20. Jahrgang
Sonntag, den 14. Mai 1893.
JM 109
WUkrW KW g
tV* Hierzu eme Beilage.
* Die Steuer-Deform.
Das Abgeordnetenhaus hat am Dienstag, wie kaum vorauszusehen war, die dritte Lesung der Steuerreformgesetze beendigt. Das Ueberweisungs-und das Ergänzungssteuer-Gesetz beanspruchten zusammen einen Tag, das Kommunalsteuer-Gesetz nicht ganz zwei Tage. War schon die zweite Lesung erheblich rascher von Statten gegangen, als man erwarten konnte, so noch mehr die dritte Lesung. Wer noch vor drei Wochen hätte Voraussagen wollen, daß sie in drei Tagen zu Ende gehen würde, wäre ausgelacht worden. Es kann natürlich keinem Zweifel unterliegen, daß die Vorgänge im Reichstag auf diese bisher unerhörte Geschwindigkeit den wesentlichsten Einfluß gehabt haben. Ob sie aber dem Werk zum besonder« Bortheile gereicht hat, dürste schon mehr fraglich sein. Wir fürchten, schreibt die ,Köln. Vztg/, daß das Herrenhaus, wenn es anders gesonnen ist, in eine sorgfältige Einzelberathung der drei Gesetze ein» zutreten, recht vieles finden wird, war wirklich noch verbessert werden muß. Das Centrum hat der gejammten Steuer-Reform von Anfang durchaus freundlich gegenüber gestanden; auch die Vermögenssteuer, wenn sie auch einzelne Gegner in der Fraktion hatte, war der Mehrheit derselben annehmbar erschienen. Namentlich die dem städtischer: und ländlichen Grundbesitz in Aussicht stehende Erleichterung war ihr ein im höchsten Maße sympathisches Ziel. Ihre Vertreter in der Kommission haben denn auch in einer von allen Seiten anerkannten Weise bei der Ausgestaltung der Vorlage mitgewirkt. Freilich — vom ersten Augenblick an war der unverrückbare Standpunkt der Fraktion: ohne befriedigende Wahlrechts-Reform keine * Steuer-Reform. Bekanntlich hat, nachdem über die Wahlrechts-Reform im Abgeordnetenhause eine Bereiu- bamng mit den Konservativen stattgefunden, das Herrenhaus diese Reform unbegreisticherweise vollständig ab« gelehnt. Von diesem Augenblicke an wurde natürlich die Stellung des Centrums eine höchst schwierige. Wenn es auch ganz unmöglich erscheint, daß die Fassung der Herrenhauses im Abgeordnetenhause einfach angenommen wird, so besteht doch nach keiner Richtung hin eine Sicherheit, ob die alte Fassung des Abgeordnetenhauses wieder hergestellt wird. Selbstredend wird das Centrum mit allen Mitteln diese Wnderstellung erstreben. Das Centrum hat deshalb versucht, die Schluß« abstimmung über alle drei Steuerreformgesetze hin- auSzuschieben, bis die Wahlrechts-Novelle vom Herrenhause zurückgekommen und von Neuem über dieselbe beschlossen ist. Doch ist das nur beim Ueberweisungs« gesctz gelungen. Beim Ergänzungssteuer« und Kom» munalabgaben-Gesetz wurde sein diesbezüglicher Antrag abgelehnt, weil die Mehrheit der Meinung war, das Centrum sei durch die AuSs,tzung der Schlußabstimmung über das UeberweisungSgesetz genugsam gesichert. DaS Centrum war jedoch anderer Ansicht und war
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(Fortsetzung aus der Beilage.)
16.
Jakob Garand hatte einen Theil des Abends in der Schänke zugebracht, in weicherer mit andernArbeitern der Fabrik allabendlich seine Abendmahlzeit einzunehmen Pflegte.
