20. Jahrgang
Dienstag, den 16. Mai 1893
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da die Heranbildung der Jugend in Rechtlichkeit und christlicher Tugend von der höchsten Bedeutung für das private wie öffentliche Leben ist, so müßt ihr euere Bemühuug in diesem Punkte noch täglich steigern. Und damit euch die Kraft zu diesen guten Handlungen auSreiche, so bitten Wir Gott inständig, Er möge euere Einsicht erleuchten und eueren Sinn und Geist bestärken in standhaftem Entschluß. Als Unterpfand dieser Himmelsgaben und als Zeichen Unseres Wohlwollens ertheilen Wir gern euch, eueren Familien und katholischen Landsleuten im Herrn den apostolischen Segen.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(15. Fortsetzung.)
Der Chef, welcher über den Zustand seiner Sohnes vollständig beruhigt war, hatte St. Gervais so frühzeitig verlassen, daß er in Paris kurz nach neun Abends eintreffen konnte.
Ja der That traf er um diese Zeit in der Stadt ein. Da er sich nicht die Mühe genommen hatte, vor der Abfahrt zu speisen, so betrat er bei seiner Ankunft ein in der Nähe der Bahnhofes gelegenes Restaurant und ließ sich ein Abendessen bringen.
Viele Ersenbahnbcamte, gute Bekannte des Chefs von der polytechnischen Schule her, waren ebenfalls anwesend, und so saßen bald alle im fröhlichen Gespräch zusammen, und die Zeit verfloß so rasch, daß Labrone es kaum gewahrte, daß cS bereits mehr als elf Uhr geworden war.
Erst gegen halb zwölf Uhr bestieg er einen Magen, der ihn nach Alfortville brachte.
Wie wir bereits wissen, war in diesem Augenblicke rin Gewitter mit größter Heftigkeit auSgebrochen, weshalb Labrone nur unter Zusicherung eines besonderen Trinkgeldes einen Kutscher bewegen konnte, in so später Stunde eine so weite Fahrt außerhalb der Stadt zu Machen.
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Die Ansprache des hl. Daters an die deutschen Pilger
in der Audienz vom 9. Mai hat in der Uebersetzung folgenden Wortlaut:
Mit Freude haben wir kürzlich den ausgezeichneten Beweis der Anhänglichkeit euerer Landsleute erhalten, welche im Dienste der TageSpresse sich sowohl um die katholische Sache, als um den Staat wohlverdient machen.. Nicht geringeres Wohlgefallen bereitet uns heute euer Anblick, geliebte Söhne, welche Deutschland als Vertreter vieler Tausende hierher entsendet. Fortgesetzt wird durch euere Ankunft die lange Kette der Pilger, die aus allen Theilen Europa'- schon seit Monaten mit sichtlicher Freude zu Un8 kommen. Bei richtiger Würdigung, wie Wir es schon bei anderer Gelegenheit gethan haben, ist diese Thatsache geeignet, Unser Herz zu bewegen und mit Vertrauen auf die Zukunft zu erfüllen. Zeigt sie doch, daß mitten unter den schlimmsten Jrrthümern unserer Zeit die Herzen Bieler der Heilung sich öffnen, und daß in Herz und Sinn der Völker, wie viele Mühe sich auch die zahlreichen Diener der Gottlosigkeit geben, sest begründet bleibt der Gehorsam gegen den Gottesglauben. Deshalb wenden sich — was von ganzem Herzen zu hoffen ist — auch Solche, die schwanken in unsicherer Zett, der göttlichen Einrichtung des römischen Pontifikates eifrig und vertrauensvoll in großer Zahl zu.
Der Umstand, daß Wir euch, einträchtig verbunden in Ueberzeugung und Willensmeinung, vor Uns sehen, ist Uns nicht sowohl für Uns persönlich, als für euch Alle willkommen. In dieser eurer Gesinnung, in diesem unverkennbaren Eifer für den Glauben werdet ihr nicht blos die Grundlage des Heiles der Einzelnen, sondern auch eine schwerwiegende Bürgschaft des öffentlichen Wohles finden. Und da auf denjenigen Punkt der Nachdruck zu legen ist, auf welchen die gegenwärtige Lage hinweist, so billigen Wir vornehmlich die Kundgebung eueres Entschlusses, die Freiheit des römrsch-»« Ps-pst-»S-zu schütze». Sieht doch .Jeder, wie die Dinge stehen. Nichts ist also mehr an der Zeit, als daß katholische Männer in gesetzmäßiger Weise für die legitimen Rechte der Kirche eintreten.
