20. Jahrgang
Samstag, den 6. Mar 1893.
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drobende Gefahr fei aber nicht vorhanden, wäre sie I kommensteuer um sechzig PrvMt erhöht werden; die vorhanden, dami müßt« unsere Feinde im Auslande Kommerzienräthe, die sich im Gürzemch in Köln so sehr soaleich über unS herfallen, aber im Auslände wisie für die Militärvorlage erwärmt hatten, würden wohl man recht gut, daß der Reichskanzler gestern mtt als für diese sechs»« Prozent sich wenrger erwärmen. Und »rieatofaifter W 5 St L
die
Privilegien und die Liebesgabe zu opfern? Nicht em- mal Vs wollten sie von ihrer Liebesgabe opfern. Statt dem Volke neue Lasten aufzulegen, solle man doch selbst die Liebesgabe auf den Altar des Vaterlandes legen, wenn eS sich wirklich um die Ehre und die Sicherheit deS Vaterlandes handle. Statt desim aber gründe man einen Bund zur Vertheuenmg der Lebensmittel. Die Mißstimmung im Volke habe einfache Ursachen: Mehr Soldaten, mehr Steuern, mehr Polizei- und Strafgesetze. Herr v. Humehabe gestern den ganzen Eifer einer Neubekehrten bethätrgt und sogar von Konflickt gesprochen. Wollte er damit andeuten, daß die Regierung die Fasiung brechen könne, Revolution von oben? Gott behüte bte Regierung vor ihren Freunden und vor Allem vor Herrn v. Huene! Die freisinnige Partei glaube dadurch Patriotismus zu üben, wenn sie bett Antrag Huene
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(8. Fortietznng.)
9.
»Eine Schlange, bte ich am eigenen Buse nähren soll!" wieberholte ber Chef etwas ungläubig, „ich glaube, Ricovx. daß Sie übertreiben unb allzu schwarz «eher,! Diese arme Frau ist Wittve und Familien- wutter, ihr Gatte ist in meinem Dimste gestorben, zwar durch sein Verschulden, aber immerhin ist er tobt. Ich muß also etwas für Sie thun, und ich werde dies gewiß nicht versäumen. Wenn ich sie nicht bei meiner Schwester unterbringen kann, so werde ich ihr eine Summe übergeben, die so groß ist, daß sie einstweilen, bis sie wieder Arbeit hat, davon leben kann." .
Dann ließ Labrone dtesen Gegenstand fallen und
Sie haben Ihre Bilanz aufgestellt, nicht wahr?"
Ja, hier haben Sie", antwortete der Kasfirer, indem er dem Chef ein mit Ziffern bedeckter Blatt überreichte.
Labrone überflog daS Blatt rasch und sagte dann:
„Sieben Tausend ein Hundert drei und zwanzrg Franken und dreißig Centimes."
„Ja, ich werde Sie Ihnen dringen."
„Aber Sie haben eine sonderbare Art urd Werse, Ihr" Geld aufzubewahrm. Herr Ricoux! Bin ich doch der Kassirer meines KassirerS! W-Shalb verwahren Sie daS Geld nicht in Ihrem Geldschranke.
„Ich habe Ihnen dies bereits einmal gesagt; bte Verantwortung erschreckt mich. Da mein Bureau nicht in unmittelbarer Verbinbung mit ber Fabrik steht, so möchte ich bte Verantwortung nicht übernehmen. Wenn Sie etwa nächtlicher Weile bestohlen würden, so würde mir das gewiß sehr unangenehm sein, aber ich hätte mir alsdann nichts vorzuwerfen, und Sie könnten ebenso wenig einen Borwurf gegen mich erheben."
Der Chef fuhr fort: „UebrigenS können hieraus ja auch kaum irgend welche Unbequemlichkeiten ent- pringen, da ich für den Fall Ihrer Abwesenheit m auch einen Schlüssel zu Ihrer Kasse besitze, dessen tch mich bedienen könnte." . ,
Nun, Sie sind ein wenig Original, Herr Ricovx.
Mag sein, aber so bin ich durchaus beruhigt.
„Gehen Sie also die Gelder holen."
Ricoux hatte die Summe von sieben Tausend ein Hundert und drei und zwanzig Franken 30 Centimes und übergab sie Labrone, welcher sie dann m ferne Privatkasse einschloß, wie er allabendlich zu thun pflegte.
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♦ Die jwette Kerathuug der Militärvorlage im Reichstage.
Berlin, 4. Mai.
Der Andrang der Publikums zu den Zuhörer-Tri- büue« der Reichstages war für die heutige Sitzung noch stärker als gestern, auch der SitzungS-Saal wies heute eiue «och stärkere Besetzung auf, die Reichstags - Mitglieder waren fast vollzählig anwesend.