Kurz vor elf Uhr brach er auf, schlug indeß, anstatt nach Hause zu gehen, wie am vorhergehenden Abende ben Weg nach der Brücke von Charenton ein.
„Wir werden ein schönes Gewitter bekommen, murmelte er vor sich hin. „Aber waS liegt daran? Wenn sie kommen will, dann wird daS Unwetter sie schwerlich abhalten. Sobald sie hier ist, werde ich mit ihr in meine Wohnung gehen, und werde alsdann meinen Entschluß zur Ausführung bringen."
Aufmerksam spähte Jakob jedesmal, wenn ein Blitz für einen Augenblick die Finsterniß erhellte, umher, ob nicht die Frauengestalt sichtbar wurde.
Er gewahrte indeß nicht das Geringste, und begann, als er an dem verabredeten Orte angelangt war, in größter Erregung auf und ab zu gehen.
Was in diesem Augenblicke in feinem Innern vorging, wäre unmöglich zu beschreiben — draußen tobte
deshalb nicht in der finge, für das ErgänzungSsteuer» und Kommunalabgaben-Gesetz zu stimmen. Dagegen wollte eS auch jetzt noch nicht gegen dieselben stimmen, । weil eben über die Wahlrechts-Frage noch nicht end- giltig entschieden ist. Es war also ganz konsequent, daß daS Zentrum bei beiden Gesetzen der Abstimmung sich ' enthielt. DaS Weitere wird sich finden. Zunächst wird kurz nach dem 30. Mai das Abgeordnetenhaus über das Wahlgefitz in der Fassung deS Herrenhauses von neuem zu berathen haben, und es wird sich zeigen, ’ in wie wett die Mehrheit glaubt, die Nothweudrgkett der Beseitigung der ungeheuerlichsten Auswüchse unseres ! Dreiklassen-Wahlsystems ignoriren zu dürfen. Auch das Ergänzungssteuer« und Kommunalabgaben. ; Gesetz werden zweifellos aus dem Herrenhause zurück« komme«, und zwar, nachdem daS Wahlgesetz erledigt ■ ist. DaS Herrenhaus hat seine nächste Sitzung erst auf * den 25. Mai angesetzt, und zwar zum Zweck der ver- - fassungsmäßig vorgeschriebenen zweiten Abstimmung über ■ das Wahlgesetz. Eine besondere Rücksichtnahme auf ; die finge bet Steuer-Reform wird man in dieser ' Hinausschiebung der nächsten Sitzung nicht gerade erkennen. Nachdem das Abgeordnetenhaus in Kommission und Plenum mit so überaus großer Anstrengung die Dmchberathung derselben gesördert hat, hätte man schon erwarten dürfen, daß dar Herrenhaus alsbald nach Erledigung derselben zusammengetteten wäre, um nun auch seinerseits die Berathung mit demselben Eifer zu beginnen. Run wird das Herrenhaus frühestens am 26. Mai mit der Berathung der Steuerreformgesetze ■ beginnen. Kommt also dar Abgeordnetenhaus - am 30. Mai wieder zusammen, so wird wohl kaum weiterer Arbeitsstoff vorliegen, und das Haus wird । sich wieder vertagen müssen, bis die Steuerreform- ; gchtze aus dem Herrenhause zurückgekommen sind. Du ! Session wird sich ohne Zweifel bis spät in den Sommer * hineinziehen.__________________•
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Mai.
* Bestem Vernehme« nach hat der Kaiser mit ; Rücksicht auf die innerpolitische Sage beschlossen, von der bisher geplanten Nordlandr eise vorläufig Ab- ; stand zu nehmen.
