20. Jahrgang
Mittwoch, den 10. Mai 1893.
M 106
Zeitung
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E. Gin Hinderniß für die Hebung des Handwerkerstandes.
11.
Bierundzwanzig volle Jahre hat nun bereits die zügellose Gewerbefreiheit ihr Zerstörungswerk ausgeübt, Tausende und Abertausende einst selbstständige zufrie- bene Existenzen ins Elend gestürzt und dadurch ein dem Throne wie dem Altäre gleich gefährliches Proletariat geschaffen und mit roher Gewalt das schöne Band zerrissen, welches ftüher in musterhafter Eintracht Meister, Geselle und Lehrling mit einander verband. Treue und Glaube, Religion und Sitte, Ehrbarkeit und Reel- lität in Handel und Wandel. Bescheidenheit und anspruchslose nüchterne Lebensweise, wie sie dem Handwerk ehedem eigen, sind vielfach geschwunden und haben dem Schwindel, der Vergnügungssucht, dem religiösen JndifferentiSmuS, allen mögliche unreellen Uebervor- theilungen und insbesondere einem verderblichen Brod- neide Platz machen müssen. Ein Heer von Pfuschern und gewissenlosen Spekulanten hat wieder ihrerseits ein Heer von Handwerkern erzeugt, welcke jeder StandeS- bewußtseinS ermangelnd, wiederum Lehrlinge züchten, und wahrlich, einem wirklichen standeSbewußten Handwerksmeister muß eS weh um'S Herz werden bei dem Gedanken: was soll aus dem Handwerk wer- den, wenn da? noch 10 Jahre so weiter geht, wenn der letzte Rest der ordnungsmäßig ausgebildeten standeSbewußten Meister zur „großen Armee" abberufen fein wird?! \
Wir wollen nun allerdings gern anerkennen, daß \ die feit 1881 wieder neu gegründeten Innungen gerade - auf dem Gebiete der Pflege des Gemeinsinnes und der i StandeSehre, insbesondere in einer besseren Lehrlings- i Erziehung, Vieles geleistet haben. Ebenso soll mit j großem Danke gegen die Förderer, die Präsides der f kathol. Gesellen- und Lehrlings-Vereine, anerkannt werden, daß dieselben dem Handwerkerstande unschätzbare Dienste geleistet, indem sie Religion und gute Sitte uno damit zugleich StandeSehre in den Herzen einer großen Schaar junger Handwerker gehegt und gepflegt haben. — Wir betrachten eben dre Religion als die beste und sicherste Grundlage einer gedeihlichen StandeSehre und insbesondere eines berechtigten Handwerker- stolzes, weil Christus der Herr gerade dem Handwerker- stände die hohe Ehre schenkte, aus seiner Mitte sich einen Pflegevater und später seine Apostel zu wählen, ja dem Handwerkerstände selbst gewissermaßen anzuge- hören, indem er einem mmen Zimmermanne unürthan und im Handwerke behilflich war.
Aber wir müssen auf der andern Seite auch darauf Hinweisen, daß bei den geringen Rechten der fakultativen Innung das Häuflein der Arbeiter auf diesem Gebiete immer mehr zusammenschmilzt und bei dem losen Gefüge der Betheiligten, bei der Aussichtslosigkeit auf sorgenfreie selbstständige Existenz sür den angehenden Meister die Gefahr zu nahe liegt, daß daS wirklich : Gute, was die Innungen auf diesem Gebiete geschaffen, ;
in der Fabrik wieder verloren geht, indem der, wiewohl geschickte, aber mittellose junge Handwerker keinen andern Ausweg findet, als in der Fabrik ein Unterkommen zu suchen, wo seine beim Lehrmeister und auf seiner späteren Wanderschaft gesammelten Kenntnisse der Fabrik oder dem Maoazin-Jnhaber, dem Todtengräber deS Handwerks, zu Gute kommt, während das ganze angesammelte Kapital von Standesbewußtsein dieses Handwerkers, daS geeignet gewesen wäre, große Früchte für den Handwerkerstand zu tragen, in der Fabrik verloren geht. Wir weisen ferner darauf hin, daß die Brutstätten der Sozialvemokratie, die Fachvereine, ihre Polypenarme immer fester und fester um den Gesellen- stand schlingen, dort zunächst in dem jungen, oft arglosen Herzen Religion und Glauben untergraben und ihm dann mit leichter Mühe begreiflich machen, daß er nichts mehr und nichts weniger sei, als jeder Arbeiter, der vom Arbeitgeber nur ausgesogen werde, der sich aber eine bessere Zukunft sichern könne, wenn er ge- meinsame Sache mache mit den Arbeiter - Bataillonen, deren Schritt gefürchtet und deren Forderungen durchgehen müßten rc. Aufsicht auf Selbstständigkeit habe er doch nicht, früher oder später müsse er doch entweder als verheiratheter Geselle ein elendes Dasein fasten, oder hinter düsteren Fabrikmauern sein Leben zubringen. Alsbald ist der „Genosse" gewonnen und auS ihm wird nach kurzer Zelt wegen seiner Intelligenz ein brauchbarer „Führer", welcher bald als Feind jeglicher Ordnung nichts so sehr haßt, als Kirche, Staat und — Innungen! Die Fachvereine strecken überall ihre Fühler aus und wir lö men nicht umhin, die Gesellenvereine zu warnen, damit sie recht vorsichtig in der Aufnahme von Mitgliedern bezw. nicht allzu rücksichtsvoll bei Ausschluß solcher sich in irgend einer Werse verdächtig zeigender Elemente sind; denn gerade auf eine Durchseuchung der katholischen Gesellenvereine, deren Mitglieder ja leider von sozialdemokratischen Nebengesellen auf den Werkstätten nicht zu trennen sind, haben eS die Fachvereine b-sonders abgesehen.