Die Debatte wurde heute vom Abgeordn. Richter wieder ausgenommen. Derselbe erklärte, daß er seine Ausführungen lediglich auf dem Kompromiß - Antrag Huene beschränken wolle, da nur dieser allem setzt rwch in Betracht komme. Redner erörtert dann die Punkte, in welchen der Antrag Huene von dem Anträge der freisinnigen Partei abweicht. Frhr. v. Huene wolle die zweijährige Dienstzeit nur für 5 Jahre ein» führen und bemerke dazu, man werde sie dann doch «icht wieder abschaffen können. Wenn dar richtig sei, warum wolle man die zweijährige Diaistzeit nicht sogleich dauernd bewMigen? Der Antrag von Huene wolle die FriedenSpräsenzstärke für 5 Jahre bewilligen, aber warum nicht die jährliche Bewilligung im Etat, wie bei der Marine? Der Hauptunterschied zwischm dem Anträge Huene und dem Anträge der freisinnigen Partei bestehe aber in der Höhe der Präsenz. Der Antrag Huene wolle Alle» bewilligen mit Ausnahme der 12 Kavallerie-ESkadronS, die Regierung verlange 84,000 Mann, v. Huene bewillige 70,000. Aber wer die offiziöse Presse genau verfolgt habe, wisie, daß dies Alles schon vor Ostern von den Offiziösen als em Kompromiß angegeben wurde, welches die Zustimmung der Regierung finden werde. Redner tadelte dann die gestrigen geringschätzigen Bemerkungen deS ReichSkanz- lerS über die Verhandlungen der Militär-Kommisfion; der ausgezeichnete Bericht der Referenten Gröber fei «n Beweis dafür, wie gründlich die Kommission gear- beitet habe und wie sehr sie sich in die Sache vertieft habe. Der Reichskanzler habe gestern betreffs der Milt- lärvorlage die Autorität der Generäle als maßgebend hingestellt. Das fei die Negation des Parlamentarismus, wenn Autoritäten maßgebend fein sollten. Könnten die Juristen des Reichs - Justizamtes nicht ebenso als Autoritäten maßgebende Bedeutung für sich beanspruchen bei ihrenJustizvorlagen? WennderReichSkanzler erinnert habe an die Kriegsbilder aus der Okkupation von Ostpreußen zu Anfang dieses Jahrhunderts, so uiüfle man doch auch erwägen, daß Preußen nicht mehr so klein sei wie 1807. Bei der Erwähnung der Pfalz fei ber Reichskanzler sogar bis in baS 17. Jahrhundert zurückgegangen. Solche Reden würben natürlich nur gehalten nach Außen hin, sie bebeuten bett Anfang ber Wahlagitation. In Wahrheit fei bte deutsche Armee aber jetzt 3V2 Mal so stark als 1870, und nicht um- sonst seien 12% Milliarden für die LandeSvertheldig- ung ausgegeben, nicht umfonst die Marine vervierfacht. Deutschland stehe auch nicht mehr isolirt, sondern habe jetzt BundeSgenosien. Der Reichskanzler habe eS so bargestellt, al« ob nur burch bte Bewilligung ber Militärvorlage der Friede erhalten werden könne. Eine
zu sprechen pflegen, wenn sie ihre Militär-Borlagm durchbringen wollen. Früher hieß eS, wir müßten uns nach den Nachbarstaaten richten, seit 1890 habe man jebodi bett neuen Standpunkt eingenommen: Deutsch- land müsie sich auS sich selbst heravS so stark machen, alS eS eben möglich sei, ohne Rücksicht auf bte Macht ber Nachbarstaaten. Je mehr Solbaten, besto besser, besto kräftiger bie Offensive. Mit solcher Begrünbung ber Offensive könne man nicht bloS biese, sonbern noch zwei anbere MMärvorlagen begrünben. Gestern habe man ja bereits gehört, baß eS an tauglichen Militärpflichtigen nicht fehle, baß breimal so viel taugliche vorhanben seien. Die AuShebungSkommissionm haben eben in biefem Jahre zu gut für bte Militärvorlage gearbeitet. Bei alle« Militärvorlagen unb von allen KriegSministern höre man stets bie allgemeine Bemerkung, gerabe daS, was in ber jedesmaligen Vorlage gefordert werde, sei unbedingt nothwendig. Mit solchen allgemeinen Bemerkungen könne man doch jetzt keinen Eindruck mehr machen. Unter dem Druck der Militärlasten müßten bte Kultur aufgab en in Deutschland zurückstehen, längst in Angriff genommene Reformen wie Aufbesserung der Beamtengehälter müßten zurückgestellt werden, nicht einmal die unbedingt erforderliche Anzahl von Richtern könne angestellt werde«, weil daS Anwachsen der Militärlasten die Matrikular-Bei- träge so sehr in Anspruch nehme, daß die Ein- z-lstaate« kein Geld haben. WaS nütze bie stärkste Militärmacht, wenn baS Volk nichts mehr zu essen habe. Seit Jahren begehre bas Volk eine Entlastung, unb nun werbe eS mit einer solchen Belastung bescheert! Der Kriegsminister v. Verdy habe noch 1890 erklärt, daß wir Frankreich vollständig y- wachsen seien. DaS „Milizsystem", von welchem ber Reichskanzler gesprochen, sei ebenso ein Schlagwort, wie ber „Militarismus". Wenn nach dem Anträge Huene bie Oekonomie-Hanbwerker eingeschränkt werben sollen, so werbe man bieS im Volke gern annehmen unb dafür Kompensationen geben; die Anregung dazu habe er (Redner) in der Kommission gegeben und damit als Laie ein Korn gefunden, daS ein Generalstabs- effilier schmackhaft finde. — Man verweise auf die Ausgaben Rußlands und Frankreichs für daS Militär, warum nicht auf Oesterreich und Italien und England? Hebet die großen Mehrkosten und über die DeckungS- frage fei der Reichskanzler gestern cavaliöcement hin- weggegangen; die Regierung stelle sich eben auf den Standpunkt, daß sie alle Steuern nehme, die sie kriegen könne. Wenn Fihr. v. Huene von Luxussteuern gesprochen, so sei Ahlwardt ihm damit schon zuvorge- kommen; für einen ReichSschatzamtS-Sekretär der Zukunft sei daS nicht ein ausreichendes Finanzprogramm, zumal bie nächsten Etats schon eine große Steigerung ohne bie Mehrkosten ber Militär Vorlage erfahren würben. Um diese Vorlage zu decken, müßte die Sm-
ablehne.
