Zeitung
JV 104
Sonntag, den 7. Mai 1893.
20. Jahrgang
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mF** Zweites Blatt.
E. Ein Hiuderuiß für die Hebung des Handwerkerstandes *)
i.
nennt mit Recht em Artikel, welcher kürzlich dnrch die Eentrumspresie ging, die Thatsache, daß manche Handwerksmeister ihren Stand geringer schätzen, al» er es ans Grund seiner glänzenden historischen Vergangenheit und seiner hervorragenden Bedeutung im wirthschastlichra und sozialen Leben verdient. Der Artikel, der anscheinend nicht aus Handwerkerkreiseu stammt, ist nicht nur durchaus zutreffend und zeitgemäß, sondern derselbe zeugt auch von großem Wohlwollen für den Handwerkerstand und nicht minder von Sach- kenntoiß; er bedarf aber der Ergänzung, die wir in Nachstehendem zu geben versuchen wollen.
Daß manche Handwerker ihren Stand geringer schätzen, als er er verdient, wird damit begründet, daß viele Handwerker, anstatt chre Söhne ein Handwerk erlernen zu lassm, diese dem Studium und hierdurch den höheren Ständen zuführen, welch' letzterer ja im Allgemeinen als lobenswerth anerkannt wird, sofern entschieden Talent und ausreichende Mittel vorhanden Pud, ohne die Existenz der Werkstatt allzusehr zu ge- fährden. Wir müssen aber den Ursachen dieser Erscheinung tiefer auf den Grund gehen und uns fragen, warum hat der besser situirte Theil der Handwerksmeister, welcher in früherer Zeit so zäh an der alten Tradition festhielt, daß der Sohn dem Vater in der Werkstatt folgen müsse, diese gute alte Gepflogruheü verlassen?
Seitdem der deutsche Handwerkerstand mit der schrankenlosen Gewerbefrnhest beglückt worden ist (1869), haben sich in allen Zweigen der Handwerks Unberufene — kapitalkräftige und vielfach gewissenlose Spekulanten — eingeschlichen und nach und nach den sonst so schönen freien Stand der Handwerker znm Lohnsktaveu der Kapitals unb zu dem unfreiesten aller Stände gemacht. Wer wollte er da dem Vater verargen, wenn er noch eben über so viel Mittel verfügt und sich sagt: „Nein, mein Sohn soll studiren, dann ist er doch einer Existenz sicher, wenn er sein Examen besteht. Laste ich ihn Handwerker werden, so mache ich ihn schutzlos, weil beute auf dem Gebiete ein Jeder herumpfuschen darf, so viel er will, und nicht die Kenntnisse, sondern die Größe des GeldsackS und des — Gewissens für sein Fortkommen vielfach maßgebend ist." Dies ist der Hauptgrund, weshalb ht den letzten 20 Jahren die Zahl der Studirenden auS dem Handwerkerstände stets ^genommen hat. Wir sind fest überzeugt, daß, sobald dem Handwerke durch die Einführung deS Befähigungsnachweises, durch eine vernünftige Organisation in
•) Bon einem Handwerksmeister.
odligatorischeu Innungen und hierauf begründete Handwerkerkammern seine Existenz wieder ficher gestellt wird, der Baler den Sohn lieber dem Handwerk, als einem anderen Berufe zuführ« wird.
So lange dieser nicht der Fall ist, kann man eS solchen Handwerksmeistern, welche über die nö thigen Mittel verfem, nicht verdenken, wenn fie solche Söhne, beten geistige Anlagen hinreichend sind, ftnbhcen lassen. Aber auch wir find mit dem erwähnt« Artikelschreiber der Ansicht, daß man diese beidm Punkte — Mittel und Talmt — eingehend prüf« müsse, um Öttern und Söhne vor späte« Enttäuschungen zu bewahr«. UnS find viele Fälle bekannt, wo die Elte« weit über ihre Kräfte sich anstrengtm, so daß fie in ihr« alt« Tagen in Noth und Elend saß«, während der „Herr" Sohn fich ihrer schämte, oder auch selbst nur zu d« Halbgebildet« zählte und Agitator der Umstürzler wurde.
Manche Handwerker haben indeß aus bloßem Dünkel ihre oft nichts weniger als zum Studiren veranlagte Söhne zum Studium gezwungen und dadurch dem Handwerkerstände groß« moralischen Schad« zugefügt, indem diese junge S«te zum Handwerke viü Talent und Neigung zeigten und der Vater auch die Mittel besaß, um ihre spätere Selbstständigkeit zu sichern. Zeigte der Sohn nach länger« Mißerfolg« dann absolut kein Talent zum Studium, mm dann mußte er doch mindestens Kaufmann werd«, und so hab« wir d«n auch auf diesem Gebiete die Erscheinung gehabt, daß in größer« Häusern, wo früher 10—15 Kommis beschäftigt war«, auf einmal 15—20 Lehrlinge und nur noch einige schlecht bezahlte Kommis gehalten wur- dm. In Folge dessen — und well man allgemein mit billig« Kräften zu arbeiten suchte, um der immer mehr sich breitmachenden Schwindelkonkurrenz Stand halten zu können — wurde eine Überproduktion an jung« Kaufleuten geschafftn, welche dann unbarmherzig auf die Straße geworfm wurden.