Soll das Hinderniß für die Hebung des Handwerkerstandes beseitigt werden, welches in dem mehrfach erwähnten Artikel so tnffenb bezeichnet war, so müssen verschiedene Faktoren zusammenwirkeu. Die Handwerker, a.s die zunächst Betheiligten, müssen Alles tyun, was in ihren Kräften steht, um dem Handwerke einen würdigen standeSbewußten Nachwuchs zu verschaffen. Dazu gehört, daß sie diesen möglichst auS ihrem Stande, insbesondere auS den eigenen Söhnen rekrutiren. und ihre Töchter ganz im Sinne der Handwerks, nicht als Modepuppen, sondern als geschickte sparsame Hausfrauen erziehen, die geeignet sind, später an der Erziehung der Lehrlinge mitzuwirken. Grade diejenigen Handwerker, welche es trotz der Ungunst der Zeiten zu etwas gebracht haben, sollen schon auS Dankbarkeit gegen den Stand, dem sie angehören, ihren Söhnen frühzeitig eine gewiffe Ehrfurcht gegen diesen schönen Stano eirflösen, umso mehr auch diese Söhne Handwerker werden lassen, als sie die Mittel besitzen,
sie recht gründlich in der Buchführung, im Zeichnen, Rechnen und allen sonstigen Fächern deS Wissens, die heutzutage zur Führung einer eigenen Geschäfts noth- wendig sind, unterrichten zu lassen. Je reicher daS Talent des SohneS, um so bester für ihn und dm Stand, dem er sich widmet, und grade im Handwerkerstände hat der Fonds an Talent und Intelligenz nachgelassen in gleichem Maße, als er sich auS den untersten Volksschichten hat ergänzen müssen. Dann möchten wir auch dem weiteren Wunsche Ausdruck geben, daß die besseren Stände auch mehr wie bisher ihre Söhne dem Handwerk zuführen, besonders wmu bei diesen die Anlagen zum Studium fehlen, waSauch nicht selten vorkommt. Wir erachten eS für eitlen Fehler, der sich oft bitter rächt, und zugleich auch eine Beleidigung, welche man, wenn auch unbedachtsam, dem Handwerkerstande zufügt, wenn da dem angehenden Studiosus, der zum Studiren absolut keine Anlagen hat. der stets mit schlechten Censuren nach Hause kommt, der aber zur Erlernung eines Handwerks Lust ! und Geschick besitzt, die Erlernung eines Handwerks als etwas Erniedrigendes darqestellt, und Manchem sogar als drohende Strafe in Aussicht gestillt wird, falls er im Studium nicht bessere Fortschritte mache. Daher kommt eS, daß man in den besseren Ständen oft sehr gering vom Handwerker denkt, weil man vielleicht die Klippe, selbst Handwerker werden zu müffen, mit knapper Noth umschifft hat. Der Handwerkerstand ist ein schöner, freier Stand, sofern ihm nur sein historisches Recht wiedergegeben und ihm derselbe Schutz zu Tyeil wird, den die akademisch gebildeten Stände, sowie der Beamter stand besitzt. Könige und Fürsten haben sich nicht gescheut, ein Handwerk zu erlernen und Gott selbst hat es geadelt tote oben schon näher gesagt ist. Nicht darin besteht der Werth des Menschen, sondern einzig danach bemißt, sich der Werth, wie er den Stand ausfüllt, in ben Gott ihn gestellt hat.