Nach dem Abg. Richter erbat sich in der heutigen Sitzung sogleich der Reichskanzler Graf Caprivi daS Wort, welcher nur auf einige Punkte tn Richters Rede näher einging. Mit besonderer Entschiedenheit wieS der Reichskanzler namentlich bte Bemerkung Richters zurück, Gott möge bie Regierung vor Freunden wie Abg. Huene schützen. Er entg$«ete darauf, daß die Regierung glücklich sei, wenn sie unterstützt werde von Männern mit dem Grade von Charakter- stärke und Muth, der dazu gehört, der eigenen Fraktion gegenüber so mannhaft für die Ansicht der Regierung einzutreten. Es gehöre doch mehr Muth dazu, daS zu thun, was Frhr. v. Huene gethan habe, als eme Rede zu halten, wie die des Herrn Richter. Auf bte Deckungsfrage sei er, (der Reichskanzler) absichtlich nicht eingegangen; Herr Richter würde sonst auch sogleich wieder gesagt haben: da ist der Mann w Uniform und will über Finanzfragen sprechen. Der Reichskanzler ging dann gegenüber den AuSfühnrngm Richters auf den zahlenmäßigen Nachweis etn, daß bie Ausgaben für Militärzwecke in Deutschland geringer seien als in anderen Staaten, und schloß mit der Erklärung: Ich habe gestern gesagt, daß wir unS vorbe- halten, int Falle von Neuwahlen auf bte volle Vorlage zurückzugehen. Ich bin heute in ber Lage zu er- Hären, daß wir das nicht thun werden. Wenn eS zu Neuwahlen kommt, wird unsere Wahlparole der Antrag Huene sein. Als Abgeordneter Frechm von Stumm darauf daS Wort erhielt, leerte sich der Sitzungssaal fast vollständig. Er sprach natürlich für die Vorlage, aber seine AuSsührungen gingen bei der herrschenden Unruhe großentheilS verloren. Zuletzt erhielt noch der Abg. B eb el daS Wort, welcher erklärte, daß die sozialdemokratische Partei gegenüber ber Bor- läge ganz genau benselben Standpunkt einnehme, tote früher Als Deutsche fönnten Sozialdemokraten Nicht dulden, daß man über das deutsche Volk herabfalle unb
In diesem Augenblicke ertönte draußen die Glocke, eS war das Zeichen, baß Feierabenb fei.
Der Kassirer wünschte bem Chef gute Nacht unb empfahl sich. . .
Hierauf erschien bet SBureaubiener, um etwaige Weisungen entgegenzunehmen.
„Für heute Abenb habe ich nichts, David," sagte der Chef, Sie können gehen."
David verließ daS Zimmer, nahm in dem Flur seinen Hut und ging durch den Hof, auf das AuS- gangSthor zu. r t
Die Arbeiter hatten sich inzwischen fast all- .mt- fernt. DaS Thor stand offen vom ersten Glockenznchen bis zu dem Zeitpunkte, wo die Werkmeister, nachdem i sie ihre Rande in den Werkstätten beendigt hotten, i Jakob Garant) die Verzeichnisse der Anwefinden str den folgenden Tag übergaben, welcher dlefi ben s«ner feit8 in ber Loge niederlegte, wo bte Arbeiter sich bei ihrem Eintreffen einzeichnen mußten.
Der Bureaudiener blieb, anstatt den Hof zu verlassen, vor der Loge stehen. <
Nun", rief er dem kleinen Georg ftöhlich zu, »du kommst ja heute deinem Kameraden nicht gute Nacht f°8e"«ber was ist Dir?" fuhr er dann fort, als et