* Der Minister deS Innern hat die ihm unter- । stehenden Behörden zur schleunigen Einleitung der Ar- . bette« für die Reichstagswahle« angewiesen und . angeordnet, daß die Wahikommffsare die etwa noth- ; wendig werdenden Stichwahlen allgemein auf den ' fünften Tag nach Ermittelung des Wahlergebnisses dek ersten Wahlganges anzusetzen haben. ;
* In der Reichshauptstadt befindet sich die Wahl- , bewegung in vollem Gang?. Heute Abend find allein ; 10 große Wahlversammlungen zusammen berufer', wo- von allein sechs auf die Sozialdemokraten entfallen. - Gewisses Interesse dürften die beiden von den Konser- vativen und den Antisemiten anberaumten Versammlungen beanspruchen; beide werden selbständige Kandi- ' baten aufftellen; auch eine nationalliberale Kandidatur
ist in Aussicht genommen. Nächste Woche soll eine große Versammlung aller derjenigen stattfinden, welche gleichviel welcher Partei sie angehören, auf dem Boden der Militär-Vorlage stehen. Wie man hört, wäre von dieser Gruppe Prof. Delbrück (Herausgeber der Preuß. Jahrbücher) ausersehen.
* Der alte offiziöse Unfug der Ctitrnng auswärtiger Blätter, um Stimmung für die Militär« Vorlage zu machen, wird nach der Auflösung natür- lich mit verstärkten Kräften fortgesetzt. Arn wider« sinnigsten ist es, abfällige Aeußerungen gegen den Reichstag aus der österreich-ungarischen Presfe zu ver« werthen. In Oesterreich-Ungarn wünscht man natürlich, daß Deutschland möglichst hohe Militär« Lasten übernimmt im Interesse der Dreibundes, damit man sich dabeim mit desto weniger begnügen kann. Die ,Voss. Ztg.' bemerkt zu diesem Kapitel:
„Man gibt sich in Oesterreich der Meinung hin, daß es die Pflicht Deutschlands sei, seine militärische Stellung innerhalb des Dreibundes so viel wie möglich zu stärken, ohne dort die wirth- schaftlichen Folgen nach Gebühr zu würdigen und würdigen zu können. Mit der militärischen Stärkung Deutschlands befestigt sich ja auch die Stellung und Sicherheit Oesterreich-UngarnS. Anders allerdings stellt sich die Sache in den Augen der österreichischen Presse, wenn die eigene Heeresverwaltung mit Forderungen für militärische Zwecke hervortrUt. MS vor zwei Jahren für die Delegationen eine Vorlage der Knegsvec- waltung vorbereitet wurde, die nur 15 Millionen Mehr-Ausgaben verlangte, wurde diese verhältnißmäßig geringe Forderung als unvereinbar mit der wirthschastlichen Lage bezeichnet und auf kaum ein Drittel herabgedrückt. In der ganzen österreichischen Presfe ist bisher auch noch nicht eine Stimme laut geworden, welche die Einführung der zweijährigen Dienstze und dafür die Vermehrung des Präsenzstandes der Armee gefordert hätte. Und doch ist dieser gegenüber Deutschland verhältnißmäßig wesentlich 9eni*e«u(f) ber „Bund der Landwirthe" gebest in bie Wahlbewegung eingugreifen. Arn Freitag hält ber Vorstand und am Sonnabend der Ausschuß deS Bundes in Berlin eine Sitzung ab, um festzustellen, welche Stellung ber Bund zu ber durch die Auflösung ge« schcffenen Lage nehmen soll. Gleichzeittg soll darüber Beschluß gefaßt werde«, welches Vorgehen den Ver« trauenZmünnern bezüglich ber Agitation und Kandidaten» Aufstellung empfohlen werben soll. ES wirb sich zeigen daß ber Bunb nur ein Anhängsel ober Auswuchs der konservative« Partei ist und dementsprechend nur deren Geschäfte besorgt.