Der Handwerkerstand sah sich daher gezwungen, immer mehr und mehr aus den untersten Schichten des Volkes sich zu relrutiren, was sowohl seinem materiell« als auch seinem moralischen Ansehen gefährlich wurde; denn dadurch ging grade dasjenige nach und nach verloren, wa» jeder einsichtige Handwerker als das Fundament feine« Standes zu hegen und zu fördern strebt, nämlich da» Standerbewußtsein, dieser berechtige Hand- werkerstolz! — Mit Recht hebt auch der mehrerwähnte Artikel dies« Punkt mit d« Worten hervor: „Etwa- mehr StandeSbewußtsein, etwa» mehr Handwerkerstolz: und vieles Andere wird dann mit Gottes Hilfe bei einträchtigem Zusammenwirken der Handwerker schon von selbst kommen." — Aber auch dieser that- sächliche Mangel an Standerbewußtsein hat seine Wurzel in der unheilvoll« Gewerbefreiheit, i« der Atomisirung des Handwerks, welche jede zielbevußte Lehrlings- erziehung ausschließt, und vielfach den versinkenden Meister zwingt, den Lehrjungen möglichst auSzubeut en,
anstatt auszubilden, well fein schlimmster Konkurrent der Richthandwerker und Magazininhaber, so und so viel Lehrlinge auf Thellarbeit beschäftige unter der Leitung einiger heruntergekomm«er Meister, oder einiger Gesell«, welche unter dm ungünstigen Verhältnissen auf Selbstständigkeit Verzicht« müssen. Was solche Lehrlinge, welche jede ordnungsmäßige Handwerkere^iehung entbehren und dem Meister oder dem Magazininhaber nur als willkommenes AuSbeutungSobjekt dimm, fich von Standerbewußtsein oder Handwerkerstolz aneignm, läßt fich leicht braten. Rehmen wir noch hinzu, daß die sittlich-religiöse Ausbildung der Lehrlinge, auf welche in den früheren Innungen mit Recht ein so großes Gewicht gelegt wurde, gänzlich vernachlässigt, und der junge Handwerker mit dem gewöhnlich« Arbeiter (nach der Gewerbeordnung) auf eine Stofe gestellt ist, so dürste man sich nur wundern, wenn trotzdem noch viel StandeSbewußtsein unter der Handwerkerjugend zu find« wäre.
Roch einen besonders wichtigen Punkt wollen wir hervorhebra, welcher sehr geeignet ist, daS StaudeS- bewußtsein im Handwerke zu untergraben, dar ist die Handwerkerzüchterei in den Zucht- und Se- fangenenhäusern! Bon dem materiell« Schaden, welcher hierdurch dem Handwerke erwächst, voll« wir heute nicht sprech«, well wir ebm die moralisch« Nachtheile viel höher anschlag«. Sehr viele junge Leute, welche weg« irgend eines Verbrechens eine längere Freiheitsstrafe zu verbüßen haben, erlernen im Zuchthaus ober Gefangrarahause irgend ein Handwerk ober sagen wir richtiger, irgrab einen Theil eines Handwerks, und setzen sich nach chrer Entlasiung irgendwo alr gleichberechtigt mit dem ordnungsmäßig ausgebildeten braven Handwerker als Meister ober richtiger als Pfuscher nieder. — Mtt Recht wird in den akademisch gebildet« Ständen mit einer gewiss« Eifersucht darauf gehatt«, daß der einzelne Staus fich rein erhalte und »erben etwaige unlautere Elemente, welche entehrenbe Straf« erleiben, rücksichtslos ausgestoßen. DaS zeugt von ächtem StandeSbewußtsein! DaS erfordert die StandeSehre! — Wie steht eS nun in diesem Punkte mit dem Handwerkerstände. Ihm züchtet man neue Mitglieder in den Zuchthäusern! — Leute auS allen Ständen, vielfach dw Abschaum der Menschheit bildend, werden im Zucht- Hause zum „Handwerker" gemacht und tret« nach ihrer Entlassung als gleichberechtigte Faktoren in die Reihen der Handwerksmeister, und dies« steht nicht einmal ein Mittel zu Gebote, diese Elemente auS den Innung« und was bedeutend wichtiger ist, von der Erziehung der Lehrlinge auSzuschließra! Sind das vielleicht geeignete Leute, StandeSbewußtsein, Semeinsinn und Handwerkerstolz, insbesondere aber — und das betrachten wir als die Hauptsache — Religion und gute Sitte in die Herzen der Handwerkerjugend zu pflanzen, zu pflegen und zu erhalten? Oder find, so fragen wir mit ernstlichem Nachdrucke — solche Leiste
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(9. Fortsetzung.)
