2KJahrgang
Dienstag, den 9. Mai 1893.
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Der Reichstag ist aufgelöst. Die Neuwahlen finden am 15. Juni statt.
Eine befreiende That nicht nur für Deutfchland, fü r das ganze schwer niedergedrückte Mittel-Europa hat der deutsche Reichstag gethan: er hat gezeigt, daß es auch in unserer Zeit noch Grenzen gibt gegen eine militärische Belastung des Volkes, die jedes Maß überschreitet, unter der fast Niemand und Nichts mehr gedeiht, die für die kulturellen und so zwingenden sozialen Aufgaben die Mittel aufzehrt, die unser Volk in immer größeren Schaaren der Sozialdemokratie zutreibt. Wenn Letzteres aber für die Mehrheit des Volkes erreicht und auch die Armee vorherrschend fozialdemokratistrt wäre, was dann? Graf Caprivi, der alle Gesetzentwürfe vorzugsweise nach sozialen Gesichts- entwürfen prüfen wollte, hatte das dieses Mal vollständig vergessen!
Was für die zweijährige Dienstzeit an neuen Rekruten vom Centrum den Regierungen geboten wurde, erreicht sicher die Grenze, ja geht wohl fchon über die Grenze hinaus, bei der bereits an Gesundheit und Kraft bedenkliche und schädliche Elemente eingestellt werden müssen. Das sagen aucb militärischeAutori- täten, und sie sind der Ueberzeugung, daß die Beschränkung auf die wirklich und entschieden tauglichen Elemente und ein tüchtiges ausreichend zahlreiches Offizier- und Unterosfizierkorps, für das die Mittel geboten waren, eine tüchtigere und hoffnungsreichere Armee schaffen würde, als diese Caprivi'sche Vorlage, welche in allen Beziehungen aus dem Streit verschiedener militärischer Auffassungen und zum Theil aus Kompromissen hervorgegangen war.
Auch in militärischer Beziehung bat die ReichStagS- Mehrheit also mit sehr gutem Gewissen und weise gehandelt, eine Mehrheit so stark, wie sie kaum Jemand bei dem furchtbaren Druck der Beeinflussungen erwartet hätte, eine Mehrheit, welche noch Mehrheit bliebe, wenn auch die Sozialdemokraten und Demokraten unter ihr ganz wegfielen. Der Reichstag, der aus so vielen Gründen unseres öffentlichen Lebens allmählich einem MaraSmuS zu verfallen schien, stand am 6. Mai auf der Höhe feiner Aufgabe. Nachdem das Mandat des Nationalliberalm von Reden kassirt worden war, waren bei drei früheren Erledigungen 393 Reichstagsmandate (397 im Ganzen) besetzt. Bon diesen Abgeordneten waren 373 anwesend, und 210 Vertreter haben gegen, 162 für den Huene'schen Antrag gestimmt, der sich also auch strategisch und taktisch als ein vollendeter Fehler erwiesen. Ein einziger Abgeordneter hat sich der Abstimmung enthalten. Daß von beinahe 400 Abgeordneten nur 20 fehlten, zur Zeit einer Witterung, die zahlreiche Erkrankungen im Gefolge hat, und während doch auch ein oder der andere Abgeordnete unaufschiebbare Amts- und Geschäftspflichten haben, ist ein hoch erfreuliches Zeichm. Das politische Leben wird überhaupt von diesem Tage eine Erfrischung und Hebung erfahren!
Verzeichnen wir zunächst — schreibt die .Germania^ — das wahrhaft ergreifende Beispiel der Pflichterfüllung
des Abg. Landgerichtsrath Graf, der Vertreters von Hohmzollern, 66 Jahre alt, feit Monaten schwer er- krankt, und mit solchen Aussichten für die Zukunft, daß er feinen Wählern schon definitiv seine beiden Mandate zur Verfügung stellen mußte, hat Herr Landgerichtsrath Graf die vielen Hundert Kilometer Reife vom Bade Gries in Tyrol nach Berlin in rauher Witterung nicht gescheut zu einer letzten Pflichterfüllung als Abgeordneter! Ehre einem solchen Manne! Und dieser wackere Centrumsmann und die ungeheuere Präsenz heute überhaupt find zugleich eine ernste Buß re de an die ,Schlcs. VolkSztg/, welche sich leider von der ganzen übrigen katholischen Presse seit Kurzem isolirt hat und gerathen hatte, zur Durchführung des Huene'schen Antrages möge bei der Abstimmung auch eine Anzahl CentrumS - Mitglieder „sich drücken"! Wörtlich! Man sollte doch vor lauter PolitisirenundDiplomatisirendieeinfachste Pflicht-Erfüllung nicht vergessen!
