mit der Geschwindig­keit eines blutdürstigen Tigers auf Labrone geworfen und Labrone sank, tödtlich mitten in die Brust ge­troffen, lautlos zu Boden.

In diesem Augenblicke war Johanna hinzugekommen, das Uebrige wissen wir.

Die unglückliche Fran war, nachdem Garand in wilder Flucht querfeldein verschwunden war, allein mit chrem aus's Höchste erschrockenen Kinde zurückgeblieben, rathlos, vor sich den schauerlichen Schein einer Alles verzehrenden Feuersbrunst. Plötzlich, während sie noch in höchstem Schrecken unschlüssig da stand, ertönten in der Ferne rasch aufeinander folgend einige Signale.

Dieselben kamen vom Fort Charenton — schauer­lich klangen sie durch die dunkle, stille Nacht.

Zu gleicher Zeil ließen sich aus verschiedenen Richtungen Stimmen vernehmen:

„Feuer! Feuer!"

Jetzt kam Johanna wieder einigermaßen zur Be­sinnung !

Was ist in diesen Sachen irn Jahre 1887 nicht ge­leistet toorben? Und wie schnell war nach vollzogenem Geschäft das Echo verklungen? Wer einen Bis- marck'schen Wahlsturm ausgehalten hat, der braucht sich vor den Blasebällen seiner Nachfolger nicht zu scheuen.

„Ruhig Blut", haben wir neulich schon einmal gepredigt, als sich die Köpfe erhitzten wegen des Ahl« wardt-Rummels. Wie kleinlich, wie abgestanden sieht jetzt schon dieser aufgedonnerte Zwischenfall aus! Ruhig Blut ist auch jetzt am Platze, obschon es sich um viel ernstere Sachen handelt. Mit dem galop- pirmden Pulsschlag kommt man nicht weiter, als mit dem gleichmäßigen, wohlbemessenen Schritt. Die Ueberzeugung hängt nicht vom Geschrei ab und die Thatkraft nicht vom großen Gestus. Die Nerven brauchen nicht zu zucken, aber die Muskeln müssen arbeiten.

Bange machen gilt nicht. Der alte Herr v. Meyer- ArnSwalde, der einen besseren Nachfolger verdient hatte, hielt sich bekanntlich zu seinen Lebzeiten an den ein­fältigen und doch sehr gescheidten Spruch: Es geht auch so! Alle Süppchen werden heißer gekocht, als wie sie gegessen werden.

Die Ruhe schließt nicht die Tüchtigkeit, den Fleiß und die Ausdauer aus. Je klarer das Gewissen und je fester die Ueberzeugung ist, mit desto größerer Ruhe steht man - in dem Gewirr, aber mit desto größerer Kraft greift man auch ein, wo es sich gehört.

Eine besondere Lehre können wir noch auS der „patriottschen" Börsen - Komödie ziehen. Zur Wahl­agitation gehört Geld. Die bessere Sache braucht weniger Geld, aber sie braucht doch etwas. Ich weiß nicht, ob die Börsenmilitärs aus die Entsendung von bezahlten Rednern ausgehen. Jedenfalls wäre das zu bedauern; denn die gewerbmäßigen Schwätzer sind gewöhnlich die schlimmsten Hetzer. Sie wollen für ihr Honorar doch recht was Effektvolles leisten, um, gleich ben Schauspielern, die nach Beifall angeln, eine Er­höhung der Gage oder doch wenigstens eine Verlänge­rung ihres Kontrakts durchzusetzen. Dar Honorar reizt zu Uebertreibungm, zur Aufstachelung von Leiden­schaften, zu verletzenden Ausfällen auf die Gegner. Halten wir unS alle Geschäftsredner vorn Leibe; das find Schmarotzer an der Agitation! Aber wenn man auch für die Beredtsamkeit kein Geld ausgiebt, so müssen doch Mittel da sein, um die Kosten für die Reisen, für die Versammlungslokale, für die Herstellung und die Bertheilung der Drucksachen rc. zu decken. Also dazu muß man den Bedürfnissen gemäß die Taschen aufthun. Viele kleine Börsen können im Nothfalle ebenso viel leisten, als die „Börse" leisten wird.

Für unsere Kreise ist aber keineswegs das Geld die Hauptsache. Die treue Mitarbeit aller klaren Köpfe und braven Herzen muß den Kohl fett machen. Jeder muß eintreten für das, was er als recht und gut erkennt und erstrebt. Was heißt „eintreten" ? Zu Reden in Versammlungen und zur Abfassung von Flugschriften sind nur wenige berufen; aber im kleinen

„Ja, ich bin verloren!" sagte sie zu sich selbst. „Der Elende, der sich an mir wegen meiner Zurück­weisung gerächt hat, hat in der That Recht. Mich wird man beschuldigen — aber nein, ich kann mich ja rechtfertigen, ich habe ja feinen Brief, der gegen ihn spricht."

Plötzlich fuhr die junge Frau, als wäre sie mit einem Male irrsinnig geworden, mit der Hand an die Stirne unh fuhr mit tonloser Stimme fort:

„Es ist nicht wahr, was ich sage ... Ich habe den Brief nicht ... Ich habe ihn zurückgelassen — nun, ich werde ihn suchen, er muß sich ja noch finden. Dann brauche ich keine Anklage zu fürchten, bir.n der Brief ist ein Entlastungsbeweis für mich."

Inzwischen war daS Firmament in unermeßlich weitem Umkreise vom Feuer der breunendm Gebäu­lichkeiten geröthet, mächtige Feuergarben prasselten und zischten, wie anS einem unergründlichen Vulkan empor.

Johanna eilte aus daS brennende Gebäude zu, von welchem sie einige hundert Meter entfernt war.

Kaum war sie einige Schritte gegangen, als eine Gruppe Leute an ihr vorbei durch die Felder eilte; noch eben hörte sie, wie Einer zu den Uebrigen sagte:

„Ich wette, daß diese Johanna Portier das Feuer angelegt hat — anders kann es kaum sein, denn in