10.
„Ja. Kleiner, du wirst Alles bekomm«, was du wünschest," erwiderte der Werkmeister, den Klein« um« atmend.
Dann fuhr er mit leidenschaftlich erregter Stimme fort:
„Johanna . . . theure Johanna .. . überlegen Sie die Sache. WaS ich Ihnen biete, ist die Existenz, das Glück für diese kleinen Wesen, welche Sie lieben und die ich ebenfalls an» ganzer Seele lieb« werde."
Die junge Frau ging einige Schritte in die Loge hinein, e» fchi« fast, als ob in ihrem Javern sich ein heftiger Kampf enlsponnen habe.
„Jakob," sagte sie endlich mit zitternder Stimme, „geh« Sie und sprech« sie nicht mehr von der Sache ... Sie betrüben mich . . . Lassen Sie mich mit meinem Kummer allein ..."
„Aber ich will diesen Kammer gerade mit Ihnen theil«," hob Jakob abermals stürmisch an. „ES thut mir leid, daß ich Sie leiden sehe. Sie und Ihre Kinder könnten so glücklich fein! Wenn Sie mich abweis«, so ist daS für Sie unb die Araber nichts Anderes, als das Elend! Sie wissen, wie wenig eine Frau verdienen teilt — niemals so viel, daß Sie mit Ihrer Hände Arbeit fich und Ihre Kinder ernähren können!"
„Versucher!" rief die Frau aus, „Sie malen mir die Zukunft in den düstersten Farben, um mir Angst einzujagen, um mich muthloS unb nachgiebig zu machen."
„Ich sage Ihnen bie reine Wahrheit. . . Aber ich werde Sie retten, auch wider Ihren Willen. Ich werde Sie nicht dem Elmde und der Verzweiflung an- heimfallm lasira. Sie werd« meine Frau sein!"
„Großer Gott! . . . ." stammelte die Fran händeringend.
„Er will nicht schweiß« und nicht gehen . . ."
„Ich will Ihnen meine Zuneigung beweisen, dadurch, daß ich gehe — aber nur um stets an Sie zu denken, um Ihr Glück nothwendig und ficher zu mach«."
Damit verließ Garand die junge Frau, welche in der größt« Erregung zurückblieb.
Sie ließ sich wie leblos auf einen Stuhl fallen und murmelte mit gebrochenen Worten vor fich hin:
„Und dennoch hat er leider Recht! Für mich und diese Kleinen sehe ich nichts vor mir als bittere Roth . . . Wie soll ich mit meiner Hände Arbeit für Lucius da- Kostgeld bezahlen, wie Georg erzieh« können! Wirklich, eine kostlose Lage . . . Jakob bietet mir eine Existenz — aber dafür muß ich seine Frau werden, den Eidschwur brechen, den ich Peter auf seinem TodeS- bette geschworen habe. . . Rein, nein, dies würde feige sein! Rein, mag kommen, war da will, ich werde nicht wank« . .
Johanna erhob sich und verließ ihr Zimmer, schloß da» Thor, wie man ihr aufgetragen hatte und bekat
dann die noch öde balicgenben Werkstuben, worauf sie wieder zu ihrem Zimmer zurückkehrte.
Der Chef kam und wollte auSgeh«.
Ohne ein Wort zu sprechen, schloß sie ihm daS THor auf und ging dann wieder in da» Zimmer zurück, wo Georg in einer Ecke mit seinem Pferde und einig« Bleisoldaten spielte.
Rasch machte die junge Frau die Abendmahlzeit zurecht — fie hatte zwar keinen Hunger, aber fie mufcte für ihr Kind sorgen.
Jnzwisch« hatte auch der Kutscher die Fabrik Der« lasten. Johanna befand sich jetzt allein in derselben.
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Seit dem Tode seiner Frau besaß der Chef für sein HauSwesen kein Gesinde mehr. Johanna besorgte sein Schlafzimmer und der Bureaudiener reinigte sein Pri- vat-Kabinet.
Labrone speiste niemals zu Hanse, sondern nahm seine Mahlzeiten in einem Restaurant von Alsorlville ein, wo auch einige Ossiziere verkehrten, mit welch« er sich allmählich rage befreundete.
gegen 11 Uhr Abends pflegte er heimzu kehren und arbeitete dann oft noch zwei oder drei Stunden bei dem Scheine einer Lampe, welche er sich selbst zurecht machte. .
Morgens erhob er sich frühzeitig, arbeitete ein wenig und machte alsdann, sobald die Arbeiter bei ihrer Arbeit war«, einen Rnndgang durch die Werkstätten.