Das Centrum ist einig gebliebm bis auf — wir sagen es mit tiefstem Bedauern — 12 Mitglieder. Sezessionisten für den Huene'schen Antrag waren auS Schlesien Freiherr v. Huene, Graf Ballestrem, Graf Chamarö, Graf Matuschka (junior), Freiherr v. Reitzenstein und Dr. Porsch; aus der R h e i n p r o v i n z Prinz von Arenberg und NelS, aus Bayern Freiherr v. Pfetten, auS Württemberg Graf Adelmann, aus Baden Lender! DaS Centrum wird glänzende Wahlen machen und nur in Schlesien stehen fchwere Stunden bevor, da dort allein die Sezessionisten vom CentrumS-Standpunkte eine erkleckliche Zahl ausmachen und dort auch die polnische Bewegung, welche in Oberschlesien gegen die Militär-Borlage ist, einige CentrumS- Sitze zu erobern hofft!
Die ,Germania', das Central. Organ der deutschm Katholiken, rechnet auf treue Bewährung der CentrumS- Partei im ganzen Reiche auf Grund des bereits o6ge» faßten Wahl-Aufrufs deS CentrumS! _
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Mai.
* Bei der heute fortgesetzten 3. Lesung der Militär- Vorlage im Reichstage bekämpfte Abg. Helldorf den Standpunkt der Abgg. Lieber und Winterer. Er meinte, die Rede Lieber'- werde namentlich in Süddeutschland keinen Eindruck machen. Er gratulirte dem Abg. Lieber zu seinen elsässischen Bundesgenossen, über deren ablehnende Haltung in Paris großer Jubel herrsche. Christenthum sei nicht mehr auf katholischer, sondern auf evangelischer Seite vorhanden. Aus dem Christenthum fließe aber auch Toleranz. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Er wolle den Frieden mit den Katholiken, er fei kein Kulturkämpfer; aber die Entwickelung des Centrums führe zur klerikalen Demokratie. (Lebhafter Widerspruch im Centrum). Graf Preysing trat dem Borwurf des Reichskanzlers, daß der ehemalige Antrag der Abg. Lieber nunmehr feinen Namen trage, entgegen und erklärte, er wolle sich vom Gmtrum nicht trennen, weil er glaube, als
-«SSSSSSSSSSSSSSSSWSSWWWSSSSSSSW Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(10. Fortsetzung.)
11.
Jakob verrichtete heute wie jeden Tag seinm Dienst, indem er sich so gut als er es vermochte, bemühte, feine innere Unruhe zu verbergen.
Wie am vorhergehenden Tage begab er sich um neun Uhr in's Privatkabinet deS Chefs, um die Pläne zu studtren.
Gegen elf Uhr entfernte er sich, um zu frühstücken, welchfelte indeß fowohl bei seinem Hingange als bei seiner Rückkehr mit Johanna auch nicht ein einziges Wort.
Nur glaubte Letztere bemerkt zu haben, daß er jetzt noch düsterer sei als am Morgen.
Nachmittags begab er sich wiederum zu dem Chef, welcher bei seinem Eintritt mit Schreiben beschäftig war.
„Sie können", sagte er zu ihm, „die Zeichnungen füt die Modelle schon beginnen. Ich vollende indessen einen eiligen Brief"
Garand machte sich an die Arbeit, aber seine Hand zitterte, und sein Blick schien unsicher zu sein.
Er mußte einige Augenblicke innehallen, um die
Festigkeit der Hand und Schärfe des Blickes wiedex zu gewinnen.
Gleich darauf trat der Kassirer ein.
„Der Bote von der Bank ist zurück," sagte er.
„Gut", versetzte der Chef aufblickend, „ist Alles einkassirt?"
„Ja, ich bringe Ihnen eben den Betrag deS Bauk- Zettels." , , u
„Bitte, kommen Sie nach einiger Zeit wieder, ich möchte für den Augenblick nicht gestört sein."
„Gut."
Der Kassirer entfernte sich.
Er ebenso wenig, als der Chef hatten bemertt, daß Jakob leicht gezittert hatte-, als er gesagt hatte: „Ich bringe Ihnen den Betrag des Bankzettels".
Jakob fuhr wieder fort zu arbeiten, aber seine Finger zitterten noch mehr als vorhin, und es flimmerte ihm vor den Augen ...
Eine Viertelstunde verfloß in dieser Weise — da klopfte es.
„Herein", rief der Chef etwas ungeduldig.
Johanna erschien auf der Thürfchwelle mit einem Papier in der Hand. ,
„Hier ist eine Depesche!" sagte sie, indem sie dem Chef das Papier überreichte.
Dann entfernte sie sich wieder.