Nicht minder darf eure liebevolle Fürsorge die Arbeiter-Frage beanspruchen, über deren Behandlung Unsere Ercyklika im Wesentlichen die nöthigen Winke gibt. Fahret fort, für die Arbeiter zu sorgen; unterlasset nichts bezüglich derjenigen Forderungen, welche die Arbeiter ohne Verletzung der Gerechtigkeit erheben. Eine große Wohlthat werdet ihr ihnen erweisen, wenn ihr sie allmählig zur Verehrung der hl. Familie führt. In dieser Verehrung werden sie besondere Unterpfänder ihrer Wohlsahrt finden, nämlich den Schutz des Himmels und bte heiligsten Vorbilder für Geduld in Mühseligkeiten und sür daS Streben nach unvergänglichen Gütern.
Wie eifrig ihr für die gute Erziehung der Jugend thätig zu sein pflegt, ist UnS bekannt. Aber
sich nur Bermuthungen anstelle«. Man wird zunächst an den Grafen Waldersee oder einen beliebig« einflußreichen Hofbeamten denken. Der Kaiser hat bekanntlich sein Erscheinen in Görlitz bereits zugesagt.
* Nach dem Wahlaufruf des Centrums ver- rathen liberale Blätter große Neugier, weil er zufällig am spätesten von ollen erscheint, und mein«, die Abfassung müsse wohl besonders schwierig sein weg« der Meinungsverschiedenheit innerhalb der Partei. Die Stellung deS CentrumS zu den Prinzipien, wie zu dm TageSfragen ist so bekannt und klar, daß eS wirklich nichts verschlägt, ob sein Wahlauftuf einen Tag stüher oder später erscheint. Von Schwierigkeiten bei der Abfassung kann gar keine Rede sein, nachdem die kleine abirrende Minderheit schon von vornherein durch dm Austritt aus dem Vorstände der Fraktion darauf verzichtet hat, ihre Meinung in dem Aufrufe zur Geltung zu bringm und zum großen Theil gar nicht wieder kandidiren will, unstreitig mit Rücksicht auf die Wählerschaft. Statt sich nun mit Meinungsverschiedenheiten bei anderen Sorge zu machen, sollte eS den ehemaligen Kartellparteien näher liegen, zunächst einmal ein einträchtiger Berhältniß unter einander herzustellen. Einig scheinen sie aber vorläufig bloß indem einen Punkte zu sein, daß dem Lande neue Lasten auferlegt werden sollen, im übrigen reißen sie sich und ihre Wahlaufrufe gegenseitig herunter. Die Konservativen reden nur von der Verstärkung der Armee, schweigen aber von der zweijährigen Dienstzeit. Sie haben sich bekanntlich Vorbehalten, auf die dreijährige Dimstzeit zurückzukommen und auch da- Uebrige, was der Reichskanzler vorläufig preiSgegrben hat, nachzufordern. Dagegen hoffen die Nationalliberalen gerade mit der Betonung der zweijährigen Dienstzeit und des Antrags Huene Geschäfte zu machen. Die Konservativen erklären sich gegen die Handelsverträge und für die Doppelwährung und wiederholen ihre agrarischen Forderungen. DaS alles ist nicht nach dem Sinn der Nationalliberalen, und so zanken sich,Nat. Ztg.' und .Kreuzztg.' wccker herum. Die freikonsrrvative .Post' kommt hinzu und hetzt weiter, weil die Konser- vativm keine rechte Lust an dem Kartell haben. Leider werden aber die ehemaligen Kartellbrüder, falls sie siegen sollten, trotz aller Uneinigkeit unter einander einig sein im Schadenstiften und in der Verstärkung der Lasten. Da habm nun Wahlaufrufe wenigstens das Gute, daß man aus ihnen dm Unterschied zwischen Versprechen und Halte» bei gewissen Parteien ersehen kann. Die Konservativm erklären: „Die Lasten dürfm nicht den Unbemitteltm, dm Mittelstand oder die Landwirthschaft drücken." Wir sind neugierig, wie sie eS machen wollen, daß nicht vor allem der Bauer seine Söhne und Knechte zum Militärdienste hergeben muß und die erhöhte Bier- und Branntweinsteuer nicht vorzugsweise von den Unbemittelten und dem Mittelstände aufzubringen ist. „Die Lasten dürfen die Landwirthschaft nicht drückm", heißt im Munde der Konservativen nur: daS Brennerei- Privileg der Großgrundbesitzer des Ostens darf nicht
Noch fester klammerte sich daS Kind mit feiner Rechten an daS Kleid feiner Mutter, währmd er mit der Linken fein hölzernes Pferd festhielt.
Johanna wußte schließlich, um ihn zu beruhigen, nichts Besseres zu thun, als ihn auf dm Arm zu nehmen und trat alSdan«, nach allen Seitm umherspähend, in den Regen auf dm Hof hinaus.
Zu ihrem größten Schrecken erlmchtete sich mit einem Male die dichte Finsterniß mit unheimlichem röthlichem Schein, der von den Werkstätten herzu- kommen schien . . . Rasch eilte sie auf daS Fabrikgebäude zu, aber sie war höchstens noch zwanzig Schritte von dem Pavillon des Chefs entfernt, als eine durchdringende Stimme rief:
„Hier! Zu Hülfe!" .