Wir möchten dann ferner ben Appell an die besseren Stände richten, ihren Bedarf weniger in den Magazinen der Nichthaudwerker zu dicken, als vielmehr bei einem tüchtigen, soliden Handwerksmeister. Wenn die Sachen auch anscheinend im Magazine billiger, ja ost sogar nach dem Scheine zu urtheilen schöner sind, in der Regel wird man doch die Ecsahrung machen, daß man sich bei direkter Bestellung beim Meister auf die Dauer am besten steht. Schließlich muß ,um die Hebung zu sichern' — und das ist eigentlich die Hauptbedingung — die Gesetzgebung endlich den berechtigten Forderungen der Handwerker gerecht werden! Gebe man dem Handwerke wieder den Schutz, daß nur derjenige selbstständig ein Handwerk betreiben darf, der es ordnungsmäßig erlernt und nachgewiesen hat, daß er die nöthige Fähigkeit besitzt; zwinge man andererseits jeden Handwerker in der obligatorischen Innung an der H-bung deS Handwerks, an einer besseren sittlich-religiösen, sowie technisch und pr attisch tüchtigen Ausbildung der Lehrlinge mitzu- | wirken; hebe man hiermit daS durch die zügellose Ge-
Endlich enttarnt!
Roman von R. von Wollersheim.
(11. Fortietzung.)
„Ich glaube, sie kann mir die Geschichte noch nicht recht verzeihen," fuhr Labrone, sich zu Jakob und dem Kassirer wendend fort, „sie kann nicht einsihen, daß sie dem Posten, welchen sie bekleidet, gar nicht gewachsen ist. Ich weiß wohl, daß ich etwas aufgebracht, vielleicht sogar etwas barsch gewesen bin; ober fie war es selbst schuld, denn sie reizte mich durch ihren Wider- j spruch. Nun, Alles ist vergessen."
Draußen ließ sich daS Rollen eines Wagens vernehmen.
Labrone gab Jakob und Ricovx noch einige Weisungen und stieg dann ein.
„Schließen Sie stets sorgfältig alle Thüren," sagte der Chef noch zu Johanna, welche ebenfalls an den Wagen herangetreten war. „Bedenken Sie Ihre große Verantwortlichkeit!"
Der Wagen fuhr davon, R covx begab sich zu seiner Kasse, Jakob ging in die Werkstätten und Johanna kehrte in ihre Loge zurück.
Nach beendigter Tagesarbeit verließ der Werkmeister wie gewöhnlich als der Letzte die Fabrik und brachte Johanna die Arbeiterlisten für den folgenden Morgen.
„Gute Nacht, Johanna," sagte er, nachdem er die Papiere auf den Tisch niedergelegt hatte.
Ja!"
"Sind Sie mit meinem Vorschläge einverstanden?" "Später werde ich Ihnen meine endgilttge Antwort flebe"®ie sagen immer später! Wann denn eigentlich?"
„Wenn Sie mir das mitgetheilt haben, war Sie heute, wie Sie sagen, mir noch nicht mitzutheilen wagen."
„Gut", antwortete Jakob, „morgen wird unser Beider Schicksal entschieden fein.“
„Morgen!" wiederholte Johanna fast erschrocken. „Weshalb gerade morgen?" t
„Fragen Sie mich nicht darüber, ich könnte Ihnen doch nicht antworten. Es wird bald morgen sem, und oft ereignen sich in wenigen Stunden viele Dinar.
Hierauf verabschiedete sich Jakob rasch, offenbar um nicht auf weitere Fragen antworten zu müssen. Jndeß suchte er heute nicht wie gestern die Einsamkett auf, fonbern nahm wie fönst in fernem gewohnten Gast- bofe feine Mahlzeit ein und spielte alsdann mit einigen Kameraden mit der größten Ruhe Karten. Dann ging ” ^Sobald er allein war, nahmen seine bis dahin anscheinend ruhigen und sorglosen GefichtSzüge einen ganz anderen Ausdruck an; er wurde wiederum, wie auch in den beiden letzten Tagen, düster und nachdenklich. Anstatt sich indeß nach Hause zu begeben, schlug er jetzt die Straße nach Greteil ein und befand sich bald
Damit wollte er sich entfernen.
Johanna hielt ihn indeß zurück.
„Was wollten Sie mir denn eigentlich heute Morgen sagen?" begann sie.
Jakob zitterte sichtlich und erwiderte etwas zögernd: „Ich hatte Ihnen Manchis zu sagen ..." „Gut, und was denn eigentlich?" „Ich kann's Ihnen noch nicht tagen!" „Weshalb? Hat es denn für mich kein Interesse?" „Im Gegentheil . . . Aber ich had'S mir über» legt .... Noch nicht . ... Ich getraue mich nicht recht."
„Sie getrauen sich nicht?"
„Nein. Ich wrll'S Ihnen lieber schreiben, daS ist besser . . ."
Johanna wußte nicht, waS sie denken sollte; waren doch feine Worte ebenso seltsam als feine GefichtSzüge.
„Sie machen mich ängstlich!" sagte sie, „weshalb sind Sie so düster?"
„Fragen Sie mich nicht, wenigstens nicht für setzt. Antworten Sie mir lieber auf eine Frage, die ich an fie richten möchte."
„Und welche Frage wäre dies?"
Jakob schwieg anfangs.
Dann sagte er: „ ,
„Haben Sie sich daS, waS ich Ihnen gestern bezüglich Ihrer Sage sagte, einmal ernstlich überlegt?