Centrumsmann dem Reiche bester dienen zu könne« wie als Mitglied der Süddeutschen Fraktion, deren Bildung man jetzt venttlire. Das Centrum fei weder aristokratisch noch demokratifch; es suche ausgleichend zu wirken. Die wahre Vaterlandsliebe werde nur gefördert durch die Förderung des allgemeines Wohler. (Beifall im Centrum). Abg. Frhr. v. Hornstein (bei keiner Partei) erklärte, er befinde sich in Ueber- einstimmung mit seinen Wählern, indem er für die Vorlage stimme. Ein Theil der badischen Preste treibe Falschmünzerei, indem er die religiöse Frage mit der militärischen verquicke. (Beifall rechts.) Abg. Frhr. v. Münch war gegen die Vorlage. Es ist inzwischen ein Schlußantrag eingegangen von dem Abg. Fritzen und Genossen und ein Vertagungsantrag von den Abgg. Ackermann, von Stumm und Holtzmann- Der Vertagungsantrag wird ab gelehnt gegen die Stimmen der Nattonalliberalen, einiger Konservativen und eines erheblichen Theiles der Freisinnigen, der Schlußantrag angenommen. Abg. Rickert bemerkt, daß er durch den Schluß der Diskussion verhindert fei, eine kurze Erklärung abzugeben. Persönlich bemerkt Abg. Lieber, daß auch Herr v. Helldorf feine Bemerkungen falfch verstanden habe, er beruft sich auf feine Erklärung dem Reichskanzler gegenüber. Abg. Böcke! erklärt im Namen der antisemitisch« Abgg. Werner und Zimmermann, daß sie wegen der schlechten wirthschaftlichen Verhältnisse gegen die Vorlage stimmen würden. Abg. Pickenbach: Ich habe im Gegenfatz zu Herrn Böckel zu erklären, daß meine politischen Freunde (Heiterkeit) - dieselben sind sehr zahlreich im Scmbe — für die Vorlage sind, obwohl unS die Steuer vorlagen nicht gefallen. Abg. v. Helldorf beruft sich bezüglich der Auslassungen Lieber'- auf einen Zeitungsbericht, worauf Abg. Lieber sich dagegen verwahrt, daß die üblen Gewohnheiten aus der KulturkampfSzeit wieder auftauchen, wo unkorrigirte Zeitungsartikel dem Centrum entgegengehalten würden. Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antis) erklärt nur für feine Person, daß er durch den Schluß der Debatte verhindert sei, zu erklären, weshalb er für die Vorlage stimme. Abg. Prinz Schöneich- Carolath fragt, ob auf die weitere Berathung der einzelnen Artikel eingegangen werde und ob der Reichskanzler darauf Werth lege. Präsident v. Levetzow hält das für selbstverständlich, toemt nicht etwas Besonderes sich ereignet. Reichskanzler Graf Caprivi: Ich habe keine Beranlasfung, darüber eine Erklärung abzugeben. Durch die Bemerkung deS Reichskanzlers ist die Debatte wieder eröffnet. DaS Wort erhält der Abg. Pickenbach, der aber verzichtet. — Ein wiederholter Schluß antrag deS Abg. Fritzen - Düsseldorf wird angenommen. Der Berichterstatter Abgeordneter Gröber berichtet darauf über die eingegangenen Petitionen. Bei der Abstimmung wird § 1 der Regierungsvorlage, für den nur die Konservativen und einzelne 'Reichsparteiler stimmen, abgelehnt. Die Abstimmung über den Antrag Huene ist eitle namentliche. An derselben betheiligen sich 373 Abgeordnete, von diesen enthält sich einer (der els. Abg.
Hastig erbrach Labrone die Depesche und überflog ihren Inhalt.
„Lucian krank!" rief er erregt auS, während sich seine GesichtSzüge entfärbten. „Vielleicht gefährlich krank!"
„Ich erhalte da eben eine Depesche von meiner Schwester", jagte er jetzt, sich an Jakob wendend, „daß mein Sohn krank ist. Ich reise sofort ab. ©eben Sie mir die Zeichnungen und Pläne her, damit ich sie in den Geldschrauk einschließe."
„Hier sind sie", antwortete Jakob, dessen Augen freudig zu erglänzen schienen, indem er die Papiere rasch zusammenraffte.
Labrone zog jetzt einen Schellenzug, woraus drmißeu im Hofe eine Glocke ertönte, bann schritt er auf bie Thüre der KabinetS zu, öffnete und rief den Kassirer, welcher alsbald erschien.
Lieber Ricovx," sagte er dann zu dem Emtretenden, ein" Telegramm von meiner Schwester ruft mich zu meinem kranken Kinde; ich muß sofort abreden. Bringen Sie sofort Ihre Kasse in Ordnung; was S,e habm müssen, behalten Sie, das Uebrige bringen Sie mir."
„Gut," antwortete der Kafirer. „Aber Sie sind za ganz verstört. Ist die Krankhett Lucian's gefährlich?"
„Ich weiß es nicht . . . Meine Schwester theilt I mir keine Einzelheiten mit. Ich darf nicht warten,