Dann verrahm sie einen schrecklichen Aufschrei, wie von Jemand, der in Todesnöthen liegt, dann eine Art Röcheln und Alles war wieder still.
Raschen Schrittes eilte Johanna auf den Pavillon zu, hinter dessen Fenstem jetzt ebmfallr em unheimlich röthlicher Schein sichtbar wurde.
Bor Schrecken wäre in diesem Augenblicke Johanna fast zusammengesunken; in dem Flur der Pavillons gewahrte sie Jakob Garand, in der Hand ein großes Messer schwingend, zu seinen Füßen der Chef, leblos in seinem Blute schwimmend.
Deutsches Neich.
Berlin, 13. Mai.
* Begreifliches Aufsehen erregt eine im sozialdemokratischen ,Vorwärts' erfolgte Veröffentlichung eines Briefes des Prinzregenten Albrecht an eine ungenannte „sehr beschäftigte" mit Ew. Excellenz ange- redete Persönlichkeit, welche jedmfalls nicht Caprivi ist. In diesem, Blankenburg, 9. Mai 1893, bahrten Briefe, der, wenn er echt sein sollte, nur durch eine phänomenale Indiskretion in den Besitz des sozialdemokratischen Parteiblatter gelangt sein kann, schreibt der Prinzregent Albrecht, der Kammerherr von Witzleben und der Kloster probst zu Roßleben, habe ihn TagS zuvor gebeten, dahin zu wirken, daß Fürst Bismarck zu der am 18. Mai stattfindenden Enthüllung der Kaiser Wilhelm-Denkmals in Görlitz — neben dem Kaiser Wilhelm sind Bismarck und Moltke auf diesem Denkmal durch Standbilder verewigt — eingeladen werde. Der Versuch, BiSmarck'S Einladung zu erwirken, sei bereits gemacht worden; die Erlaubniß zur Einladung aber ab gelehnt worden, allerdings in einer Weise, daß es im Zweisel blieb, ob diese Ablehnung vom Kaiser oder einer anderen Seite auS- ging. Witzleben habe gemeint, eine publike Aussöhnung des Kaisers mit Bismarck würde nach der Auflösung des Reichstages von einem eminent wohlthätigm Einfluß auf unsere inneren Verhältnisse sein müssen. Der Prinzregent sagt, daß er diesem Ersuchen im Moment offiziell ein „Nein" habe entgegensetzen müssen, sich aber die Sache nochmals überlegen wolle. „Äon der Bedeutung einer solchen Schrittes" — der Begegnung von Kaiser und Fürst Bismarck -- „durchdrungen", so schließt der Brief, „möchte ich doch den Gedanken nicht fallen lassen, ohne ihn Ew. Excellenz mitgethült zu haben. Im Herzen kann ich es nicht von der Hand weisen, was ich offiziell thun zu müffe« glaubte, um keine unnützen Hoffnungen zu erwecken. So theile ich diesen Gedanken von Witzleben'S Ew. Excellenz mit sür den Fall, daß Sie irgend Gebrauch von mir für dessen Ausführung glauben machen zu können, oder auch ohne mich, der ich verbleibe Ew. Excellenz aufrichtig dankbarer Albrecht, Prinz von Preußen." — Der .Vorwärts' bemerkt spöttisch, ein freundlicher Wind habe ihm diesen Brief auf'- Re- daktionkpult geweht. — lieber den Adressaten lassen
Halb eins schlug es, als der Wagen Alfortville erreicht hatte.
„Wohin jetzt" frug der Kutscher.
Labrone gab ihm die nöthigen Weisungen, indeß verfehlte der Kutscher mehrere Male in der dichten Finsterniß den richtigen Weg, so daß Labrone unge- duldig endlich aus stieg und zu dem Kutscher sagte:
„Hier sind Ihre zwanzig Franken, ich bin ganz nahe zu Hause, Sie können «ach Hause fahren."
Damit eilte er auf seine Wohnung zu.
Zwar rieselte im das Wasser an ben Kleidern herunter, aber er hatte höchstens noch einige fünfzig Schritte bis zu seinem Hause zu machen.
An der Fabrik angelangt, nahm er einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Thitte, schloß dieselbe und schritt alsdann ohne sich Weiter umzusehen, durch den Hof auf sein Pavillon zu.
Johanna hatte gehört, daß die Thüre geöffnet und wieder geschloffen wurde.
„Es ist jemand hereingekommen," murmelte sie hastig aufspringend, „auch höre ich Tritte im Hofe — was mag dies nur fein?“
Schon wollte sie hinauSeilen, als sie der Kleine am Rocke zupfte und tief:
„Mama, geh nicht, mir ist so bange." „Ich komme sogleich wieder, Herzchen." , . Nein, nein, geh nicht, ich bin so bange. Bleib hier.
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