* Der «ationalliberale Wahlaufruf bemerk über bie Veranlassung ber Auflösung des Reichstages:
Gegenüber der von Jahr zu Jahr wachsenden Heeresmacht Frankreichs und Rußlands mußten neue und große Anforderungen an die Opferwilligkeit der Nation gestellt werden. Nicht leichten Herzens sind die Vertreter unserer Partei im Reichstage an die Berathung der Militär - Vorlage herangetreten. Ihrer ernsten Verantwortung eingedenk haben sie eine Verständig^ über das nothwendige Maß der Bewilligung angestrebt. Die Grundlage dafür war endlich mit Zustimmung der verbündeten Regierungen gewonnen. Unter dem Banne engherzigen Frak- tionSgeisteS fand sich jedoch aus den verschiedensten, nach ihren Grundanschauungen weit auseinander strebenden Parteien eme Mehrheit zusammen in der Verneinung. Diese Mehrheit hat den verhängnißvollen Streit heraufbeschworen. Sie hat neue Unsicher- heit in unsere der Ruhe und Stetigkeit so dringend bedürfenden wirthschastlichen Berhältniffe hereingetragen. Sie hat die gedeihliche Entwickelung unseres BerfassungSlebcns aui's schwerste gefährdet. Die großen, von den weitesten Kreifen des Volkes lang
«nb stürmte es gewaltig, aber in seinem Geiste nicht minber. Elf Uhr hatte eS geschlagen — so aufmerksam er auch hier horchen mochte, es ließ sich kem Geräusch von Schritten vernehmen.
Wüthenb stampfte er mit bem Fuße.
„Sie sollte doch jetzt schon hier sein!" murmelte er ingrimmig vor sich hin. „Sollte sie mich etwa schnöde zurückweisen wollen? Ach, wenn bteS ber Fall wäre . . . Nun, mag sie kommen ober nicht, ich werbe hanbeln!" sagte er nach einer Pause vor sich hin. „Sie liebt mich offenbar nicht — um so schlimmer für sic! Sie weist ihr Glück von der Hand — mag sie die Folgen tragen: ich werde nichts bestoweniger hanbeln!"
„Aber mein Brief!" rief er dann leise erzitternd ans. Wenn sie ihn Jemand zeigte, oder wenn man ihn fände?" @men Augenblick sann er nach.
„Ah bah!" Was beweist der Brief denn eigen!» lich? Wer soll denn eine Anklage gegen mich erheben könne«? Niemand! Urbrigens werde ich schon meine Maßregeln treffen, um einen etwaigen Verdacht von mir adzulenken. Anstatt morgen schon tn’8 Ausland zu gehen, kann ich ja nöthigenfalls noch einen Monat ' warten. Die Zeit wirb mir lang werden, sobald ich I in Händen habe, waS ich haben will!"
DaS Gewitter wüthete inzwischen mit ungeschwäch«
ter Heftigkeit fort.
ES schlug halb zwölf.
„Sie kommt nicht?" dachte Jakob bei sich. „Sie - will nicht aus dem Hause heraus, aus welchem man fte verjagen will und das bald in Asche liegen wird? • Meine Zuneigung erwidert sie mit Verachtung! Nun, 1 fort denn mit der Siebe, ich will von jetzt an nur an mein Glück denken!"
Mitten im strömenden Regen, bis auf die Haut durchnäßt, »ohne kaum darauf zu achten, verließ Jakob die Brücke, schlug den nämlichen Pfad wie am vorher» ‘ gehende« Abende ein und hatte bald daS offene Feld ■ erre^t" weniger als einer Viertelstunde befand er sich : an derselben Thüre, an welcher er in der vergangene« ! Nacht einen Abdruck vom Schlosse genommen hatte.
Dann zoa er eines der kleinen eisernen Instrumente, ■ welche er selbst angefertigt hatte, auS ber Tasche, steckte ' eS in daS Schlüsselloch und probitte.
Die Thüre ging sofort auf — er stand im Hose | DaS^Gewitter hatte in diesem Augenblicke seinen
i Höhepunkt erreicht. .
! Jakob warf einen Blick auf bie Loge ber Schließen«; eS war drinnen noch Licht zu sehen.